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12. Vernunft und Verstand

Worte wie Pflanze, Tier, Himmel, Licht, Sprechen, Denken, Vernunft, Verstand, Leben, Tod, Gesundheit, Krankheit u.s.w. gebrau­chen wir nur darum, weil wir sie ererbt haben, genau so, wie das eben ausge­kro­chene Küken das Körnchen aufpickt…”

Dies steht der Erkenntnis der Wahrheit am starrs­ten im Wege, daß die Menschen alle glau­ben zu denken, während sie doch nur spre­chen, daß aber auch die Denkgelehrten und Seelenforscher alle­samt von einem Denken reden, für welches das Sprechen höchs­tens das Werkzeug sein soll. Oder das Gewand. Das ist aber nicht wahr, es gibt kein Denken ohne Sprechen, das heißt ohne Worte. Oder rich­ti­ger: Es gibt gar kein Denken, es gibt nur Sprechen. Das Denken ist das Sprechen auf seinen Ladenwert hin beur­teilt.

Wenn ich nur stark genug sagen könnte, wie gemein die Worte des Alltags, die Worte der Gemeinsprache zwischen gemei­nen Menschen sind. Worte sind einge­sal­zene Heringe, konser­vierte alte Ware. Wer zu denken glaubt, der hat Hunger nach Mitteilung, und darum schmeckt ihm die einge­sal­zene alte Ware. Und wenn man mag, so darf man das Denken mit der Heringslake verglei­chen, die das konser­vierte Zeug um so reicher umspült, je weni­ger Ware im Umfang und Begriff der großen Tonne noch vorhan­den ist, die, an sich wert­los und kraft­los, sich für die Hauptsache hält — und in die Ladenschwengel und Köchinnen und andere denkende Menschen mit schmut­zi­gen Fingern hinein­pat­schen, einen elen­den Hering zu gattern, und sich nach­her die Lake von den Fingern lecken, um andachts­voll mit Ladenschwung und Küchenernst zu sagen: Das schmeckt salzig, das ist das Denken. Und die spre­chen­den Menschen sind das Salz der Erde.

Noch schlim­mer als um die Ästhetik des Denkens steht es um seine Ethik. Die ältere Medizin, die noch nicht von den Wirkungen der ausge­at­me­ten Kohlensäure wußte, schrieb die Schädlichkeit des Menschengedränges einem Gifte zu, dem Anthropotoxin. Das wahre Anthropotoxin oder Menschengift ist das Sprechen.

Ein Denken über dem Sprechen, eine Logik über die Sprachlehre hinaus, einen Logos über die Worte hinaus, Ideen über die Dinge hinaus gibt es so wenig wie eine Lebenskraft über dem Lebendigen, wie eine Wärme über der Wärmeempfindung, wie eine Hundheit über den Hunden. Und wem ein Gefallen geschieht mit abstrak­ten Worten, der mag immer von einer Sprachigkeit reden, die zum Sprechen führt, sein Wissen wird davon etwa so viel gewin­nen wie von: die Tiere haben freie Bewegung, weil sie beweg­lich sind. Oder noch besser — die Tiere haben freie Bewegung, um die Beweglichkeit zu ermög­li­chen. Die Menschen spre­chen, weil sie (denken) die Sprachigkeit besit­zen. Die Menschen spre­chen, um ihre Sprachigkeit zu zeigen (um zu denken).

Der Irrtum ist wohl daher entstan­den, daß man dem Denken, der Sprachigkeit wie ande­ren -heiten und -keiten und -schaf­ten irgend etwas Gespenstisches, Göttliches, Übermenschliches als Diadem auf den kopf­lo­sen Rumpf gestülpt hat. Da müssen dann die -heiten und -keiten und -schaf­ten und mit ihnen natür­lich das Denken etwas extra Anständiges sein. Nun ist aber das Sprechen offen­bar gewöhn­lich ein Geschnatter, in besse­ren Fällen ein Kellnerbefehl oder eine Notiz. Da muß also hinter dem alber­nen Sprechen noch das Denken stehen, das kopf­lose Abstraktum mit dem Königsdiadem. Es klingt furcht­bar vornehm: Denken. Wer denkt, der spricht. Und umge­kehrt. Wer spricht, der denkt. Woraus zu entneh­men, wie gemein das Denken ist.

Wenn PLATONs Wort, das Denken sei ein inner­li­ches Sprechen, ein Urteil über zwei klar defi­nierte Begriffe enthielte, so wäre die Identität von Denken und Sprechen eine sehr alte Behauptung; denn auf die rela­tive Qualität des Laut oder Leise kommt es umso­we­ni­ger an, seit­dem auch beim stum­men Sprechen oder arti­ku­lier­ten Denken Bewegungsgefühle nach­ge­wie­sen worden sind. Aber die Gleichsetzung von Denken und Sprechen ist immer noch so ein gewag­ter Gedanke, daß auch in diesem Buche, so oft das Denken mit dem Sprechen iden­ti­fi­ziert wurde, das Sprachgewissen hinter­her vor dieser Gleichung warnte. Sprachkritik ist selbst­mör­de­risch, weil Kritik aus der Vernunft, also aus der Sprache stammt. Schon 1784 schrieb HAMANN an HERDER “Wenn ich auch so beredt wäre wie DEMOSTHENES, so würde ich doch nicht mehr als ein einzi­ges Wort drei­mal wieder­ho­len müssen: Vernunft ist Sprache logos. An diesem Markknochen nage ich und werde mich zu Tode darüber nagen.” Es ist nicht bloß Bescheidenheit, wenn HAMANN da von seinem Markknochen” spricht, und dann wieder von seinem “Misthaufen” (im Gegensatz zu HERDERs “Lustgarten”.

Es ist mehr. Sprachkritik ist bedenk­li­cher als jede andere wissen­schaft­li­che Disziplin. Das Werkzeug, die Sprache, empört sich, will mitre­den. Auch bei dem Satze: Vernunft ist Sprache. Die Sache ist darum so schwie­rig, weil wir auch heute noch eine klare Definition weder des Sprechens noch des Denkens besit­zen. Die Unsicherheit über das Wesen der Sprache möchte noch hinge­hen, weil man doch wenigs­tens für prak­ti­sche Zwecke unge­fähr eine Vorstellung beim Gebrauche des Wortes Sprache hat. Das Wesen des Denkens jedoch ist so unfaß­bar, daß man sich jedes­mal etwas ande­res vorstellt, je nach­dem man dem Denken dieses oder jenes Prädikat gibt. Sagt man das Denken ist Sprache, so stellt man sich eben sofort oder unmit­tel­bar vorher unter dem Denken gerade das Sprechen vor.

Wie dem auch sei, kein Mensch hätte für sich allein genü­gende Erfahrungen gesam­melt, um aus ihnen heraus das unge­heure Gerüst seiner Muttersprache (in deren laten­ten Klassifikationen all seine Welterkenntnis und all sein Schließen, also all sein Denken aprio­risch steckt) aufbauen zu können; den weit­aus größ­ten Teil seiner Sprache, den er für erwor­be­nes Gedächtnis hält, hat er ererbt; darum verwen­det der Durchschnittsmensch seine Sprache auch so gedan­ken­los; denn von nichts gilt so sehr wie von der Sprache: “Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besit­zen.” Es steckt also in dem Gebrauch der Muttersprache eine unver­hält­nis­mä­ßig große Masse von ererb­tem, nicht erwor­be­nem, nicht nach­kon­trol­lier­tem Gute, das auf Treu und Glauben benutzt wird. Man könnte das in historisch‐philosophischem Scherze auch so ausdrü­cken, daß der denkende Mensch nur erwor­bene Begriffe anwen­den sollte, daß er aber unbe­wußt viel häufi­ger ange­bo­rene Begriffe ausspre­che.

Natürlich meine ich damit nicht die ange­bo­re­nen Begriffe der älte­ren Psychologie, sondern das, was in unse­ren Alltageworten an ererb­ten, nicht nach­kon­trol­lier­ten Klassifikationen und Abstraktionen steckt. Wem das klar gewor­den ist, der wird nicht daran zwei­feln, daß wir, und wären wir Doktoren der Philosophie, Worte wie Pflanze, Tier, Himmel, Licht, Sprechen, Denken, Vernunft, Verstand, Leben, Tod, Gesundheit, Krankheit u.s.w. nur darum gebrau­chen, weil wir sie ererbt haben, genau so, wie das eben ausge­kro­chene Küken das Körnchen aufpickt, wie die Amsel ihr Nest baut. Die noch unter dem mensch­li­chen Verstande einge­ord­nete Denktätigkeit der Tiere nennen wir Instinkt; die über dem mensch­li­chen Verstande klas­si­fi­zierte Denktätigkeit in Worten nennen wir Vernunft. Wir haben aber jetzt schon in erster Andeutung erfah­ren, daß in dieser Vernunft eine Masse ererb­ter, nicht indi­vi­du­ell erwor­be­ner, nicht nach­kon­trol­lier­ter, also, instink­ti­ver Denktätigkeit versteckt ist. Man wende mir jetzt nicht wieder ein, daß die Sprache noch etwas außer ihren Teilen sei, daß das Abstraktum Sprache etwas sei außer den Worten. Nimmt man von einem Gebäude alle Steine fort und alles andere Material, so kann ein Erinnerungsbild übrig blei­ben, aber ein Gebäude ist nicht mehr da. Die Sprache an sich ist ein wesen­lo­ses Unding und kann immer noch, wenn es einem Spaß macht, dem Denken an sich gleich­ge­setzt werden.

Nun voll­zie­hen sich Verstandesoperationen aber sehr oft ohne Mitwirkung der Sprache und sind doch Denktätigkeiten. Wenn ein Ingenieur eine Brücke von hundert Meter Spannweite zu bauen hat, so braucht er dabei aller­dings gewöhn­lich die Sprache, aber doch nur inso­fern, als Formeln und derglei­chen ihm die Arbeit erleich­tern. Besäße er Balken von der nöti­gen Länge und eine entspre­chende Körperkraft, so würde er bei der Arbeit sprach­los blei­ben, in ande­rem Sinne als die Zuschauer. Und tatsäch­lich voll­zieht sich das eigent­li­che Brückenbauen so gut wie sprach­los, höchs­tens daß Bestellungen bei den einzel­nen Fabriken ein paar tech­ni­sche Ausdrücke und Ziffern erfor­dern. Das ist Verstandesarbeit. Springt ein Mensch oder ein Hund über den Graben, so mißt er dabei sprach­los die Entfernung. Auch das ist Verstandesarbeit. Sieht der Mensch oder der Hund jenseits des Grabens eine Erdbeere oder einen Hasen, das, was ihn lockt, so hat er doch nur die Veränderung auf seiner Netzhaut gedeu­tet und über den Graben hinüber proji­ziert, was aber wieder Verstandesarbeit war. Auf diese letzte Art von Verstandesarbeit, auf das Ausdeuten der Sinneseindrücke (auch das einfachste Sehen, Hören u.s.w. ist, wie wir jetzt wissen, Verstandesarbeit, ein Ausdeuten von Reizen, die erst durch Verstand zu Empfindungen werden) läuft alle Denktätigkeit des Verstandes hinaus.

Diese Tätigkeit ist aber doch nichts ande­res als eine erwor­bene Fähigkeit, das Individuum der Außenwirkung anzu­pas­sen, welche wir Wirklichkeit nennen. Ohne Begriffe oder Worte kommt auch da kein Mensch und kein Hund aus. Größenverhältnisse sowohl wie Gesichtsbilder sind ererbte Vorstellungen, und nur darum fehlt uns bei ihnen das Bewußtsein von Worten oder Begriffen, weil diese Verstandestätigkeiten unend­lich einge­übt worden sind, seit­dem es Organismen auf der Erde gibt, und weil diese Tätigkeiten dadurch auto­ma­tisch gewor­den sind. Es gibt nur eine Vorstellung, die noch mehr einge­übt ist, die durch noch zahl­rei­chere Experimente unser gewor­den ist, die oberste welt­bau­ende Vorstellung von einer Wirklichkeitswelt da drau­ßen. Diese Vorstellung scheint uns komi­scher­weise unbe­weis­bar, weil sie unauf­hör­lich bewie­sen wird. Wenn wir essen, voll­zie­hen wir jedes­mal den Beweis, daß Außenwelt zu Innenwelt werden kann. Die Verstandestätigkeit scheint uns begriff­los, weil es keinen Blick und keine Fingerbewegung gibt, ohne daß Raumbegriffe u.s.w. mitge­übt würden. Ist der Graben, über den der Mensch zu sprin­gen hat, eine Elle breit, also nicht brei­ter als der unend­lich oft einge­übte mensch­li­che Schritt, so springt der Mensch gedan­ken­los hinüber; sein Verstand arbei­tet auto­ma­tisch. Ist der Graben über die Gewohnheit hinaus breit, so denkt der Mensch vor dem Sprunge, und der Hund bellt viel­leicht. Ist die Spannung gar hundert Meter breit und der Ingenieur auf diese Breite nicht gerade so einge­übt, daß er auch diesen Sprung auto­ma­tisch voll­zieht, so arbei­tet der Verstand nicht mehr geräusch­los: der Ingenieur denkt und schreibt Ziffern. Nur die Natur hat keinen Verstand, keine Vernunft, keine Sprache. Wer die Natur zur Lehrerin nehmen könnte, wäre weise ohne Sprache.

Published inDas Wesen der Sprache 2

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