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38. Ichgefühl

Das Ichgefühl ist eine Täuschung, ist die Täuschung der Täuschungen. Ist aber das Ichgefühl, ist die Individualität eine Lebenstäuschung, dann bebt der Boden, auf welchem wir stehen, und die letzte Hoffnung auf eine Spur von Welterkenntnis bricht zusam­men.”

Es ist bekannt, daß Kinder verhält­nis­mä­ßig spät zum rich­ti­gen Gebrauch des Wortes “ich” gelan­gen. Man hat dafür törich­ter­weise die Eltern und Ammen verant­wort­lich machen wollen, weil diese angeb­lich so kindisch sind, im Gespräche mit dem Kinde das “ich” nicht zu gebrau­chen und statt dessen die Eigennamen — es sind Eigennamen für die Kinderstube — Papa, Mama u.s.w. anzu­wen­den. Eltern und Ammen jedoch können gar nicht anders, weil das Kind anfangs eben nur Eigennamen fassen kann und das Abstraktum Ich als die Bezeichnung für das jewei­lig redende Subjekt gar nicht gebrau­chen könnte. Das Gefühl seiner selbst hat aber das Kind — wie gesagt — schon lange vor dem Besitz dieses Abstraktums. Wenn Dorchen im letz­ten Viertel des drit­ten Jahres anfängt zu sagen: “ich will auf den Stuhl”, so ist sein Ichgefühl nicht weiter entwi­ckelt als zur Zeit, da es noch sagte “Dorchen — Tuhl”. Es bleibe dahin­ge­stellt, ob das Ichgefühl nicht auch schon damals genü­gend entwi­ckelt war, als es nur “trin­ken” sagen konnte und in seinem Egoismus sich selbst als das selbst verständ­li­che Subjekt aller Äußerungen, als das Zentrum der Welt betrach­tete. Die Frage nach der Entstehung des Ichgefühls ist viel schwie­ri­ger oder viel einfa­cher, wie man will. Es fragt sich, zu welcher Zeit das Kind zu der Vermutung komme (die unse­rer ererb­ten Weltanschauung eine Gewißheit scheint), daß sein Leib mit allen, seinen Empfindungen eine Einheit sei. Es gibt bekannt­lich niedere Tiere, bei denen diese sozu­sa­gen seeli­sche Einheit durch­aus nicht ange­nom­men werden kann. Auch beim neuge­bo­re­nen Menschenkinde ist diese Einheit nicht vorhan­den, weder als Selbstbewußtsein, noch als Ichgefühl, noch auch als bloßes Gemeingefühl.

Bis weit ins erste halbe Lebensjahr hinein ist das Kind nicht darüber orien­tiert, daß alle seine Körperteile zu ihm gehö­ren; und es ist wohl mehr als eine bloße Vermutung, daß die einheit­li­che Empfindung des Schmerzes erst dazu führt, den eige­nen Körper begriff­lich von der übri­gen Welt zu tren­nen. Es ist bekannt, wie kleine Kinder Mühe haben, die Kenntnis ihres Körpers zu gewin­nen. Wie etwa ein Monarch sein Land bereist, so erfährt das Kind nur durch Erfahrung, was es sein eigen nennen könne, d.h. was von seiner Haut umschlos­sen sei, und was der Außenwelt ange­höre wie Kleider, Möbel u.s.w. PREYER hat darüber einige Beobachtungen mitge­teilt, die keines weite­ren Beleges bedür­fen. Das Kind betrach­tet noch im fünf­ten Monat seine eige­nen Hände, als ob es neue Bekanntschaften wären; seine Füßchen entdeckt es gewis­ser­ma­ßen im achten Monate und sucht sie noch später wie andere fremde, weiche Körper in seinen Mund zu stecken; im ersten Viertel des zwei­ten Lebensjahres noch spielt die eine Hand des Kindes mit der ande­ren wie mit einem frem­den Gegenstande und sucht z.B. die Finger auszu­rei­ßen, wie es ein Papier zerreißt oder wie es an den Fingern eines Handschuhs zieht. Auf das Benehmen des Kindes einem Spiegel gegen­über lege ich frei­lich gar kein Gewicht: der Gebrauch dieses Luxusgegenstandes wird spät erlernt, wie auch die Urmenschheit endlose Zeiträume auf Erden leben konnte, bevor sie zum Verständnis der natür­li­chen Spiegelung gelangte, bevor irgend ein Mensch auf der ganzen Erde wußte, wie er selbst aussah, bevor er sein äuße­res Ich kannte. Sehr charak­te­ris­tisch aber ist es, daß ein Kind von fast zwei Jahren ein Stückchen Zwieback, wie es das sonst den Erwachsenen in den Mund zu schie­ben pflegte, seinen eige­nen Zehen zu essen gab. Natürlich wirkt phan­tas­ti­sches Spiel dabei mit, wie wenn das Kind dasselbe Stückchen Zwieback einem hölzer­nen Pferdchen ans Maul hält. Aber das Kind würde nicht so spie­len, wenn es schon begrif­fen hätte, daß sein Mund und seine Füße einen gemein­sa­men Magen haben.

Die Erlernung des Wörtchens ich und seines rich­ti­gen Gebrauchs bildet also durch­aus keine Epoche in der Entwicklung des Kindes. Ein römi­scher oder grie­chi­scher Psychologe hätte gar nicht nötig gehabt, darauf zu achten, weil das römi­sche oder grie­chi­sche Kind noch nicht nötig hatte, z.B. ” ich hungere” zu sagen. “Ich” wurde mit esurio mitver­stan­den; die tonlose Endsilbe “o” deutete das Ichgefühl ebenso an wie bei uns die tonlose Vorsilbe “ich”. Der Gebrauch des Wörtchens ich bei unse­ren Kindern ist nicht mehr als die rich­tige Erlernung irgend einer ande­ren tonlo­sen Vorsilbe. Das Ichgefühl bei “trin­ken” des zwei­jäh­ri­gen und bei “ich will trin­ken” des drei­jäh­ri­gen ist kaum verschie­den, so wenig verschie­den wie das Raumgefühl bei dem “Tuhl” des zwei­jäh­ri­gen und “auf den Stuhl” des Dreijährigen. Eine Epoche in der Entwicklung des Kindes wäre es, wenn es plötz­lich zu der Entdeckung seiner Körpereinheit käme. Aber diese Entdeckung, diese Forschungsreise dauert sehr lange. Das Kind schlägt gegen sein Köpfchen und macht die Erfahrung, daß das Köpfchen sein sei; sonst würde der Schlag nicht ihm weh tun. Das Kind beißt sich (im Anfange des zwei­ten Lebensjahres) in seinen eige­nen Arm und erfährt, daß das kein frem­des Stück Fleisch sei. Das Kind betrach­tet stram­pelnde Beinchen und mag durch eine Koordination von Raumgefühlen, Gesichtseindrücken, Tastempfindungen und Bewegungsgefühlen, also durch eine höchst kompli­zierte Geistesarbeit zu dem sehr inter­es­san­ten Ergebnis kommen, das noch gar kein Gedanke ist, sondern nur eine unend­lich wich­tige Tatsache: diese Beinchen gehö­ren zu mir, diese Beinchen bin ich auch noch. Das Kind erobert sich die Kenntnis seines Ich lang­sam mit dem Gebrauche seiner Glieder.

Der sprach­li­che Ausdruck, daß das Individuum sein Ich lang­sam durch Erfahrung erst erobere, führt aber wieder einmal zu einem unvor­stell­ba­ren Begriff. Denn Individuum und Ich sind ein und dasselbe. Es wäre sinn­los, zu sagen: das Individuum erobert sich seine Individualität. Hier aber verläßt uns mit dem Worte auch der Gedanke. Nehmen wir nicht mit der alten Psychologie in jedem Menschen eine einheit­li­che Zentralseele an, die den Körper beherrscht, — und diese Annahme enthält für uns ganz theo­lo­gi­sche, unkon­trol­lier­bare, unbe­wie­sene und unfaß­bare Begriffe — so müssen wir mit der Möglichkeit rech­nen, daß auch das Ichgefühl nur eine Täuschung sei, in uns entstan­den als Reflex irgend einer uns gänz­lich unbe­kann­ten Lebenseinheit, wie unsere Gesichts- und Gehörseindrücke, kurz alle Sinneseindrücke, am Ende aller Enden nur normale Sinnestäuschungen sind, Reflexe von irgend welchen Tatsachen, die wir heute als Bewegungen erklä­ren. MEISTER ECKHART hat es längst gelehrt: die Seele weiß sich selber nicht. Und frei von jeder Mystik hat uns MACH (Analyse der Empfindungen) gelehrt: die Beständigkeit des Ich bestehe nur in der Kontinuität, das Ich sei eine denk­öko­no­mi­sche Einheit, habe nur prak­ti­sche Bedeutung, sei nicht das Primäre. Ich verzichte auf die Sprache der Mystik und des Materialismus, sehe diesem Problem starr ins Gesicht und erbli­cke die Möglichkeit, die subjek­tive Gewißheit: das Ichgefühl ist eine Täuschung, ist die Täuschung der Täuschungen.

Ist aber das Ichgefühl, ist die Individualität eine Lebenstäuschung, dann bebt der Boden, auf welchem wir stehen, und die letzte Hoffnung auf eine Spur von Welterkenntnis bricht zusam­men. Was wir irgend von der Welt wissen können, war uns zu einer über­sicht­li­chen Summe der vom Individuum ererb­ten und erwor­be­nen Erfahrungen zusam­men­ge­schmol­zen; unsere Kenntnis von der objek­ti­ven Welt war zu einem subjek­ti­ven Bilde unse­rer Zufallssinne gewor­den. Jetzt schwin­det auch das Subjekt, es versinkt hinter dem Objekt, und wir sehen keinen Unterschied mehr zwischen dem philo­so­phi­schen Streben mensch­li­cher Jahrtausende und dem Traumdasein einer Amöbe. Auch der Begriff der Individualität ist zu einer sprach­li­chen Abstraktion ohne vorstell­ba­ren Inhalt gewor­den.

Ganz von ferne nur leuch­tet ein unsi­che­rer Schimmer in diesen Abgrund hinein: Die Tatsache, daß es einen Verlaß gibt auf das bißchen Welterkenntnis, das wir haben, daß also in der Wirklichkeitswelt etwas exis­tiert, was wir eine Einheit nennen können. Wäre das nicht der Fall, so müßte jedes Kind auf seine eige­nen Erfahrungen ange­wie­sen blei­ben und sich jedes Kind diese eige­nen Erfahrungen mit Hilfe seiner indi­vi­du­el­len Ursprache merken. Es gäbe dann kein über­lie­fer­tes Wissen. Man könnte das Kind nichts lehren. Es gibt aber ein Gedächtnis der Menschheit, das ist die über­lie­ferte Sprache oder Weltanschauung, wie es in der Natur das andere Gedächtnis gibt, welches Vererbung heißt und unter ande­rem unse­ren Organismus bildet. Wie es Keimzellen gibt, aus welchen die Organismen sich so entwi­ckeln, wie wir es von ihnen erwar­tet haben, so gibt es auch im Gehirn ererbte Anlagen, die sich — wie man zu sagen pflegt — gesetz­mä­ßig entwi­ckeln. Man stoße sich nicht an dem Worte “ererbte Anlagen”. Es kann kein Zweifel sein, daß eine Kontinuation vorhan­den ist, ein Gedächtnis dessen, was wir Materie nennen. Dazu kommt dann, daß offen­bar in allen Menschenköpfen, veran­laßt durch die ererbte Ähnlichkeit der Zufallssinne, ein ähnli­ches Weltbild vorhan­den ist. Es ist also in dem empfan­gen­den Organ der Kinder etwas Gemeinsames, wie es etwas Gemeinsames gibt in dem Erfahrungsstoff der Lehrenden.

Dadurch ist es möglich, daß — was alltäg­lich geschieht dem Kinde Begriffe oder Worte beigebracht werden, die es vorläu­fiig nicht versteht und die dennoch später auf die Wirklichkeitswelt á peu prés passen. Wollte man den Kindern zuerst das Addieren begreif­lich machen und sie es dann einüben lassen, sie könn­ten niemals das Addieren erler­nen. Das Lernen der Kinder erfolgt anders. Die Erwachsenen sagen ihnen so lange “1 + 1 = 2”, bis sie nach langem mecha­ni­schem Nachplappern plötz­lich etwa im fünf­ten Lebensjahre entde­cken: was für eine merk­wür­dige Geistestat sie voll­führt haben; wodurch sich die Einheit von der Zweiheit unter­schei­det. Bevor sie diese unver­stan­de­nen Begriffe prak­tisch anwen­den konn­ten, war ihnen der Satz 1 + 1 = 2 ein sinn­lo­ses Dogma wie die Lehre vom lieben Gott. Nur daß auf die Wirklichkeitswelt nicht paßt, was sie in der Religionsstunde gelernt haben; daß dage­gen die Lehren der Rechenstunde niemals von der Wirklichkeit demen­tiert werden. Die kühne Abstraktion “Einheit” erweist sich als wert­voll, weil während eines langen Lebens jede Probe auf diesen Begriff ohne Fehler aufgeht. Es ist, wie wir eben aus einer kühnen etymo­lo­gi­schen Hypothese haben lernen können, viel­leicht doch kein bloßer Zufall, daß der Grundbegriff alles Rechnens und das Geheimnis der Individualität mit dem glei­chen Worte “Einheit” ausge­drückt wird. Aber auch der Begriff der orga­ni­schen Einheit, des Ichs, erhält einen Wert dadurch, daß er sich in der Probe des Lebens bewährt.

Es muß eine Einheit in unse­rem Gedächtnis geben und es muß eine Einheit in der Wirklichkeitswelt geben, sonst könn­ten diese beiden Kontinuationen nicht zuein­an­der passen, sonst könnte niemals eintref­fen, was wir erwar­ten, sonst würde morgen nicht die Sonne aufge­hen. Und noch mehr: die Probe auf die Wirklichkeitswelt könnte nicht stim­men, wenn es nicht noch eine höhere Einheit gäbe, die zugleich mein Gedächtnis, d.h. mein Ich, und meine Wirklichkeitswelt umfaßte. Worin diese Einheit besteht, können wir nicht einmal ahnen. Sie ist nur ein schö­ner Schein, sie ist nur ein Reflex, aber sie ist ein Reflex von irgend einer Tatsache. Alles hat für uns eine Ursache; auch dem schö­nen Scheine der Individualität muß — wir können nicht anders denken — eine Ursache zu Grunde liegen. Der schöne Schein der, Individualität oder des Ichs ist das Leben. Es endet frei­lich mit dem Tode. Doch nur ein Narr klagt darüber, jeder Mensch also. Denn wir spre­chen eigent­lich nur Worte, wenn wir lächelnd sagen : Wir haben genug am Scheine des Lebens, weil wir nicht mehr sind, wenn wir tot sind. Und dennoch müssen wir uns an eine philo­so­phi­sche Resignation gewöh­nen. Solange wir leben, ist der schöne Schein des Ichgefühls, der Lebenseinheit und gar der schö­nere Schein einer Einheit zwischen dem Ich und der Wirklichkeit eine Freude, die stachelnde Freude am Schein einer Erkenntnis. Auch diese Freude ist eine Tatsache. Wenn der Araber verschmach­tend durch die Wüste zieht und die Fata Morgana ihm eine Oase zeigt mit grünen Palmen, so ist doch selbst das Trugbild eine Tatsache und ebenso seine Freude daran. Sinkt er dann vor dem Abend ster­bend hin, so mag er, wenn er ein Philosoph ist, lächelnd ausru­fen: “Nur mein Ich wurde getäuscht! Was liegt daran? Irgendwo, irgendwo ist doch eine Ursache meiner Oase und meiner grünen Palmen.”

Bei abstrak­ten Worten, wie Bewußtsein, Seele, Gedächtnis, Individuum, wenn sie eine Vergangenheit von Jahrhunderten oder von Jahrtausenden haben, glaubt jeder, sich was denken zu können, oder gar zu müssen; und die Kritik der Sprache hat die schwere und gewöhn­lich unlös­bare Aufgabe, dem Besitzer der schö­nen Worte zu bewei­sen, daß er an ihnen nichts besitze. Kommt aber ein solches Wort erst neu auf, wie das Doppel-Ich, so kommt der Kritiker wieder in den Verdacht, nicht einmal die kleine Beobachtung zu verste­hen, auf Grund deren das neue Wort erfun­den worden ist.

Das Doppel-Ich bedeu­tet den Gegensatz von Individuum, also ein Dividuum: einen Menschen mit zwei Köpfen, siame­si­sche Zwillinge. Etwa der erwähnte dike­phale Mensch DIDEROTs. Und da man aus patho­lo­gi­schen Zuständen gern allge­meine Schlüsse zieht, so kommt man zum Ergebnis, daß jedes Individuum ein Dividuum sei, daß wir alle alter­nie­ren­des Bewußtsein, zwei Köpfe u.s.w. hätten. Das frap­pan­teste Beispiel, das jeder von uns an sich selbst erfah­ren hat und das frei­lich gar nicht nach Spukgeschichten aussieht, ist folgen­des: Wer mit Unterbrechungen einen langen Roman liest, vergißt während des Lesens alles um sich her und lebt als Zuschauer jedes­mal während des Lesens mit den Romanfiguren. Er verliert vorüber­ge­hend das Gedächtnis für alles andere und gewinnt, indem er das Buch am nächs­ten Tage wieder zur Hand nimmt, jedes­mal ein Gedächtnis für die Welt des Romans, das ihn wiederum während seiner Tagesgeschäfte verlas­sen hat. Solange der Mensch aber nicht verrückt ist, wird er nach Beendigung des Romans mit diesem Nebengedächtnis Schicht machen, und sein gewöhn­li­ches Bewußtsein wird nur noch mehr oder weni­ger Spuren der ganzen Lektüre zurück­be­hal­ten.

Der Begriff des Doppel-Ich ist gepfropft auf den Begriff des Ich. Habe ich nun recht mit meiner Anschauung, daß Selbstbewußtsein ein leerer Pleonasmus sei, daß Bewußtsein nichts weiter sei als Gedächtnis, und Gedächtnis wieder nichts weiter als die Empfindlichmachung abge­schwäch­ter Gehirnreize durch starke, neue, insbe­son­dere durch die gemein­sa­men Wortzeichen der alten und der neuen Reize, habe ich recht mit der Anschauung, daß der Ichbegriff nichts weiter sei als das Gefühl des Gedächtnisses, daß dieses Ichgefühl also nichts Konstantes sei, sondern in jedem Augenblick ein ande­res Gedächtnisgefühl und nur darum schein­bar zusam­men­hän­gend, weil unun­ter­bro­chen neue Gehirnreize entste­hen, von denen fast jeder, oder viel­leicht jeder Assoziationen des soge­nann­ten Gedächtnisses weckt: habe ich recht mit der Anschauung, daß das Ich ein leeres Wort sei, so ist der Begriff Doppel-Ich leer in zwei­ter Potenz. Wenn gute Beobachter nun berich­ten, daß es Krankheitsfälle gebe, in denen das Gedächtnis für eine Gruppe von Assoziationen die Leitungsfäden mit den übri­gen durch Zerreißung verlo­ren habe, so will ich das gerne glau­ben. Es gibt auch Magenfisteln. Es gibt auch wandernde Nieren und andere Scheußlichkeiten in der Natur. Wer aber auf das leere Wort Doppel-Ich einen neuen Mystizismus aufbauen wollte, der wäre ein unkla­rer Kopf oder ein Betrüger, oder endlich ein betro­ge­ner Betrüger.

Denn darin liegt die größte Gefahr des Mystizismus, wie er sich jetzt beson­ders als Spiritismus breit macht, daß er mit einem blöd­s­i­ni­ni­gen Wortfetisch da Antwort geben zu können glaubt, wo der ganz moderne Mensch an den Grenzen der hilf­lo­sen Wissenschaft neue Fragen stellt. Was wirk­lich gewußt wird, ist sprach­li­chen Ausdrucks fähig. An den Grenzen der Wissenschaft stehen stumme Fragen; mit Worten zu antwor­ten, ist Pfaffengeschwätz. Wer seinen Glauben verlo­ren hat und sich nicht anders zu helfen weiß, als daß er eine neue Religion annimmt, der hat die Götter und die Pfaffen gewech­selt, ist aber nicht weiter gekom­men; so wenig wie ein Denker, der in seiner Muttersprache nicht mehr weiter kann, dadurch hinüber­dringt, daß er eine fremde Sprache lernt.

An ande­rer Stelle habe ich ausge­führt, daß nur der Wahnsinnige einen wirk­lich freien Willen habe, d.h. daß nur bei dem Wahnsinnigen der momen­tane Reiz stär­ker sei als das Bewußtsein oder das Ich oder die Erinnerung an die bösen Folgen von Handlungen, die auf ähnli­che Reize folg­ten. Die Freiheit des Wahnsinnigen verträgt sich sehr gut damit, daß nur der Wahnsinnige ein doppel­tes Ich besit­zen könne.

Das Ich ist als Wirklichkeitsvorstellung eine Täuschung der Sprache, eine Selbsttäuschung, als Ichgefühl ist es jedoch eine Wirklichkeit, und zwar bekannt­lich eine sehr wirk­same Wirklichkeit. Die natür­lichste Folge dieses prak­ti­schen Ichgefühls ist der gemeine oder prak­ti­sche Egoismus, der auch schon in seiner äußers­ten Konsequenz Solipsismus genannt worden ist. Häufiger nimmt man den Solipsismus für den theo­re­ti­schen Egoismus, ja eigent­lich für einen erkennt­nis­theo­re­ti­schen Egoismus in Anspruch, auf den sich dann frei­lich das Handeln des prak­ti­schen Egoisten sehr bequem begrün­den ließe; nur daß der gemeine Eigennutz kaum jemals einen solchen Umweg gemacht hat.

Der erkennt­nis­theo­re­ti­sche Egoismus ist als Möglichkeit einer Weltanschauung von jeher in einzel­nen Köpfen aufge­taucht. Seit SCHOPENHAUER wird häufig ein Wort indi­scher Weisheit zitiert: “Alle diese Geschöpfe bin ich ganz und gar, und außer mir exis­tiert kein ande­res Wesen, und ich habe alles Geschaffene gemacht.” Es ist nur schwer, sich mit toten Sprachen ausein­an­der­zu­set­zen. Dieser kras­seste Ausdruck des theo­re­ti­schen Egoismus ist nämlich dem schärfs­ten Ausdrucke des alllie­ben­den Altruismus nahe verwandt, wie er uns in dem berühm­ten Tat twam asi der Inder und in dem seli­gen Pantheismus der deut­schen Mystiker aus dem Mittelalter vorliegt.

Der Solipsismus, das ist die Behauptung oder das Gefühl eines Individuums, sein Ich allein sei wirk­lich, alle seine übri­gen Vorstellungen seien eben nur Vorstellungen, also unwirk­li­che Träumereien — dieser Solipsismus ist einer­seits logisch unwi­der­leg­bar, ander­seits verrückt, denn nicht einmal zur Prüfung alles Verrückten taugt die Logik.

Darin aber erweist sich der Solipsismus als ein bloßes Wort, das will sagen als eine unein­lös­bare Spielmarke, daß er nicht einmal ein Urteil gestat­tet über denje­ni­gen, der dieses Wort zu seinem obers­ten Gott gemacht hat. Denn der Solipsismus kann eben­so­gut (wie bei BERKELEY) die theoretisch-idealistische Weltanschauung eines from­men Mannes sein, der nur so die ketze­ri­schen Sinneseindrücke und die aus ihnen folgen­den athe­is­ti­schen Wissenschaften bekämp­fen zu können glaubt, als er auch (wie bei STIRNER) die halb lachende, halb weinende Skepsis eines Verzweifelten darstel­len kann, dessen prak­ti­scher Idealismus die Bestien seiner Sinne gern los werden möchte. Bleibt schließ­lich noch der Solipsismus als unbe­wußte Weltanschauung des ruch­lo­sen Egoisten, vom gemei­nen Mörder bis zum Wucherer, der ganz und gar Sklave seiner Sinne ist, ihren Mitteilungen theo­re­tisch voll­kom­men vertraut, inso­fern er seine Opfer für etwas Wirkliches nimmt, prak­tisch aber, d.h. ethisch, wirk­lich nichts weiter auf der Welt kennt als sein Ich allein. Hätten der gute Bischof BERKELEY und der Bombenwerfer HENRY beide nicht reden gelernt, sie wären stark entwi­ckelte Gegensätze; das Wort Solipsismus und andere Worte, die beson­ders NIETZSCHE in geist­rei­che Formeln gebracht hat, verbin­den HENRY und BERKELEY mit ande­ren zu einer klei­nen Gruppe von soge­nann­ten Gleichgesinnten, d.h. von gleich Redenden, von Anbetern der glei­chen Wortfetische.

Denn alle diese Wortgebäude von Solipsismus und derglei­chen wären nicht möglich gewe­sen, wenn die Sprache nicht vorher in ihren gram­ma­ti­schen Kategorien das Ich geschaf­fen hätte. Kaum daß man ange­fan­gen hatte, sprach­lich gespro­chen die erste Person des Fürworts in ein Substantiv zu verwan­deln, das Ich zu analy­sie­ren, da machte man die Entdeckung, wir seien einzig und allein unse­res subjek­ti­ven Ichs gewiß, dieses Ich sei die allei­nige Quelle aller Erkenntnis, und die Welt sei lange nicht so hand­greif­lich, wie man früher wohl geglaubt hatte. Die Engländer unter­such­ten sehr gewis­sen­haft dieses subjek­tive Ich, und in Deutschland wurden Systeme daraus gespon­nen. Bei KANT wurde die objek­tive Welt zur großen Unbekannten, zum Ding-an-sich, zu x; bei SCHOPENHAUER gar wurde die Wirklichkeit zur bloßen Vorstellung des Willens, als den das Ich sich selbst (womit?) erkannt hatte. Von einem Nebengeleise dieser Kopfstation ging dann das mysti­sche Ich hervor, die große unbe­wußte Mystifikation des präch­ti­gen FICHTE, die sich — wie gesagt — schließ­lich in STIRNER und neuer­dings in NIETZSCHE auf den Hohepriesterstuhl der Ethik setzte, was einer rich­ti­gen Mystifikation gar nicht übel zu nehmen ist. Gegenwärtig ist von allen diesen Solipsismen (es gibt also eine Mehrzahl von “Einzigen”) nur die anar­chi­sche Lehre STIRNERs etwa wirk­sam.

Der Gedankengang war eigent­lich naiv. Wir kennen die Welt nicht, jeder­mann kennt nur sein eige­nes Ich. Man hat bisher die Regeln seines Handelns der Welt entnom­men, man muß die Regeln fortan aus seinem Ich schöp­fen. Es ist, als ob Robinson Crusoe aus seinen Hamburger Kindererinnerungen ein Gesetzbuch für seine unbe­wohnte Insel zusam­men­stel­len wollte. Personenrecht, Sachenrecht, Strafrecht und Staatsrecht, alles für den Einzigen und sein Eigentum zuge­schnit­ten.

Diese Entwicklung war durch das Wesen der Sprache gege­ben. Der Einzige, d.h. jeder einzelne Mensch steht in jedem einzel­nen Augenblicke mit der Welt nur durch seine auf die Zukunft gerich­te­ten Zwecke und durch seine auf die Vergangenheit gerich­te­ten Erinnerungen in Verbindung. Die Gegenwart ist der tote Punkt, den er immer nur über­win­det, um ihn zu flie­hen.

Die zukünf­ti­gen Zwecke bestim­men sein Handeln und lassen auf seinen Charakter schlie­ßen; zu seinem Ich gehö­ren sie so wenig, wie der Hase zum Ich des Hundes gehört, der ihm nach­jagt. Die Ziele sind Phantasievorstellungen.

Die ande­ren Vorstellungen, die Erinnerungen, würden zum Ich gehö­ren, wenn sie alle zugleich gegen­wär­tig wären und wenn sich aus ihnen sein Wesen zusam­men­fügte, wie Tausende von Strichen sich zu einem Bilde verbin­den. So ist es aber nicht. Auch das reichste Gehirn ist nur in der Lage des Burschen aus dem Märchen, dem verlie­hen worden ist, einen Taler zu finden, so oft er die Hand in den Sack steckt. Er wird dadurch ähnlich gestellt wie ein reicher Mann, aber der Reichtum ist niemals da. So hat der Mensch die Fähigkeit, jeder­zeit ein Wertstück aus seinem Gedächtnis mit geis­ti­gen Händen zu fassen, aber niemals sieht er etwas ande­res als dieses eine. Sein berühm­tes Bewußtsein, d.h. sein Gedächtnis ist für alles andere als dieses eine so blind, wie seine Augen es für seinen Rücken sind.

In der mensch­li­chen Sprache nun wird die mensch­li­che Erinnerung, die ererbte und die erwor­bene, haufen­weise geord­net. Man kann wohl sagen, daß die Sprache nicht etwa die Küchenabfälle, sondern recht eigent­lich die Exkremente der Menschheit darstellt. Die leben­dige Anschauung muß ster­ben, muß verdaut und verbraucht werden, damit ihre Reste zum Begriff und zum Worte werden. Ein unge­heu­rer Berg solcher Exkremente ist die Sprache, ein baby­lo­ni­scher Turm von Abfallstoffen, der auch wohl bis in den Himmel hinein­ge­wach­sen wäre, wenn nicht auch Fäkalien schließ­lich noch ihre Abnehmer fänden und verschwän­den.

Wenn nun ein tief­sin­ni­ger Naturforscher behaup­ten wollte, die Exkremente seien die wirk­li­che Welt, alles übrige sei das Produkt der Exkremente, so wäre er ein ebenso tiefer Denker wie die Philosophen, welche bei der Durchforschung des Ichs nichts weiter sahen als die Exkremente des Gehirns, die Begriffe und Worte, mit Händen und Füßen auf diesen Worten hinauf­keuch­ten und endlich wie Hähne auf dem Mist zu krähen anfin­gen: Nichts als Worte sind im Ich.

Was ist nun das Ich? Ist es physisch oder psychisch? Physisch nicht; denn das, was an meinem Ich mehre­ren Subjekten, den Mitmenschen erfahr­bar ist, das ist ja gerade nicht mein Ich, sondern nur der Leib, den auch ich sehen kann. Psychisch nicht; denn mir als dem einzi­gen Subjekt ist mein Ich nur erfahr­bar, wenn ich es für psycho­lo­gi­sche Zwecke postu­liert habe, nicht im eigent­li­chen, psycho­lo­gie­freien Leben. So finde ich mein Ich nur zwei­mal,
ganz instink­tiv beim Akte des Essens und Verdauens, wo der fremde Stoff erst Nicht-Ich war, nach­her wieder Nicht-Ich wird, um in der kurzen Zwischenzeit Ich zu sein,
in den unver­dau­ten Worthülsen der Grammatik, wo es als erste Person der Einzahl gar wohl bekannt ist.
Glaubt man an ein Ich, sucht man es, so muß man es natür­lich in dem Kehricht der Erinnerungen finden, der aus verwe­sen­den Begriffen besteht. Will man die Welt mit Hilfe der Sprache erklä­ren, so darf man den Kehricht nicht verschmä­hen.

Sucht man aber das Verhältnis des einzel­nen Menschen zur Welt ohne Worte zu begfei­fen, ohne Begriffe zu begrei­fen, wagt man es, das Gleichgewicht zu behal­ten, wenn man über die faden­dünne Brücke ohne die Balancierstange der Sprache hinüber­geht, unter­nimmt man es, diese schwer­fäl­lige Balancierstange den Leuten unten an die Köpfe zu werfen … eigent­lich müßte man verstum­men. Aber ein Bild der Welt zeigt sich, wenn die trüben Begriffe der Sprache erst besei­tigt sind.

Mit dem alten Ich ist nichts anzu­fan­gen. Das angeb­lich so wohl­be­kannte subjek­tive Ich ist nicht mehr als ein Windhauch, der mit einem meiner Wimperhaare spielt in diesem Augenblick. Objektiv sehe ich mein Ich, wie ich die Welt sehe, und wie ich meinen Fingernagel sehe, wenn ich ihn schneide.

Ich bin auch nicht allein, ich bin nicht der Einzige. Die Welt sieht mein Ich, mein objek­ti­ves Ich, und rech­net damit und stößt es dahin und dort­hin. Ich will (einer­lei ob mein Wille Schein oder Wirklichkeit ist), ich will gar sehr. Aber ich kann nicht, wie ich will. Ach nein! Das andere leitet meinen Weg, unbarm­her­zig, in das Leben und in den Tod. In unab­seh­ba­rer Länge ziehen sich die Kettenfäden der Welt anders für jeden einzel­nen Menschen hin in der Richtung des Endes, des Todes; das objek­tive Ich zieht mit seinem schnel­len Schiffchen als Einschlag durch die Kette hin und her und wirkt das Gewebe, und der Windhauch des Augenblicks, der jetzt und immer mit meinen Wimpern spielt, läßt mich jetzt und immer im Lichtschein des Moments die bunten Blumen des Bewußtseins auf dem weißen Gewebe täuschend erbli­cken.

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