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30. Ideenassoziation

Man kann sagen, daß für den gebil­de­ten Durchschnittsmenschen das Wort die Ursache aller Gedankenketten ist, die allei­nige Ursache.”

Man kann sagen, daß für den gebil­de­ten Durchschnittsmenschen das Wort die Ursache aller Gedankenketten ist, die allei­nige Ursache.Nun folgen aber die Einzelerinnerungen nicht nur so in der Zeit aufein­an­der, wie sie durch aufein­an­der­fol­gende Wahrnehmungen ange­regt werden (wenn ich z.B. durch meine Vaterstadt wandere und dieses und jenes Haus alte Erlebnisse ins Gedächtnis zurück­ruft), sondern es ist auch eine Tatsache, daß eine einzige Anregung genügt, um auto­ma­tisch eine unend­li­che Reihe von Erinnerungen wach­zu­ru­fen, die dann natür­lich in der Zeit aufein­an­der­fol­gen. Ein lebhaf­ter Kopf kann während der Dauer einer Stunde eine Kette von Erinnerungen durch­lau­fen, die sich durch Himmel und Erde, durch alle Wissensgebiete, durch Lust und Schmerz, durch Vergangenheit und Zukunft hindurch­zieht, daß letzte inso­fern, als auch Erwartungen schließ­lich doch nur Endglieder von Erinnerungen sind. Spricht man in der Psychologie von der Zeitfolge der Erinnerungen, so nennt man diese gewöhn­lich nicht Erinnerungen, sondern Gedanken oder Ideen, und nennt die seeli­sche Erscheinung selbst seit der Zeit der Scholastiker, mit einem tech­ni­schen Ausdrucke aller­dings erst seit LOCKE, Ideenassoziation. Neuerdings hat HAECKEL, der als Greis neue Worte fast noch lieber hat oder besser behal­ten kann als neue Tatsachen, das schwie­rige Wort durch “Assoziation” mund­ge­rech­ter zu machen gesucht. Die Engländer waren die ersten, welche die Assoziationspsychologie fein ausge­bil­det haben. Nach ihnen haben dann die Deutschen die soge­nann­ten Assoziationsgesetze aufge­stellt und zunächst die Assimilation als die Verschmelzung sehr ähnli­cher, die Komplikation als die Verschmelzung unähn­li­cher Gebilde zur Grundlage der Assoziation gemacht, sodann das Gesetz der Zeitfolge von Assoziationen syste­ma­tisch durch­zu­füh­ren gesucht.

Über die grob­schläch­ti­gen Andeutungen des ARISTOTELES nach dem Assoziationen nament­lich durch Ähnlichkeit und Gegensatz und durch zeit­li­che oder räum­li­che Nachbarschaft der Erinnerungsbilder hervor­ge­ru­fen werden, ist man frei­lich nicht wesent­lich hinaus­ge­kom­men, obgleich nach HUME SCHOPENHAUER, der übri­gens die Analogie neben die Ähnlichkeit setzte, bedeu­tungs­voll auf das Verhältnis von Grund und Folge als eine wich­tige Quelle der Assoziationen hinwies und das Bedürfnis fühlte, eine SeeIenkraft aufzu­stel­len, welche als tiefere Ursache unter allen mögli­chen Assoziationen die letzte Wahl trifft. Selbstverständlich sah der Willensphilosoph diese Kraft im mensch­li­chen Willen. Und dann soll wieder die Assoziation der vom Willen unab­hän­gigste Gehirnvorgang sein. Alle Assoziationsphilosophen wider­spre­chen einan­der und müssen einan­der wider­spre­chen; die herr­schende Lehre des psycho­phy­si­schen Parallelismus macht jede Verständigung unmög­lich: einer­seits kann die tägli­che Selbstbeobachtung lehren, daß es innere Assoziationen gibt; ander­seits verlangt der Satz, daß die psychi­sche Kausalreihe nicht auf die physi­sche wirken könne, den Ausschluß aller inne­ren Assoziationen.

Trotz aller Dunkelheiten woll­ten die Assoziationsphilosophen in ihren Assoziationsgesetzen etwas entdeckt haben, was dem Gravitationsgesetze an Wert gleich­kam. So JOHN STUART MILL. Ist aber schon die Gravitation trotz ihrer unver­rück­ba­ren Gültigkeit nur eine Hypothese, nur eine Metapher, welche die beschrie­bene Erscheinung zu erklä­ren glaubt, so sind die Assoziationsgesetze trotz ihrer unge­fäh­ren Gültigkeit doch zur wissen­schaft­li­chen Tat, zur Bestimmung der Zukunft unbrauch­bar, weil wir nicht aus diesen Gesetzen, sondern höchs­tens und unsi­cher aus dem Charakter und der Gewohnheit des Einzelmenschen die Erwartung erschlie­ßen können, welche unter den mögli­chen Assoziationen der nächste Augenblick brin­gen werde. Wie das Gedächtnis sich zur Aufmerksamkeit und zur Übung verhält, so auch zur Assoziation. Die Assoziationsphilosophen sind in ewiger Verlegenheit, ob sie das Gedächtnis zur Grundlage der Assoziationen machen sollen oder umgekehrt.

SPINOZA hat schär­fer gese­hen als seine Vorgänger und Nachfolger. Unbeirrt von der mangel­haf­ten Physiologie und Psychologie seiner Zeit, hat er an einer beach­tens­wer­ten Stelle das Gedächtnis und die soge­nannte Ideenassoziation iden­ti­fi­ziert. Er sagt:
“Hieraus (nämlich aus carte­sia­ni­schen Vorstellungen, bei deren Prüfung wir uns hier nicht aufhal­ten wollen) erse­hen wir deut­lich, was das Gedächtnis ist. Es ist nämlich nichts ande­res, als eine gewisse Verkettung von Ideen, welche die Natur der Außendinge begrei­fen, und welche (die Verkettung) im Geiste entsteht nach der Ordnung und der Verkettung der mensch­li­chen Sinneseindrücke.“
Wer diese schöne und merk­wür­dige Definition SPINOZAs zu Ende denkt, der muß meines Erachtens zu einer Einsicht gelan­gen, welche die Erscheinung der Assoziation an noch viel einfa­che­ren Seelentätigkeiten wieder­erkennt. SPINOZA geht an der zitier­ten Stelle von dem wohl­be­kann­ten Falle aus, daß ein Mensch zwei Dinge zugleich wahr­ge­nom­men hat und nach­her nach dem Untergesetze von der zeit­li­chen Berührung durch das eine Ding an das andere erin­nert wird. Unterscheidet sich nun die gleich­zei­tige Erregung der Seele durch zwei Dinge gar so sehr von der gleich­zei­ti­gen Erregung der Seele durch zwei verschie­dene Sinneseindrücke eines und dessel­ben Dings? Wenn ich durch den Anblick eines Bergwaldes an mein Vaterhaus, durch den Geruch von Nelken an eine bestimmte schöne Frau erin­nert werde, so wird mir daß durch Gedankenassoziationen erklärt. Wie aber, wenn ich die Komplikation von Sinneseindrücken, welche ich unter dem Worte Apfel zusam­men­fasse, den Geruch, den Geschmack, die Form, die Farbe, das Gewicht, die Konsistenz u.s.w. in meiner Erinnerung so beisam­men habe, daß eine einzige dieser Wahrnehmungen mich an alle ande­ren erin­nert, wenn ich also durch den Geruch oder durch den Geschmack oder durch den Anblick zu dem Urteil geführt werde: “das ist ein Apfel”, wenn ich demnach die simpelste Anwendung von der mensch­li­chen Sprache mache, liegt da nicht die glei­che Ideenassoziation zu Grunde? Gewiß.

Und Worte sind ja auch nichts ande­res als das Gedächtnis assi­mi­lier­ter Wahrnehmungen. Wir werden uns nun nicht mehr wundem, wenn wir plötz­lich die Hauptquelle all unse­rer Assoziationen in den Worten unse­rer Sprache erbli­cken werden. Diese Beobachtung ist, wenn sie rich­tig ist, von so entschei­den­der Wichtigkeit für das Wesen der Sprache, daß ich nicht umhin kann, den aufge­stell­ten Satz genauer zu prüfen. Und die Sprache wird sich dabei wieder als so unzu­läng­lich erwei­sen, wie wenn ich einem Stadtkinde den Unterschied zwischen Tanne und Fichte erklä­ren wollte, ohne die beiden Bäume in Wirklichkeit oder in guten Bildern zeigen zu können. Jedenfalls wollen wir von Anfang an und für das Ende fest­hal­ten, daß Ideenassoziation dasselbe ist wie Gedächtnis, daß es ein abstrak­tes Gedächtnis nicht gibt, sondern nur die Handlungen der Erinnerung, und daß jede Einzelerinnerung zuletzt Vergleichung ist, die sich entwe­der bei einer Ähnlichkeit beru­higt und zu dem Satze führt: das ist dasselbe, oder den Grad der Unähnlichkeit für ausrei­chend hält, um zu sagen: das ist etwas anderes.

Daß die Worte die Hauptquelle der Ideenassoziationen seien, ist natür­lich nur ein bild­li­cher Ausdruck für die Behauptung, es seien die Worte der Sprache die Hauptursache der Assoziationen. Dies kann nur von einer Seite gese­hen rich­tig sein. Versetzen wir uns in den Geist eines gewöhn­li­chen Redners oder Schriftstellers, der Worte zu Markte trägt, oder in den Geist seines Zuhörers oder Lesers, so werden alle Ideenassoziationen ausschließ­lich durch Worte hervor­ge­ru­fen. Man kann da sagen, daß für den gebil­de­ten Durchschnittsmenschen das Wort die Ursache aller Gedankenketten ist, die allei­nige Ursache. Anderseits sind, wie wir eben gese­hen haben, die Worte der Sprache erst durch Ideenassoziationen entstan­den und neue Begriffe entste­hen noch heute im schöp­fe­ri­schen Kopfe des genia­len Menschen durch neue Ideenassoziationen. Wenn es nämlich wahr ist, daß der Begriff Apfel, d.h. die Verknüpfung eines beson­de­ren Geruchs, Geschmacks u.s.w., zu einer unlös­li­chen Gesamtvorstellung ein Werk der Ideenassoziation ist, genau so wie die Verknüpfung der Begriffe Apfel, Apfelbaum, Sommer, meine Heimat, meine Jugend, — dann ist wirk­lich die Assoziation die allei­nige Ursache der Worte.

Ebenso war es eine neue Gedankenassoziation, als z.B. SCHOPENHAUER in dem Herunterfallen eines Apfels und in dem Niederschlagen der Faust eine Ähnlichkeit erblickte und daraus seinen Willensbegriff formte. Da es Wechselwirkungen, da es eine Ursache ihrer selbst nicht geben kann, so ist es klar, daß wir die Ideenassoziation schon wieder in zwei verschie­de­nen Bedeutungen nehmen. Aber dieser Zwiespalt geht in viel höhe­rem Maße, als man glau­ben sollte, durch alle Naturbetrachtung. Wir können uns von dem obers­ten der moder­nen Begriffe, von der Entwicklung, nur darum kein deut­li­ches Bild machen, weil jeder Anpassung eine Vererbung und jeder Vererbung eine Anpassung voraus­ge­hen muß, und weil wir demnach niemals zu einem Anfangspunkte der Entwicklung gelan­gen können. Daß gewählte Beispiel ist für unsere Frage nicht ganz gleich­gül­tig, weil Anpassung und Vererbung eigent­lich wieder erwor­be­nes und orga­nisch gewor­de­nes Gedächtnis ist, also viel­leicht der Ideenassoziation als Ursache der Worte und der Ideenassoziation als Wirkung der Worte verwandt ist. Nicht meine Schuld ist es, wenn alle Begriffe wieder einmal gegen­ein­an­der strei­ten; es ist Schuld unse­rer psycho­lo­gi­schen Terminologie, die so unfer­tig ist, wie etwa die Gemeinsprache gewe­sen sein mag, als man noch nicht einig darüber war, die Vierfüßler und die Vögel in beson­de­ren Klassen zu trennen.

Wir wollen diesen Fehler unse­rer wissen­schaft­li­chen Sprache noch an einem ande­ren Beispiele aufzei­gen, an dem Verhältnisse zwischen der Ideenassoziation und der Einübung. Jedes Schulkind kennt die Erscheinung und jede Amme wendet das Gesetz an: daß oft wieder­holte Einübung bestimmte Ideenassoziationen fest macht, wobei dann der Begriffsunterschied zwischen Gedächtnis und Ideenassoziation ganz aufhört. Mag ein Schulkind das aufge­ge­bene Gedicht noch so mecha­nisch lesen, liest es die Verse nur oft genug, so wird es die Reihenfolge der Worte für Jahre hinaus, viel­leicht bis an sein Lebensende unver­rück­bar behal­ten. Noch passi­ver voll­zieht das Kind zwischen ein und zwei Jahren durch wieder­hol­tes Anhören die Ideenassoziation zwischen einem Worte und einer Sache. Es kann keine Frage sein, daß da die Einübung die Ursache der Assoziation ist. Richtet aber der Schulknabe seine Aufmerksamkeit auf sein Pensum, so wird er beim Lernen von Gedichten, von mathe­ma­ti­schen Sätzen, von histo­ri­schen Daten die Einübung umso schnel­ler bewir­ken, je mehr Assoziationen er zwischen den aufein­an­der­fol­gen­den Worten, mathe­ma­ti­schen Formeln, histo­ri­schen Tatsachen findet.

Es wird also hier die Assoziation zur Ursache der Einübung werden. Und damit auch die dritte Möglichkeit im Verhältnisse zwischen Assoziation und Einübung nicht fehle, kann man auch die Assoziation oder Vergesellschaftung als ein geis­ti­ges Handeln, als eine Tätigkeit auffas­sen und sie der Tätigkeit der Einübung ganz gleich setzen. So viel scheint aber aus dem Gesagten hervor­zu­ge­hen, daß der Sprachgebrauch dazu neigt, die Assoziation im Anfange der Entwicklung mehr als Ursache, im Verlaufe der Entwicklung mehr als Wirkung aufzu­fas­sen. So mag man auch das Verhältnis zwischen Assoziation und Sprache verste­hen; ohne dem Sprachgebrauche Gewalt anzu­tun, könnte man etwa sagen, daß die Worte im Anfange der Entwicklung durch Assoziationen entstan­den, daß auf unse­rer mitt­le­ren Entwicklung die Assoziationen durch Worte entstehen.

An diesem Punkte der Untersuchung kann ich schon auf einen Dienst von beson­de­rer Tragweite hinwei­sen, den unser Denken dadurch erhält, daß es Sprache ist und daß die Worte der Sprache Assoziationen sind, und ich kümmere mich dabei nicht im mindes­ten darum, daß vor einer konse­quen­ten Sprachkritik keines der eben ausge­spro­che­nen Worte bestehen könnte, daß insbe­son­dere das Wort “Dienst” einen teleo­lo­gi­schen und beinahe theo­lo­gi­schen Beigeschmack hat. Ist doch unsere Sprache durch und durch vergot­tet; und verstum­men müßte, wer sich vor dieser Flamme scheute. Dieser Dienst aber besteht darin, daß die Einübung unse­res Wissens unauf­hör­lich und in unge­ahn­tem Maße unbe­wußt durch den Gebrauch der Sprachzeichen vor sich geht. Es ist dabei einer­lei, ob einer wie SHAKESPEARE oder BISMARCK zehn- bis zwan­zig­tau­send Worte in seinem Sprachschatze besitzt oder ob einer nur über ein Vermögen von zwei- bis fünf­hun­dert Worten verfügt; es ist ferner einer­lei, ob diese Worte von ihrem Besitzer spre­chend oder schrei­bend ausge­ge­ben werden oder ob sie ihm nur so durch die Gedanken fahren. Je nach der Lebhaftigkeit seiner Phantasie erregt jeder innere oder äußere Gebrauch jedes Wortes jedes­mal eine kürzere oder längere Reihe von Gedankenassoziationen, und durch diese kaum auszu­den­kende Tätigkeit des Gehirns wird das gesamte Wissen des Menschen täglich mit einem Eifer einge­übt, für welchen keine bewußte Geistesarbeit ausrei­chen würde. Nur so ist es verständ­lich, daß einem MOMMSEN schließ­lich sein stupen­des Wissen jeden Augenblick bereit­steht; nur so ist es verständ­lich, daß dem Geiste des ärms­ten Bauern seine klei­nen Kenntnisse vom Wetter und von seinem Geschäfte mühe­los zur Verfügung stehen.

Bei der bekann­ten Enge des Bewußtseins wäre mensch­li­ches Denken über­haupt unmög­lich, wenn die blitz­schnel­len Gedankenassoziationen nicht wären; diese Blitzesschnelle wird durch die unbe­wußte Einübung, welche eben­falls ohne die Zeichen der Sprache unmög­lich wäre, hervor­ge­bracht. Die Enge des Bewußtseins wird durch die unbe­wußte Einübung der Sprache über­wun­den. Auch hier wieder steht die Übung als Wirkung der Ideenassoziationen am Eingang der Entwicklung, um in der oft beschrie­be­nen Erscheinung, daß das Gedächtnis durch syste­ma­ti­sche Übung gestärkt werden kann, am Ende als Ursache zu erschei­nen. Ich halte es für möglich, daß der Ursachbegriff, nach­dem er durch unge­zählte Jahrtausende die älteste und sicherste Hypothese des Menschengeistes gewe­sen war, nach­dem er seit HUME rein begriff­lich kriti­siert worden ist, einmal durch die Entwicklung des Entwicklungsbegriffs in seinem Werte verän­dert werden wird. Und eine Korrektur des Ursachbegriffs wäre wohl die größte Revolution, dessen der kleine Menschengeist fähig ist.

Betrachten wir nun als die Grenzen der Menschheit nicht den Besitzer von zwan­zig­tau­send und von fünf­hun­dert Worten, nicht einen Schöpfer wie SHAKESPEARE oder BISMARCK und einen deut­schen Bauer, betrach­ten wir als die Grenzen lieber einen Durchschnittsgebildeten mit seinem alltäg­li­chen Schwatzbedürfnis und einen soge­nann­ten Wilden mit seiner gerin­gen Zahl konkre­ter Begriffe, so ist auf den ersten Blick das Verhältnis zwischen Ideenassoziation und Sprache bei beiden sehr verschie­den. Beim Durchschnittsgebildeten, und nicht viel anders beim Durchschnittsphilosophen und Durchschnittsgelehrten ist wirk­lich die Sprache die Hauptquelle aller Assoziationen. Wir bemer­ken es im Parlament, im Hörsaal, im Salon, wie das eine Wort das andere hervor­ruft und die Sprache für den Redner, den Gelehrten, den Schwätzer genau so Brücken schlägt von einem Gedanken zum ande­ren, wie sie nach SCHILLERs Wort für den Durchschnittsdichter dich­tet und denkt. Man nennt das auch die Logik. Was wir an diesen Stätten der Durchschnittsbildung bemer­ken, was wir im Salon expe­ri­men­tell nach­wei­sen können (ich kenne einen, der mehr als einmal durch ein absicht­lich gespro­che­nes Wort bestimmte, vorher­ge­sagte Gedankenassoziationen, Gespräche und Behauptungen aus schein­bar ganz selb­stän­di­gen Menschen heraus­zog), das ist auch theo­re­tisch aus den Gesetzen der Assoziation zu begrün­den. Die Fälle, in denen Ähnlichkeit und Gegensatz, ferner die Nachbarschaft in Zeit und Raum bei sinn­li­chen Wahrnehmungen Assoziationen erzeu­gen, müssen nämlich verschwin­dend selten sein gegen die Fälle, in denen Ähnlichkeit und Gegensatz, ferner die Nachbarschaft in der Zeit (aber auch im Raume) im Gebrauche der Worte Assoziationen erzeu­gen. Denn der provi­so­ri­sche Weltkatalog, welcher nach dem jewei­li­gen Stande der Weltkenntnis den Vorrat unse­rer Sprache ausmacht, ist lang­sam unter den Gesetzen der Assoziation entstanden.

Sind nun alle diese Beobachtungen und Begriffserklärungen rich­tig, ist die Sprache wirk­lich die Hauptquelle aller Assoziationen, wie umge­kehrt die Sprache aus Assoziationen entstand, so erken­nen wir auch, warum die Psychologie mit ihren sturen Begriffen von Gedächtnis, Ideenassoziation und Sprache alle diese Verhältnisse nicht einmal auszu­drü­cken vermochte. Wir sehen jetzt, daß wir Gedankenassoziationen und Gedächtnistätigkeiten als die glei­chen Erscheinungen auffas­sen müssen, höchs­tens etwa mit der Unterscheidung, daß Assoziationen unge­fähr Erinnerungen im Zustande der Entstehung sind, so wie die neuere Chemie beson­dere Eigenschaften an akti­ven, im Augenblicke der Trennung von ande­ren Körpern gegen ihre starre Erscheinung verän­der­ten Stoffen nach­ge­wie­sen hat. Nur daß die akti­ven Assoziationen an den Erinnerungen durch jede Erregung wieder belebt, reak­ti­viert werden können. Und noch einmal erin­nere ich daran, daß solche Erregungen unauf­hör­lich und nach allen Richtungen sich wieder­ho­len, weil die Erinnerungen an Wortzeichen geknüpft sind, welche durch unzäh­lige Fäden mitein­an­der in Korrespondenz stehen. Behalten wir uns eine Differenzierung im Sprachgebrauche für bestimmte Untersuchungen vor, so können wir dennoch für die Entwicklungsgeschichte des mensch­li­chen Verstandes Gedächtnis, Ideenassoziation und Sprache als iden­tisch setzen.

Weil nun die Psychologie diese Gleichung bis zur Stunde nicht voll­zie­hen konnte, darum mußte sie sich auch verge­bens mit der Entdeckung voll­stän­di­ger Assoziationsgesetze abquä­len. Freilich war es der Psychologie unmög­lich, die Tatsachen des unwill­kür­li­chen Gedankenganges zu über­se­hen; so konnte sie schon in sehr früher Zeit einige weite Allgemeinheiten wie Ähnlichkeit und Nähe von Zeit und Raum als Assoziationsgesetze aufstel­len. Und sie ahnte gar nicht, daß sie dabei einige Entstehungsweisen der Begriffe (ich könnte auch Gesetze der Sprachentstehung sagen) erra­ten hatte, daß Begriffe wie Apfel, Kernobst, Frucht, Pflanzennahrung, daß andere Begriffe wie Haus, Straße, Berlin, Preußen u.s.w., daß der 23. Juni, das Jahr 1899 u. s. w. genau durch die glei­chen Assoziationsgesetze allein entste­hen konn­ten. Zwei Jahrtausende später erst entdeckte man, wie gesagt, daß das Verhältnis von Ursache und Wirkung eben­falls Assoziationen zu stande bringe, und bemüht sich seit­dem um eine syste­ma­ti­sche Assoziationspsychologie. Diese kann aber keine andere sein als die Psychologie der Sprache selbst.

So viele Beziehungen in den Erscheinungen der Wirklichkeitswelt beob­ach­tet worden sind, so viele Beziehungen infol­ge­des­sen in Grammatik und Logik der Sprache, d.h. in unse­ren Vorstellungen von der Wirklichkeitswelt, ihren Ausdruck finden, so viele Beziehungen können Gedankenassoziationen erzeu­gen. Und weil ander­seits unsere Sprache zu arm und zu unwis­send ist, um irgend­wel­che geis­ti­gere Beziehungen als die bruta­len der Ähnlichkeit und des Gegensatzes oder der Nähe von Zeit und Raum klar auszu­drü­cken, weil in unse­rer Sprache nur unge­fähre Analogien durch­ein­an­der­flie­ßen, und der Sinn der Worte, der Wortfolgen und der Satzfolgen sich erst hinter­her aus unse­rer Kenntnis der Wirklichkeitswelt à peu près ergibt, darum erschei­nen uns unsere unwill­kür­li­chen Gedankengänge, unsere Ideenassoziationen so unzu­ver­läs­sig, so leise über unsere Erinnerungen hint­as­tend. Vor unse­ren Gedankenassoziationen, die wie ein Mückenschwarm im Sonnenlichte tanzen, erscheint unser stol­zes Denken in seiner wahren Gestalt. Die Selbsttäuschung beginnt da, wo wir unsere Aufmerksamkeit auf eine Mücke aus diesem Schwarme rich­ten und in der Hypnose der Aufmerksamkeit etwas zu erken­nen glau­ben, solange wir alles andere Wirkliche übersehen.

Niemand wird leug­nen wollen, daß die Lebhaftigkeit der Assoziationen und die Sicherheit im Sprachgebrauche beim Schriftsteller in hohem Grade verei­nigt sind; wir wollen darum die Erscheinung einmal beim Dichter, beim Redner und beim Gelehrten genauer anse­hen. Und darüber wird wohl kein Streit mehr herr­schen, daß die Phantasie des Dichters nicht etwa ein beson­de­res Seelenvermögen ist, sondern daß diese Phantasie nur die Erinnerungen in freier Weise verbin­det, also eigent­lich dieselbe Gedankenassoziation ist, die wir aus unse­ren Traumzuständen kennen. Es kann als bekannt voraus­ge­setzt werden, daß die Phantasie des Künstlers niemals ein völlig neues Motiv erfin­den kann, daß z.B. auch der geni­alste Maler niemals ein Geschöpf der Phantasie erfin­den kann, an dem nicht jedes kleinste Teilchen irgend einem Motiv der Natur entnom­men wäre. Phantasie ist Gedächtnis. Nur der Grad der Anschaulichkeit ist beim Dichter stär­ker, oft sehr viel stär­ker (“unend­lich stär­ker” wäre eine Phrase) als beim Rhetor; wie die Anschaulichkeit beim Maler farbi­ger ist als beim Zeichner.

Wir haben im vori­gen Kapitel, vorläu­fig und fast ohne Begründung, bemerkt, daß die Assoziationen mitsamt ihren soge­nann­ten Gesetzen der Subjektivität des Menschengeistes unter­wor­fen sind. Wenn wir jetzt sehen werden, daß die Assoziationen des Dichters, des Redners, des Gelehrten sich nach seinem Individualgedächtnis ordnen, so wird uns das auf die Auffassung vorbe­rei­ten, die uns bald nicht mehr erschre­cken soll: das eigent­li­che Subjekt aller Geistestätigkeit, das soge­nannte Ich, wieder mit dem Gedächtnisse gleich zu setzen, das Ich — wenn man will — mit dem Rätsel des Gedächtnisses zu erklä­ren. Es ist nicht meine Schuld, sondern die der mensch­li­chen Sprache, wenn da Gedächtnis und Ich bald iden­tisch sind, bald eins im ande­ren. Und ebenso Sprache (oder Gedächtnis) und Ich: bald iden­tisch, bald eins im anderen.

Keine psycho­lo­gi­sche Beobachtung der dich­te­ri­schen Tätigkeit kann uns im Zweifel lassen über die, wenn man will, melan­cho­li­sche Tatsache, daß die Wortfolge, welche ein Gedicht ausmacht, durch Ideenassoziation zu stande kommt und daß diese Ideenassoziation in jedem beson­de­ren Falle durch Äußerlichkeiten beein­flußt werden kann. Ob der Dichter ein GOETHE ist oder der letzte Skribler, so wich­tig es für den Wert des gewor­de­nen Gedichts sein wird, es ist gleich­gül­tig für die psycho­lo­gi­sche Tatsache. Man stelle sich einmal vor, der Dichtersmann gehe von der Stimmung oder von der Absicht aus, den Eindruck des Frühlings in Versen auszu­spre­chen. Er hat z.B. die Vorstellung vom blühen­den Tal bereits gefaßt. Nun ist es doch ganz klar, daß ihm — unbe­wußt oder bewußt — die weite­ren Vorstellungen sehr verschie­den zuströ­men werden, je nach­dem ihm das werdende Gedicht als eine Reihe von Hexametern, als Reimstrophe oder als eine Kette von Stabreimen vorschwebt. Einem GOETHE entsteht viel­leicht das ganze Frühlingslied mit schein­ba­rer Plötzlichkeit so, daß der Dichter selbst nicht sagen könnte, wie er die Worte gefun­den hat.

Ein elen­der Reimschmied wird sich bewußt sein, daß er unter den mögli­chen Reimen nach einem suchte, dessen Begriff halb­wegs zum Frühlingsliede paßte. HEINRICH HEINE wird das Frühlingslied wie ein Genie finden und einen beson­de­ren Wohllaut wie ein Reimschmied hinzu erfin­den. Bei allen dreien jedoch wird die Aufmerksamkeit, je nach­dem sie auf den Rhythmus des Hexameters oder auf den Reim oder auf die Alliteration gelenkt ist, durch Ideenassoziation brauch­bare Worte über die Schwelle des Bewußtseins brin­gen. Ich meine dabei nicht die Fälle, die beim Skribler die Regel sind und bei GOETHE die seltenste Ausnahme, die Fälle nämlich, wo ein Flickreim dasteht, wo also die durch die Reimform erregte Ideenassoziation falsche Wege einge­schla­gen hat; nein, auch das herr­lichste Gedicht entsteht im Geiste des gewal­tigs­ten Dichters so, wie es entsteht, nur dadurch, daß die vorschwe­bende Form oder die Richtung der Aufmerksamkeit die Gedankenassoziation lenkt. Man verglei­che einmal Verse aus GOETHEs schöns­ten Liedern mit den Knittelversen des Faust, mit den anti­ken Zeilen der römi­schen Elegien und etwa noch mit gewis­sen Spielereien aus dem Westöstlichen Divan, und man wird entde­cken, daß dem Dichter nicht allein die Worte nach der Richtung seiner Ideenassoziation eigen zuströ­men, sondern daß sogar ich möchte sagen die Sprachprovinzen, aus denen die Worte kommen, andere sind. Der boshafte Butler, der Dichter des Hudibras, hat ganz recht, wenn er einmal sagt: “Der Reim ist das Ruder der Verse, mit dessen Hilfe sie wie Schiffe ihren Lauf richten.”

Ähnlich wie um Rhythmus, Reim und Alliteration beim Dichter steht es um den Witz beim Redner, und über­haupt bei dem Schriftsteller, der nicht gerade ein Dichter ist; wobei frei­lich zu bemer­ken wäre, daß im Geschmacke mancher Zeit Poesie und Witz sich nicht wesent­lich vonein­an­der unter­schie­den. über­all, wo Witz ins Spiel kommt, nicht nur bei den gemei­nen Wortspielen, ist es die Sprache, welche die Ideenassoziation beherrscht. Und wenn mir in diesem Augenblicke einfällt zu sagen, daß Assoziation durch alle Arten von Assonanz hervor­ge­ru­fen werde (was frei­lich nur ein mäßi­ger Witz ist und kaum das), so bin ich mir bewußt, daß die Gedankenverbindung durch die Alliteration veran­laßt worden ist.

Das Wort Witz hieß im älte­ren Sprachgebrauche “die Witze” und bedeu­tete nicht viel ande­res als die Weisheit oder viel­leicht die Gabe, sein Wissen mit Schnelligkeit und Sicherheit anzu­wen­den. Gegenwärtig verste­hen wir unter Witz die beson­dere Anlage eines Kopfes, spie­lende, verblüf­fende und dadurch belus­ti­gende Assoziationen zu knüp­fen, schließ­lieh sogar (was meinem eige­nen Sprachgefühle immer noch wider­strebt) die Einzeläußerung dieser Anlage, einen Witz. Zwischen diesen beiden Wortbedeutungen liegt der Sprachgebrauch gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts, wo das Femininum “die Witze” bereits der Witz gewor­den war, und wohl als Übersetzung des fran­zö­si­schen esprit das ausdrückte, was wir heute wieder lieber durch Geist bezeich­nen. In allen diesen Begriffswandlungen sagt aber Witz nichts ande­res als daß derje­nige, dem man Witz zuschreibt, in einer bestimm­ten Richtung seiner Gedankenassoziationen den Durchschnitt der Menschen an Reichtum über­trifft. Beim Witze nach dem neue­ren Sprachgebrauche ist es offen­bar, daß die Sprache ebenso die Quelle aller seiner Assoziationen ist wie beim Reime und der Alliteration. Bringt man einen von Natur witzi­gen Franzosen als Kind nach Deutschland, so daß er gar nicht Französisch lernt und das Deutsche seine Muttersprache wird, so wird er später als witzi­ger Schriftsteller wohl in seinem ganzen Charakter manche ererbte fran­zö­si­sche Neigung bewah­ren können; es wird ihm aber auch nicht ein einzi­ger Begriff in allen seinen Schriften so einfal­len, wie er ihm, auch abge­se­hen vom laut­li­chen Zeichen, einge­fal­len wäre, wäre er Franzose geblieben.

Was für denje­ni­gen gilt, der ein Schöpfer von Poesie oder von Witz ist, das gilt ebenso für die Leute, welche die Poesie oder den Witz als Zuhörer oder Leser bloß genie­ßen wollen. Sie haben es leich­ter oder schwe­rer, aber auch bei ihnen werden alle Zauber der schnel­len Ideenassoziation nur mit Hilfe der Sprache ausge­löst. Wer die Worte oder Begriffe des Dichters, des witzi­gen Schriftstellers nicht zu seiner Verfügung hat, der wird die Poesie, der wird den Witz nicht verste­hen können.

Nehmen wir den Witz oder die Witze (Fem.) nach dem Sprachgebrauche der älte­ren Zeit, so haben wir die Fähigkeit, die den Gelehrten ausmacht. Es bedarf nach allem Gesagten keiner weite­ren Begründung, daß auch die Arbeiten des Durchschnittsgelehrten nichts ande­res sind als geord­nete Gedankenassoziationen, geord­net und veran­laßt durch die wissen­schaft­li­che Sprache seiner Zeit. Wer daran zwei­feln wollte, brauchte nur verschie­dene Bücher eines vergan­ge­nen Zeitabschnitts zu lesen, und er wird erken­nen, wie über­all dasselbe steht. Es ist der soge­nannte Geist der Zeit, welcher die Bücher einer Zeit diktiert. Und wenn die Kinder einer glei­chen Zeit nicht wört­lich die glei­chen Bücher schrei­ben, wenn unsere werten Zeitgenossen nicht auf die glei­che äußere Anregung alle die wört­lich glei­che Bemerkung machen — was doch bei der Identität der Anregung und der Muttersprache nach unse­rer Theorie wahr­schein­lich wäre -, so liegt das bloß daran, daß die Individualsprachen der einzel­nen Menschen durch Erziehung und Bildungsgang verschie­den ausge­fal­len sind, und daß schließ­lich die Richtung der Aufmerksamkeit nicht durch die Sprache, sondern durch den Charakter und folg­lich durch die Interessen des Sprechenden entschie­den wird. Es ist ein bekann­ter Scherz, daß man Charakter und Lebensberuf seiner Coupémitinsassen erra­ten kann, wenn man plötz­lich eine Bemerkung macht über das Wetter, über die Landschaft u.s.w. und auf die Ideenassoziationen achtet, durch welche die Antworten hervor­ge­ru­fen werden.

Daß die Ideenassoziation und das Gedächtnis und die Sprache mit dem Denken des Menschen iden­tisch sei, mag in so knap­per Ausdrucksweise wie ein verwe­ge­ner Satz erschei­nen. Dennoch rich­tet der Salonmensch oder der Schmeichler sein Benehmen so ein, als ob er von der Wahrheit dieses Satzes über­zeugt wäre. Er wirft, wenn er geschickt ist, ein schein­bar gleich­gül­ti­ges Wort hin, welches durch Ideenassoziation beim Zuhörer je nach­dem zurecht­wei­sende oder schmei­chelnde Vorstellungen erweckt. Selbst der einfa­che Takt des Herzens bedient sich unauf­hör­lich der Ideenassoziation anstatt der direk­ten Sprache. “Im Hause des Gehängten soll man von keinem Stricke reden,” natür­lich darum nicht, weil die betrübte Familie durch das Wort Strick an die Schande erin­nert würde. 

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