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31. Abstraktion und Traum

Dem Spiel des Lichts auf unzäh­li­gen Wassertropfen glei­chen die Ideenassoziationen im wachen Zustande wie die im Traume. Im Traume wie im Wachen springt unsere Phantasie von einem Lichtpunkte zum ande­ren und baut die luftige Brücke des Regenbogens auf golde­nen Schüsselchen, die nirgendwo stehen.”

Die Sprache ist also die Hauptquelle aller Assoziationen; und sie ist die Quelle aller Assoziationen, also des Gedächtnisses oder des Denkens umso ausschließ­li­cher, je gebil­de­ter du Denken ist, d.h. leider, je allge­mei­ner, umfas­sen­der, abstrak­ter es ist. Das Kind mag noch mit dem Worte Apfel die spezi­elle Vorstellung eines Himbeerapfels oder eines Borsdorfer Apfels verbin­den, und mag darum mit dieser etwas konkre­te­ren Vorstellung den Apfelbaum des Onkels asso­zi­ie­ren und den Tag, an welchem es den Apfel gestoh­len hat. Der erwach­sene und gebil­dete Mensch denkt bei Apfel nicht mehr an eine bestimmte Sorte, er wird viel eher geneigt sein, mit dem Worte Apfel den Begriff Obst oder Nachtisch zu asso­zi­ie­ren. Man sieht, die Assoziation des Kindes geht ins Enge, die des gebil­de­ten und wohl­ha­ben­den Herrn ins Weite. Das wäre natür­lich nur ein gerin­ger Unterschied der Assoziationsrichtung Dazu kommt nun aber, daß der Himbeerapfel oder der Borsdorfer Apfel beim Kinde ein star­kes Assoziationszentrum ist, beim erwach­se­nen gebil­de­ten Herrn ein mini­ma­ler Punkt, auf welchen sich nur selten die Aufmerksamkeit rich­tet. Der gebil­dete Mann hat es eher mit dem Begriffe Frucht als mit dem Begriffe Apfel zu tun; und je nach seinem Berufe werden noch weit abstrak­tere Begriffe als Frucht die Zentralstellen seines Denkens sein.

Nun verlangt es aber schon beim Gebrauche des Wortes Frucht eine beson­dere Ursache, um mit diesem Worte die inten­sive Vorstellung einer beson­de­ren Fruchtsorte oder gar eines beson­de­ren Fruchtkörpers zu asso­zi­ie­ren. In den aller­meis­ten Fällen wird das Wort Frucht so verwen­det werden, wie wir die Sprache über­haupt gebrau­chen; wir geben Worte wie Banknoten aus und stel­len uns dabei gar nicht die Frage, ob dem Werte der Note im Schatze ein mate­ri­el­les greif­ba­res Unterpfand entspricht. Ich habe dieses alte Bild wohl schon öfter gebraucht. Hier sehen wir jedoch den Leichtsinn des Sprachgebrauchs noch heller beleuch­tet. Man sollte glau­ben, es wäre schon Oberflächlichkeit genug, wenn die Worte flüch­tig an die ihnen zu Grunde liegen­den Wahrnehmungen erin­ner­ten. Jetzt aber sehen wir, wie die Worte ohne beson­dere Ursache nicht einmal dies tun, wie die Ideenassoziationen gerade beim erwach­se­nen Berufsmenschen das Gebiet der Abstraktionen gar nicht verlas­sen. Achten wir auf ein Gespräch, dessen Mittelpunkt der Fruchtbegriff ist, so ist hundert gegen eins zu wetten, daß die Ideenassoziationen eher zu Fruchtpreisen, zu Fruchtreichtum, zu Fruchteinfuhr und ‑ausfuhr, zu Fruchtsaft u.s.w. führen werden als zu der Vorstellung eines indi­vi­du­el­len Apfels; und dabei gehört Frucht immer noch zu den Begriffen, welche ein Schüler konkret nennen wird.

Je höher das Gedankenleben eines Menschen sich erhebt, je geis­ti­ger sein Beruf ist, je abstrak­ter die Gegend, aus welcher er seinen Wortvorrat holt, desto selte­ner wird er nach der Gewohnheit mensch­li­chen Denkens auf die unmit­tel­ba­ren Sinneseindrücke als die letz­ten Ursachen seiner Begriffe reflek­tie­ren, desto siche­rer und unbe­wuß­ter wird er den Luftsprung von Wort zu Wort ausfüh­ren, desto ausschließ­li­cher wird seine Gedankenassoziation oder sein Denken von seiner Sprache beherrscht werden. Es ist das frei­lich nur ein ande­rer Ausdruck für unsere Überzeugung, daß das mensch­li­che Denken so arm ist wie die mensch­li­che Sprache, nicht arm an Zeichen, doch arm an Wert. In diesem Zusammenhang, hier, wo wir — die Erscheinung der Ideenassoziationen als die Grundlage dessen erkannt haben, was wir je nach unse­rem Standpunkte bald das Denken, bald die Sprache zu nennen gewöhnt sind, — in diesem Zusammenhange ahnen wir, wie unser Denken oder Sprechen uns, die wir in jedem Augenblicke von unse­rer engen Aufmerksamkeit getäuscht werden, nicht mehr ist als das Spielen des Sonnenlichtes über den unzäh­li­gen Wassertropfen, die vor uns aus einer Regenwolke nieder­fal­len. Jedem Betrachter ordnen sich Millionen Lichtpunkte zu einem ande­ren schö­nen und farbi­gen Regenbogen. Wir können den Regenbogen physi­ka­lisch verste­hen. Wir können uns des Regenbogens erfreuen. Aber der Regenbogen gehört nicht zur Wirklichkeitswelt.
Es kamen ihrer drei gezo­gen,
Erblickten einen Regenbogen.
Der erste sprach: “Es hat gereg­net,
Ja, meine Felder sind geseg­net.“
Der zweite rief. “Wie wonnig­lich!
Nichts gibt es schö­ner und nichts bunter!“
Der dritte aber baute sich
Darauf ein Haus und fiel herun­ter.
Dem Spiel des Lichts auf unzäh­li­gen Wassertropfen glei­chen die Ideenassoziationen im wachen Zustande wie die im Traume. Im Traume wie im Wachen springt unsere Phantasie von einem Lichtpunkte zum ande­ren und baut die luftige Brücke des Regenbogens auf golde­nen Schüsselchen, die nirgendwo stehen. Von PLATON bis SCHOPENHAUER ist das mensch­li­che Denken oft und oft mit den Träumen der Schlafenden vorg­li­chen worden. Ein Unterschied ist da nur für die gemeine Bedürftigkeit des wachen Menschen. Der Träumende hat recht, wenn er einen Unterschied nicht wahr­nimmt. Denn die Ideenassoziation des Traumes unter­schei­det sich vom wachen Denken nur dadurch, daß die bruta­len Sinne nicht immer wieder die Aufmerksamkeit auf irgend eine Notdurft des Lebens rich­ten, daß die Träume, unter sich zusam­men­hän­gend, mit der Wirklichkeit nur noch durch einen dünnen Faden verknüpft sind und höchs­tens ab und zu durch leise Mitteilungen der schla­fen­den Sinne neue Anregungen erfah­ren. Das ist wich­tig für die Geschäfte des Gehens und des Essens und des Geldverdienens. Im Traume können wir flie­gen, im Traume finden wir goldene Berge. Im Wachen nur stößt uns die Wirklichkeit den rauhen Weg der Notdurft.

Was wir jedoch über die Notdurft des Lebens hinaus unser Denken nennen, das ist wie der Regenbogen ein Spiel des Lichts, ein ande­res für jeden Menschen, das ist wie der bunte Teppich der Träume ein Spiel. So fest und sicher die Kreisforrn des Regenbogens subjek­tiv entsteht, ein ande­rer Kreisbogen für jeden Betrachter, so fest und sicher asso­zi­ie­ren wir in unse­rem stol­zen Denken die Farbe und die Raumform an den Gegenständen der Wirklichkeitswelt, die Raumform mit der Zeit, und niemand weiß zu sagen, ob die Verbindung des Raums mit der Farbe oder mit der Zeit mehr sei als der ewig wieder­keh­rende wache Traum der Menschheit. Wohl träu­men wir unsere Bilder ohne Worte. Wenn wir Worte träu­men, so träu­men wir wieder Gehörbilder, so träu­men wir Dialoge. Wir träu­men wort­los, weil im Traume kein Wollen, kein Interesse, also keine Aufmerksamkeit uns an die Notdurft des Lebens kettet. Wenn wir wachen, so orien­tie­ren wir uns an unse­ren Worten inner­halb unse­rer gemei­nen Interessen. Jenseits dieser Interessen sind die Worte nichts weiter als Träume, weil die Worte alle­samt Metaphern sind, Bilder, in denen unsere Vorstellungen wie Mücken durch­ein­an­der­schwär­men. Wenn wir einen Ton hoch nennen, so ist uns das Bild so geläu­fig, daß wir glau­ben, uns etwas dabei zu denken; aber im Altertum hat man die hohen Töne tief genannt und auch geglaubt, sich etwas dabei zu denken. Die Sprache ißt Ideenassoziation, und die Sprache ist meta­pho­risch. Der Traum ist Ideenassoziation, und der Traum schenkt uns eitel Bilder.

So ist die Sprache der ewige Traum der Menschheit, den wir für bedeu­tungs­voll halten, weil er bei jedem Erwachen wieder­kehrt und die glei­chen Bilder vorführt. Wir müssen uns befreien vom Aberglauben an die Sprache, wie wir uns befreit haben vom Glauben an die Bedeutung der Träume. Es gibt Traumbücher für aber­gläu­bi­sche Bettler, und der Verfasser eines philo­so­phi­schen Werkes ist geneigt, in einem Traumbuche etwas zu sehen, was mit seinem eige­nen Werke so wenig zu schaf­fen hat wie eine Seifenblase mit einer Pyramide. Ich aber fürchte: wenn man absieht von den Diensten, welche die Sprache der Notdurft erweist, ist die Sprache das Traumbuch der armen wort­gläu­bi­gen Menschheit. Wir haben uns gewöhnt, die Ideenassoziationen des ewig wieder­keh­ren­den Tagestraumes in Worten zu ordnen, weil wir sie im Gedächtnisse behal­ten woll­ten. Wir haben unser Gedächtnis durch den Gebrauch der Worte bis zum vermeint­li­chen Denken gestei­gert; und weil wir Worte haben, so glau­ben wir an sie. Aber nur gebun­den an die Worte sind die Assoziationen, nur noch unfreier sind sie gewor­den durch das Gebundensein. Dann hat man gar die Sprache durch Schrift und Druck noch fester gebun­den als durch den Sprachgebrauch und hat geglaubt, noch weiter gekom­men zu sein im Denken.

Jawohl, bis an die Sterne weit. Wie viel Menschen in Berlin wohnen und wie viel Häuser da stehen, und wie viel Zentner Mehl und Fleisch es im Jahre verbraucht, nur daßs wissen wir besser durch Schrift und Druck, als es möglich wäre durch die Sprache von Mund zu Mund. Vollends unfrei aber ist durch Schrift und Druck gewor­den, was von den Assoziationen unse­rer Vorstellungen schon durch die Bindung an das Wort unfrei gewor­den war. So belas­ten alle künst­li­chen Mittel unse­res Gedächtnisses diese Fähigkeit nur, anstatt sie zu berei­chern. Eine Befreiung aus dieser Unfreiheit gibt es nicht. Und selbst diese unsere Einsicht in die ernst­li­che Traumhaftigkeit unse­res Denkens ist keine Rettung aus der Nacht in den Tag oder aber aus dem Tagestraum in die nacht­wand­le­ri­sche Sicherheit des Schlaftraums, sondern nur eine vorüber­ge­hende Erlösung von dem Alp des Denkens, wie wohl mancher Träumer, inmit­ten der Angst eines geträum­ten Schreckens, plötz­lich in halbem Erwachen zu sich selber spricht: sei ruhig, es ist alles nicht wirk­lich.

Man würde die Sprache nicht so über­schätzt haben, wenn man diese mensch­li­che Äußerung nicht für ein unter­ge­ord­ne­tes Werkzeug eines viel höhe­ren Organs gehal­ten hätte, des Denkens, und wenn nicht das Denken wieder für eine Erscheinungsform einer noch höhe­ren Seifenblase genom­men worden wäre, der man darum gera­dezu gött­li­che Ehren erwei­sen mußte. Diese höhere Blase ist das soge­nannte Bewußtsein. Sieht man sich dieses Bewußtsein genau darauf­hin an, so bleibt nichts übrig als die Tatsache der Erinnerung. Mensch und Tier, ganz gewiß auch die Pflanze, da sie sonst nicht ein Organismus gewor­den wäre, haben ein Organ der Erinnerung. Diese Erinnerung kann gar nichts ande­res sein als die verhält­nis­mä­ßig dauernde Wirkung der momen­ta­nen Sinneseindrücke. Diese Wirkung müßte für bessere Apparate, als wir sie haben, mate­ri­ell nach­weis­bar sein. Das Denken, das Bewußtsein, die Sprache, das Gedächtnis, oder wie man sonst die Funktion des Gehirns nennen mag, ist der unge­heure Speicher der Erinnerung. Nur daß dieser Speicher die einzel­nen Beiträge nicht mecha­nisch unter­brin­gen kann, sondern wie in der Buchhaltung eines Weltspeichergeschäfts sich mit einer Art von Giro- und Scheckverkehr begnügt. Die unzäh­li­gen Sinneseindrücke wurden auf eine beschränkte Anzahl von Namen gebucht, von Firmen, die mitein­an­der in Verkehr stehen: von Worten.

Etwas näher kommt man diesem kompli­zier­ten Institut eines Erinnerungsspeichers viel­leicht durch einen ande­ren Vergleich. An das Berliner Telephonnetz sind unge­fähr so viele Firmen ange­schlos­sen, als der weiteste Weltkopf Wörter zur Verfügung hat. Bei der gegen­wär­ti­gen Einrichtung muß frei­lich das Fräulein im Amte das Beste tun, wie der alte liebe Gott beim alten lieben Okkasionalismus (Lehre von den gele­gent­li­chen Ursachen). Nun wäre aber eine Reihe unend­lich empfind­li­cher Apparate denk­bar, die auto­ma­tisch die Blase Selbstbewußtsein im Telephonnetz herstellt. Ich denke mir das so. Im Amt I wohnt mein einzi­ger Drucker, mit dem ich immer Ärger habe. Drücke ich nun, unbe­wußt vor Zorn heftig, auf den Knopf, so wird auto­ma­tisch Herr A in Amt I ange­ru­fen. Bei Amt II ist der einzige Onkel B ange­schlos­sen, bei dem ich schläf­rig nach seinem Befinden anfra­gen will. Der schläf­rige Druck löst Amt II aus und verbin­det mich dort mit meinem Korrespondenten Herrn B u.s.w. Bei Amt VI suche ich jedes­mal nur den einzi­gen Freund C und berühre unge­dul­dig den Knopf zwei­mal, was wieder durch Gewöhnung des Apparate an diesen feinen Unterschied auto­ma­tisch Amt VI bei C auslöst. Wiederholen sich solche Nüancen bei allen 20 000 Teilnehmern, so können im ganzen Telephonnetz hundert­tau­send von Kombinationen entste­hen, die ohne Mithilfe des lieben Gottes, der Seele oder des Telephonfräulein arbei­ten. Die gelehrte Psychologie würde es Gedankenassoziation nennen.

Mein geschick­ter Mechaniker, dem diese auto­ma­ti­schen Kunststücke gelun­gen sind, würde nun noch weiter gehen. Ich müßte gar nicht an den Apparat heran­tre­ten. Ein lautes Diktieren wird meinen Drucker in Amt I, ein hefti­ges Gähnen meinen Onkel in Amt II und ein tiefer Seufzer meinen Freund in Amt VI rufen und ihn zu einer Reaktion veran­las­sen. Zum Beispiel wird beim Drucker eine neue Druckmaschine das laut Diktierte auto­ma­tisch setzen, der Onkel wird zurück­gäh­nen und der Freund wird meinen Seufzer zurück­seuf­zen. Tritt zu dieser selbst­tä­ti­gen Gedankenbewegung nun noch ein Kontrollapparat, der alle Schwingungen der elek­tri­schen Leitungen, die im leben­di­gen Körper Nerven heißen, phono­gra­phisch so regis­triert, daß die Kurbel des Phonographen sich auf einen Reiz hin in Bewegung setzt und alles so lange herun­ter­lei­ert, bis ich ihm befrie­digt einen Stoß gebe; dann besitzt das Telephonnetz in der Tat einen selbst­tä­ti­gen Denkprozeß, die dazu nötige Sprache, die Erinnerung in der übli­chen Form der Schrift, und man kann ihm ehrli­cher­weise auch Selbstbewußtsein nicht abspre­chen.

Das Merkwürdige ist nur, daß dieses Wunder der Technik von unse­ren uner­hört klugen Ingenieuren noch nicht erfun­den worden ist, während die dumme Natur es in jedem leben­di­gen Organismus geschaf­fen hat. Wer daraus schlie­ßen wollte, der Organismus der Sprache sei ein rein mecha­ni­sches Kunstwerk, der wäre ein aber­gläu­bi­ger Materialist und würde immer wieder da enden, wo der moderne liebe Gott als Musterschüler eines Polytechnikums zu finden ist. BELL und EDISON sind keine Götter und die Telephonfräulein sind keine imma­te­ri­el­len Seelen. Wir verste­hen das Geheimnis der Erinnerung oder des Denkens oder der Sprache eben nur nicht, wie wir auch andere Geheimnisse der Organismen nicht verste­hen. Was wir mit den groben Zangen der Sprache nicht fassen können, das bleibt für uns unfaß­bar.

Seit Jahren und lange vor EDUARD von HARTMANN ist gesagt worden, daß das Gedächtnis von unbe­wuß­ten Vorstellungen gelei­tet werde. Die einfa­che Tatsache, daß der Schläfer von selbst in der Stunde aufwacht, zu der er aufste­hen wollte, mußte auf die Beobachtung eines Vorganges führen, welcher übri­gens nicht die Ausnahme, sondern nur die Regel ist.

Hier, wo das Bewußtsein nur ein flau­sen­haf­ter ande­rer Ausdruck für Gedächtnis ist, braucht das “Unbewußte” gar nicht beson­ders genannt zu worden. Was augen­blick­lich nicht im Blickfeld des Gedächtnisses ist, ist eben zur selben Zeit nicht im Bewußtsein; also von allen unse­ren unzäh­li­gen Vorstellungen ist immer nur eine oder eine Gruppe bewußt, alle ande­ren schwe­ben im “Unbewußten”; was aber eben­so­we­nig merk­wür­dig ist, als daß ein Esser immer nur einen Bissen auf einmal im Munde hat. Ein zwei­ter Bissen ist bereits im Magen, ein drit­ter auf der Gabel, ein vier­ter wird belieb­äu­gelt und die Hauptmasse liegt in der Schüssel.

Viel merk­wür­di­ger ist es aber, und doch auch eine ganz alltäg­li­che Tatsache, daß unsere Gabel des Gedächtnisses auf eine bestimmte Zeit, wie durch ein Uhrwerk, einge­stellt werden kann. Die Beispiele lassen sich hundert­fäl­tig aufzäh­len.

Ich schließe ein Buch und merke mir die Seitenzahl, da ich kein Eselsohr machen will; bis zum nächs­ten öffnen des Buches, also ein paar Stunden oder Tage, merke ich mir die Ziffer durch alle Ablenkungen des Lebens hindurch; habe ich aber die Seite wieder aufge­schla­gen, ist die Ziffer bald für immer verges­sen.

Ich gehe baden und merke mir ganz ohne Anstrengung die Nummer meiner Kabine; ich finde sie gedan­ken­los wieder und habe sofort die Nummer verges­sen, nach­dem das Gedächtnis seinen Dienst getan hat.

Ich bin auf der Straßenbahn abon­niert und weiß meine Nummer, eine vier- oder fünf­stel­lige Zahl. Im nächs­ten Vierteljahr erhalte ich meine neue Nummer; nach kurzer Zeit ist die alte verges­sen, die ich ein Vierteljahr mecha­nisch einge­übt hatte.

Dahin gehört auch der häufige Fall, daß ein Kind für eine Schulprüfung sehr rasch ein Gedicht auswen­dig lernt, die Sache auch zur Stunde gut aufzu­sa­gen weiß, sie aber nach­her sofort wieder vergißt.

Wollte ich nicht ganz ehrlich sein, so würde ich zur Erklärung von der hygie­ni­schen Notwendigeit des Vergessens und von der Macht des Bedürfnisses über die Seele reden. Davon später. Die Frage liegt hier etwas anders: Da es außer dem Gedächtnisse keine Seele, kein Bewußtsein gibt, da das Gedächtnis auch nichts ist als ein Wortzeichen eben für die Fülle von Wortzeichen, so möch­ten wir wissen, wer oder was unser Gedächtnis in solchen Fällen so lange und nur gerade so lange in Spannung hält, als wir es brau­chen.

Vor allem ist da auf kleine Selbsttäuschungen aufmerk­sam zu machen. Erstens geschieht das Merken für kurze Zeit nicht so plötz­lich, wie es scheint. Wie der Knabe vor der Prüfung sein Gedicht (oder der Schauspieler seine allzu rasch gelernte Rolle) immer wieder halb bewußt wieder­holt, so mögen wir auch — je nach der Wichtigkeit der Sache die Nummern oder Ziffern öfter wieder­ho­len und so gewis­ser­ma­ßen nicht auswen­dig lernen, sondern uns gegen­wär­tig halten. So daß sie eben nicht mehr gemerkt wird, wenn das Unbewußt-gegenwärtig-halten aufhört. Ich habe mich öfter darauf ertappt, solche erle­digte Zifferworte noch fest­ge­hal­ten zu haben, aus Zerstreutheit. Bemerkt man es, so wirft man das Wort aus seinem Gedächtnisse (es sind außer Ziffern sehr häufig Namen, Straßennummern, die Adressen von Bekannten), wie man ein benutz­tes Pferdebahnbillett fort­wirft. Oder noch besser: wie man in der Theatergarderobe die Nummer gegen seinen Überrock austauscht.

Zweitens aber glau­ben wir das Wort nach der Benutzungsfrist sofort zu verges­sen, weil wir niemals mehr darauf zurück­kom­men, weil wir aufhö­ren, es täglich oder stünd­lich einzu­üben. Mit der Zeit entschwin­det es auch für immer. Ich weiß heute nicht einmal mehr, welche Zimmernummer ich vor Jahren in Fonterossa hatte. Aber wenn ein Zufall uns z.B. zum Umkehren in die Badekabine zwin­gen würde, so fänden wir die Nummer wohl nach eini­ger Zeit im Gedächtnisse vor. Ich ließ einmal eine Droschke am Bahnhof warten; halb bewußt merkte ich mir (für wenige Minuten) die (vier­stel­lige) Nummer. Einige Stunden darauf hieß es: die Droschke wieder­fin­den. Es war etwas darin verges­sen worden. Ich hielt es zuerst für unmög­lich, mich auf die Ziffer zu besin­nen, endlich aber gelang es doch.

Zieht man also diese Selbsttäuschungen ab, so bleibt keine andere Schwierigkeit übrig als die alles Lebens: wie ist es möglich, daß ein Organismus exis­tiert, daß so ein Automat sich selbst bildet und gewöhn­lich seinem Nutzen gemäß arbei­tet? Wie der Magen und das Herz und die Galle, so arbei­tet auch das Gehirn “zweck­mä­ßig” für den Nutzen des Ganzen. Das ist das Geheimnis des Bewußtseins und wir erschwe­ren es uns dadurch, daß wir in der Sucht nach Personifikationen das Produkt des Gehirnes mit dem Götternamen Gedächtnis belegt haben, daß wir für die Einheit und den Zusammenhang der Vorstellungen den ande­ren Götternamen Seele haben, und nun — anstatt uns über das Phänomen des Lebens ein für alle­mal satt zu wundern — über jede Verwandtschaft zwischen Seele und Gedächtnis aufs neue in Verwunderung gera­ten. Nicht daß “Hand” auf fran­zö­sisch “main” heißt, ist merk­wür­dig, sondern die wirk­li­che Hand ist wunder­bar.

 

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