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03 — das E.V.A.-Prinzip

In der letz­ten Folge bin ich in das Thema Weltbilder einge­stie­gen und habe an einem kleine Beispiel einmal aufge­zeigt, wie Meinungen entste­hen. Wie wir sehr schnell anfan­gen die Landkarte zu verän­dern, die ja nicht das Gebiet ist. Das will ich in dieser Folge noch einmal vertie­fen. 

Wie entste­hen unsere Weltbilder genau? Einige kennen viel­leicht das Grundprinzip der IT, des Computers. Es folgt dem Prinzip der Eingabe, der Verarbeitung und der Ausgab, kurz: E.V.A.. 

Wahrscheinlich würdest Du mich für blöd erklä­ren, wenn ich einen Text am PC schreibe, ihn ausdru­cke und den Tippfehler mit Tippex auf dem Ausdruck korri­gie­ren würde in der Hoffnung, das der dann weg ist. Denn Du weißt, was beim nächs­ten Ausdruck passiert? Richtig, der Fehler ist immer noch da. Erst mit der rich­ti­gen Eingabe kann die Software das rich­tige Ergebnis an den Drucker 

Was bei einem PC logisch und einfach klingt, ist auf einer ande­ren Ebene gar nicht mehr so offen­sicht­lich. 

Denn wie funk­tio­niert unser Gehirn? 

Ich nehme etwas wahr. Es gelangt über die „Bewusstseinsschwelle“ in meinen Wahrnehmungsbereich. Dann rennt mein Gehirn los und sucht nach Referenzerlebnissen oder ande­ren Vergleichen. Dazu nutzt es eine  riesige Datenbank, die sich im Laufe des Lebens einge­rich­tet hat.  Findet es etwas vergleich­ba­res, dann sagt es sich: „Ach klar, kenn ich“ und liefert das Ergebnis zurück. Andernfalls wird diese neue Wahrnehmung als Referenzerlebnis gespei­chert. 

Zu guter Letzt erfolg die Ausgabe. Entweder über eine Art der Kommunikation oder es wird als Referenzerfahrung abge­spei­chert — man weiß ja nie, wofür es gut ist. 

Das war jetzt echt theo­re­tisch 😉

Dazu viel­leicht ein kurzes Beispiel: Ein klei­nes Kind hat Hunger (Wahrnehmung) — Selbst versor­gen kann es sich noch nicht (kein Referenzerlebnis) also fängt es an zu schreien. Jetzt kommt Mutti, holt das Fläschchen und füttert das Kind. Was passiert jetzt alles?

Im Gehirn festigt sich der Weg: Hunger -> schreien -> Mutti kommt, es gibt Futter -> Hunger weg. Alles wieder gut.

Das „Programm“ wird mit jeder Wiederholung tiefer und der Datenbank veran­kert. Und so fängt unser Gehirn an, sich zu „Programmieren“, zu kondi­tio­nie­ren. Es malt seine Landkarte.

Das Ergebnis solcher Konditionierungen kannst Du Dir einmal ganz einfach vor Augen führen: geht zu zweit ohne etwas zu sagen eine Einkaufsstraße entlang. 200 Meter reichen dafür aus. Dann biegt um eine Ecke und erzählt Euch gegen­sei­tig, was ihr wahr­ge­nom­men habt. Viel Spaß  

Vielleicht noch ein Beispiel aus dem von mir oft erleb­ten Berufsalltag: Kaltakquise…

Da ruft der Verkäufer einen Interessenten an. Als „Neuling“ ohne Rethorik-Seminare und Verkaufstrainings brennt er für seine Firma, für sein Produkt. Es ist einfach das Beste auf dem Markt. Dennoch hat er ein mulmi­ges Gefühl, einfach so wild­fremde Menschen anzu­ru­fen. Denn Kaltakquise ist verpönt, das hat er schon einmal gehört. Außerdem hat er schon ein paar mal in seinem Leben schlechte Erfahrungen mit Ablehnungen gemacht. 

Jetzt sagt auch noch der erste Interessent „Nein, kein Interesse“…
Der Zweite will ein paar Unterlagen haben und es sich über­le­gen.  
Der dritte legt einfach auf
Der vierte… YES — die erste Aussicht auf einen Termin (nein, der wollte auch nur Infos haben… grmpf)

So vergeht der erste Tag und es kommen neben vielen Absagen doch noch einige Termine zustande. 

Also denkt er sich, ich muss besser werden. Bücher über Kaltakquise, Online-Seminare, Rhetorik, etc. pp. Viele Konzepte, die ihm erklä­ren, wie er seinen „Ausdruck“ verän­dern kannst. Argumentationsketten, Einwandbehandlung, Fragetechniken… das volle Programm.

Schaust Du jetzt einmal genau hin, dann erkennst Du , das diese Methoden den Ausdruck bear­bei­ten. Also wie er mehr und besser mit Tippex die Fehler korri­gie­ren kann. Aber mit jedem Anstoß des Programms laufen erst einmal die „alten Fehler“ wieder an. 

Du merkst also… was als blöde Metapher anfing entpuppt sich bei genaue­rer Betrachtung als tägli­ches Doing. 

Erinnere Dich einmal an Situationen ähnlich meines Beispiels. Ein Mädchen oder eine Jungen, den Du kennen lernen woll­test? Die Führerscheinprüfung, Dein „Verhalten“ bei Partys oder Familienfesten. 

Wäre es ergo nicht hilf­rei­cher, sich das „mulmige Gefühl“ im Beispiel der Kaltakquise anzu­schauen statt sich mit der Ausdrucksweise zu befas­sen? Wäre es nicht sinn­vol­ler, sich den Ursachen zuzu­wen­den die Dich viel­leicht verun­si­chern statt an den Symptomen herum­zu­dok­tern? Also sich der Verarbeitung von Wahrnehmungen zuzu­wen­den? 

Zack — hier haben wir jetzt aus meiner Sicht den Sichtwechsel: Statt den Ausdruck zu behan­deln betrach­ten wir die Schritte davor. 

Ich behaupte jetzt einmal das die Wahrnehmung an sich neutral ist. Sie ist weder gut noch schlecht. Sie ist ledig­lich ein Repräsentant dessen, was sich „da drau­ßen“ abspielt. Sie ist das Rohmaterial unse­rer Landkarte von dem Gebiet. Dabei können wir das Gebiet an sich ja nie wirk­lich im vollen Umfang wahr­neh­men, wir sind da ja auf Grund unse­rer Wahrnehmungssensoren beschränkt.

Werde ich mir dessen erst einmal Bewusst, das die Dinge an sich weder gut noch schlecht sind, dann bin ich schon einen großen Schritt weiter. Denn meist beginnt direkt die Verarbeitung. Mein Gehirn fängt sofort an, die Wahrnehmung zu bewer­ten, einzu­ord­nen und zu kate­go­ri­sie­ren. Das ist dann noch der Idealfall. 

In meinem Beispiel passiert aber noch etwas ganz ande­res. Vor der eigent­li­chen Wahrnehmung läuft bereits ein Film ab. Denn auf Grund von Referenzerfahrungen — die meist gar nichts mit der eigent­li­chen Situation zu tun haben — rech­net der Ärmste schon mit einer Ablehnung. 

Vor dem eigent­li­chen Flirt läuft der Film mit all den Körben ab. Er oder sie traut sich dann schon gar nicht mehr, das Gegenüber anzu­spre­chen. Auf der Familienfeier kommen all die blöden Situationen wieder hoch und zack, bin ich wieder in der mir zuge­dach­ten Rolle und verhalte mich wie das erwar­tete schwarze Schaf, reagiere unge­hal­ten auf Bemerkungen von Tante Anne, verdrehe die Augen beim Gespräch mit meinem Bruder. Ich erzeuge mit meiner Interpretation dessen was ich wahr­nehme die Landkarte von einem Gebiet, das viel­leicht ganz anders ist. 

Das Ganze verselb­stän­digt sich dann, so das wir in Endlosschleifen in unse­rem Gehirn Dinge ausma­len, die in der Realität nicht eintref­fen. Ich fange an, Filme ablau­fen zu lassen. Diese Filme sind reine Fiktionen. Sie malen eine even­tu­elle Zukunft auf Grund bereits gemach­ter Erfahrungen aus.  Die dann auch noch als selbst­er­fül­lende Prophezeiungen eintref­fen. Hui… ich erkenne schon das nächste Thema… Die selbst­er­fül­len­den Prophezeiungen. 

Worauf will ich hinaus? Die Verarbeitung der Eindrücke ist die Software, sind die Programme, die über­wie­gend unbe­wusst ablau­fen und uns meist einschrän­ken. Und wenn ich hier ansetze statt beim Ausdruck kann ich wirk­lich etwas verän­dern statt immer nur an Symptomen zu arbei­ten. 

Wie mache ich das? 

Ich fange an, mich zu beob­ach­ten. Also mein Denken. Meine Gefühle. Blöde Situation? Woher kommt das blöd? Womit verglei­che ich das, was ich gerade erlebe? Ist es wirk­lich so oder viel­leicht doch ganz anders? Was konstru­iere ich da gerade? Um bei meinem EVA-Prinzip zu blei­ben: Ich fange an, meine instal­lierte Software, die Programme zu analy­sie­ren. 

Und ich glaube, da machen wir nächste Woche weiter. Jetzt kannst Du erst einmal eine ganze Woche lang deine Programme einfach nur beob­ach­ten. Und dann schauen wir nächste Woche, wie diese ggf. verän­dert werden können. 

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