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39. Erkenntnisse und Wirklichkeit

Nicht ein Traum ist unsere Lehre, sondern die wache Besinnung darüber, daß wir an der Wirklichkeitswelt zwei­feln müssen, daß sogar ganz gewiß das Wort Wirklichkeit ein Bild für die Ursache der Sinnesempfindungen ist.”

Die Unerkennbarkeit des Subjekts des Ichs ist schon im Upanishad abgrün­dig ausge­spro­chen (nach DEUSSEN): “Nicht sehen kannst du den Seher des Sehens, nicht hören kannst du den Hörer des Hörens, nicht verste­hen kannst du den Versteher des Verstehens, nicht erken­nen kannst du den Erkenner des Erkennens.” Wie denn im Upanishad die Mystik des vedi­schen Wissens über­wun­den und das Nichtwissen gelehrt wird.

Die Unmöglichkeit aller Erkenntnis durch die Sprache wäre sogar mathe­ma­tisch zu bewei­sen, wenn eine Anwendung solcher Formeln auf psycho­lo­gi­sche Fragen nicht schon wieder ein Mißbrauch der beson­de­ren mathe­ma­ti­schen Sprache wäre. Aber ein Bild des wahren Sachverhalts wird doch etwa die Formel geben, welche DELBOEUF aufge­stellt hat
A= f (a, x)
in Worten ausge­drückt, soll das heißen: das Wirkliche (A) wäre zu erken­nen oder zu berech­nen als eine Funktion von unse­rer Sinneswahrnehmung (a) und der uns unbe­kann­ten (x) Mitwirkung unse­rer Sinnesorgane bei dieser Wahrnehmung. Wenn man diese Formel auf Treu und Glauben hinnimmt, so könnte sie beinahe trost­reich ausse­hen. Sie scheint nur eine einzige Unbekannte zu enthal­ten. Sie stellt die Wirklichkeitswelt unter dem Bilde eines posi­ti­ven Wertes hin; man könnte fast glau­ben, daß aus dieser Formel sich die einzig vorkom­mende Unbekannte, die Natur unse­res Geistes oder die Art unse­rer Sinnestätigkeit, genau berech­nen ließe aus der Wirklichkeitswelt (A) und ihrer Erscheinung oder unse­ren Sinneswahrnehmungen von ihr (a). Wirklich könnte man alle Versuche, eine physio­lo­gi­sche Psychologie zu begrün­den, auf den Aberwitz zurück­füh­ren, das x aus der Formel DELBOEUFs heraus berech­nen zu wollen.

Aberwitz scheint mir dieses Bestreben, weil es nicht wahr ist, daß es eine Formel mit nur einer Unbekannten ist. Die Bewertung der einzel­nen Zeichen wird, von unse­rem Standpunkt betrach­tet, ganz anders ausfal­len. Wir werden eine Formel mit einer imagi­nä­ren (nicht “imagi­när” im mathe­ma­ti­schen Sinne) Größe, mit einer von zwei­fel­haf­ter Wirklichkeit und mit einer unbe­kann­ten Größe vor uns sehen.

Die Natur unse­res Geistes (x) ist die imagi­näre, oder meinet­we­gen imagi­nierte, fingierte Größe. Ob wir sie unsere Seele nennen wollen oder das Wesen unse­rer Sinne, oder noch vorsich­ti­ger die Tätigkeit unse­res Gehirns, immer wird es für unse­ren Standpunkt gewiß sein, daß diesem x nichts Wirkliches entspricht. Wenn heute die fort­ge­schrit­tene Psychologie sich darüber klar ist, daß das Wort Seele eine ebenso kühne Personifikation war wie einst Zeus für das Prinzip des Himmels oder die Dryade für das Lebensprinzip des Baumes, so wird man bald dahin­ter kommen, daß selbst das unschein­bare Wort Tätigkeit eine zwar weni­ger kühne, aber doch nicht weni­ger leere Personifikation ist.

Das Wirkliche (A) ist die Größe von zwei­fel­haf­ter Wirklichkeit. Denn seine Wirklichkeit, seine Wirksamkeit auf uns, sein Verhältnis zu unse­ren Sinneswahrnehmungen steht ja eben in Frage. Wenn nun Psychologen wie WUNDT mit Hilfe physi­ka­li­scher Apparate das Wirkliche zu erken­nen glau­ben, mit Hilfe ande­rer physi­ka­li­scher Apparate unsere Sinneswahrnehmungen von der Wirklichkeit genauer beob­ach­ten und aus diesen beiden schein­bar bekann­ten Größen auf die Natur unse­res Geistes schlie­ßen wollen, wenn sie z.B. (in Übereinstimmung mit der gegen­wär­ti­gen Metaphysik, soweit sie sich Naturwissenschaft nennt) das wirk­li­che Licht für Bewegung ausge­ben, die Lichterscheinungen als Bewegungen berech­nen und darum in unse­rem Gesichtssinn eine Übertragung von Bewegungen erbli­cken, so haben wir eine voll­kom­men imagi­nierte Größe (das Wesen unse­res Gesichtssinns) durch etwas zu erklä­ren gesucht, dessen Wirklichkeit nach wie vor voll­kom­men zwei­fel­haft ist. Denn mögen sie sich bei ihren Experimenten drehen und wenden, wie sie wollen, sie kommen nicht über das Wahrnehmen von Erscheinungen hinaus, hinter denen dann das Wirkliche, die alte Frage, unge­löst bleibt.

Die physi­ka­li­schen Apparate können die Erscheinungen noch so sehr vergrö­ßern, sie bieten immer nur Erscheinungen. Die glatte Wange der Geliebten, die glatte Oberfläche einer Stahlnadel mag unter dem Mikroskop noch so viele Poren, Höcker und Rauhigkeiten aufwei­sen, das Ding-an-sich der Haut oder des Stahls wird dennoch nicht sicht­bar. Ein kurz­sich­ti­ges Auge sieht nicht so viel Sterne wie das des Schiffers, das gute Auge des Schiffers sieht nicht so viele wie das bewaff­nete Auge des Astronomen, aber das Wesen der Sterne wird darum durch das Teleskop nicht besser erkannt. So ist auch die Verwandlung der Lichterscheinungen, der Farbenempfindungen in soge­nannte Ätherschwingungen zum Teil eine genauere Beobachtung, zum Teil eine vorläu­fige Hypothese, jeden­falls eine Metapher. Diese Zurückführung der Lichterscheinungen, der Farbenempfindungen, auf Ätherschwingungen nun aber zuletzt für das Wirkliche, für daß Licht als Ding-an-sich auszu­ge­ben, ist die alte und unge­schwächte Vermessenheit unse­rer Sprache, beson­ders darum eine Vermessenheit, weil wir eben gar nicht wissen, ob dem zusam­men­fas­sen­den Worte “Licht” irgend etwas in der Wirklichkeit entspre­che, weil wir viel­mehr anneh­men dürfen, daß diesem Worte in der Wirklichkeit nichts entspre­che. LICHTENBERGs köst­li­cher Traum: Gott reicht ihm das Buch der Natur, er aber unter­sucht das Buch — chemisch.

Unsere Sinneswahrnehmungen (a), d. h. die uns bekann­ten Erscheinungen der Wirklichkeitswelt sind in der Formel von DELBOEUF das einzige, woran wir uns halten können, weil — wir gese­hen haben — die ande­ren Werte zwei­fel­haft oder imagi­niert sind. Wir gera­ten in die Lage eines Kapitalisten bei einem Weltkrach. Von den Verschreibungen und Papieren, die in seiner Kasse lagern und in seinem Hauptbuche bezif­fert sind, stel­len sich die einen als ganz und gar imagi­när heraus wie Aktien einer Plantage auf dem Monde. Wie die Franzosen eine bloße Rechnungsmünze Monnaie imagin­aire nennen. Die ande­ren sind so zwei­fel­haft wie die Aktien eines Bergwerks in Westafrika, von welchem Bergwerk man nicht weiß, ob es in Betrieb und ob es über­haupt vorhan­den ist. Aber auch die besten Werte sind in diesem allge­mei­nen Bankerott vorläu­fig nicht zu bezif­fern. Das mensch­li­che Denken besitzt nichts als seine Sinneswahrnehmungen; von ihnen wird es fürder sein Leben zu fris­ten haben, aber es weiß nicht einmal, wie weit es sich auf sie verlas­sen kann.

Es fällt mir nicht ein, damit die alte Phantasie von der Traumhaftigkeit alles Wirklichen vorkra­men zu wollen, den oben erwähn­ten theo­re­ti­schen Solipsismus. Diese Phantasie behaup­tet, daß das Wirkliche ganz bestimmt nichts sei. Dann ist aber auch diese Behauptung ein Traum. Würde ich so träu­men, so wäre ich auch noch im Traume klug genug, den ewigen Schlaf ange­neh­mer auszu­fül­len als mit einer aufrei­ben­den Gedankenarbeit. Nicht ein Traum ist unsere Lehre, sondern die wache Besinnung darüber, daß wir an der Wirklichkeitswelt zwei­feln müssen, daß sogar ganz gewiß das Wort Wirklichkeit ein Bild für die Ursache der Sinnesempfindungen ist.

Im übri­gen ist die Lehre von der Traumhaftigkeit der Wirklichkeitswelt — wie gesagt — in keiner Weise logisch zu wider­le­gen. Die Annahme einer Wirklichkeitswelt war viel mehr ursprüng­lich die gewag­teste Hypothese, die jemals von einem Menschengehirn ausge­heckt worden ist, wenn auch diese uner­hörte Hypothese, ganz sicher so alt ist wie das Leben auf der Erde. Die Annahme einer Wirklichkeitswelt ist nämlich ein Induktionsschluß aus einem einzi­gen Falle. Weil ich, d.h. diese meine Empfindung, inner­halb der Grenzen meiner Haut, bald von innen, bald von außen bestimmt zu werden glaube, darum glaube ich an die Wirklichkeit der Außenwelt. In dem unend­li­chen Weltenraum und in der unend­li­chen Weltenzeit ist dieser einzigste Fall einer Vorstellung des Innen und Außen bekannt, und aus diesem einzigs­ten Falle schließe ich auf eine Regelmäßigkeit, die man das aller­oberste Gesetz der Natur nennen könnte; daß es nämlich etwas Wirkliches gebe. Selbst die Existenz unzäh­li­ger ande­rer gleich mir empfin­den­der Organismen, die ihrer­seits wieder an ein Innen und ein Außen glau­ben mögen, ist wieder nur ein Induktionsschluß aus dem einzi­gen Falle.

Der Frechheit dieser Hypothese, die allen logi­schen Anforderungen wider­spricht, indem sie also Induktion aus einem einzi­gen Falle ist, steht frei­lich eine ganz merk­wür­dige Anwendbarkeit dieser Hypothese gegen­über. Von der Wiege bis zum Grabe, in jedem Augenblicke des Wirkens oder des Lebens benimmt sich mein Ich, als ob die Hypothese einer Wirklichkeitswelt, eine bewie­sene Tatsache wäre. Und alle die unzäh­li­gen Handlungen meines. Ich, vom Atemholen und Essen, bis zu einer Reise nach Afrika und dem Studium der Spektralanalyse, haben noch niemals den gerings­ten Verdacht gegen die Richtigkeit dieser umfas­sends­ten Hypothese in mir aufstei­gen lassen. Ja noch mehr. Ich bin mir eines Gedächtnisses bewußt, d.h. der Nachwirkung einer Vorstellung über die Zeit hinaus, wo die Wirklichkeitswelt mein Ich in irgend einem Punkte bestimmte. Die freche Hypothese einer Wirklichkeitswelt wird über­ra­schend bestä­tigt durch die bloße Möglichkeit dessen, was wir unser Gedächtnis nennen. Es scheint wirk­lich etwas da zu sein, weil es dann noch da ist, wenn wir es nicht mehr empfin­den. Und weiter, durch Sprache und Schrift ist uns ein tausend­jäh­ri­ges Gedächtnis der Menschheit über­lie­fert worden und in den unzäh­li­gen Empfindungen dieser tausend­jäh­ri­gen Gedächtnisse unzäh­li­ger Organismen, die wir uns als unse­res­glei­chen vorstel­len, wider­spricht nichts der vorläu­fi­gen Annahme einer Wirklichkeitswelt.

So werden wir nicht über­mü­tig sein. Wir werden eine so bequeme Hypothese nicht ableh­nen, weil sie uner­wie­sen ist. Wir werden so etwas wie eine Wirklichkeitswelt weiter glau­ben, wir werden dabei aber die verle­gene Anmerkung machen (“Anmerkung” in der alten oder der neuen Wortbedeutung), wir werden die Beobachtung merken, daß es schon wieder unser Gedächtnis und das Gedächtnis der Menschheit ist, also nur unsere Sprache, was in uns den Schein einer Wirklichkeitswelt befes­tigt, und daß es darum mehr als verwe­gen wäre, aus dieser selben Erscheinung, welche uns knapp das Dasein einer Welt ahnen läßt, auch noch das Wesen dieser Welt erken­nen zu wollen.

Ebensogut wie ich dieses uräl­teste felsen­feste Vertrauen auf eine Wirklichkeitswelt die frechste Hypothese der Menschheit genannt habe, hätte ich es auch die uräl­teste und kind­lichste Religion der Menschheit nennen können. Es sind ja Religionen immer und über­all kühne Hypothesen. Ganz gewiß ist für das Tier das Vertrauen auf die Existenz der übri­gen Natur, ganz gewiß ist für den Hund das Vertrauen auf die Existenz der Menschenwelt ein Glaube, ein zwei­fel­lo­ser Glaube, soweit man tieri­sches Seelenleben mit mensch­li­chen Worten bezeich­nen kann. Alle ande­ren Glaubenssätze werden notwen­dig von der fort­schrei­ten­den Wissenschaft zerstört; denn darin eben besteht ja die Wissenschaft, daß sie alte Beobachtungen mit neuen verbin­det, und daß sie der Religion raubt, was erst einmal beob­ach­tet worden ist. Der Religion bleibt nichts erhal­ten, als was sich der Beobachtung entzieht. Denken wir uns also die mensch­li­che Wissenschaft, bis an ihre äußers­ten Grenzen ausge­dehnt, so wird sie den Glauben aus allen seinen Positionen hinaus­ge­drängt haben, so wie sie bereits im unend­li­chen Weltenraum keinen Platz mehr gelas­sen hat, der eine Wohnung der Götter sein könnte. Aus allen diesen Positionen muß der Glaube verschwin­den, nur nicht aus der einen: dem Verlaß auf eine Wirklichkeitswelt. Über unsere Welt der Erscheinungen kann die Beobachtung nicht hinaus­drin­gen, vor der Wirklichkeit muß die Erkenntnis Halt machen und ewig die Wirklichkeit dem Glauben über­las­sen. Über die Welt der Erscheinungen hinaus kann die mensch­li­che Sprache nicht drin­gen; an die Wirklichkeitswelt wird die voll­endete Menschenwissenschaft einfach glau­ben müssen, wie das stumme Tier wohl an die Natur glaubt, wie der bellende Hund fromm auf die Existenz seines Herrn vertraut.

Diese beschei­dene Wahrheit lehrt uns nicht allein jede gewis­sen­hafte Überlegung abstrak­ter Formeln, sondern auch jede Erinnerung an den Fortschritt auch der gewis­ses­ten Wissenschaften. Als der Lauf der Sterne noch nicht so genau beob­ach­tet war wie heute, gehörte schon alles das der Wissenschaft an, was eben beob­ach­tet war. Der Wechsel von Tag und Nacht war die Wissenschaft der uräl­tes­ten Zeit. Es ist mir sehr frag­lich, ob der Wechsel von Tag und Nacht auch zur Wissenschaft des Hundes gehört. Vermutlich ist für den Hund und für die ande­ren klügs­ten Tiere Aufgang und Untergang der Sonne noch Religionssache. Für die ältes­ten Menschen aber schon war der Wechsel von Tag und Nacht sichere Beobachtung, also Wissenschaft; ebenso später der Wechsel der Jahreszeiten, und nach noch zahl­rei­che­ren Beobachtungen viel­leicht nach Hunderttausenden von Jahren, auch die Regelmäßigkeit im Wechsel der Jahreszeiten, in der Wiederkehr des Mondes, die Regelmäßigkeit von Sonnenfinsternissen und derglei­chen. Es bedarf nur eines Hinweises darauf, daß alle diese Beobachtung oder Wissenschaft nur die Erscheinungswelt betraf; die Wirklichkeitswelt blieb Sache des Glaubens, wie der Hund an den Wechsel von Tag und Nacht glaubt, weil er ihm noch nicht einmal als regel­mä­ßige Beobachtung aufge­gan­gen ist. In der Sonne und in jedem Planeten saß ein Gott, der auf seinem feuri­gen Wagen über das Firmament kutschierte.

Wir lächeln über diesen naiven Glauben und lächeln noch spöt­ti­scher über den from­men Mann, der christ­lich zu sein glaubte, da er noch nach der Zeit der Renaissance sieben Engel als die bewe­gen­den Geister der sieben Planeten annahm und lehrte. Der damals schon ziem­lich rich­tig beob­ach­tete Lauf der Planeten war die bewußt gewor­dene Erscheinung, war Wissenschaft; die sieben Engel waren die geglaubte Wirklichkeit, die Religion. Bald darauf erfolgte die große Tat NEWTONs, die Beobachtung, daß der Fall der Körper auf Erden und der Lauf der Gestirne im Himmel eine und dieselbe Regelmäßigkeit besit­zen. Seitdem haben wir noch viel genauere Tafeln über den wirk­li­chen Lauf der Planeten, über das Eintreffen der Finsternisse und über das Sichtbarwerden der Kometen. Die Wissenschaft, die Sammlung beob­ach­te­ter Erscheinungen ist viel reicher gewor­den; die Wirklichkeit nennen wir seit­dem die Gravitation, aber die Gravitation ist nicht Wissenschaft, ist nicht Beobachtung, die Gravitation ist Hypothese, ist Religion. An die Stelle der gött­li­chen Kutscher auf feuri­gen Wagen und an die Stelle der schon viel unkör­per­li­che­ren und durch­sich­ti­ge­ren leiten­den Engel ist das leere Abstraktum Gravitation getre­ten. Es ist das neue Wort einer unbe­frie­di­gen­den, einer lang­wei­li­gen Religion, aber es ist dennoch Religionssache.

Man kann der Naturwissenschaft nahe­tre­ten, wo man will, über­all wird man densel­ben Fortgang wahr­neh­men. Die geis­tige Entwicklung des Menschengeschlechts besteht in der Verbesserung ihrer natür­li­chen und ihrer künst­li­chen Sinnesorgane. Immer genauer wird beob­ach­tet. Was wir aber beob­ach­ten und unter dem Namen der Wissenschaft sammeln und ordnen, ist immer nur die Welt der Erscheinungen. Wir sitzen vor der Natur wie das Kind im Theater vor dem bunten Vorhang. Es staunt den Vorhang an und glaubt, er wäre schon die Sache, um derent­wil­len es gekom­men ist. Die Wirklichkeitswelt hinter dem Vorhange beob­ach­ten wir nie. Heute wie vor unend­li­chen Jahrtausenden beob­ach­tet Mensch und Tier den Blitz, wie er leuch­tet und den Donner nach­rol­len läßt. Einst sagte man, Zeus sei der Donnerer. Heute sagen nur noch fromme Mütter zu unmün­di­gen Kindern: der liebe Gott sei böse und drohe mit Blitz und Donner. Die Wissenschaft hat die Schnelligkeit des Donnerschalls berech­net, sie hat ferner die Erscheinung des Blitzlichtes mit den Erscheinungen soge­nann­ter elek­tri­scher Körper in Zusammenhang gebracht; die Wissenschaft ist eben im Begriff gemein­same Regelmäßigkeiten der Lichtwirkungen und der elek­tri­schen Wirkungen zu beob­ach­ten und damit ihrer Ordnung einzu­fü­gen. Alle diese bewun­de­rungs­wür­di­gen Beobachtungen betref­fen aber immer nur die uralte und unver­än­derte Erscheinung des Blitzes; für seine Wirklichkeit tritt heute das Wort Elektrizität auf. Das Wort ist nicht so schön, ist nicht so faßlich, wie es einst der zürnende Gott war, aber Religionssache ist “die Elektrizität” so gut wie Zeus. Es ist sogar nur schein­bar, wenn wir darin einen Fortschritt zu sehen glau­ben, daß der zürnende Zeus eigent­lich nur ein Mensch war mit mensch­li­chen Absichten, die Elektrizität aber eine unper­sön­li­che Kraft zu sein vorgibt, ohne Einsicht und Absicht wie der blut­leere Gott SPINOZAs. Nur die Erscheinungen dieser ange­nom­me­nen Kraft sind ohne Einsicht und ohne Absicht, ohne Verstand und ohne Willen vorzu­stel­len; die Kraft selbst, diese reli­giöse Vorstellung, diese schlecht­my­tho­lo­gi­sche Elektrizität muß (im Sinne SCHOPENHAUERs) etwas wollen, sollen wir uns sie über­haupt vorstel­len können. Und wer etwas will, der stellt sich immer selber das vor, was er will. Auch die Elektrizität hätte also (in ihrer Sprache) Verstand und Willen, auch sie ist der alte Donnerer Zeus, nur so durch­sich­tig und form­los, daß unsere Bildhauer sich umsonst abquä­len, sie künst­le­risch darzu­stel­len.

Ich weiß, daß ich aus Anlaß der elek­tri­schen Gottheit, aus Anlaß dieses Wortes “Elektrizität” soeben ins Phantasieren gera­ten bin. Ich tat es aber viel­leicht nur, um einen Weg zu finden zu einem schwie­ri­gen Gedankengang, der mir deut­li­cher als alles andere zu bewei­sen scheint, daß irgend eine Erkenntnis der Wirklichkeitswelt in alle Ewigkeit der Ewigkeiten auch der voll­ende­ten Menschenwissenschaft versagt blei­ben müsse. Ich will diesen Gedankengang auszu­spre­chen suchen.

Der uräl­teste Glaube der Menschheit, der Glaube an eine Wirklichkeitswelt, fällt zusam­men mit einem ande­ren uräl­tes­ten Glaubenssatz, den wir für Wissenschaft auszu­ge­ben pfle­gen, fällt zusam­men mit dem Glauben an die Kausalität, mit dem Glauben an eine Verkettung von Ursache und Wirkung in der Natur. Ich bemerke neben­bei, daß der Glaube an eine Kausalität eigent­lich noch kind­li­cher, noch ursprüng­li­cher sein muß als die Religion der Wirklichkeit. Denn der Hund, der den Glauben an die Wirklichkeitswelt zwar zwei­fel­los, aber auch ganz unbe­wußt besit­zen mag, lebt und webt doch ganz bewußt im Glauben an eine Kausalität dieser Wirklichkeit; er kennt im Umkreise seiner Beobachtung die Verkettung von Ursache und Wirkung.

Wenn wir aber bis auf die letz­ten Elemente auflö­sen, was in unse­rem Gehirn als Ursache und Wirkung erscheint, und wovon wir glau­ben, daß es auch in einer Wirklichkeitswelt exis­tiere, so gelan­gen wir knapp zu der höchst abstrak­ten Vorstellung, daß das undurch­dring­li­che Gewebe von Raum und Zeit diese Kausalität, diese Wirklichkeitswelt hervor­bringe. Der Raum allein in seinen drei Dimensionen stellt sich unse­rem Gehirn immer noch dar als etwas Unwirkliches, als etwas Leeres, als ein uner­füll­ter Raum. Wir müssen ihn mit der vier­ten Dimension durch­we­ben, mit der Zeit, um zur Wirklichkeit zu gelan­gen. Oder umge­kehrt: Wir müssen der Gottheit, die wir Wirklichkeit nennen, ihr Gewand auszie­hen, die drei Dimensionen des Raums, um die nackte Zeit vor uns zu haben. Wenn uns auch die unge­heure Vorstellung erschreckt, wir müssen es fassen, daß Raum und Zeit zusam­men uns die Wirklichkeit weben helfen und daß wir in jedem Augenblicke der unend­li­chen Zeit, und jeder einzelne für sich an jener Stelle stehen, wo das Weberschiffchen der Zeit die drei Dimensionen des Raums geschäf­tig durch­schnei­det. Hätten wir dann — so scheint es — Raum und Zeit begrif­fen, so besä­ßen wir auch endlich, endlich eine Erkenntnis der Wirklichkeit und hätten mit dem diaman­te­nen Sporn unse­res dahin­fah­ren­den Geistes die eher­nen Schranken der Erscheinungswelt endlich durch­bro­chen.

Es scheint nur so. Und mit erstaun­li­chem Scharfsinn hat man versucht, Raum und Zeit zu erklä­ren, zu begrei­fen. Die Zeit sei das eigent­li­che Wesen menschlich-geistigen Lebens. Der Raum aber lasse sich durch die Geltung des Gravitationsgesetzes bewei­sen.

Die Anziehungskraft zweier Körper verhält sich nach­weis­bar umge­kehrt wie das Quadrat ihrer Entfernungen. Wir können uns ganz deut­lich vorstel­len, wie dieses Verhältnis in einem drei­di­men­sio­na­len Raum so sein muß. Die Anziehungskraft verteilt sich nach unse­rer Vorstellung auf die Oberfläche der Kugel, in welche die Anziehungskraft ausstrahlt. Die Kugel ist hier nur eine ideale Form des Raums. Die Oberfläche der Kugel steht zu ihrem Halbmesser wirk­lich in einem quadra­ti­schen Verhältnis. Also muß der wirk­li­che Raum ebenso drei­di­men­sio­nal sein wie unsere Vorstellung von ihm. Hätte der Raum in Wirklichkeit nur zwei Dimensionen, die Anziehungskraft müßte im einfa­chen Verhältnis zum Halbmesser oder zur Entfernung wirken. Hätte der wirk­li­che Raum mehr als drei Dimensionen, so müßte in der Formel der Gravitation eine andere Funktion als die quadra­ti­sche eintre­ten. Also: der wirk­li­che Raum entspricht unse­rer drei­di­men­sio­na­len Vorstellung, wir haben eine Erkenntnis von der Wirklichkeit. Alles sehr hübsch und geist­reich.

Ich will nicht fragen, wo in diesem Bilde die Zeit bleibt, die vierte Dimension der Wirklichkeit. Ich will nicht fragen, ob die ganze Vorstellung von einem geome­tri­schen Raum nicht am Ende doch nur ein bild­li­cher Ausdruck für die Beziehungen der Wirklichkeit sei, wie wir doch auch die Sphärenvergleichung der logi­schen Begriffe und Urteile als ein falsches Bild des geis­ti­gen Vorgangs nach­wei­sen werden. Ich will endlich nicht die letzte Frage stel­len: ob wir bei den Worten dieser Gedanken noch Erinnerungsbilder an Sinneseindrücke glaub­haft vor uns haben, ob wir nicht die Welt der Erscheinungen schon verlas­sen haben, da wir auf ihren Schultern in die Welt der Wirklichkeit einzu­drin­gen suchen. Eines aber will und muß ich fragen.

Auch die Gravitation enthüllt sich uns als ein pola­rer Dualismus. Einen einzi­gen Körper allein können wir uns gar nicht als dem Gravitationsgesetze unter­wor­fen vorstel­len. Was wir zu beob­ach­ten glau­ben, ist immer und über­all die gegen­sei­tige Wirkung zweier Körper, eine Polarität. Wie weit wir auch diese Polarität zurück­ver­fol­gen, sie bleibt Erscheinung, schon darum, weil wir sie eben auf keine Einheit zurück­brin­gen können.

Und weiter muß ich jetzt fragen: ist bei dieser Erscheinung, die wir Gravitation nennen, die andere Form, unter der wir die Wirklichkeit glau­ben, ist die Zeit nicht immer und über­all mit tätig? Die Welt stürzt uns zusam­men auf einen Punkt, wenn wir den Raum fort­den­ken. Die Welt zerfließt aber auch sofort in nichts, wenn wir die Zeit fort­den­ken. Auch die Gravitation ist nur ein Doppelheiligenbild von etwas, was wir gegen­sei­tige Wirkung nennen, um das Vielfache, was wir sehen, endlich auf ein Zweifaches zurück­zu­füh­ren.

Wer aber sagt uns, daß dieses Zweifache der Wirklichkeit selbst ange­hört? Wer sagt uns, daß dieser Dualismus etwas ande­res sei, als auf der einen Seite die Welt der Erscheinung und auf der ande­ren Seite mein altes Ich, das an eine Wirklichkeitswelt glaubt?

Ist aber mit Hilfe unse­rer armen Sprache nicht einmal die Erkenntnis dessen möglich, was den uräl­tes­ten Glauben der Menschheit bildet, die Erkenntnis eines Wirklichen nämlich, wie steht es da um das Verhältnis der Sprache zur Erkenntnistheorie über­haupt?

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