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34. Aufmerksamkeit und Logik

Alle Erkenntnistheorie ist zuletzt Psychologie, und an eine wissen­schaft­li­che Psychologie ist nicht zu denken, solange die psycho­lo­gi­schen Grundbegriffe unklar und undeut­lich im Sprachgebrauche schwan­ken.”

Es wäre nun ganz hübsch, den schwie­ri­gen Begriff des Bewußtseins zu elimi­nie­ren und das Bewußtsein in die beiden Zustände oder Tätigkeiten der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses aufzu­lö­sen. Was wir im Bewußtsein zu haben glau­ben, das wird durch die blitz­schnelle Aufmerksamkeit erwor­ben und durch das dauernde Gedächtnis fest­ge­hal­ten. Die Summe der mensch­li­chen Erfahrung oder die Sprache wäre dann eine Art fixier­ter Momentaufnahmen. Aber die Worte Bewußtsein, Aufmerksamkeit und Gedächtnis sind selbst wieder Teile dieser Summe, sind selbst wieder Bestandteile der Sprache und narren uns, wenn wir sie nach dieser verfüh­re­ri­schen Erklärung noch einmal von der ande­ren Seite betrach­ten. Da ist zunächst eine Beobachtung, welche die Aufmerksamkeit unse­rem Gedächtnisse über­mit­telt hat, in unse­rem Bewußtsein nur dann, wenn wir eine innere Aufmerksamkeit aber­mals auf sie rich­ten. Das Bewußtsein ist also nicht elimi­niert; wir können das Wort vorläu­fig nicht entbeh­ren, weil wir die unbe­wußte Aufmerksamkeit (wir erin­nern uns z.B. eine Stunde später, eine Uhr schla­gen gehört zu haben, ohne daß wir es sofort wahr­ge­nom­men hätten) von der bewuß­ten unter­schei­den wollen. Da ist ferner die Unmöglichkeit, Aufmerksamkeit und Gedächtnis jemals radi­kal zu tren­nen, weil jedes Aufmerken ein Beachten von Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten, also ein Bemühen des Gedächtnisses ist, und weil jede kleinste Erinnerung der Erregung einer bewuß­ten oder unbe­wuß­ten Aufmerksamkeit bedarf. Schließlich würde auch noch die Frage der Willkürlichkeit hinein­spie­len. So entde­cken wir auch auf diesem Punkte, wie schwer es ist, die Sprache mit Sprachworten zu kriti­sie­ren. Alle Erkenntnistheorie ist zuletzt Psychologie, und an eine wissen­schaft­li­che Psychologie ist nicht zu denken, solange die psycho­lo­gi­schen Grundbegriffe unklar und undeut­lich im Sprachgebrauche schwan­ken.

Das so wohl­be­kannte Gefühl der Aufmerksamkeit ist darum für die psycho­lo­gi­sche Untersuchung kaum zu enträt­seln. Wir stehen wieder einmal vor einem der Fälle, wo wir eine Seelenäußerung oder einen geis­ti­gen Zustand analy­sie­ren müssen, um das Wesen der Sprache besser kennen zu lernen, und wo wir zugleich den Begriff sprach­kri­tisch analy­sie­ren müssen, um das Schwanken der Wortbedeutung fest­zu­stel­len. Wir stehen wieder einmal vor einem der Fälle, wo die Psychologie irre führt, wenn wir nicht eine klare Definition des Wortes voraus­schi­cken, und wo wir keine Definition aufstel­len können, ohne vorher die Hauptgebiete der Psychologie für diese Definition durch­forscht zu haben. Wir stehen wieder einmal an der Grenze der Sprache, wieder einmal vor der Aufgabe — um ein oft gebrauch­tes Bild etwas zu ändern — mit eige­nen Händen den Stuhl aufzu­he­ben, auf welchem wir sitzen.

Unser wich­tigs­tes Augenmerk muß es sein, unsere gespannte Aufmerksamkeit müssen wir andau­ernd darauf rich­ten, daß wir den Begriff “Aufmerksamkeit” nicht perso­ni­fi­zie­ren, daß wir uns nicht ein bestimm­tes Seelenvermögen “Aufmerksamkeit” vorstel­len, welches irgendwo im Gehirn resi­diert und unsere Gedanken lenkt. Die Psychologen von CONDILLAC bis RIBOT -, welche das Gefühl der Aufmerksamkeit unter­sucht haben, haben sich selbst­ver­ständ­lich nach Kräften vor dem Fehler der Personifikation gehü­tet; aber lange nicht genug. Immer wieder guckt es wie ein Seelenvermögen aus ihren Darlegungen heraus, und auf einen wich­ti­gen Punkt haben sie nicht klar hinge­wie­sen: daß wir unter Aufmerksamkeit nämlich bald den rela­tiv passi­ven Zustand verste­hen, der in uns unbe­wußt durch äußere Objekte erregt wird, bald den ganz akti­ven Zustand, in welchem wir die soge­nannte Aufmerksamkeit auf einen äuße­ren Gegenstand absicht­lich rich­ten. Um doch wenigs­tens von einer vorläu­fi­gen Definition auszu­ge­hen, welche diese beiden Zustände umfaßt, wollen wir den folgen­den Satz hinstel­len: Aufmerksamkeit ist die Empfindung einer Anstrengung, die uns das Apperzipieren einer Wahrnehmung kostet. Wir sehen sofort, daß die Frage nach dieser Empfindung mit den Fragen nach dem Wesen der Gehirnarbeit und der Apperzeption zusam­men­hän­gen wird; und daß diese Empfindung wiederum als rela­tiv passiv mit dem Interesse, nach unse­rer Sprachkritik also mit dem Gedächtnis, daß diese Empfindung als aktive mit den Geheimnissen des mensch­li­chen Willens zusam­men­hängt. Wir sehen also, daß wir mit den Mitteln unse­rer Sprache kaum zu einer völlig befrie­di­gen­den Definition gelan­gen werden.

Am wich­tigs­ten erscheint mir der Nachweis, daß über­all, wo die Umgangssprache oder die Wissenschaft von Aufmerksamkeit redet, Arbeit geleis­tet, und darum eine Anstrengung empfun­den wird. Die Selbstbeobachtung, die leider wieder nicht ohne diese Arbeit der Aufmerksamkeit möglich ist, weist uns darauf hin; Experimente von DUCHENNE haben wenigs­tens so viel hinzu­ge­fügt, daß durch elek­tri­sche Reizung des Stirnmuskels die Physiognomie eines Menschen so verän­dert wird, daß der äußere Eindruck der Aufmerksamkeit entsteht.

In sprach­li­cher Beziehung können wir nun, was unse­rem Hasse gegen die Abstraktionen auf ‑keit und ‑heit nur schmei­cheln kann, sofort die Personifikation Aufmerksamkeit aufge­ben und uns mit der Tätigkeit des Aufmerkens begnü­gen. Schon die Umgangssprache macht einen Unterschied zwischen sehen und betrach­ten, zwischen hören und lauschen, zwischen riechen und wittern, schme­cken und kosten, fühlen und tasten. Der Unterschied ist bei den einzel­nen Sinnen und in den verschie­de­nen Sprachen und Mundarten nicht immer gleich groß; immer aber liegt eine Unterscheidung zwischen unauf­merk­sa­mem, mehr passi­vem Wahrnehmen und aufmerk­sa­mem, anstren­gen­dem Wahrnehmen zu Grunde.

Die meis­ten Untersuchungen über die Aufmerksamkeit sind auf das aufmerk­same, anstren­gende Denken, auf die Kombination von Sinneswahrnehmungen verwandt worden; doch machen es die ange­führ­ten Wortunterschiede offen­bar, daß die Empfindung der geis­ti­gen Arbeit, also die Empfindung der Aufmerksamkeit, auch schon bei den einfachs­ten Wahrnehmungen vorhan­den ist. Auch beim Betrachten eines farbi­gen Lichtpunktes, beim Belauschen eines einzi­gen musi­ka­li­schen Tones kann die Arbeit des Aufmerkens binnen kurzem einen hohen Grad von Ermüdung zur Folge haben. Diese Ermüdung kann sowohl durch die Intensität wie durch die Dauer des Aufmerkens veran­laßt werden, sowie die Ermüdung der Armmuskeln durch das Gewicht des empor­ge­hal­te­nen Körpers eben­so­gut wie durch die Dauer des Emporhaltens erzeugt werden kann. Arbeit wird da und dort geleis­tet. RIBOT möchte den Zustand der Aufmerksamkeit von dem norma­len Seelenzustand durch den Begriff Monoideismus unter­schei­den; und er legt Wert darauf, daß der Monoideismus der Aufmerksamkeit geis­ti­ger Art sei, daß die einzige Idee sich auf einen Gegenstand der Wirklichkeitswelt richte, daß also derje­nige Zustand nicht mit der Aufmerksamkeit zu verwech­seln sei, wo ein hefti­ger Zahnschmerz oder eine außer­or­dent­li­che Freude eben­falls das gesamte Bewußtsein auf ein einzi­ges Gefühl zusam­men­dränge.

Ich sehe nicht ein, warum man diese Zustände nicht unter dem Begriff der Aufmerksamkeit begrei­fen soll. Es ist bekannt, daß man Schmerzen “verges­sen” kann, wenn es einem gelingt, seine Aufmerksamkeit auf etwas ande­res zu rich­ten; REID kannte einen Menschen, der seine Gichtschmerzen linderte, wenn er während eines Anfalls mit leiden­schaft­li­cher Aufmerksamkeit Schach spielte. Nur wer heim­lich in der Aufmerksamkeit, ein perso­ni­fi­zier­tes Seelenvermögen erblickt, kann das aufmerk­same Schachspielen einer ande­ren Seeleneigenschaft zuschrei­ben als das Aufmerken auf seine Schmerzen. Wir können diese Ablenkung unse­rer Geistestätigkeit von einer unan­ge­neh­men zu einer ange­neh­men Empfindung viel besser erklä­ren, wenn wir die Hypothese aufstel­len, daß eine Anstrengung in einer bestimm­ten Richtung das Gehirnleben für andere Richtungen gewis­ser­ma­ßen hypno­ti­siert. Diese Erscheinungen einer will­kür­li­chen Ablenkung der Aufmerksamkeit enthal­ten doch gerade die beiden Zustände des passi­ven und des akti­ven Aufmerkens im höchs­ten Grade. Es werden uns aus der Zeit der Christenverfolgungen, der Inquisition, aber auch aus dem Seelenleben indi­scher Fanatiker glaub­hafte Fälle erzählt, wo die furcht­bars­ten körper­li­chen Foltern ohne Schmerzempfindung ertra­gen wurden, weil der Gefolterte seine ganze Aufmerksamkeit auf irgend ein star­kes Gefühl reli­giö­ser Lust rich­tete. Hier scheint mir also der äußerste Grad derje­ni­gen passi­ven Aufmerksamkeit vorzu­lie­gen, in welchem bei gewöhn­li­chen Menschen die Todesqualen alles übrige Seelenleben so lahm legen, daß der Gefolterte nichts ande­res mehr sieht, hört und denkt, während beim Märtyrer wie bei Wahnsinnigen etwas wie eine fixe Idee im stande ist, den gemar­ter­ten Körper gegen die Schmerzen zu hypno­ti­sie­ren.

Passive Aufmerksamkeit kann, das liegt auf der Hand, nur durch Erregung eines Interesses entste­hen; Folterqualen müssen die Aufmerksamkeit aufs höchste erre­gen, weil der gewöhn­li­che Mensch kein höhe­res Interesse kennt als sein Leben. Wir erin­nern uns, daß unsere Analyse das Interesse schließ­lich auf eine Tätigkeit des Gedächtnisses zurück­ge­führt hat. Wir können diesen Gedanken vorläu­fig nicht weiter verfol­gen; halten wir uni; an das Interesse. Ein Mensch oder ein Tier, sagt RIBOT, wäre ohne die Fähigkeit, Lust oder Unlust zu empfin­den, auch unfä­hig, aufzu­mer­ken; wir können hinzu­fü­gen, daß ohne diese Fähigkeit zur Lust und Unlust die orga­ni­sche Welt auch nichts apper­zi­pie­ren könnte. Nur daß die Annahme eines gefühl­lo­sen Lebewesens sinn­los ist; wir wissen ja, daß die Erlernung des Schädlichen und Nützlichen die Gefühle der Lust und Unlust, also das Interesse erzeugt hat, und daß diese Erlernung, welche wir dem Gedächtnisse verdan­ken, die ganze Entwicklung der Sinnesenergien von der Amöbe bis zum Menschen und im Menschen die Entwicklung derje­ni­gen Anpassung möglich gemacht hat, die wir Welterkenntnis nennen. In jedem einzel­nen Menschen ist nun natür­lich die Richtung seiner Aufmerksamkeit oder die Gegend seiner Apperzeption oder die Ansatzstelle seines geis­ti­gen Wachstums (wenn unsere Auffassung von der Apperzeption rich­tig ist) von zwei Umständen abhän­gig: von seinem bishe­ri­gen Bewußtseinsinhalt und von dem äuße­ren Objekt, das dazu an ihn heran­tritt.

Stellen wir einen Bauern, einen Jäger, einen Botaniker und einen Astronomen auf eine Heide, so wird die Aufmerksamkeit eines jeden auf andere Umstände gerich­tet werden, und wenn wir von jedem die Tätigkeit des Aufmerkens sehen könn­ten, so wüßten wir auch alles über seinen bishe­ri­gen Bewußtseinsinhalt. Die Tatsache, daß das Interesse beim passi­ven Aufmerken den Ausschlag gibt, daß demnach die Vorgeschichte des Individuums und seiner Art, anders ausge­drückt, daß das Gedächtnis des Individuums und sein Artgedächtnis auch dieje­nige Form der Aufmerksamkeit lenkt, die man die passive nennt, ließe sich durch tausend über­flüs­sige Beispiele bele­gen. Doch in dieser Bemerkung liegt schon die zweite, daß auch bei der passi­ven Aufmerksamkeit aktive Arbeit geleis­tet wird. Für die neuere Psychologie sollte das selbst­ver­ständ­lich sein, da diese auch im einfa­chen Sehen oder Hören Verstandesarbeit, Gehirnarbeit erblickt. Wir können diese Arbeitsleistung aber auch durch das alltäg­lichste Experiment nach­wei­sen. Lassen wir die Hand auf dem Tische ruhen, so nehmen wir die Tastempfindung nach eini­gen Minuten gar nicht mehr wahr, wenn wir nicht durch unmerk­li­chen Druck neue Muskelarbeit leis­ten. Bei der akti­ven Aufmerksamkeit frei­lich ist diese Arbeitsleistung viel inten­si­ver zu beob­ach­ten; fixie­ren wir mit den Augen einen bestimm­ten Punkt, so sind die Augen nach kurzer Zeit von der geleis­te­ten Arbeit so erschöpft, daß wir über­haupt nichts mehr sehen. Das Gefühl der Anstrengung liegt, stär­ker oder schwä­cher, beim akti­ven wie beim passi­ven Aufmerken vor. Nimmt man der inne­ren Empfindung der Aufmerksamkeit die sie angeb­lich nur beglei­tende Empfindung der Arbeitsleistung, so weiß ich nicht, was von dem Seelenvorgang Aufmerksamkeit über­haupt noch übrig bleibt.

Schon bei dieser Betrachtung werden die Grenzen zwischen passi­ver und akti­ver Aufmerksamkeit verwischt. Wird z.B. durch einen Gesichtseindruck das Interesse eines bis dahin unauf­merk­sa­men Spaziergängers erregt, läuft z.B. ein Tier über den Weg, dessen Formen ihm nicht ganz geläu­fig sind, so wird er sofort seine Augen auf diesen Gesichtseindruck lenken und sie akkom­mo­die­ren, um in der nächs­ten Minute wieder zu verges­sen, daß das Aufspringen eines Hasen ihn zu dieser kompli­zier­ten Arbeit ange­regt habe. Aber die Arbeit, mit welcher er das Bildchen des Hasen auf den Fleck des deut­lichs­ten Sehens brachte, dies entspre­chend in beiden Augen, und was sonst ein aufmerk­sa­mes Sehen alles erfor­dert, ist doch nicht verschie­den von der Arbeit des Mikroskopikers, der mit gespann­tes­ter akti­ver Aufmerksamkeit unter dem Mikroskop das Sputum eines Lungenkranken unter­sucht. Wäre Selbstbeobachtung bei der passi­ven Aufmerksamkeit möglich, so würden die Gefühle der Arbeitsleistung über­all ebenso wahr­nehm­bar sein, wie sie es bei der akti­ven Aufmerksamkeit sind: beim aufmerk­sa­men Sehen eine Anstrengung in der Gegend der Augen, beim aufmerk­sa­men Hören eine fühl­bare Anstrengung in der Gegend der Ohren, beim aufmerk­sa­men Denken, d.h. beim aufmerk­sa­men Kombinieren von Vorstellungen oder Begriffen, eine leis fühl­bare Anstrengung der Kopfhaut. Erinnern wir uns bei diesem Anstrengungsgefühl, welches vom aufmerk­sa­men Denken verur­sacht wird, daß Denken bei vielen Menschen inne­res Sprechen ist, und umso siche­rer Bewegungsgefühle im Sprachapparate auslöst, als das Denken aufmerk­sa­mer wird.

Wir erfah­ren aus alle­dem, wie subjek­tiv mensch­lich, d.h. verstan­des­ge­mäß die Unterscheidung zwischen passi­ver und akti­ver Aufmerksamkeit ist. Es kommt dabei der unge­naue psycho­lo­gi­sche Begriff des Wollens ins Spiel; je nach­dem die Arbeit des Aufmerkens gewohnt oder unge­wohnt ist, haben wir das täuschende Bild einer unwill­kür­li­chen auto­ma­ti­schen Bewegung oder einer gewoll­ten Anstrengung. Passives und akti­ves Aufmerken, unwill­kür­li­che oder gewollte Arbeit ist noch schwe­rer zu unter­schei­den, wenn wir jetzt das aufmerk­same Wahrnehmen mit dem aufmerk­sa­men Vorstellen oder Denken verglei­chen. Zunächst würde das aufmerk­same Wahrnehmen in den meis­ten Fällen (wo z.B. ein plötz­li­cher grel­ler Gesichtseindruck unser Interesse erregt, unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht) als ein passi­ves, unwill­kür­li­ches Aufmerken zu denken sein. Und doch ist just in diesen Fällen die geleis­tete Arbeit beson­ders gut subjek­tiv zu spüren, objek­tiv wahr­zu­neh­men. Denn das Akkommodieren beim Scharfsehen ist nicht ein meta­pho­ri­sches Bild der Aufmerksamkeit, sondern ein frap­pan­tes Beispiel. Und diese Arbeit beim Scharfsehen wird gerade dann aktiv und will­kür­lich geleis­tet, wenn, wie beim Scharfschützen, die Bewegung am besten einge­übt ist. Alle Begriffe flie­ßen wieder durch­ein­an­der.

Die viel kompli­zier­tere und mikro­sko­pi­schere Arbeit beim aufmerk­sa­men Vorstellen oder Denken ist noch subjek­tiv als unklare Kopfanstrengung zu spüren, nicht aber immer wie beim Scharfsehen objek­tiv am ande­ren Menschen zu beob­ach­ten. Objektiv kann diese Kopfanstrengung aber erschlos­sen werden, wenn man sich erin­nert, daß nichts im Denken ist, was nicht vorher in den Sinnen gewe­sen ist, und wenn man einmal das Wesen der Erinnerungsbilder genau betrach­tet. Ich hätte diese Bemerkung besser bei der Untersuchung des Gedächtnisses weiter ausge­führt; aber ein Buch wächst nicht immer, wie man will.

Ich habe eben den Ausdruck Erinnerungsbilder gebraucht. Diese Bilder haben die Psychologie jahr­hun­der­te­lang nicht in Ruhe gelas­sen. Man hat lange Zeit in den Vorstellungen wirk­li­che, reale Bilder der Wahrnehmungen gese­hen und die rohes­ten Hypothesen darüber aufge­stellt, wie diese Bilder in das Gehirn hinein­ge­lan­gen. PLATONs nach­wirk­same, idea war zugleich: Urbild, Spiegelbild und Vorstellung. Ich neige sehr dazu, diese rohen Hypothesen für unge­fähr­li­cher zu halten als die unvor­stell­ba­ren Lehren der neue­ren Psychologie, die zwar irgend­wel­che mole­ku­lare Veränderung der Ganglien oder doch die Tendenz zu einer mole­ku­la­ren Veränderung als Ursache der Erinnerungsbilder annimmt, aber diese Bilder dann wieder als Symbole auffaßt, als unwirk­li­che Zeichen der Wahrnehmungen, die selbst wieder nur Zeichen für die Wirklichkeitswelt sind. Dabei muß alles Vorstellen aufhö­ren. Ich möchte mit weni­gen Worten zeigen, daß alle Erinnerungsbilder, wenn sie nur Symbole sind, es doch nicht weni­ger sind als die unmit­tel­ba­ren Wahrnehmungen der Wirklichkeitswelt. Für diese darf natür­lich die letzte Frage, die nach ihrer Realität, aufge­wor­fen werden; doch so real wie die Wahrnehmungen sind die Erinnerungen eben auch.

Ich gehe davon aus, daß das Spiegelbild eines Körpers um nichts weni­ger real ist als das unmit­tel­bare Bild des Körpers, und da wir vom Körper nichts wissen als die Angaben unse­rer Sinne: um nichts weni­ger real als der Körper selbst. Das unmit­tel­bare Bild entsteht durch Einwirkung der soge­nann­ten Ätherschwingungen auf unse­ren Sehnerv. Das Spiegelbild entsteht durch die Einwirkung dersel­ben abge­lenk­ten Schwingungen; weil wir nun den Körper und sein Spiegelbild sehen, weil wir aus der Praxis wissen, daß der Körper nur einmal vorhan­den ist, weil wir das Spiegelbild nicht essen und nicht einmal betas­ten können, darum nennen wir es unwirk­lich. Es ist aber nur unwirk­lich für unsern Magen und für unsere Hände. Für den Gesichtssinn ist es wirk­lich. Erblicken wir einen Körper unter der Oberfläche des Wassers in einer falschen Richtung, so korri­gie­ren wir sie, falls wir den Körper mit den Händen grei­fen, mit der Kugel tref­fen wollen. Wie der Kunstschütze die Richtung der Pistole korri­giert, wenn er einen Gegenstand, in deden Spiegel blickend und nach rück­wärts zielend, tref­fen will. Für den Gesichtssinn ist er aber wirk­lich dort, wo wir ihn sehen.

So müssen die Erinnerungsbilder in unse­rem Gehirn eben­falls Wirklichkeiten sein, wenn auch noch so schwa­che Wirklichkeiten. Die dort ange­nom­me­nen Molekularveränderungen oder Tendenzen oder “Dispositionen” zu Molekularveränderungen, d.h. aufge­spei­cherte Kräfte, welche durch irgend­eine Erregung der Aufmerksamkeit die Molekularveränderungen erzeu­gen, müssen ebenso wirk­lich sein, wie es die soge­nann­ten Ätherschwingungen sind, die von der Spiegelfläche ausge­hen. Es kann nun nicht anders sein: wie wir körper­li­che Arbeit leis­ten müssen, um ein Gesichtsbildchen in der geeig­ne­ten Schärfe auf den Fleck des deut­lichs­ten Sehens zu brin­gen, so müssen irgend­wel­che Nerven, viel­leicht auch die vaso­mo­to­ri­schen Nerven, im Gehirn die Molekularveränderungen jedes­mal hervor­ru­fen, durch welche Erinnerungsbilder, sodann allge­mei­nere Vorstellungen und schließ­lich die Muskelgefühle erzeugt werden, ohne welche auch die abstrak­tes­ten Worte oder Begriffe nicht zu stande kommen können. Und die Empfindung dieser Arbeit nennen wir aufmerk­sa­mes Denken. Man sieht, es müßte die Aufmerksamkeit als ein perso­ni­fi­zier­tes Seelenvermögen gött­lich wirk­sam gedacht werden, wenn zwischen aufmerk­sa­mem Wahrnehmen und aufmerk­sa­mem Denken unter­schie­den werden soll. Und der Wille gar ist nur eine subjek­tive Begleiterscheinung. Überschreitet die Anstrengung die Schwelle des Bewußtseins, so nennt man das will­kür­li­che Aufmerksamkeit. Überschreitet die Anstrengung das Maß der Kraft, so glaubt man und sagt, der Wille sei nicht stark genug gewe­sen.

Aber weder die Ermüdung des ausge­streck­ten Arms, der ein Gewicht hält, noch die Ermüdung der Aufmerksamkeit sollte uns veran­las­sen, einen perso­ni­fi­zier­ten Willen als selb­stän­di­gen Aufseher der Arbeit anzu­neh­men. RIBOT, der das Maximum der unwill­kür­li­chen Aufmerksamkeit dem Maximum der gewoll­ten Aufmerksamkeit als Gegensatz gegen­über­stellt, steht zu sehr unter dem Banne der Worte. Er möchte die Entwicklung der will­kür­li­chen Aufmerksamkeit, wie sie am Kinde beob­ach­tet worden ist, so erklä­ren, daß die unwill­kür­li­che Aufmerksamkeit durch ein natür­li­ches Interesse hervor­ge­ru­fen wird, daß man die Kinder zu der bewuß­ten Aufmerksamkeit erzieht, indem man den Dingen ein künst­li­ches Interesse gibt. Er unter­schei­det drei Perioden in dieser Erziehung: das künst­li­che Interesse soll zunächst durch Aussicht auf Lohn und Strafe und durch die ange­bo­rene Neugier erregt werden, sodann durch Eitelkeit, Ehrgeiz u.s.w., und im drit­ten Stadium durch die Gewohnheit. Er scheint nicht einzu­se­hen, daß alles auf der Welt eher künst­lich genannt werden kann als das Interesse, welches immer Egoismus ist. Wir glau­ben erforscht zu haben, daß der unterste Grad des Interesses, daß die simpelste Re aktion auf Licht- oder Gehöreindrücke in der Entwicklung der Organismen durch Gedächtnis entstan­den ist; für uns ist es die Wirkung dessel­ben Gedächtnisses, wenn der Junge in der Schule aufmerk­sam Latein lernt, zuerst weil er sich vor Prügeln fürch­tet, dann weil er Einjährig-Freiwilliger werden möchte, und schließ­lich, weil er es gewohnt ist, Latein zu lernen. Wieder flie­ßen die Begriffe von Gewohnheit, also von auto­ma­ti­schem Handeln, mit vermeint­li­chem Wollen zusam­men.

Und wie sehr die unbe­wußte Personifikation der Aufmerksamkeit an dieser Unklarheit die Schuld trägt, ist aus der weite­ren Deduktion von RIBOT zu sehen, wenn er den Fortschritt der Zivilisation als eine Entwicklung seiner will­kür­li­chen Aufmerksamkeit, aber wahr­haf­tig nur als eine Entwicklung des perso­ni­fi­zier­ten Seelenvermögens “Aufmerksamkeit” auffaßt. Er denkt sich gewiß etwas dabei, wenn er sagt:
“Der glei­che Fortschritt, welcher in der mora­li­schen Welt das Individuum von der Herrschaft der Instinkte zu der des Interesses und der Pflicht hat über­ge­hen lassen, in der sozia­len Welt von der ursprüng­li­chen Wildheit zur Organisation, in der poli­ti­schen Welt von dem fast schran­ken­lo­sen Individualismus zu Regierungseinrichtungen — derselbe Fortschritt hat die Menschen in der intel­lek­tu­el­len Welt über­ge­hen lassen von der Herrschaft der unwill­kür­li­chen Aufmerksamkeit zur Herrschaft der will­kür­li­chen Aufmerksamkeit. Diese ist zugleich Wirkung und Ursache der Zivilisation.“
Das klingt. Eine Gottheit, die zugleich Wirkung und Ursache der Entwicklung ist. Wir aber wissen mit solchem Gerede nichts anzu­fan­gen. Aufmerksamkeit ist die Empfindung einer Anstrengung; da ist von vorn­her­ein klar, daß die Entwicklung der Menschheit wohl die Geistesarbeit und die mit ihr verbun­dene Anstrengung stei­gern wird, nicht aber zunächst die Empfindung dieser Anstrengung.

Ist die Aufmerksamkeit keine Personifikation, kein Seelenvermögen, sondern nur ein Wort für eine Empfindung, so kann die Entwicklung nur darin beru­hen, daß die Menschheit sich im Laufe der Zeit zu immer stär­ke­rer Anspannung ihrer Wahrnehmungs- und Denktätigkeit trai­niert hat, wie sich einzelne Völker zu immer stär­ke­rer Anspannung ihrer Muskeltätigkeit trai­niert haben. Wohl ist es wahr, daß die soge­nann­ten Wilden wie die Kinder von uns unauf­merk­sam genannt werden; sie sind es aber nur vom Standpunkte unse­res Bewußtseinsinhalts. Sie apper­zi­pie­ren nicht gern, was wir apper­zi­pie­ren. Im Stande der Wildheit oder der Kindheit muß der bewußte Wille aufge­wandt werden zu der Anstrengung des Aufmerkens. Nur die Masse des Bewußtseinsinhalts und die Zahl seiner Kombinationen wird durch die Zivilisationsentwicklung gestei­gert, nicht die indi­vi­du­elle Neigung, aufzu­mer­ken, die unwill­kür­lich beim Kinde und beim Wilden vorhan­den ist, sehr groß sogar im Verhältnis zum vorläu­fi­gen Bewußtseinsinhalt. Nicht umsonst enthal­ten die Schulzensuren eine beson­dere Rubrik für die Aufmerksamkeit; sie ist außer­or­dent­lich wich­tig für die Beurteilung des Schülers. Aber die Schablone genügt nicht. Manch ein Schüler kann den höchs­ten Grad der Aufmerksamkeit für seine indi­vi­du­el­len Interessen besit­zen, z.B. für Käfer oder für das Butterbrot seines Nachbars oder für die Zöpfe eines klei­nen Mädchens, der dennoch für die Interessen der Schule unauf­merk­sam ist. Ein solcher Schüler ist aufmerk­sam, vom psycho­lo­gi­schen Standpunkte, unauf­merk­sam nur vom Standpunkte einer Schulregulative, die ihn doch gar nichts angeht.

Ebenso steht es mit den geleh­ri­gen Affen, welche nach einer Bemerkung DARWINs von einem Affenabrichter nach dem Grade der Aufmerksamkeit bezahlt wurden, deren sie fähig waren. Das war eine mensch­li­che eine unna­tür­li­che Klassifikation dieser Affen. Aufmerksam ist auch der Affe, der Flöhe im Felle seiner Kinder sucht; Aufmerksamkeit für die Lehren des Affenabrichters ist eine mensch­li­che Bezeichnung, wie wenn wir einem Tiger Bosheit zuschrei­ben.

Die Kritik des Begriffs Aufmerksamkeit hat uns also bis jetzt schon die vorläu­fige Definition bestä­tigt, daß Aufmerksamkeit die Empfindung einer Anstrengung sei; sie hat uns außer­dem eine Fülle soge­nann­ter nega­ti­ver Ergebnisse gelie­fert. Wir haben gese­hen, daß die Aufmerksamkeit sich nicht wie irgend ein Haufe von wirk­li­chen Dingen in feinere oder gröbere Bestandteile, daß die Aufmerksamkeit sich nicht in Unterarten eintei­len lasse. Weder die Einteilung in passive und aktive Aufmerksamkeit, noch die in unwill­kür­li­che und will­kür­li­che Aufmerksamkeit ergab feste Grenzlinien. Dann glaub­ten wir das Wesen der Aufmerksamkeit besser beob­ach­ten zu können an dem Unterschiede zwischen aufmerk­sa­mem Wahrnehmen und aufmerk­sa­mem Denken; aber auch hier scho­ben sich die frühe­ren Einteilungsgründe dazwi­schen, und die schöns­ten Vorstellungen vom Wollen gerie­ten ins Schwanken. Als nun gar die perso­ni­fi­zierte Aufmerksamkeit zugleich die Wirkung und die Ursache der Menschenentwicklung sein sollte, da wurden wir stut­zig. Wir kehren jetzt zum Anfang der Untersuchung zurück. Läßt sich die Aufmerksamkeit irgend­wie eintei­len, ist sie gar Ursache, geschweige denn Wirkung der Entwicklung, so muß sie ein Ding sein, z.B. eine perso­ni­fi­zierte Kraft, etwas Objektives; nach unse­rer vorläu­fi­gen Definition ist sie eine Empfindung, etwas Subjektives. Wohlgemerkt, hier darf man nicht mehr von einem Einteilungsgrunde reden. Die Aufmerksamkeit in eine subjek­tive und in eine objek­tive einzu­tei­len, das wäre ebenso falsch, wie wenn man ein Siegel in das vertiefte und in das erha­bene Siegel eintei­len wollte, weil Siegel und Siegelabdruck vertieft oder erha­ben sind, je nach­dem wir unsere Aufmerksamkeit auf das Material lenken.

Es bleibt noch übrig, an eini­gen Beispielen zu zeigen welche Wirkung die Aufmerksamkeit dort ausübt, wo wir ihr nach alten Schulbegriffen gar keine Rechte einräu­men, in der Logik nämlich. Hier spielt sie aber eine entschei­dende Rolle; wie wir ohne die Fähigkeit aufzu­mer­ken, nicht als Menschen sehen und hören können, so besorgt auch die Aufmerksamkeit das, was wir nach­her unser logi­sches Denken nennen.

Ich setze dabei voraus, daß später zuge­stan­den werden wird, jedes Urteil sei nur eine Tautologie. Der Anerkenntnis dieser Grundwahrheit steht uns nur unser Gefühl entge­gen, daß tauto­lo­gi­sche Sätze in Ewigkeit nicht weiter führen könn­ten; wir haben aber sehr häufig die Überzeugung, durch Aneinanderreihung von Sätzen im Denken weiter zu kommen. Es ist das derselbe Widerspruch wie der in der Bewertung der Sprache; sie ist unfä­hig, dem Denkprozesse zu dienen, und doch denken wir in ihr.

In welcher Weise die Aufmerksamkeit da mitspricht, sehen wir am einfachs­ten und schnells­ten, wenn wir dieje­nige Art von Tautologien betrach­ten, die wir Schlüsse nennen und uns gleich an das gemeinste Schulbeispiel halten. “Alle Menschen sind sterb­lich, Peter ist ein Mensch, also ist Peter sterb­lich.” Ich glaube nicht, daß jemals ein Mensch unse­rer Zeit zu der Vermutung, Peter sei sterb­lich, durch einen solchen Schluß gelangt ist. Für unsere Weltanschauung haben wir da drei Tautologien; die beiden Prämissen sind Tautologien und der Schluß ist erst recht eine Tautologie. Unablösbar ist von unse­rer Vorstellung “Menschen” die Gewißheit, daß alle ster­ben werden, unab­lös­bar von der Vorstellung Peter, daß er ein Mensch sei, unab­lös­bar von der Vorstellung Peter, daß er sterb­lich sei. Unablösbar natür­lich nur für den Zustand der Aufmerksamkeit. Solange unsere Aufmerksamkeit nicht auf den Tod gelenkt ist, solange leben wir dahin wie andere Tiere und denken nicht daran, daß Peter oder Paul oder wir selbst ster­ben müssen. Wird aber Peter krank, oder wird er acht­zig Jahre alt, oder hoffen wir, ihn zu beer­ben, oder fürch­ten wir von seinem Tode einen Verlust für uns, einen Verlust für unser Volk, so voll­zieht sich blitz­schnell die Arbeit der Aufmerksamkeit; und vor unse­rem Bewußtsein steht die Überzeugung, daß Peter sterb­lich sei. Niemand, wie gesagt, braucht dazu eine Schlußfolgerung. Peter, Menschen und sterb­lich sind in unse­rem Bewußtsein wie drei Seiten eines Dreiecks. Wir können aus prak­ti­schen Gründen oder zum Spiele bald die eine, bald die andere Seite in den Blickpunkt unse­rer Aufmerksamkeit brin­gen, aber das Verhältnis der drei Seiten in unse­rem Bewußtsein ist unbe­weg­lich. Nicht die Begriffe bewe­gen sich, wenn wir schlie­ßen; wir bewe­gen unsere Aufmerksamkeit über die Begriffe hin. So bewegt sich auch die Statue nicht, wenn wir um sie herum gehen und sie von allen Seiten betrach­ten.

Nicht wir voll­zie­hen einen Schluß, wenn wir auf Peters Sterblichkeit aufmerk­sam werden; der Schluß, ein Induktivschluß natür­lich, ist von unse­ren Urahnen voll­zo­gen worden, als sie auf das Sterben der Menschen aufmerk­sam wurden, viel­leicht Hunderttausende von Jahren sich über den Tod wunder­ten, dann immer noch die Ausnahmslosigkeit bezwei­fel­ten (Ahasver, Elias) und endlich den Begriff der Sterblichkeit als Erinnerung an unzäh­lige Beobachtungen des Menschengeschlechts in das Gedächtnis des Menschengeschlechts oder die Sprache aufnah­men. Die Tiere besa­ßen nur nicht die Aufmerksamkeit oder das Interesse, auf den Tod ihrer Mittiere zu achten; so konn­ten sie sich den Begriff der allgeme nen Sterblichkeit nicht bilden. Hätten sie diesen Begriff, so würde ihre Aufmerksamkeit wohl hinrei­chen, das Allgemeine im Besonderen zu bemer­ken. An jedem Tag voll­zieht nach dem latei­ni­schen Sprichworte der Esel den Induktionsschluß, sich nicht zwei­mal an dem glei­chen Stein zu stoßen. Der Begriff der Sterblichkeit war anfangs eine geniale Hypothese der Menschen, bis er eine sehr banale und über­aus wahr­schein­li­che Hypothese gewor­den ist. Jede Begriffsbildung muß mit einer solchen Hypothese anfan­gen. Die Tiere aber haben keine Neigung zur Hypothesenbildung.

In den Urteilen und Definitionen, in welche wir unsere Begriffe beim soge­nann­ten Schließen zerfa­sern, liegt die Tautologie noch offe­ner zu Tage. “Kochsalz ist Chlornatrium.” Das ist die reine Tautologie gerade vom Standpunkte der Logik. Man kann den Satz ohne weite­res umkeh­ren wie die Formel a = a. Es ist aber nicht wahr, daß man den Satz “Kochsalz ist Chlornatrium” umkeh­ren kann, ohne seinen Sinn zu verän­dern, nicht wahr, daß die logi­sche Formel auf die leben­dige Sprache paßt. Je nach­dem die Aufmerksamkeit auf das gemein­sprach­li­che Kochsalz oder auf den tech­ni­schen Ausdruck Chlornatrium gelenkt wird, ist der Sinn ein ande­rer und verliert der Satz seinen tauto­lo­gi­schen Charakter. Es macht auch einen Unterschied, ob der Redende die eigene Aufmerksamkeit auf eines der Urteilsglieder lenkt, oder etwa die Aufmerksamkeit eines Schülers. Auch bei diesen wissen­schaft­li­chen Urteilen oder Definitionen handelt es sich wie bei der Begriffsbildung über­haupt, gewis­ser­ma­ßen um Hypothesen oder doch um die Vorläufigkeit der Definition. Was die Chemie sich bei dem Satze “Kochsalz ist Chlornatrium” vorstellt, das ist für die gegen­wär­tige Sachkenntnis wohl rich­tig; die Definition wird aber in künf­ti­gen Jahrhunderten gewiß ebenso schief erschei­nen, wie uns die Definition der Kalke aus der phlo­gis­ti­schen Zeit, die damals vorläu­fig rich­tig war. Das ist der letzte Grund, weshalb es Realdefinitionen nicht gibt, sondern nur Nominaldefinitionen.

Im Wesen nun der Worterklärungen scheint es mir zu liegen, daß sie Tautologien sind; rechts und links von dem Gleichheitsstriche oder der Kopula “ist” stehen die gleich­ge­setz­ten Glieder, und unsere Aufmerksamkeit macht so empfind­lich, daß durch ihr bloßes Hinblicken das rechte oder das linke Glied sich verwan­delt. Es ist, als ob unsere Aufmerksamkeit bald die rechte, bald die linke Schale einer gleich­ste­hen­den Wage anbli­cken wollte, und dieses Anblicken allein bald die rechte, bald die linke Schale zum Sinken brächte. Unsere ganze Weltanschauung ist in solchenTautologien nieder­ge­legt, in gleich­ste­hen­den Wagschalen, deren Gewichte durch den Grad unse­rer Aufmerksamkeit vermehrt oder vermin­dert werden. Hypothese oder vorläu­fige Definition ist alIes, in der Wissenschaft sowohl wie in unse­ren Werturteilen. Und der soge­nannte Fortschritt der Menschheit ist wie bei der Begriffsbildung von “Sterblichkeit” nur darin zu finden, in Werturteilen wie in der Wissenschaft, daß unsere Aufmerksamkeit feinere und feinere Gewichtsunterschiede bemerkt, d.h. erzeugt. Unsere Gesetzbücher haben heute tausend Paragraphen, wo einst zehn Gebote genüg­ten; unsere Lehrbücher sind ange­schwol­len. Aber wo der Richter, wo der Forscher mit gespann­ter Aufmerksamkeit hinblickt, da genü­gen ihm die tausend und aber­tau­send Tautologien nicht. Er legt der Tautologie, die im Blickpunkt seiner Aufmerksamkeit ist, auf der rech­ten oder auf der linken Schale ein mini­ma­les Gewicht hinzu.

So ist es die ehrli­che Aufmerksamkeit, durch welche wir denken. Und durch Erregung der Aufmerksamkeit wird von Forschern und Richtern die Welt gelenkt, von Rednern die Menge beein­flußt. Dafür nur ein einzi­ges Beispiel. Die ‘Epitheta ornan­tia werden in der Poesie, in der Redekunst und im alltäg­li­chen Gespräche unauf­hör­lich gebraucht, ohne logisch unter­ge­bracht werden zu können. Sagt z.B. ein Volksredner “die reichen Fabrikanten”, so fügt er gewöhn­lich im Zusammenhange seiner Darstellung dem Worte “Fabrikanten ” nur ein ‘Epitheton ornans hinzu. In seinem Sinne und im Sinne seiner Zuhörer wird der Begriff Fabrikant durch das Eigenschaftswort “reich” nicht im mindes­ten einge­schränkt. Der Redner will nicht aus der Klasse der Fabrikanten eine Unterklasse der reichen Fabrikanten heraus­he­ben. In seinem Sinne und im Sinne seiner Zuhörer ist: Fabrikant = reicher Fabrikant. Aber die Aufmerksamkeit der Zuhörer wird so stark auf das schein­bar wert­lose Eigenschaftswort gelenkt, daß ihnen die Gleichung “Fabrikant = reicher Fabrikant” für die Dauer der Rede und lange nach­her nicht als Hypothese, sondern als voll­stän­di­ger Induktionsschluß erscheint. Dieser Mißbrauch der Aufmerksamkeitserregung hat manches Schlimme und viel Gutes in der Welt gestif­tet. Ich wollte ihn nicht sitt­lich tadeln, sondern nur auf die psycho­lo­gi­sche Tatsache hinwei­sen, daß auch in solchen Fällen es unsere Aufmerksamkeit ist, was in uns denkt, was bei rich­ti­gen und falschen Tautologien oft unkon­trol­lier­bar den Ausschlag gibt.

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