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35. Wahnsinn

Das philo­so­phi­sche Genie muß sich selbst über die Achsel sehen können beim Denken, muß sich ein Übergedächtnis, eine Übersprache anschaf­fen, es muß die Neubildung zu seinem Alltagsorgan machen. Das muß ein fester Kopf sein, der dies aushält.”

Denken oder Sprechen ist für uns die Übung oder Fähigkeit, die Zeichen für Bewegungserinnerungen der Vorstellungen zu verbin­den; und je nach­dem man das Wort “Erinnerung” als einen einzel­nen Akt oder als die ganze Anlage nehmen will, ist also Denken entwe­der die Summe der Erinnerungszeichen oder die Erinnerung selbst.

Wenn dem so ist, so müßte eine gesunde Erinnerung immer ein gesun­des Denken zur Folge haben; Denken müßte — um gelehr­ter zu reden — eine Funktion des Gedächtnisses sein, Wahnsinn eine Gedächtniskrankheit.

Wir wollen die große Gruppe der Sprachkrankheiten, welche einer­seits ohne Frage Gedächtniskrankheiten, ander­seits wohl ebenso gewiß Gehirn- oder Denkkrankheiten sind, viel­leicht in ande­rem Zusammenhang betrach­ten. Hier wollen wir nur dieje­ni­gen Zustände vorneh­men, welche mit dem Wahnsinn das gemein­sam haben, daß das Gedächtnis aufhört, ohne daß eine Sprachkrankheit auffal­len würde.

Die stärkste Form dieses Zustandes dürfte wohl der Tod sein, nach ihm die Ohnmacht. Es schwin­det das Gehirngedächtnis, zugleich auch das unbe­wußte Gedächtnis der Nervenbahnen, es schwin­det später sogar das — ich möchte es so nennen — chemi­sche Gedächtnis. Der Körper zerfällt in seine einfa­che­ren Elemente. Kurz ausge­drückt im Sinne meiner Lehre: Das Ich hört auf, weil das Ich nur das Gedächtnis war und das Gedächtnis vernich­tet ist.

Man beachte übri­gens, daß ich das Denken nur mit dem Gehirngedächtnisse gleich­setze; das Gedächtnis der übri­gen Nervenbahnen ist das übrige Leben. Atmen, Verdauen, Blutkreislauf u.s.w. ist eben auch nur Gedächtnis, das Gedächtnis begrenz­ter Organe. Aber die vege­ta­ti­ven Gedächtnisse kommen nicht zum Bewußtsein, brin­gen es nicht zur Ich-Täuschung; die Gedächtnisse der Pflanze, des Kristalls noch weni­ger. Darum können Herz, Magen, Lunge, darum können Pflanzen und Kristalle nicht wahn­sin­nig werden. Nicht im mensch­li­chen Sinne wahn­sin­nig; man müßte denn den Begriff meta­pho­risch erwei­tern, so daß Krankheiten und Monstrositäten als Wahnsinnsakte erschie­nen. Und noch eins beachte man. Die Frage hätte im Mittelalter etwa so gefaßt werden müssen: Wo war die Seele eines Ertrunkenen, der nur durch künst­li­che Atmung wieder zum Leben erweckt worden ist, in der Zwischenzeit? Moderne Menschen hätten fragen müssen: Ist der Körper in der Zwischenzeit leben­dig oder tot? Ich kann darauf antwor­ten: Tod ist ein rein nega­ti­ver Begriff. Der Ertrunkene hat jedes Gedächtnis verlo­ren gehabt. Die künst­li­che Atmung hat das Gedächtnis der großen Nervengruppe wieder geweckt, von welcher die Atmung ressor­tiert. Dann hat der Eintritt von Sauerstoff in die Lunge das Gedächtnis der ande­ren Blutkreislaufnerven ange­regt und so weiter, bis auch das Gehirngedächtnis wieder erwachte und der Ertrunkene die ersten Worte sprach.

Der Schlaf ist dem Tode inso­fern gleich, als das bewußte Gedächtnis bei beiden fehlt. Aus dem Schlaf aber wacht man wieder auf, weil das unbe­wußte Gedächtnis, (Atmung, Verdauung, Blutkreislauf u.s.w.) weiter bestan­den hat. Im Schlaf also schwin­det zugleich Sprachvermögen und Gedächtnis. Spricht jemand im Schlaf, so spricht er entwe­der aus dem Traum, oder er träumt, daß er spre­che.

Im Traum ist das Gedächtnis nicht völlig aufge­ho­ben, aber auch das Denken nicht. Wie die Sprache nichts enthält als abge­kürzte Zeichen all der Vorstellungen, welche einmal durch unsere Sinne in unser Nervensystem einge­zo­gen sind und da Geleise hinter­las­sen haben, so kann auch der Traum — die Sprache des Schlafes — nichts ande­res vorstel­len als Erinnerungen. Und es tritt die alte Frage heran: wodurch unter­schei­det sich der Traum vom Wachen, die Sprache des Schlafes von der wachen Sprache?

Weit schär­fer als alle frühe­ren Psychologen hätte STRICKER dies beant­wor­ten können, wenn er seine Lehre von den Sinnestäuschungen bis zu Ende verfolgt und sie mit seiner eige­nen Lehre, daß alle Sprachvorstellungen Bewegungsvorstellungen seien, verknüpft hätte.

STRICKER zeigt, daß wir eine Wahrnehmung nur dann für real halten (das soll heißen: nach außen proji­zie­ren), wenn Vorgänge von einem peri­phe­ren Nervenende aus in unser Bewußtsein drin­gen, das heißt also, wenn an einem Nervenende eine wirk­li­che Veränderung vor sich geht.

Entsteht nun in uns ein Erinnerungsbild, so erfolgt die Anregung immer inner­lich, im Gehirn selbst, und wir unter­schei­den so das Erinnerungsbild von der Wirklichkeit. Träume sind immer Erinnerungsbilder, können also eigent­lich nie mit der Wirklichkeit verwech­selt werden.

Nun kommt aber im Traum (und in verwand­ten Halluzinationen) dazu, daß wir das Gedächtnis über­haupt und auch für die Reihenfolge der Assoziationen verlo­ren haben. Wir wissen im wachen gesun­den Zustande genau, wie unser Ich (das heißt unser Gedächtnis) dazu gekom­men ist, jetzt diese oder diese Gestalt vor Augen oder in der Vorstellung zu haben. Überrascht uns eine rätsel­hafte Vorstellung, so werden wir um so wacher, stren­gen unser Gedächtnis an und kontrol­lie­ren es. Im Traum können wir gar nicht über­rascht werden, weil das Gedächtnis auch für Assoziationen schläft und wir darum auch die tollste Assoziation nicht kontrol­lie­ren.

Es ist eine hübsche Vermutung STRICKERs, daß wir nun im Schlafe darum so lebhaft auf innere Gehirnreize hin vorstel­len (träu­men), weil der vom peri­phe­ren Ende her gar nicht erregte Nerv für diese leich­te­ren Reize empfäng­lich ist.

Der Traum ist also eine Reihe von Vorstellungen, welche ohne Gedächtnis für die Assoziationen vor sich gehen (durch den Schlaf der Sinne oder viel­leicht auch durch irgend welche daraus folgende chemi­sche Vorgänge ist das Gehirn inne­ren Innervationen beson­ders leicht zugäng­lich); und weil die Kontrolle fehlt, unter­schei­den wir — während des Traumes seine Gestalten nicht von einer Wirklichkeitswelt.

Die äuße­ren Innervationen, die durch die peri­phe­ren Nervenenden, geben uns etwas der Wirklichkeitswelt irgend­wie Entsprechendes. Gedächtnis ist unser Ich, Gedächtnis allein ermög­licht uns, unser Ich der übri­gen Welt gegen­über zu stel­len. Gedächtnis als Sprache hilft uns, die soge­nann­ten Kenntnisse von der Außenwelt zu sammeln und mitzu­tei­len, Gedächtnis kontrol­liert die Angaben der Sinne darauf­hin, ob sie von der Wirklichkeitswelt kommen. Schwaches oder teil­weise zerstör­tes Gedächtnis läßt uns im Traum Trugbilder für wahr halten und geschwäch­tes oder teil­weise zerstör­tes Gedächtnis führt uns im Wahnsinn ähnli­che Trugbilder vor und läßt uns dann, da wir wach sind, auch nach ihnen handeln.

So sind wir dazu gelangt, aus der Vergleichung mit verwand­ten Denkstörungen zu vermu­ten, daß alle Wahnsinnsformen (auch solche, die nicht gera­dezu Sprachstörungen sind) auf eine Gedächtniskrankheit, einen Gedächtnismangel, oder wie man besser für Krankheit sagen will, zurück­zu­füh­ren seien.

Nun ist es für diese Überzeugung wich­tig und bestär­kend, daß ein so vorsich­ti­ger Forscher wie STRICKER zu dem glei­chen Ergebnis kommt, um so wich­ti­ger, als STRICKER doch noch von Zeit zu Zeit recht mytho­lo­gi­sche Begriffe anwen­det.

Er weiß, daß alle unsere Sätze aus der Erfahrung stam­men. Trotzdem kennt er neben den Erfahrungsurteilen (denen a poste­riori) noch beson­dere Urteile a priori, die er etwas ober­fläch­lich als solche Urteile defi­niert, die wir uns gar nicht anders denken können. Er fügt hinzu, daß in den Fällen, wo es sich um schwie­ri­ges Erkennen eines Wahnsinnsfalles handle, falsche Urteile a priori nie in Frage kommen.

Ich würde sagen: Es gibt neben den Erfahrungssätzen, das heißt neben unse­ren selbst­er­wor­be­nen Kenntnissen, auch viele ererbte Sätze, die wir ihrer Urweisheit wegen (oder weil unsere Erfahrungskenntnisse sprach­lich auf ihnen ruhen) für tiefer, älter, ursprüng­li­cher halten, die wir darum Urteile a priori nennen. Wie nun das Gehirn die ältes­ten Sprachvorstellungen, die einge­üb­tes­ten, am längs­ten behält, die jüngs­ten aber, die schlecht geüb­ten, am ehes­ten vergißt, so kann auch der Geisteskranke noch die abgrund­tie­fen Sätze a priori, die ererb­ten (in diesem Sinn also ange­bo­re­nen Urteile) am klei­nen Finger haben, während er seine eigene Adresse viel­leicht verges­sen hat.

Damit zu verglei­chen ist die oft beob­ach­tete Erscheinung, daß Sprachkranke immer noch imstande sind, die Wochentage, die Monate, die Reihe der Ziffern oder gar das Vaterunser flie­ßend herzu­sa­gen, während sie sonst keinen vernünf­ti­gen Satz zu bilden vermö­gen. Dahin gehört es auch, wenn die klini­sche Erfahrung imbe­zille Rechenkünstler und Klavierspieler kennt, wenn im vorge­schrit­te­nen Stadium der Paralyse Juristen noch ihre Paragraphen zitie­ren, Ärzte noch ihre Rezepte schrei­ben; wenn Querulanten mit ausge­spro­che­ner Paranoia ein ausge­zeich­ne­tes Gedächtnis zeigen für die Veranlassung ihrer Wahnvorstellungen; wenn Idioten, die erwor­bene Vorstellungen nicht mehr asso­zi­ie­ren können, dennoch ein gutes Gedächtnis für erlernte Urteile haben. Die Masse des Publikums, das ästhe­ti­sche, poli­ti­sche und sitt­li­che Urteile nach­spricht, macht einen ähnlich idio­ti­schen Eindruck inner­halb der physio­lo­gi­schen Grenze. Der Grad der Einübung kann das unglei­che Gedächtnis bei Geisteskranken erklä­ren. Man darf wohl sagen, daß diese unend­lich einge­üb­ten Reihen den erwähn­ten Kranken zu Wortfolgen a priori gewor­den sind. Auch altbe­rühmte Sätze aus dem Urbestand mensch­li­cher Metaphysik sind solche Wortfolgen a priori, nicht Urteile a priori.

Jedenfalls behaup­tet STRICKER erfreu­li­cher­weise, mit wissen­schaft­li­cher Schärfe sei der Wahnsinn nur für reine Urteile a poste­riori von der Außenwelt zu bestim­men. Und er nennt es die erste Bedingung für das Entstehen von Wahnvorstellungen, daß domi­nie­rende Vorstellungen sich eines Menschen bemäch­ti­gen, die nicht immer krank­haft sein müssen, die aber durch häufige Wiederkehr fix werden können. Die erklä­rende Annahme, daß sich in solchen Fällen die Funktion bestimm­ter Nervenfasergruppen in den Vordergrund drängt, die durch Erkrankung für innere Erregungen leich­ter empfind­lich gemacht worden sind, diese Annahme ist uns eine wahr­schein­li­che, aber dennoch gleich­gül­tige Hypothese.

Das aber ist klar, daß die domi­nie­ren­den Vorstellungen erst dann völlig über die Wirklichkeitswelt täuschen, uns in einen Wahn versen­ken können, wenn wir in Zwiespalt zwischen inne­ren und äuße­ren Nervenerregungen den inne­ren (wie im Traum) den Vorzug geben. Was heißt das in unse­rer Sprache?

Daß ein traum­ar­ti­ger Wahnsinn erst da vorhan­den ist, wo unsere Wahrnehmungen des Wirklichen sich nicht mehr mit unse­rem Gesamtwissen asso­zi­ie­ren, du heißt, wo unser poten­ti­el­les Wissen von uns ganz oder teil­weise verges­sen ist.

Zu demsel­ben Ergebnis kommt STRICKER, wenn er sagt:
“In den Fällen von Verrücktheit, welche ich genau zu exami­nie­ren in der Lage war, habe ich von den Kranken Aussagen gehört, welche vermu­ten lassen, daß sie ihre Wahnideen deswe­gen nicht zu korri­gie­ren vermoch­ten, weil sie einen, wenn auch klei­nen Teil ihres Erinnerungsvermögens einge­büßt hatten. Ein Kranker antwor­tete: man merke sich nicht alle Umstände, durch welche man zu seinen Überzeugungen gelange; ein ande­rer, daß es so sei (daß ihn nämlich der Wirt vergif­ten wolle), wisse er gewiß; aber er wisse jetzt nicht mehr, wie er zu der Überzeugung gekom­men sei.“
Was also nicht zerris­sen ist, das ist das logi­sche Band zwischen den einzel­nen Sätzen. Ein Verrückter mag so logisch denken können wie ARISTOTELES. Das Band zwischen seinem Denken und der Wirklichkeitswelt, sein Gedächtnis, diese Summe von Zeichen für Wahrnehmungen der Außenwelt, dies ist zerris­sen.

Verrücktheit ist eine Gedächtniskrankheit, weil Denken oder Sprechen eben nichts ist als Gedächtnis. Wer an Aphasie leidet, kann viel­leicht (wie eben erwähnt) immer noch die am besten einge­üb­ten Wortfolgen aufsa­gen; andere Kranke spre­chen die Worte eines Liedes rich­tig her, wenn ihnen die Melodie vorge­spielt wird. Solche Gehirnkranke haben also (könnte der Wortaberglaube einwen­den) noch ein leis­tungs­fä­hi­ges Gedächtnis, während sie nicht mehr denken können. Leere Worte. Was das ist im Aphasischen, das angeb­lich denkt und sich nicht ausspre­chen kann, das wissen wir nicht, das können wir höchs­tens mit einem Namen, mit einer Etikette verse­hen. Ein Gedächtnis, das nur noch zu asso­zi­ie­ren vermag, das keine Brücke kennt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen sich und der Umgebung, zwischen dem Anstoß zu den Assoziationen und den Assoziationen selbst, das ist ein kran­kes Gedächtnis, das ist kein mensch­li­ches Gedächtnis mehr.

Nebenbei sei bemerkt, daß bei Geisteskranken auch die Assoziationen sich nicht normal voll­zie­hen, daß den verschie­de­nen Gedächtnisfehlern (der Hypermnesie, der Paramnesie und der Amnesie) ähnli­che Fehler in der Kraft und Richtigkeit der Assoziationen entspre­chen.

Die schwie­rige Klassifikation der Geisteskrankheiten ließe sich ein wenig verbes­sern, wenn man die Krankheiten nach den psychi­schen Tätigkeiten ordnen wollte, die wir als Gedächtniserscheinungen kennen gelernt haben. Selbstbewußtsein, Assoziation, Denken, Sprache zeigen entspre­chende Krankbeitsbilder. Beim Melancholiker arbei­tet Gedächtnis und Sprache lang­sam. Für die plötz­li­chen Anfälle des Epileptikers ist die soge­nannte insel­för­mige Erinnerung charak­te­ris­tisch. Und da wir die Sprache als die mensch­lichste Erscheinungsform des Gedächtnisses erkannt haben, da sich der subjek­tive Gedächtnisdefekt des Kranken objek­tiv fast nur an Sprachstörungen beob­ach­ten läßt, so ist es natür­lich, daß der Psychiater diese Symptome beson­ders zu beob­ach­ten hat.

Schon SCHOPENHAUER hatte den Wahnsinn als eine Krankheit der Erinnerungsfähigkeit erklärt. Da er aber die Bedeutung des Gedächtnisses nicht erkannte, da er dessen Identität mit dem Denken oder Sprechen nicht ahnte, ja ein Lobredner des mensch­li­chen Verstandes war, so konnte er den hinge­wor­fe­nen Gedanken nicht weiter verfol­gen. Beachtenswert (wenn auf Tatsachen sich stüt­zend) wäre seine Notiz, daß Schauspieler mehr als Angehörige eines ande­ren Standes dem Wahnsinn ausge­setzt sind; weil sie mit dem Gedächtnis einen ganz eigen­tüm­li­chen Mißbrauch trei­ben.

Ob die Wahnsinnsgefahr für Monarchen, wie ESQUIROL annimmt, den glei­chen Grund habe oder tiefer liege, bleibe dahin­ge­stellt; denn ein eini­ger­ma­ßen gutes Gedächtnis, das sonst gerade nur zur Ausübung einer orga­ni­sa­to­ri­schen Tätigkeit reichen würde, erregt bei Monarchen nur gar zu leicht Staunen und Bewunderung.

Dabei sind SCHOPENHAUERs Bemerkungen durch seine domi­nie­ren­den Vorstellungen von dem Realwerte der Worte: Wille, Idee, Zweck u.s w. so irre­ge­lei­tet, daß er wie über­all auch hier leicht ins Mythologische verfällt. Ihm ist die Natur so teleo­lo­gisch, daß die Ohnmacht bei über­gro­ßen Schmerzen aufzu­fas­sen wäre als heilende Aufhebung des Gedächtnisses, so wie etwa ein Chirurg bran­dige Glieder abschnei­det, um das Ganze zu retten. Auch ich habe oft solche erklä­rende Bilder, wie wenn ich den Tod die Rettung vor dem Lebensschmerz nenne; was ich aber immer meta­pho­risch verstehe, das meint SCHOPENHAUER so ernst­haft, als Metaphysik nur ernst­haft sein kann.

Welche Mythologie SCHOPENHAUER mit seinen Lieblingsbegriffen treibt, erhellt beson­ders aus seiner Behauptung, daß die Raserei ohne Wahnsinn, die mania eine deli­rio, sei — wenn sie über­haupt exis­tiere — so zu erklä­ren, daß der “Wille” sich nach wie vor unter der Leitung des intui­ti­ven Verstandes befinde, aber die Vernunft, d.h. das Denken in Begriffen, schon abge­schüt­telt habe. Ich kann mir das nur so vorstel­len — mit Benutzung echt SCHOPENHAUERscher Bilder -, daß der Wille in solchen Fällen ein besof­fe­ner Kutscher ist, dem das bessere vernünf­tige Handpferd scheu gewor­den ist, so daß er mit dem blin­den Sattelpferd allein umschmei­ßen muß; wobei es frag­lich bleibt, ob der besof­fene Kutscher, der Wille, nur ein Diener des Besitzers oder der Besitzer selbst ist.

Scholastisch ist es, daß SCHOPENHAUER hier tief­sin­nig eine Tatsache erklärt, die ihm noch gar nicht ausdrück­lich verbürgt ist; schlim­mer als scho­las­tisch ist es, daß er weitere Gründe für seine Behauptung aus der Legende des BUDDHA Schakya-Muni nimmt (bei dessen Geburt unter ande­ren Wundern auch die Wahnsinnigen ihr Gedächtnis wieder erhiel­ten), seine Beispiele von Lear oder gar vom rasen­den Ajas.

Bei all diesen Gedanken habe ich die Vorstellung Wahnsinn an die allge­mei­nere Vorstellung Gedächtnis” geknüpft und nicht an die engere “Aufmerksamkeit “, von der ich ausge­gan­gen war. Ich hätte ja auch sagen können, Wahnsinn sei eine Entartung der Aufmerksamkeit (oder des Interesses). Das wäre aber für viele Leser umso irre­füh­ren­der gewe­sen, als es noch para­dox klang, wenn ich sagte, die Aufmerksamkeit (oder wieder das Interesse) seien nur Entwicklungsstadien des Gedächtnisses. Der Wahnsinn kann sich mehr an das Interesse heften, das die Auswahl unter den Erinnerungen trifft, oder mehr an die Aufmerksamkeit, die eine Erwartung mitbe­greift, sich um Zukünftiges kümmert. Immer handelt es sich dabei um Gedächtnisakte.

Endlos haben die Philosophen der Philosophiegeschichte die Aufmerksamkeit mit dem mensch­li­chen Willen verknüpft; alle von DESCARTES bis SCHOPENHAUER und bis JODL. (Von noch viel älte­rer Zeit an bis vor kurzem, beim Volke bis heute, hat man den Wahnsinn wie eine Willenshandlung ethisch verab­scheut.) Sehr lang­sam bricht die Anschauung sich Bahn, daß die Aufmerksamkeit als eine Gedächtnisarbeit selbst wieder eine Arbeit ist, dazu unser Gefühl von der Arbeit. Aus der biolo­gi­schen Arbeit des hungern­den, lauern­den, spähen­den Tieres entstan­den. Wahnsinn, Genie, Gedächtnis (Aufmerksamkeit) haben nichts mit dem Fetisch Wille zu schaf­fen.

Genie und Wahnsinn sind oft mitein­an­der vergli­chen worden, sowohl von roman­ti­schen Philosophen, wie SCHOPENHAUER einer war, als auch von Schwätzern, wie LOMBROSO, von dessen soge­nann­ten Tatsachen die eine Hälfte nicht bewie­sen ist, die andere Hälfte nichts beweist. Aber der Denker wie der Schwätzer sind darin ähnlich, daß sie nicht versucht haben denje­ni­gen Punkt nüch­tern zu bestim­men, in welchem Genie und Wahnsinn einan­der glei­chen.

Wir haben einse­hen gelernt, daß Wahnsinn eine Gedächtniskrankheit sei. Eigentlich ist auch dies wieder nur eine Tautologie; denn Gedächtnis ist ja nichts ande­res, als was man sonst Seele oder Bewußtsein zu nennen pflegt, meine Behauptung also nichts ande­res als die: Wahnsinn sei eine Seelenkrankheit oder Bewußtsseinstörung. Unser Fortschritt besteht also nur darin, daß wir uns auch bei diesem Worte an die Überflüssigkeit der Begriffe Bewußtsein oder Seele erin­nern. Und viel­leicht auch noch darin, daß für uns der gesamte Gehalt des Bewußtseins oder des Gedächtnisses eben unser Sprachschatz, also für uns jede Gedächtniskrankheit im weites­ten Sinne auch Sprachkrankheit ist.

Nun ist das Gedächtnis des gewöhn­li­chen Kopfes so beschaf­fen, daß es die gehab­ten Wahrnehmungen oder Vorstellungen unge­fähr mit der ihm wesent­li­chen Falschheit oder Untreue so wieder­gibt, wie sie ursprüng­lich waren, daß die Erinnerung wohl verblas­sen kann, aber unver­ein­bare Vorstellungen sich als Vorstellungen nicht verbin­den.

Um deut­li­cher zu sein: das gewöhn­li­che Gedächtnis kann und muß für ähnli­che und verblaßte Vorstellungen gemein­same Zeichen haben, Worte oder Begriffe, die eben keine Vorstellungen sind. Mit diesen Worten kann dann die Sprache alles Mögliche vorneh­men, nur vorstel­len kann die Erinnerung nicht auf einmal, was nicht ursprüng­lich gemein­sam wahr­ge­nom­men war. Ich kann sagen: der Kreis ist vier­eckig; aber ich kann es mir nicht vorstel­len. Der Verstand des gesun­den Negers kann nach­spre­chen, der Spiegel des Sees hätte sich in Eis verwan­delt, aber er kann es sich nicht vorstel­len. Der deut­sche Bauer kann sagen oder denken: Mit Hilfe der Wissenschaft wird man aus Sand und Chemikalien Nahrungsmittel schaf­fen; aber er kann es sich nicht vorstel­len, während WERNER SIEMENS, als er diesen Satz aussprach, sich doch etwas vorstel­len konnte. Meine eigene Phantasie arbei­tet so lebhaft, daß ich mit Selbstbeobachtungen vorsich­tig sein muß; der Leser hüte sich, vorei­lig den Witz zu machen, ich sei dann entwe­der wahn­sin­nig, oder halte mich für ein Genie; ich will ja eben, was Genie genannt wird, auf ein nüch­ter­nes Wort zurück­füh­ren. Ich habe mich selbst also, um ganz sicher zu gehen, in denje­ni­gen Gebieten beob­ach­tet, wo ich glaube, sehr schlecht oder mittel­mä­ßig begabt, also ein Mustermensch zu sein.

Ich kann ein Bild in allen Einzelheiten recht gut im Gedächtnis behal­ten und die Linien einer Zeichnung halb­wegs nach­ma­chen. Ich glaube bestimmt, daß ich eine halb­wegs annehm­bare Zeichnung oder auch ein Bildchen zustande brächte, wenn ich es gelernt hätte. In der Phantasie nun kann ich mir aus verschie­de­nen Vorstellungserinnerungen schein­bar ein neues Bild zusam­men­stel­len. Ich kann z.B. mein Fenster und die Nelken davor sehen und mir als Hintergrund dazu eine Schweizerlandschaft oder das Rheintal denken. Aber ein Kunstwerk schaf­fen könnte ich auf diese Weise niemals, weil sich die verschie­de­nen Vorstellungserinnerungen bei mir wohl kreu­zen und kombi­nie­ren können, nicht aber zu einem neuen Ganzen verbin­den, das lebens­fä­hig wäre. Ein solches Bild wäre abge­schrie­ben, auch wenn es noch niemals vorher gemalt gewe­sen wäre.

In ähnli­cher Weise entste­hen unzäh­lige Romane und Novellen, deren Verfasser, kleine und große Talente, gar nicht wissen, daß sie abschrei­ben. Sie können eine ganz neue Handlung und ganz neue Figuren brin­gen und dennoch ihre Erinnerungen aus Büchern und dem Leben unver­än­dert wieder­ge­ge­ben haben.

In der Musik, wo ich mich voll­stän­dig unbe­gabt weiß, ist meine Erinnerungsfähigkeit noch gerin­ger und meine Selbstbeobachtung noch deut­li­cher. Den Zusammenklang von Stimmen oder Instrumenten kann ich höchs­tens wieder­erken­nen. Vorstellen kann ich mir den einfachs­ten Akkord nicht. Nur in den seltens­ten Fällen habe ich eine solche Gesamterinnerung. Ich habe einmal in unver­geß­li­cher Stunde ein Lied singen hören, welches das Wort Mai auf den Ton d lang aushält, während die Klavierbegleitung das Motiv d c h a d bringt. Versuche ich nun die Erinnerung an jene Stunde wach zu rufen, indem ich das Lied vor mich hinsumme, so stelle ich mir deut­lich zu dem lang­ge­zo­ge­nen d die Töne d c h a d vor. Für mich ist also schon der einfa­che Musikkenner, der sich eine ihm wohl­be­kannte Sonate auch vorstel­len kann, ein Rätsel; ein echter Musiker aber, dem eine wirk­lich neue Melodie mit ihrer wirk­lich neuen Begleitung einfällt, ist mir ein Genie, ein unheim­li­ches Wesen, und ich stehe vor einer Symphonie von BEETHOVEN — die ich wohl zu genie­ßen, aber nicht vorzu­stel­len vermag — genau wie vor der Natur, der Schöpfung aus dem Nichts, der gedächt­nis­freien Tat.

In der Malerei würde mir der Mann, der die Gestalt des Kentaurs erfand, ebenso etwas sein wie ein Genie oder ein Wahnsinniger, weil die verschie­de­nen Erinnerungen zu einem neuen lebens­fä­hi­gen Ganzen verbun­den sind.

In der Poesie, wo ich selbst mancher­lei Romane und Novellen spie­lend geschaf­fen, zur Not geformt und manche nur aus Not auf den Markt gebracht habe, glaube ich natür­lich nicht gern, daß ich nur einer von den Abschreibern (in meinem Sinne) bin. Es wird aber doch wohl so sein. Ich bin gegen andere so oft hart gewe­sen, daß ich gegen mich selbst lieber unge­recht als nach­sich­tig sein will. Ganz gewiß gehö­ren zu den Abschreibern die aller­jüngs­ten Genies, die Virtuosen des Naturalismus, die doch zum Dogma gemacht haben, was das Gegenteil des Genies ist: die Vorstellungen ihres Gedächtnisses unver­än­dert wieder­zu­ge­ben. In diesem Sinne ist ZOLA ein Abschreiber; wo er sich roman­tisch aufspielt, da ist er ein Abschreiber im schlim­me­ren Sinne. GERHART HAUPTMANN ist in seinen präch­ti­gen Webern ein Abschreiber; sein klei­nes “Hannele” ist viel­leicht ein Zeichen von Genie.

Ein Genie ist GOETHE durch und durch, erst recht, wenn wir ihn darauf prüfen, ob er die Vorstellungen seines Gedächtnisses in seinen Dichtungen unver­än­dert wieder­gibt oder nicht. Jede seiner großen Gestalten ist ein leben­di­ger Kentaur. Dichtung und Wahrheit wird bei ihm ein Ganzes, Phantasie und Erinnerung zeugen bei ihm zusam­men Lebendiges. Die Sagenheldin und die geliebte FRAU von STEIN werden eine leben­dige Iphigenie, der Sagenheld und der junge GOETHE verbin­den sich zu einem leben­di­gen Faust, sein Freund MERCK, der Teufel und wieder der junge GOETHE wach­sen zu einem leben­di­gen Mephisto zusam­men.

Und es ist wohl zu beach­ten, daß die seltene Fähigkeit, Erinnerungen orga­nisch geän­dert zu behal­ten, bei einem Genie vom Range GOETHEs eine doppelte ist. Getrennte Erinnerungen verbin­den sich frucht­bar, wie bei der Zeugung durch verschie­dene Geschlechter, aber auch einfa­che Erinnerungen teilen sich frucht­bar, wie bei der Zeugung durch Teilung. GOETHE vermag den jungen GOETHE zu zerspal­ten, ohne ihn zu töten, ihn in Weißlingen und Goetz, in Faust und Mephisto, in Clavigo und Carlos ausein­an­der zu legen.

Ist nun das Genie eines Menschen nichts weiter als die seltene Gehirneigenschaft, durch welche Erinnerungen selb­stän­dig wuchern, gewis­ser­ma­ßen Neubildungen erzeu­gen, was der gewöhn­li­che Kopf niemals vermag — so ist die Ähnlichkeit mit dem Wahnsinn endlich faßbar, wenn ich auch mein Gehirn oder meinen Sprachschatz umsonst zermar­tere, um nun den Unterschied besser als durch Worte anzu­ge­ben.

Wer in seiner Vorstellung die Erinnerung an den Oberkörper eines Menschen und die an einen Pferdeleib so verbin­det, in künst­le­ri­schem Sinne orga­nisch verbin­det, daß ein leben­di­ger Kentaur leib­haf­tig vor uns steht, der ist entwe­der ein Genie oder ein Wahnsinniger. Nun könnte man es so ausdrü­cken, daß bei dem Wahnsinnigen die Neubildung krank­haft ist, wie ein Krebs, und das Gedächtnis über­wu­chert, daß also bei dem Wahnsinnigen die verän­derte Erinnerung die wirk­li­che für immer verdrängt, daß dage­gen beim Genie die Neubildung vom übri­gen Gedächtnis beherrscht wird, daß sie wohl wie eine schöne Orchidee schma­rot­zer­haft lebt, aber den Stamm nicht umbringt, daß also beim Genie das gemeine Gedächtnis unge­stört weiter arbei­tet.

Da für uns jedoch das Gedächtnis eins ist mit dem Bewußtsein oder dem Ich, so ließe sich meine neue Behauptung mit den banals­ten Worten sagen, die dann frei­lich einen neuen Sinn erhal­ten müßten. Beim Genie ist das Bewußtsein durch fixe Ideen oder fixe Stimmungen gestei­gert, beim Wahnsinnigen über­wu­chert und unter­drückt.

Geht man also vom guten Gedächtnis des Alltagsmenschen als dem Zustande der soge­nann­ten Gesundheit aus, so leidet der Wahnsinnige an krank­haf­ten Neubildungen des Gedächtnisses, das Genie aber leidet (eine Krankheit wird man es schon nennen müssen) an den Wucherungen seines Reichtums, seiner Überfülle.

Der Sprung vom Genie zum Wahnsinn ist eben darum nicht selten. Die gewohnte Wucherung des Reichtums muß krank­haft werden, wenn der Reichtum aus irgend einem Grunde schwin­det. In dieser Gefahr schwebt jedes Genie, beson­ders aber das philo­so­phi­sche Genie. Denn vom Poeten oder Künstler verlangt kein Mensch, daß er auch in Alltagsstunden Orchideen blühen lassen solle. Das philo­so­phi­sche Genie aber, dessen Wesen darin besteht, sein und der Menschen Gedächtnis oder seinen Sprachschatz orga­nisch neu zu zeugen, das philo­so­phi­sche Genie muß sich auch in Alltagsstunden bemü­hen, die neu gewon­nene Weltanschauung wenigs­tens fest­zu­hal­ten, die neue Sprache seiner eige­nen Feststunden in den Alltagsstunden wenigs­tens zu verste­hen. Das philo­so­phi­sche Genie muß sich selbst über die Achsel sehen können beim Denken, muß sich ein Übergedächtnis, eine Übersprache anschaf­fen, es muß die Neubildung zu seinem Alltagsorgan machen. Das muß ein fester Kopf sein, der dies aushält.

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