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24. Subjektivität

Die Subjektivität unse­rer Welterkenntnis beschränkt sich also nicht auf Empfindungen, Gefühle u.s.w., die Subjektivität gehört zum Wesen unse­res Denkens oder unse­rer Sprache.”

Jede Vorstellung ist allein die Wirkung der Außenwelt auf das Ich, also eine äußere Bewegung, die sich in ein Bild verwan­delt hat; jede Vorstellung ist real.

Jede Vorstellung ist aber auch die Reaktion der Innenwelt auf äußere Anregung, also einzig und allein eine innere Bewegung, also ideal.

Da werden von einem Subjekt “Vorstellung” entge­gen­ge­setzte Dinge ausge­sagt, und die Sprache hat nichts dage­gen. Aufmerksame Beobachtung wird zwar erge­ben, daß es gar nicht ein und dasselbe Subjekt ist; daß daß eine Mal beim Worte Vorstellung unwill­kür­lich an die bewir­ken­den Außendinge gedacht wird, das andere Mal bei demsel­ben Worte Vorstellung an die Gehirntätigkeit. Aber die Sprache ist voll von solchen feine­ren Zweideutigkeiten, und weil die Wirklichkeit ein Perpetuum mobile ist, so kann es eigent­lich gar keinen Begriff geben, der nicht wider­spre­chende Nüancen in sich enthielte. Und mit einer solchen Sprache kann man natür­lich alles bewei­sen, wie z.B. beim Begriffe Vorstellung, daß Außenwelt und ihr psychi­sches Korrelat in der Gehirnbewegung iden­tisch seien.

Was von den Vorstellungen gilt, das gilt auch von ihren unters­ten Voraussetzungen, den Empfindungen. Subjektiv ist unser Weltbild von seiner unters­ten Stufe, wo wir die Empfindungen nur meta­pho­risch eine Sprache nennen können, bis hinauf zu den dünns­ten Abstraktionen des Denkens.

Ich muß das Wort subjek­tiv” gebrau­chen, wie es die Sprache mir bietet. Die Sprache der Popularpsychologie. Denn einer ganz stren­gen philo­so­phi­schen Sprache gehört das Wort nicht mehr an, oder noch nicht, und der Gemeinsprache gehört es eigent­lich nicht an. Höchstens daß der Bildungsphilister und Fremdwörtersnob die Urteile (fast immer Werturteile aus dem Gebiete der Moral und der Ästhetik) subjek­tiv nennt, die aus einer Leidenschaft, aus einer Parteinahme geflos­sen, die darum nicht inter­es­se­los, nicht objek­tiv sind. Diesem verbrei­te­ten Gebrauch nahe steht die Bedeutung von “subjek­tiv”, wenn damit der beglei­tende Gefühlston jeder Erkenntnis, der Willensanteil an unse­ren Urteilen bezeich­net wird. Außerhalb der Welt der Werturteile. Abstrakter wird der Begriff, wenn er auf allen Bewußtseinsinhalt, auf unser gesam­tes Innenleben ausge­dehnt wird. Gegensatz: das einzig Objektive, das Ding-an-sich, von dem wir nichts wissen. Was wir etwa wissen, ist subjek­tiv. Der Mensch ist das Maß aller Dinge. “Der” Mensch, die Menschenart. Streng konse­quent wäre “subjek­tiv” nur, wenn nicht “der” Mensch, wenn du Individuum zum Maß aller Dinge gemacht würde. Der einzige, dessen Eigentum die Welt ist. (Dabei sehe ich von dem scho­las­ti­schen Gebrauch: subjek­tiv = wirk­lich oder objek­tiv — ganz ab, trotz­dem dieser Gebrauch z.B. im gram­ma­ti­schen Subjekt fortlebt.)

Wir sehen uns also wieder einem Falle gegen­über, wo die Sprache der Psychologie uns verhin­dert, auch nur zum Anfang einer Psychologie der Sprache zu kommen, wo die Sprache der Psychologie aus dem circu­lus vitio­sus nicht hinaus­ge­lan­gen kann, weil sie tauto­lo­gisch ist. So subjek­tiv ist unser Weltbild, daß auch der Einteilungsgrund in die Begriffe “subjek­tiv” und “objek­tiv” selbst wieder subjek­tiv ist. Das Weltbild, das unser Denken oder unsere Sprache auf den Mitteilungen unse­rer Sinne aufbaut, hat nur inso­fern eine objek­tive Gültigkeit, als die Mitteilungen dieser Sinne irgend­wie der Wirklichkeit ähnlich sind. Nun haben wir erfah­ren, daß unsere Sinne Zufallssinne sind, uns von irgend einem uranfäng­li­chen Interesse gelenkt — bestimmte Ausschnitte der Weltvibrationen ordnen, klas­si­fi­zie­ren, benen­nen, psycho­lo­gisch bear­bei­ten gelehrt haben. Die Zufallssinne, welche durch Erblichkeit bei allen Menschen gleich oder ähnlich sind und sich mit glei­chen oder ähnli­chen Vibrationen beschäf­ti­gen. So könnte man die sinn­li­che Unterlage unse­res Weltbildes ganz grob mate­ria­lis­tisch auffas­sen, jede Mystik und jede Skepsis weit von sich weisen, und eine Erkenntnis der Welt von einer zukünf­ti­gen Steigerung und Vermehrung unse­rer Sinne erwar­ten. Unser Weltbild wäre aber auch in seiner Unvollständigkeit objek­tiv, rela­tiv objek­tiv, wohlgemerkt.

Denn die Zufallssinne bieten ja doch nur das Rohmaterial unse­res Weltbildes. Selbst wenn wir davon abse­hen, daß die einfachste Wahrnehmung eines Tons, einer Farbe nicht zu stande kommen kann ohne Mitarbeit des Gedächtnisses, so ist jeden­falls unmit­tel­bar hinter dem Siebe unse­rer Sinne das Gedächtnis an der Arbeit, alle Sinneswahrnehmungen aufzu­spei­chern, zu ordnen, zu benen­nen und bei jedem Akte des Denkens oder des Sprechens aus dem Speicher zu wählen, was es mag. Dieses Gedächtnis nun aber ist indi­vi­du­ell. Was nicht indi­vi­du­ell ist, gehört gar nicht zur Psychologie, gehört besten Falls als Artgedächtnis zu den Bedingungen der Psychologie. Wir kommen also aber­mals zu der Unterscheidung: Wir nennen die Leistungen des Artgedächtnisses objek­tiv, wir nennen alle Leistungen des indi­vi­du­el­len Gedächtnisses subjektiv.

Die Subjektivität unse­rer Welterkenntnis beschränkt sich also nicht auf Empfindungen, Gefühle u.s.w., die Subjektivität gehört zum Wesen unse­res Denkens oder unse­rer Sprache.

Das Wort Empfindung hat eine lustige Geschichte hinter sich. Vor hundert Jahren bezeich­nete es irgend etwas sehr Hohes, wonach der Wert des Menschen gemes­sen wurde; man mußte ein Mensch von Empfindung sein, ein senti­men­ta­ler Mensch, wollte man nicht hinter seiner Zeit zurück­blei­ben. Heute wird das Wort “senti­men­tal” in ähnli­chem Sinne ange­wandt, um etwas Minderwertiges anzuzeigen.

Der wissen­schaft­li­che Sprachgebrauch in Deutschland unter­schei­det erst seit KANT, oder etwa seit TETENS, zwischen Empfindungen und Gefühlen. Unter Empfindungen will man verste­hen: die durch einen Reiz hervor­ge­ru­fe­nen, nach Qualitäten und Stärkegraden geschie­de­nen — ja was? welches Substantiv nehmen wir für die Definition? — also: Bewußtseinsinhalte. Ein noch genaue­rer Sprachgebrauch beschränkt das Wort Empfindungen auf die einfa­chen und einfachs­ten “Bewußtseinsinhalte”. Unter Gefühl versteht man dann gern den Nebenton von Lust oder Unlust, der — wie sich immer klarer heraus­stellt — mit jeder Lebensäußerung des Menschen also auch mit jeder Empfindung verbun­den ist. Alle diese Begriffe sind noch heute schwan­kend, wie jeder Übersetzungsversuch in eine der Sprachen lehren kann, die als Kultursprachen eben­falls eine psycho­lo­gi­sche Wissenschaft besit­zen. Wirklich fast jede Sprache hat ihre eigene Psychologie, was ein wenig mißtrau­isch machen könnte gegen die Allgemeingültigkeit psycho­lo­gi­scher Gesetze.

Nach diesem jetzt in Deutschland übli­chen Sprachgebrauche der Psychologie liegt es nahe, in den Gefühlen (wie eben an der zwei­ten Stelle der Bedeutungsschwankungen gesche­hen) die subjek­tive, in den Empfindungen die objek­tive Abteilung unse­res Bewußtseins zu erbli­cken. Und doch ist der krasse Materialismus des Altertums, der die Empfindungen in der Seele durch mate­ri­elle Teilchen der Außenwelt oder durch ihre Bilderchen entste­hen ließ, durch den verfei­ner­ten Materialismus so weit über­wun­den worden, daß keine Erkenntnistheorie mehr das subjek­tive Element auch der Empfindungen über­se­hen kann. Hat doch schon vor sechs­hun­dert Jahren der tapfere Nominalist OCKHAM die Subjektivität alle Sensationen (worun­ter er wahr­schein­lich Empfindungen und Gefühle verstand) ausge­spro­chen: “Sensationes sunt, subjek­tive in anima sensi­tiva.” Ich weiß wohl, daß der Begriff “subjek­tiv” wiederum für jene Zeit recht unge­nau war. Aber in diesem Zusammenhange ist ein Mißverständnis unmög­lich Und wenn OCKHAM seiner Erklärung noch die Worte auf “mediate vel immediate”, so trifft er unsere Meinung noch besser. Alle Daten unse­rer Gefühle, insbe­son­dere alle Gefühlstöne aller Empfindungen sind unmit­tel­bar subjek­tiv aber auch unsere Empfindungen, aus denen wir ein objek­tive Weltbild aufzu­bauen glau­ben, wie sich die wirk­li­che Wirklichkeitswelt aus noch objek­ti­ve­ren Atomen oder Energien den ganz hand­greif­li­chen und darum eben ganz unfaß­bare Dingen-an-sich, aufge­baut haben soll, alle unsere Empfindungen von Farben, Tönen, Gewichten, Gerüchen u.s.w. sind mittel­bar subjek­tiv, weil sie Mitteilungen unse­rer Zufallssinne sind, Mitteilungen also von Werkzeugen, die sie für die Not der Organismen, im Interesse der Organismen entwi­ckelt haben.

Die Subjektivität unse­res Weltbildes entsteht nun notwen­dig dadurch, daß einer­seits die Empfindungen schon des subjek­ti­ven Zufallssinnen entstam­men, ander­seits die aner­kannt subjek­ti­ven Gefühlstöne der Empfindungen sich an den Wahrnehmungen, Vorstellungen oder Erinnerungen erhal­ten und so bei allen Assoziationen mitklin­gen, aus denen sich unser Denken oder Sprechen zusam­men­setzt. Ich muß nur wieder einmal bekla­gen, daß mir für diesen Gedanken ein fester Sprachgebrauch der Worte nicht zur Verfügung steht. Denn ich kann nicht leug­nen, daß die subjek­ti­ven Qualitäten und Stärkegrade der Empfindungen den Menschen im ganzen und großen gemein­sam sind, daß “der” Mensch das Maß aller Dinge ist, weil unsere Zufallssinne sich durch Vererbung mitge­teilt haben, und daß diese Gemeinsamkeit in einem gewis­sen Sinne wieder Objektivität heißt. Gemeinsam im großen und ganzen sind aber den Menschen auch die subjek­ti­ven Gefühlstöne der Empfindungen; und so läßt uns die Sprache immer im Stich, wenn wir nicht durch Bildung einer eige­nen Sprache auf jede Verständigung verzich­ten wollen.

Was wir Gefühle nennen, sind also nur die subjek­ti­ven Begleitumstände der Empfindungen. Dieser Racker von Ich, der Zellenstaat des eige­nen Leibes, wird durch gewisse Empfindungen oder Wahrnehmungen ange­nehm berührt, durch andere unan­ge­nehm, und zwar bald unmit­tel­bar, bald aus der Erinnerung oder dem Bewußtsein her. Es ist das einzige an der Außenwelt, was er subjek­tiv empfin­det, weil er ja alle Wahrnehmungen als Objekt nach außen proji­ziert. Eben darin aber, daß er die Gefühle nicht proji­zie­ren kann, sie nicht nach außen werfen, nicht äußern kann, daß er sie bei sich behal­ten muß, darin liegt das Eingeständnis, daß er sie nicht in die Welt der Wirklichkeit einzu­rei­hen vermag. Sie sind also zugleich die nächs­ten Symptome eines Ich, also das Wirklichste jedes Menschen, und zugleich das Nichtigste für die Erkenntnis.

Gefühle stehen wohl zu den Wahrnehmungen in demsel­ben Verhältnis, wie der Wille zu unse­ren Bewegungen. Es sind Namen von Haltestellen, von Hemmungsstellen, die einen Namen gar noch nicht verdie­nen, solange wir sie nicht besser kennen.

(Gemeingefühl ist ein hübsches Wort, hinter dem nicht viel ande­res steckt als die bessere oder schlech­tere Gesundheit des Individuums. Die es erfun­den haben, soll­ten gezwun­gen werden, einan­der so zu begrü­ßen: “Wie ist Ihr Gemeingefühl?”)

Die Subjektivität der Gefühle ist so groß, daß die Frage der Kausalität (das Abc der Empfindungen) umsowe­ni­ger aufge­wor­fen wird, je stär­ker das Gefühl ist. Je stär­ker ein Schmerz, desto gleich­gül­ti­ger ist dem Leidenden eigent­lich die Ursache. Beim stärks­ten Schmerz schwin­det endlich die Kausalität gänz­lich: man verliert den Verstand.

Wenn man von den Notizen unse­res Bewußtseins dieje­ni­gen ausschei­det, die durch die Sinnesorgane verzeich­net worden sind, so wird der empfin­dende Mensch mit Schrecken gewahr, daß er für diese Stimmungen oder Zustände zwar das lebhaf­teste Interesse, aber keine Worte hat. Man nennt diese Notizen des Bewußtseins, diese uns unauf­hör­lich sprach­los beschäf­ti­gen­den Stimmungen: die Gefühlstöne unse­rer Empfindungen oder die Gefühle. Wir haben eigent­lich für die ganze Unzahl von Gefühlen nur einen Gattungsbegriff; ihre Beziehung nämlich zu unse­rem Wollen können wir allein ausdrü­cken. Wir mögen etwas oder wir mögen es nicht. Auf diese kleine Brutalität läuft schließ­lich alles hinaus, was unsere Gefühle gegen eine Farbe, einen Ton, eine Frucht, eine Blume, ein Klima, ein Weib, sonst einen Menschen, die Welt, das Leben ausdrü­cken können. Wenn wir Worte gebrau­chen wie Liebe und Haß, Lust und Unlust u.s.w., so fügen wir dem Gefühl, daß wir etwas mögen oder nicht, durch­aus keinen Gedanken hinzu. Und da unser Dasein oder rich­ti­ger unser Bewußtsein nur aus solchen Gefühlen besteht, da die benann­ten Empfindungen und Vorstellungen uns nur ihres Gefühlswertes wegen bewußt werden, so müssen wir uns auch von dieser Seite der Überzeugung nähern, daß der Kern unse­res Wesens mit der Sprache oder dem Denken nichts zu tun habe, daß unsere gesamte benannte Welt, die Empfindungs- und Vorstellungswelt, nichts weiter sei als eine über­sicht­li­che Registratur der Gefühlswelt.

Von hier aus erklärt sich durch Ähnlichkeit die Wortarmut unse­res Geruchsinns. Wenn wir sagen: Apfelgeruch oder Veilchenduft, so heißt das eigent­lich: Ich mag die Frucht essen. Es riecht, was mich an was Gutes erin­nert, oder: Ich mag diese Luft hier einsau­gen. Es riecht was, das mich an was Liebes erin­nert. Als unmit­tel­ba­rer Diener unse­res Nahrungsbedürfnisses braucht der Geruchssinn nichts weiter zu sagen. Die mittel­ba­ren Diener, wie Ohr und Auge, müssen wort­rei­cher sein. So müssen die Beamten des Königs in den Provinzen gelehrte Schreibersleute sein; sein unmit­tel­ba­rer Diener, der ihn viel­leicht beherrscht, braucht nicht lesen und schrei­ben zu können. Der erste Minister braucht nur schwei­gen zu können und nichts zu tun. Was vor dem bekann­ten Scherzwort des Fürsten Hohenlohe schon HAMANN gewußt hat (Schriften, heraus­ge­ge­ben von ROTH, I, Seite 201.)

So wie der fast sprach­lose Geruchsinn zum Magen des Menschen, so stehen die meist sprach­lo­sen Gefühle zu seinem ganzen Leben. Und mit demsel­ben Recht, mit welchem man Erdbeergeruch, Himbeergeruch, Reseda‑, Veilchenduft für Worte, für Begriffe hält, mit demsel­ben Recht könnte man jedes mensch­li­che Begehren und jeden Trieb als einen Begriff bezeich­nen. Die kriti­schere Sprache aber kennt solche Worte nicht, sie hat keine klaren Gefühlsausdrücke, eben weil unsere Gefühle das Leben selbst sind, unsere Natur selbst, und weil die Natur der Sprache unzu­gäng­lich bleibt.

Die “objek­tive”, unper­sön­li­che, stim­mungs­freie Logik folgt hinter dem Denken drein, wie die Leichenöffnung hinter dem Leben. Der Mensch denkt, wie er will. Natürlich nicht freier, als sein Wille ist. Also nur wie er will, unfrei nach seinen Wünschen, nach seinem Temperament. Les gran­des pensées vien­nent du coeur. (Die großen Gedanken kommen vom Herzen. / VAUVENARGUES) Lassen wir die senti­men­tale Ausdrucksweise fort, so heißt das: Unsere Gedanken, nament­lich die für uns wich­ti­gen, die uns die großen erschei­nen, stam­men aus unse­rem Willen, aus unse­ren Stimmungen. Deshalb können einan­der die Anhänger verschie­de­ner Weltanschauungen nicht über­zeu­gen. Wer seinen Gott behält, tut es aus Bedürfnis; wer die Wahrheit sucht, tut es ebenso aus Bedürfnis. Schläge verdient nur der Heuchler.

Das alles liegt auf der Hand. Nun lehrt aber eine trau­rige Beobachtung, daß diese Subjektivität aller unse­rer Gedanken nicht etwa eine störende Beigabe, sondern daß die Subjektivität und Relativität allem unse­rem Denken wesent­lich ist, wie viel­leicht unser ganzes Denken nichts weiter ist, als der Umschaltungsapparat zwischen unse­rem subjek­ti­ven Empfinden und unse­ren subjek­ti­ven Handlungen; wobei dann die Sprache frei­lich nichts wäre als das Geräusch des Umschaltungsapparates.

Von der Geburt bis zum Tode hat jede Empfindung eines jeden unse­rer Sinnesorgane für uns ein persön­li­ches Verhältnis zu unse­rem Wohlsein, zu Lust oder Unlust. Vor unse­rer Geburt hat das subjek­tive Interesse der Organismen die rela­ti­ven Dinge-ansich, die Weltvibrationen, geord­net, nicht nach unse­ren Sinnen, sondern zu unse­ren Sinnen. Subjektiv, rela­tiv ist die Möglichkeit unse­rer sinn­li­chen Wahrnehmung, das Verhältnis zwischen unse­ren Zufallsinnen und der Welt, eine Relation. Unser Gedächtnis trifft dann die weitere Auslese und füllt den Speicher der laten­ten Vorstellungen mit dem, was ihm subjek­tiv wich­tig scheint. So bleibt das Denken subjek­tiv, von den einfachs­ten Sinnesreizen ange­fan­gen bis zu den kompli­zier­tes­ten Begriffen, bis hinauf zu Raum, Zeit und Kausalität. Unser Kopf ist der subjek­tive Kreuzungspunkt der Koordinaten des Raums. Unser Herzschlag ist die Wehr der Zeit, die subjek­tive Schleuse, bis zu welcher die Zukunft lang­sam und unauf­halt­sam heran­fließt, um hinter ihr jählings hinun­ter zu stür­zen. Und auch unsere Vorstellungen von Grund und Folge, von der Kausalität alles Geschehens, sind und blei­ben subjek­tiv. Nicht nur der grobe Verstand denkt so, als ob die Welt um des Menschen willen geschaf­fen sei, d.h. natür­lich für jeden einzel­nen um seines Ich willen, sondern auch dem schär­fe­ren Verstand wird es schwer, sich von der Relativität aller gegen­sei­ti­gen Wirkungen zu über­zeu­gen, Die mensch­li­che Sprache, welche vom gemeins­ten Egoismus des Ich oder des Stamms erfun­den ist, hindert zumeist, die Relativität aller Wirkung zu durch­schauen. Sie beach­tet die Dinge nach dem Erhaltungstrieb des Ich.

Da kommt z.B. irgend eine Frucht mit dem Magensaft zusam­men. Es ist voll­kom­men rela­tiv, ob man sich da Magensaft oder Frucht aktiv denkt. Beide Stoffe wirken aufein­an­der und es ist ihnen ganz gleich­gül­tig, was die Chemie aus ihnen machen wird, fast so gleich­gül­tig, wie Liebesleuten ihr künf­ti­ges Kind ist. Für den Menschen aber ist der Magensaft ein Teil seines Ich, die Frucht das Fremde, das er sich einver­lei­ben will. Und so heißt dann die Frucht subjek­tiv, d.h. rela­tiv: nahr­haft, unver­dau­lich oder giftig. So wird der Cholerabazillus, je nach­dem er im Blute eines mensch­li­chen Individuums umkommt oder sich entwi­ckelt, je nach­dem also der Mensch gesund bleibt oder krank wird — so wird der Cholerabazillus seiner­seits das Blut krank oder gesund nennen, voraus­ge­setzt, daß der Kommabazillus exis­tiert und reden kann. (Zu nicht gerin­ger Freude finde ich die glei­che Relativität des Begriffs “Giftigkeit” bei MONTAIGNE; er erzählt nach PLINIUS von einer Art indi­scher Fische, die giftig seien für den Menschen, während der Mensch wieder für sie so giftig sei, daß seine bloße Berührung sie töte.

Schade daß MONTAIGNE LESSINGs Wort “für den Menschen” nicht kannte.

So rela­tiv sind ganz deut­lich alle Bewegungen. Auf dem Flußschiffe glaubt der Mensch, die Ufer beweg­ten sich in entge­gen­ge­setz­ter Richtung an ihm vorüber; viel schein­ba­rer wird diese Bewegung, wenn man sich auf einem großen Floß mit den Wellen trei­ben läßt. Hätte die Flintenkugel Intelligenz, sie müßte sich ruhend wähnen und die Welt an sich vorüber­flie­gend sehen. Hätte der Kreisel Intelligenz, er stände still und würde wissen, daß die Erde mit den Bäumen und mit den Wolken, mit der Sonne und mit dem ganzen Weltall sich mehrere Male in jeder Sekunde um den Kreisel herum­dreht. Es wäre das der krei­sel­ge­mäße, tropo­zen­tri­sche Standpunkt. Auf diesem steht die mensch­li­che Sprache.

Eigentlich haben, seit­dem es Versuche einer Welterklärung gibt, alle Denker die Relativität der mensch­li­chen Welterkenntnis gelehrt, lachend oder trau­rig, pries­ter­lich oder höhnisch gelehrt. Es ist ein Irrtum, diese Lehre bloß für die Skeptiker in Anspruch zu nehmen.

Alle haben so gedacht: daß das Gegenteil des Relativen, das Absolute, uner­kenn­bar sei (SPENCER: unkno­wa­ble), im Grunde eine nega­tive Idee (HAMILTON). Nur daß jeder Systematiker von den Lasten des Relativismus gern ein klei­nes, wert­vol­les, unver­äu­ßer­li­ches Fideikommiß ausschloß, sein persön­lich subjek­ti­ves Absolutes, wie KANT seine aprio­ris­ti­schen Ideen. Nur den alten und neuen Hegelschülern war es vorbe­hal­ten, so mons­tröse Sätze zu bilden wie: “Was wahr ist, ist abso­lut, ist an sich wahr.” Ein Unzünftiger, der weise GOETHE, hat für immer darauf geant­wor­tet:
“Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt, so heiße ich’s Wahrheit. Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch immer diesel­bige.“
Die Philosophen tun sich nicht wenig darauf zu gute, daß sie die Wahrheit ohne Nebenmotive suchen, daß ihre Einsicht von keiner Nebenabsicht, von keinem Interesse gelei­tet werde; und SCHOPENHAUER hat gar dem willen­lo­sen Intellekt nicht nur die Welt der Vorstellung, sondern auch beson­ders das Reich der Kunst zuge­wie­sen. Nun ist es ja gewiß rich­tig, daß der Forscher nicht weiter kommt, wenn er bei seinen Bemühungen neben­her nach einer seiner drei großen Absichten der Verdauung, der Artvermehrung und der Eitelkeit schielt. Also es gibt wirk­lich einen sonst mäch­ti­gen Willen, der schwei­gen muß, wenn wir was wissen wollen. Aber wissen wollen wir eben auch. Das Wollen des Wissens ist auch ein Wollen; und der Forscher will nicht über­haupt etwas wissen, wie junge Leute glau­ben; er will etwas Bestimmtes wissen, er will wissent­lich wissen, was er zu wissen glaubt. Jedes Wort erhält unwill­kür­lich eine Tönung durch sein Wollen.

Dies dürfte selbst für die dunk­len Abgründe der ursprüng­li­chen Wahrnehmungen rich­tig sein, die wir unse­ren Zufallssinnen verdan­ken. In unend­li­cher Abtönung gehen in der Welt die unzäh­li­gen mögli­chen Farben der Palette inein­an­der über, in unend­li­cher Abtönung gibt es in einer Oktave unzäh­lige mögli­che Töne. Wir aber sehen und benen­nen nur sieben Grundfarben, wir hören und benen­nen nur sieben Grundtöne, und wie wir im Naturreich trotz der unend­li­chen Mannigfaltigkeit der Varietäten auch nach DARWIN Arten benen­nen gemäß unse­rer Bequemlichkeit und sons­ti­gem Nutzen, so entspre­chen die sieben Wahrnehmungsfarben ohne Zweifel der Bequemlichkeit, also dem Nutzen, also dem Willen, dem Urzeitwillen unse­rer Sinnesorgane. Wer weiß, was für Farben die Fliege sieht.

Ist so schon bei der unmit­tel­ba­ren Wahrnehmung (und wie erst bei der Wahl des Gesichtsfeldes und Gesichtswinkels!) unser Wollen färbend und tönend betei­ligt, um wie viel mehr beim Denken, d.h. beim inne­ren Auftauchen der Worte oder Erinnerungsbilder. Sonst wäre auch das Denken keine Anstrengung. Willenloses Denken ist Traum. Die Psychologie hat fast keinen ihrer Teile so oft und so einge­hend behan­delt, wie die Assoziation der Gedanken; und doch hat sie dabei den Einfluß des unbe­wuß­ten Willens fast immer vernachlässigt.

Die Gedanken oder Worte, die aus dem Vorrat auftau­chen, entspre­chen immer unse­rer Bequemlichkeit oder unse­ren Zwecken. Und wenn ich in diesem Augenblicke den Einfluß des Willens auf das Denken bewei­sen will, so fallen mir schnel­ler die Gründe als die Gegengründe ein.

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