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37. Verstand und Vernunft

Das Selbstbewußtsein ist die Kulisse, hinter der die Schauspieler und Statisten schla­fen, gähnen, essen oder plap­pern, um auf ein Stichwort einzeln vorzu­tre­ten, sowie der Souffleur oder Inspizient oder die Assoziation es befiehlt.”

Indem LIPPERT GEIGERs Einfall, daß die mensch­li­che Sprache die Ursache der mensch­li­chen Vernunft sei, aufnimmt und gut heißt, zerlegt er den mensch­li­chen Geist oder das Denken in drei Faktoren, als ob das Denken eine Gottheit wäre, die man in eine Dreifaltigkeit ausein­an­der­le­gen könnte. Ganz klar ist dem Kulturgeschichtsschreiber sein eige­nes Vorgehen frei­lich nicht. Er glaubt das Denken nur in zwei Vermögen teilen zu müssen, in den Verstand, welcher der Sprache voraus­geht, und in die Vernunft, welche auf die Sprache folgt. So wird ihm die Sprache wieder zu einer Magd der Vernunft, das Produkt der Sprache wird zu ihrem Herrn, etwa so, wie der Fetisch zum Gott derer wird, die den Fetisch erst geschnitzt haben.

Wären wir aber erst tiefer in die Seelen der verschie­den spre­chen­den Völker einge­drun­gen, so würden wir wissen, daß Sprache und Denken über­all iden­tisch ist, daß die Sprache nicht, wie sich das LIPPERT wohl vorstel­len muß, eine Art hoher Schule ist, in welcher der Verstand das Doktorat der Vernunft erlangt, daß viel­mehr jedes Volk dieje­nige Form der Erinnerung, welche seine Sprache ihm an die Hand gibt, sein Denken nennt. Es gibt verschie­dene Denkgewohnheiten, wie es verschie­dene Sprachgewohnheiten gibt. Wenn die Indianer und die Chinesen für unser Hilfszeitwort “sein” kein beson­de­res Wort haben, so können sie auch unsere Logik nicht haben, in welcher die Copula “ist” eine so entschei­dende Rolle spielt, so können sie noch weni­ger unsere meta­phy­si­schen Bücher über das Sein, die Substanz u.s.w. besit­zen oder verste­hen.

Was man in diesem Zusammenhange Verstand nennt, das ist nur ein Wort für die unge­heure Summe aller der Reflexbewegungen, welche eigent­lich schon bei den nieders­ten Tieren zu beob­ach­ten sind. Verstand hat auch die Qualle, die sich auf den Reiz einer Nahrung hin bewegt. Verstand liegt beim Menschen, wie wir seit KANT und nun gar seit HELMHOLTZ genau wissen, nicht nur den Bewegungen, sondern auch schon den Sinneswahrnehmungen zu Grunde, welche die Bewegungen veran­las­sen. Ohne Verstand können wir weder sehen noch hören. Wir sagen aller­dings, es seien unsere verstän­di­gen Bewegungen mit Bewußtsein verbun­den; wir wissen nur nicht, was Bewußtsein sei. Die genau­este Selbstbeobachtung führt mich zu der Behauptung, daß noch niemals das Bewußtsein bewußt gewor­den sei. Wir denken im Grunde so instink­tiv, wie wir atmen. Und wenn wir uns einmal selbst über die Achseln gucken, wenn wir uns unser Denken zum Bewußtsein zu brin­gen suchen, so ist das nur, wie wenn wir absicht­lich einen tiefen Atemzug tun.

Wir wissen also nicht, wie sich der Verstand bis zur Sprache entwi­ckelt hat, obgleich da sicher­lich eine Entwicklung vorliegt; wir wissen noch viel weni­ger, wodurch sich die Vernunft von der Sprache unter­schei­den könne, weil nie und nirgends ein Unterschied beob­ach­tet worden ist.

Besäßen wir eine Sprachgeschichte, die mehr wäre als eine Sammlung philo­lo­gi­scher Kuriositäten und eine etymo­lo­gi­sche Umschau über ein paar hundert Jahre von ein paar Literatursprachen, besä­ßen wir — was uner­reich­bar ist — eine ernst­hafte Geschichte der mensch­li­chen Sprachen, so hätten wir in ihr auch eine Geschichte des mensch­li­chen Denkens oder viel­mehr eine Geschichte der verschie­de­nen Arten des Volksdenkens. Das Ideal einer solchen Geschichte der Arten des Volksdenkens wäre im Grunde eine Geschichte der mensch­li­chen Seele oder des. mensch­li­chen Gehirns. Vorstellen läßt sich so eine Geschichte, nur leider nicht ausfüh­ren. Wie wir auf der Unterlage des Darwinismus eine Entwicklungsgeschichte des Auges haben, ange­fan­gen von den pigmen­tier­ten Hautstellen bis zu den Augen der Fliege und des Menschen, so könnte besser als bisher eine Geschichte des Gehirns geschrie­ben werden, ange­fan­gen von den Nerven der nieders­ten Tiere, bis zur Scheidung des Gehirns vom Rückenmark und bis zur Ausbildung der gegen­wär­ti­gen Gehirne von Australnegern, Chinesen und Bewohnern der Berliner Wilhelmstraße.

Und so wie bereits Anfänge gemacht sind für eine Geschichte des mensch­li­chen Auges oder wenigs­tens des Farbensinns in den letz­ten drei­tau­send Jahren, so müßten sich auch Anhaltspunkte finden für die Geschichte des Gehirns in histo­ri­scher Zeit; ja die Notizen über die Geschichte des Farbensinns sind bereits Beiträge für eine solche Geschichte des Gehirns. Wir hätten dann anstatt der Anekdotensammlungen, welche wir Geschichte der Psychologie zu nennen belie­ben, etwas wie eine Geschichte der Psyche. Freilich dürfte eine solche Geschichte, selbst wenn wir was Rechtes darüber wüßten, nicht gut mit den Schlagworten der gegen­wär­ti­gen Psychologie zu schrei­ben sein. Man müßte diese Geschichte der Seele oder des Gehirns schrei­ben, ohne auch nur ein einzi­ges­mal Worte wie Verstand oder Vernunft zu gebrau­chen. Auch mit dem Bewußtsein wäre nicht viel anzu­fan­gen. Wohl aber würde sich eine ideale Geschichte der Sprache gar sehr einer solchen Geschichte der Seele oder des Gehirns nähern. Unsere Sprachkritik möchte gern eine Untersuchung des gegen­wär­ti­gen Gehirns oder der gegen­wär­ti­gen Seele sein; ein Wissen könnte sie nur bieten, wenn eine Geschichte der Seelen oder der Sprachen voraus­ge­gan­gen wäre.

Die Aufgabe ist so groß, daß selbst eine vorbe­rei­tende und armse­lige Sammlung von Notizen zur Entwicklungsgeschichte der Sprache, der Seele oder des Gehirns schon dankens­wert wäre. Es wäre der erste Beginn einer Wissenschaft vom Menschen. Hat man doch auch erst seit kurzem begon­nen, andere mensch­li­che Instinkte histo­risch zu unter­su­chen. Wir besit­zen erst seit weni­gen Jahren, zum nicht gerin­gen Entsetzen der Philister, Untersuchungen über die Geschichte der Scham, über die Geschichte des Gewissens oder der Moral. Besinnen wir uns auf einen allge­mei­nen Ausdruck für solche im höhern Sinne darwi­nis­ti­sche Untersuchungen, so müssen wir armen spre­chen­den Menschen zu dem Ausdrucke zurück­grei­fen, den wir soeben abge­lehnt haben und das soge­nannte Bewußtsein bemü­hen. In der Scham kommt der Geschlechtstrieb zum Bewußtsein, im Gewissen kommt dem einzel­nen die Volkssitte zum Bewußtsein, in der Sprache kommt dem einzel­nen die Denkgewohnheit seines Volkes zum Bewußtsein. So wären die histo­ri­schen Untersuchungen über die Scham und das Gewissen bereits hübsche Beiträge zu einer Geschichte des Menschengehirns in der histo­ri­schen Zeit.

Es ist eine Tatsache, daß KANT eine Kritik der reinen Vernunft geschrie­ben hat, ohne sich selber darüber klar zu werden, was Vernunft eigent­lich sei. Vernunft kann doch unmög­lich — um auf den wich­tigs­ten Punkt nur hinzu­wei­sen — zugleich das Vermögen zu schlie­ßen, also logi­sche Tätigkeit, und zugleich, als reine Vernunft, das Vermögen der Erkenntnis a priori sein. Die logi­sche Vernunft, die die Kategorien der Erscheinung begriff­lich schließt, kann nicht zugleich das Verhältnis zwischen Erscheinung und Ding-an-sich begrei­fen. KANT defi­nierte den obers­ten Begriff seiner Untersuchung nur unsi­cher. Und dabei traf er doch wesent­lich ins Schwarze. Er brachte die Vernunft um, wenigs­tens um ihre meta­phy­si­schen Ansprüche; so trifft ein guter Schütze in der Dämmerung sein Ziel, ohne mehr als Konturen zu sehen. Nun hat SCHOPENHAUER diesem Übelstand sehr ordent­lich abge­hol­fen, indem er für Verstand und Vernunft bestimmte Definitionen gab, die dem Sprachgebrauch nicht wider­spre­chen. Bei ihm hatte der Verstand das wich­tige Amt, unsere Sinneseindrücke zu deuten, d.h. die gesamte Außenwelt in ihrer Wirkung auf uns und ebenso die Wirkung der Dinge unter­ein­an­der zu erklä­ren. So fiel dem Verstande nicht nur die Leitung des ganzen alltäg­li­chen Lebens zu, auch alle Erfindungen und Entdeckungen waren seine Sache. Der Mangel an Verstand hieß Dummheit. Und SCHOPENHAUER empfand gar nicht die Ironie, die darin lag, daß starke Vernunft bei komplet­ter Dummheit möglich war. Denn die Vernunft hatte gar nichts Verständiges zu tun. Ihr Amt ist das begriff­li­che Denken, also das große chine­si­sche Schattenspiel.

Nun hat SCHOPENHAUER die beiden Begriffe rein­lich nach allen Regeln der Logik defi­niert, so daß wir uns ihrer wie bei mathe­ma­ti­schen Spielereien ganz bequem in seinem Sinn bedie­nen könn­ten. Er selbst aber hat die Begriffe zu einer Art von mytho­lo­gi­schen Wesen gemacht, ohne eine Ahnung davon zu haben. Wer bei grie­chi­schen Gottheiten immer gleich an die späte­ren Atelierschablonen der Griechen denkt, der wird es nicht verste­hen, aber es ist doch so : daß auch unsere feins­ten Philosophen ganz anthropomorphisch-mythologische Geschöpfe erfin­den. Die Nymphe, welche den Bach “perso­ni­fi­ziert”, und die Dryade, welche das Leben des Baumes schützt, ist um nichts phan­tas­ti­scher als der Verstand, der über die Anwendung der Gesetze der Kausalität wacht, und als die Vernunft, welche sich um den Einzelfall nicht mehr kümmert, und wie ein Statistiker nur mit Begriffen und Formeln arbei­tet. Man muß es nur erst einmal fühlen, daß die Philosophen solchen Worten eine Kraft zuschrei­ben, um sie auf diesem Köhlerglauben nach­her immer wieder zu ertap­pen. Es sieht, modern ausge­drückt, wahr­haf­tig genau so aus, als ob im mensch­li­chen Gehirn ein beson­de­res Ressort für Kausalitätsbeziehungen und ein ande­res für Begriffe einge­rich­tet wäre, als ob im Organismus des Gehirns ein Vorstellungsrat und dann wieder ein Rat für Wort- und Begriffsangelegenheiten sein Bureau hätte. Dem entsprä­che dann in der Anatomie etwa ein Gallenbureau und Gallenrat, ein Speichelbureau und Speichelrat.

In Wirklichkeit dürfte doch die Sache so liegen, daß die Tiere sich ein Organ geschaf­fen haben, das zu ihrem Nutz und Frommen Reize der Außenwelt kombi­niert. Das Aufgußtierchen krampft sich zusam­men, wenn es leer ist und vorüber­flim­mernde Nahrung es reizt, in seiner gedul­di­gen, unsäg­lich lang­sa­men Art nach ihr zu schnap­pen; und der gelehrte Astronom schraubt sein Riesenfernrohr etwa kürzer, wenn er um Liebe, Hunger, Eitelkeit willen seinem Kollegen einen Stern wegschnap­pen will. Die meis­ten Tiere kommen über so gemeine Verstandestätigkeit nicht hinaus. Die Menschen haben aber ihr Hilfsorgan so perfek­tio­niert, daß es auch Nachwirkungen der Außenreize zu verwer­ten vermag. Mit Hilfe des Gedächtnisses oder der Sprache wird für eine Unmenge ähnli­cher Reize ein Hilfszeichen genom­men, ein soge­nann­tes Wort. Und wenn das Gehirn zu seinem unver­än­der­li­chen Zwecke auch noch solche Nebelbilder nötig hat, dann heißt es eben Vernunft. Wird der Inhalt völlig verschwom­men, so ist es die höchste Vernunft, z.B. die Ausgangssätze berühm­ter Philosophien: cogito ergo sum, SPINOZAs causa sui. Immer findet sich da der rein­li­che Begriff Sein vor.

Der Verstand ist wenigs­tens ein gefäl­li­ger Knecht, die Vernunft ist ein schwatz­haf­tes altes Weib. Der Verstand ist prak­tisch. Er sieht im Herbst eine reife Birne an einem Zweig, und alle Umstände lassen ihn zum Schlusse kommen, sie würde sich herun­ter­schüt­teln lassen. Das ist doch etwas. Dazu braucht’s aber auch keiner Sprache und keiner Worte.

Dann kommt aber die Klugseicherin Vernunft und schnat­tert “Der Baum ist grün”. Wahr ist es nicht, denn im Winter ist es “der” Baum nicht, aber es ist ein Urteil. Ferner schnat­tert die Vernunft: Birnenwachsen nur auf Birnbäumen. Das aber weiß ohne Vernunft und Worte jeder Affe und jeder Hottentottenjunge, und dadurch, daß die Vernunft mit Hilfe von tauto­lo­gi­schen Urteilen es schnat­tert, vermehrt sich die Erkenntnis der Welt auch nicht um ein Atom.

So müßten wir sagen, daß der Verstand ein Knecht ist, die Vernunft aber eine Gans, wenn darin nicht eben auch schon wieder eine unnö­tige Personifikation läge.

Wie fast bei jedem Worte in dieser Wortkritik, müßte ich auch bei der Betrachtung von Verstand und Vernunft voraus­schi­cken: Es gibt nichts Wirkliches, das dem Begriffe “Verstand” entsprä­che. Es gibt nichts Wirkliches, das dem Begriffe “Vernunft” entsprä­che. Und noch weni­ger gibt es etwas Wirkliches, das in die beiden Wirklichkeiten Verstand und Vernunft zerfiele. Ebensowenig wie es eine Raubtierigkeit gibt und von ihr zwei Unterarten, die Katzigkeit und die Hundigkeit.

Es gibt aber Erscheinungen, welche nach gewis­sen Ähnlichkeiten und höchst wahr­schein­lich auch nach ihrem Stammbaum in Katzenhaftigkeit und Hundigkeit zusam­men­ge­faßt worden sind. Und auch die Begriffe Verstand und Vernunft können, wenn auch mit gerin­ge­rer Brauchbarkeit, auf je zusam­men­ge­hö­rende Erscheinungen ange­wandt werden. Der Sprachgebrauch ist bei solchen ausge­laug­ten Abstraktionen immer schwer fest­zu­stel­len; denn Sprachgebrauch ist ja wohl der Gebrauch der Masse, und die Masse denkt sich bei solchen Begriffen gar nichts, noch weni­ger als die Denker. Nun hat aber SCHOPENHAUER — wie eben erwähnt — Verstand und Vernunft in einer sehr verwend­ba­ren Weise und nach dem Gebrauch der besse­ren Denker gegen­ein­an­der abge­grenzt. Seine Definitionen sollen gelten. Freilich nicht etwa wie Beschreibungen natür­li­cher Dinge, aber doch wie feste Abmachungen über strit­tige Grenzgebiete. Danach ist etwa Verstand die Ausdeutung der Sinneseindrücke, das Verstehen der Außenwelt durch die Sinne. Vernunft ist das soge­nannte Urteilen und Schließen durch Begriffe, das Spiel der Worte, das soge­nannte Denken.

Also möchte ich behaup­ten, daß die Kultur der Menschheit immer nur durch den Gebrauch des Verstandes weiter gekom­men ist, niemals durch Worte, durch Vernunft. Die Entwicklung der Wissenschaften ist nichts weiter als die immer sorg­fäl­ti­gere Anwendung des Verstandes auf die Außenwelt.

Wenn ein Hund oder ein Mensch im schnel­len Lauf über einen Graben zu sprin­gen hat, so mißt sein Verstand die Entfernung mit ziem­li­cher Richtigkeit ab; Hund und Mensch kommen über den Graben. Man nennt das: ein Größenverhältnis abschät­zen. Wissenschaftlich wäre das mit den Daten des Verstandes unend­lich schwer, denn Hund und Mensch haben doch nur die Winkel und Einstellungsgrößen in ihrem opti­schen Augenapparat als Ausgangspunkt, dazu etwa die Erfahrung über die Größe der Gewächse der Sträucher und Blätter am Graben. Nun arbei­tet der Verstand mit derje­ni­gen Exaktheit, die die Erhaltung des Hundes oder des Menschen von ihm verlangt. Sie wollen kein Bein brechen, und derselbe Verstand, der ihnen die Breite des Grabens ausrech­net, läßt sie ihre Muskeln unge­fähr mit derje­ni­gen Kraft anspan­nen, die der Sprung über die und die Breite erfor­dert. Die Wissenschaft könnte mit dem Meßapparat des Auges heute schon die Breite berech­nen, die Hund und Menschen ohne Mathematik finden. Die Kraft der Muskeln für einen bestimm­ten Sprung könnte die Wissenschaft heute noch nicht auch nur annä­hernd ange­ben.

Handelt es sich aber darum, über einen Fluß von tausend Meter Breite eine Eisenbrücke von einem einzi­gen Bogen und von einer bestimm­ten Tragfähigkeit zu werfen, so ist es immer noch derselbe Verstand, der über den Graben sprin­gen hilft. Und all die ange­wand­ten Wissenschaften des Brückenbauers: Geometrie und höhere Mathematik, Mechanik, Chemie und was sonst noch der Brückenbauer nötig hat, und was Jahrtausende gebraucht hat, um, mit allem Komfort der Neuzeit ausge­stat­tet, den Balken über den Graben zu legen, das hat schon der Verstand des Urmenschen geleis­tet, und das leis­tet jeder­zeit der Verstand des Hundes, der über einen Graben springt, Und dieser Verstand leis­tet das nicht etwa symbo­lisch oder andeu­tungs­weise, sondern voll­stän­dig mit Beachtung aller geome­tri­schen, mathe­ma­ti­schen, mecha­ni­schen und sonst physi­schen Einzelheiten, und das alles, ohne ein Wort zu denken, ohne ein Wort zu haben.

Ein ande­res Beispiel. Es mag eine Zeit gege­ben haben, wo die Menschen nicht ahnten, daß das Licht des Tages zur Sonne in irgend einer Beziehung stehe. Und der mag ein großer Entdecker gewe­sen sein, der eines Tages auf den Einfall kam: “Es wird immer fins­ter, wenn die Sonne unter­geht. Vielleicht kommt das Licht von ihr.” Ich glaube, dieser Urmensch ist dafür von den Urpfaffen ermor­det worden. Aber die Menschen schie­den danach nicht etwa den heute ange­nom­me­nen Umlaufstag von 24 Stunden sie schie­den ihre Lebenszeit in Abschnitte von Tag und Nacht. Und sie haben gewiß geglaubt, Tag und Nacht seien von glei­cher Länge. Für mich wenigs­tens haben die Ausdrücke lange und kurze Abende etwas, was an solche Uranschauung erin­nert. Das war also der Anfang der Astronomie. Heute besitzt man auf Tabellen verzeich­net — kennen tut sie keiner der Gelehrten — mehr Fixsterne mit ihrer ganzen Statistik, als die verle­gene Wissenschaft bequem verzeich­nen kann. Die Astronomen sind heute so weit, daß sie einzelne Formationen auf der Oberfläche des Mars beob­ach­tet haben, und daß sie genau wissen, wie hoch die Feuerbrunnen auf der Sonne sprin­gen.

Auch für die Kultur der Menschheit ist dieser Fortschritt der Wissenschaft etwas dien­lich gewe­sen. Die Kapitäne können mit ihren verbes­ser­ten Instrumenten besser peilen, und die mittel­eu­ro­päi­sche Zeit gestat­tet den Bürgermeistern der großen Städte, noch regel­mä­ßi­ger als sonst zu Mittag zu essen. Von den Segnungen des Metermaßes ganz abzu­se­hen. Nun ist es aber genau derselbe Verstand, der eins­tens Tag und Nachtunterschied, der nach­her genauer zusah, sein Verfahren verbes­serte und endlich die Abteilung dieser Erfahrungsvorräte unter der Filialfirma Astronomie aufge­tan hat. Diese ganze Wissenschaft ist natür­lich in Worten nieder­ge­legt. Man achte aber wohl darauf, daß jede einzelne Entdeckung jedes­mal und jeder­zeit wort­los entdeckt, wort­los erblickt worden ist. Wie jemand, der ein Meteor sieht, die Leute zusam­men­ruft und es ihnen erzählt, seinen Schrecken beschreibt und Hungersnot prophe­zeit. Das über­flüs­sige und Sinnlose faßt er in Worte. Als er das Neue sah, hat er das Maul gehal­ten.

Wir können nicht genau defi­nie­ren, was wir uns unter dem Denken denken. Eben darum nicht, weil hier das Werkzeug zugleich die Arbeit wäre. Unser Denken ist das unfaß­bare Mittelglied zwischen unse­ren Wahrnehmungen und unse­rem Handeln. Wo es nicht derart von der Wirklichkeit zur Tätigkeit, also vom Sein zum Werden führt, ist es immer ein Spiel. Das geist­reichste Spiel ist die Philosophie. Da das Denken nun, objek­tiv genom­men, ohne Zweifel ein mate­ri­el­ler Vorgang ist, so können wir es in seiner geheim­nis­vol­len Art den zukunfts­schwan­ge­ren Zuständen gleich­stel­len, in denen auch andere Dinge als das Gehirn die Kraft sammeln, anders zu werden, als sie sind. Bildlich könnte man allem jeder­zeit und über­all Denken zuschrei­ben, da alles unauf­hör­lich anders wird. Am deut­lichs­ten zeigt es sich in chemi­schen Prozessen, oder in der Erregung von Elektrizität. Da muß es einen noch so kurzen Zeitabschnitt geben, in welchem Schwefel und Quecksilber nach festen Gesetzen (der chemi­schen Logik) den Plan bauen, Zinnober zu werden, in welchem die Berührung von Metallen die Spannung erzeugt, welche sich in elek­tri­scher Kraft löst. Ebenso in den biolo­gi­schen Molekülen.

Nun arbei­tet unser Gehirn in solcher Weise auch direkt aus der Wirklichkeit heraus. Wir pfle­gen es nicht Denken zu nennen, wenn das Kind von weni­gen Tagen die Nerven und Muskeln noch so kompli­ziert einsetzt, um an der Mutterbrust zu saugen, oder wenn der Soldat die Apparate seines Auges und seiner Finger, dazu schließ­lich seines ganzen Körpers kunst­ge­recht einstellt, um einen wohlz­ge­ziel­ten Schuß abzu­feu­ern. Wir nennen Denken gewöhn­lich das Zielen aus der Erinnerung, d.h. wenn wir nicht aus der unmit­tel­ba­ren Gegenwart in die Zukunft hinüber wollen, sondern aus der haften­den Vergangenheit. Populär ausge­drückt: Wir nennen es denken, wenn wir aus Erinnerungsbildern, d.h. Begriffen, d.h. aus Worten unsere Schlüsse ziehen, d.h. Beschlüsse fassen. Von unse­ren Wahrnehmungen zu unse­ren Willensvorbereitungen zieht sich ein Netz von feinen Fäden, viel­leicht von unsicht­ba­ren Richtungsfäden. Die Knotenpunkte dieses Schienennetzes müssen die Worte sein.

Die Logik will nun durch­aus diese Knotenpunkte nach Größe, Lage und Form mathe­ma­tisch analy­sie­ren. Sie gibt zu, daß unser natür­li­ches Denken mit unkla­ren, unbe­stimm­ten und subjek­ti­ven Worten arbei­tet. Sie strebt darum seit Jahrtausenden einem Denken mit mathe­ma­tisch gemes­se­nen Worten zu, die sie Begriffe nennt. Ein solches unna­tür­li­ches oder über­na­tür­li­chen Denken findet sich nicht in der Welt der Wirklichkeiten. Wir haben keine ande­ren Begriffe als unsere armen Worte; diese sind wohl von Geschlecht zu Geschlecht feiner und schär­fer geschlif­fen worden, reine Begriffe werden sie nie werden. Und selbst das Verdienst der Verfeinerung gebührt nur den vielen Formen der Anschauung, nicht der Logik, welche bloß das Register der Verfeinerungen führt. Die Logik ist darum keine Wissenschaft, denn ihr Gegenstand, die Begriffe, ist nur ein Ideal. Sie ist aber auch keine Kunstlehre, denn sie kann den Denkkünstler nichts lehren. Man wollte sie denn auf eine Stufe stel­len mit der Schreiberei über andere Künste, die auch nur ordnet, klas­si­fi­ziert und beti­telt, was etwa die Augen der Maler gese­hen und ihre Hände geschaf­fen haben.

Der Mensch versucht mit Hilfe der Sprache Gedanken zu jagen, wie er mit Hilfe der Hunde Hasen jagt. Nur daß bei der Gedankenjagd ein Kinderspiel getrie­ben wird. An einer Stelle sind ja auch beim Kinderspielzeug Hase und Hund hinter­ein­an­der befes­tigt. So auch haftet fest anein­an­der Wort und Begriff . Und so oft man auch die Kurbel drehen mag, immer jagt hinter dem Hasen der Hund, hinter dem Begriff das Wort, immer gleich nahe, immer gleich weit. Und ein vorlau­ter und loser Kopf müßte erken­nen, daß, man auch sagen könnte: Der Hase ist hinter dem Hunde her, der Gedanke hinter der Sprache.

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