Zum Inhalt

27. Ähnlichkeit und Sprache

Unsere ganze Klassifikation der Natur, also unsere ganze Sprache ist begrün­det auf das wech­selnde Spiel von Ähnlichkeiten, von denen wir fast niemals wissen, ob sie zufäl­lige oder ererbte Ähnlichkeiten sind.”

Der alte grie­chi­sche Satz, der in seiner latei­ni­schen Übersetzung Similia simi­li­bus cognos­cun­tur (Ähnliches wird durch Ähnliches erkannt) unzäh­li­ge­mal wieder­holt worden ist, ist in seiner ursprüng­li­chen Bedeutung (der Stoffgleichheit von Seele und Außenwelt) für unsere Psychologie sinn­los gewor­den. Vielleicht ziehen wir aus seiner knap­pen Form Nutzen, wenn wir die Meinung der neue­ren Erkenntnistheorie etwa so ausdrü­cken: Ähnlichkeit empfin­den nennen wir erken­nen, wobei der Skeptiker noch hinzu­fü­gen wird: Ähnlichkeit empfin­den nennen wir irrtüm­lich erken­nen. Denn all unser vermeint­li­ches Erkennen ist verglei­chen­des Klassifizieren, wie wir ja sogar die einfachs­ten Empfindungsdaten unse­rer Zufallssinne als Klassifikationen kennen gelernt haben. Da wir nun alle mensch­li­che Tätigkeit, also auch das verglei­chende Klassifizieren des Gedächtnisses (der Sprache), auf irgend ein Lustgefühl oder ein Interesse zurück­zu­füh­ren suchen, so ist es nett, daß uns auch da eine ebenso alte Redensart zu Hilfe kommt.

Similis simili gaudet, das Ähnliche freut sich des Ähnlichen. Fassen wir den Gedanken streng in der Anwendung auf das Denken, so müssen wir beach­ten, daß die Freude ähnli­cher Tiere oder Menschen, z.B. in der Geschlechtsvermischung, gegen­sei­tig sein kann, daß aber in der Aufeinanderfolge von Sinneseindrücken immer nur der folgende etwas wie ein Lustgefühl in Bezug auf den voran­ge­hen­den hervor­ru­fen kann. Im Wiedererkennen ist ein Gefühlston des Interesses. Wir begrei­fen danach, daß der Organismus, von der Amöbe bis zum Menschen, ein Interesse daran hat, Ereignisse jeder Art, die kompli­zier­ten Gesichtszüge eines Freundes so gut wie die regel­mä­ßi­gen Stöße von Wärmeschwingungen verglei­chend zu klas­si­fi­zie­ren, zu benen­nen, und so zu dem zu gelan­gen, was wir Welterkenntnis nennen, was aber immer nur Empfindung von Ähnlichkeiten ist.

Seltsam ist es dabei, daß das deut­sche Wort “ähnlich” neue­ren Ursprungs ist. Vielleicht ist es (was ich nicht nach­wei­sen kann) eine Übersetzung von simi­lis, das von semel herstammt, “einlich”. (Das fran­zö­si­sche ressem­bler, ressem­blant, geht auf simi­lare oder simu­lare = ähnlich machen zurück; eine Anknüpfung des deut­schen Wortes ist aber weder an die latei­ni­sche noch an die italie­ni­sche Form belegt.) Vielleicht ist es aber doch, wie einmal vermu­tet worden ist, ein verdor­be­nes “analo­gon”, volks­ety­mo­lo­gisch mit Ahn in Zusammenhang gebracht, wo denn frei­lich in dem Worte “ähnlich” schon der Grund aller Ähnlichkeit mit hinein­ge­heim­nist wäre. Die Bedeutungsgeschichte des Wortes wird noch schwie­ri­ger, wenn man erwägt, daß simi­lis einst durch “gleich” über­setzt wurde, daß im Althochdeutschen “gelîh” für “ähnlich” über­wiegt und mund­art­lich wohl ein “einlich” für gleich noch heute vorkommt. Etymologisch ist “gleich” = einen ähnli­chen Körper, eine ähnli­che Gestalt habend (ge-Leiche). Ich versage es mir, näher auf eine andere Analogie, Ähnlichkeit, Gleichheit einzu­ge­hen. Das berühmte indi­sche Maya findet sich nämlich, soweit meine Kenntnisse eine solche kleine Entdeckung zulas­sen, häufig (wie ich schon vorher einmal kurz ange­deu­tet habe) als Endsilbe, genau wie like (Gestalt) als — lich. (vijn­ana­maya Atman =erkennt­nis­ar­ti­ges, wissent­li­ches Selbst; mano­maya Brahman=etwa gemüt­li­ches Wissen). Es ist also Maya, was Ähnlichkeit vorgau­kelt. Ich bin unsi­cher, weil der Gedanke fast zu geist­reich ist.

Die Ähnlichkeit dürfte noch einmal die wich­tigste Rolle in der Psychologie spie­len. Vielleicht hat man die Ähnlichkeit bisher instink­tiv darum vernach­läs­sigt, weil man sonst zu früh hätte einse­hen müssen, wie tief unser logi­sches oder sprach­li­ches Wissen unter unse­ren wissen­schaft­li­chen Ansprüchen stehe, wie weit entfernt unsere Begriffsbildung von mathe­ma­ti­scher Genauigkeit sei; denn unsere Sprachbegriffe beru­hen auf Ähnlichkeit, die mathe­ma­ti­schen Formeln auf Gleichheit.

Die Ähnlichkeit ist entschei­dend für uns, wenn sich Vorstellungen in unse­rem Gedächtnis zu Begriffen verbin­den. So wie auch daß schärfste Malerauge das Gesicht nicht im Gedächtnis behält, das es nur eine kurze Zeit gese­hen hat, so wie also alle Gesichtsvorstellungen Lücken haben, so wie wir beim Anhören eines Vortrags nur unge­fähr an unser Ohr schla­gen hören, was den Mund des Redners verläßt, so wie wir uns die unge­fäh­ren Gehörseindrücke nach ähnli­chen Erinnerungen ergän­zen (und viel öfter, als wir glau­ben, falsch ergän­zen), so decken sich ähnli­che Vorstellungen allmäh­lich unklar zu Begriffen. Wenn wir zahl­rei­che und recht ähnli­che Bilder dersel­ben Blume schließ­lich als Begriff Anemone zusam­men­fas­sen, und wenn wir die unähn­li­chen ande­ren Blumen schließ­lich nach zufäl­li­gen oder natür­li­chen Gesichtspunkten als Begriff Blume zusam­men­fas­sen, so ist hier wie dort ganz volks­tüm­lich und unwis­sen­schaft­lich die Ähnlichkeit entschei­dend. Unsere ganze Klassifikation der Natur, also unsere ganze Sprache ist begrün­det auf das wech­selnde Spiel von Ähnlichkeiten, von denen wir fast niemals wissen, ob sie zufäl­lige oder ererbte Ähnlichkeiten sind. So wenig ein fest umschrie­be­nes Erbrecht sich auf das lustige Spiel von Ähnlichkeiten grün­den ließe, wonach dann dieje­ni­gen die Erben eines Mannes würden, die ihm nach dem Urteil des Stadtklatsches ähnlich sehen, eben­so­we­nig kann also aus der volks­tüm­li­chen Sprache eine rich­tige Naturanschauung, eine natür­li­che Entwicklungsgeschichte heraus­ge­zo­gen werden.

Dabei möchte ich aber behaup­ten, daß diese bloße Ähnlichkeit, d.h. die wissen­schaft­li­che oder mathe­ma­ti­sche Unvergleichlichkeit der Dinge erst unser Sprechen oder Denken möglich gemacht hat, daß also erst die Lücken unse­rer Vorstellungen, die Fehler unse­rer Sinneswerkzeuge unsere Sprache gebil­det haben. Es ist also ganz was ande­res, wenn ich mit verzwei­fel­tem Lachen alle Ähnlichkeit auf das kranke Wesen der armen Sprache zurück­führe, und ganz was ande­res, wenn ein Schüler von WUNDT (Philos. Stud. V, 8. 135) alles Wiedererkennen ein Wiedererkennen durch Namen sein läßt; wie es nicht dassel­bige ist, ob ich die Götter bloße Namen nenne oder ob ein Kabbalist mit Hilfe der Götternamen Wunder verrich­ten will. Würde unser Gehirn von Natur auch nur annä­hernd so genau arbei­ten wie Mikroskop, Präzisionsthermometer, Chronometer und andere mensch­li­che Werkzeuge, würden wir von jedem Einzelding ein so schar­fes Bild auffas­sen und im Gedächtnis behal­ten, dann wäre die begriff­li­che Sprache viel­leicht unmög­lich. Es wäre uns dann einfach versagt, den Begriff Anemone zu bilden; die einzel­nen Anemonen wären einan­der zu unähn­lich.

Vielleicht sehen Insekten so scharf und können darum im Denken keine Fortschritte machen. Im Ernst, die ganze Begriffsbildung der Sprache wäre nicht möglich, wenn wir nicht unter lauter lücken­haf­ten Bildern umher­tapp­ten, eben wegen der Lückenhaftigkeit die Ähnlichkeit über­schätz­ten und so aus der Not eine Tugend mach­ten. Je weni­ger wir von etwas wissen, desto leich­ter werden wir von Ähnlichkeiten “frap­piert”. Wir können, wenn wir nicht Fachleute sind, gleich­far­bige Pferde oder Schafe kaum unter­schei­den; wir halten Individuen eines asia­ti­schen oder afri­ka­ni­schen Volksstammes unter­ein­an­der für weit ähnli­cher als uns. Alle Neger, alle Chinesen sind — für uns einan­der zum Verwechseln ähnlich, gleich. Der Germane findet alle Juden einan­der ähnlich. Darum ist es für den Zeichner so leicht, das typi­sche Bild eines Chinesen, eines Negers — für uns — zu schaf­fen. Eines Engländers, eines Deutschen für den Franzosen. Ich habe sogar einmal die Wirkung von Wissen und Unwissenheit an meinem Hunde Wolf beob­ach­tet. Wolf betritt mit mir einen Raum, in dem lebens­große plas­ti­sche Bilder einer Katze und eines Hundes aufge­stellt waren. Wolf knurrt die Katze an; weil er sie weni­ger kennt, läßt er sich täuschen, verwech­selt Bild und Natur, sie sind ihm gleich; den Hund kennt er besser, er läßt sich nicht täuschen.

So gebrau­chen wir über­haupt Ähnlichkeitsbilder oder Worte umso leich­ter, je unwis­sen­der wir sind. So ist also die mensch­li­che Sprache eine Folge davon, daß die mensch­li­chen Sinne nicht scharf sind. Es ist nicht der einzige Fall, wo gerade die Lücken oder Löcher in unse­rem Wissen ihm dien­lich sind; besäße die schüt­zende Haut keine Poren, so wäre sie dem Organismus tödlich. Ein geüb­ter Leser wird zu seinem Behagen von Druckfehlern nicht gestört, weil sein Auge die Zeilen nur à peu près (fast) über­fliegt und das Gehirn sich die Lücken nach unge­fäh­ren Ähnlichkeiten ergänzt; der Korrektor wird umsowe­ni­ger auf den Inhalt achten, als er die Druckfehler sieht.

Published inDas Wesen der Sprache 2

Kommentare sind geschlossen.