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29. Vergleichung

Auf der gefäl­li­gen Annahme der Gleichheit beruht unser ganzes geis­ti­ges Leben.”

Haben wir nämlich einge­se­hen, daß das gesamte Gedächtnis des Menschengeschlechtes oder das Denken oder die Sprache ein Vergleichen ist (wobei, wie wir sahen, Ähnliches schon gleich genannt wird), so läßt sich alle Denktätigkeit in zwei unge­heure Gruppen eintei­len, welche ich aller­dings nur unge­nau beschrei­ben kann, weil ich die entspre­chen­den Begriffe dem gewohn­ten Sprachgebrauche gemäß anwen­den muß. Die beiden Gruppen sind etwa durch die Worte klas­si­fi­zie­ren und wieder­erken­nen zu kenn­zeich­nen; in der ersten Gruppe werden unmit­tel­bar gege­bene Eindrücke oder unmit­tel­bar gege­bene und erin­nerte Eindrücke so lange vergli­chen, bis die Dispositionen zu ihrer Erneuerung sich — man kann wohl sagen — verei­ni­gen und eine abge­kürzte Formel für alle Dispositionen vorliegt: ein Wort, ein Begriff ; in der zwei­ter Gruppe wird ein unmit­tel­ba­rer oder ein erin­ner­ter Eindruck oder bereits eine abge­kürzte Formel für ein System von Eindrücken mit einer ande­ren Formel vergli­chen. Jede Klassifikation oder Begriffsbildung ist eine Gleichung, bei welcher wir infolge langer Einübung das Gleichheitszeichen nicht mehr brau­chen; jedes Wiedererkennen oder Urteilen ist auch formen einer Gleichung, in welcher wir das Subjekt mit dem Prädikat, den Begriff mit seiner Definition u.s.w. ausdrück­lich gleich­set­zen. Die unzäh­li­gen Fälle, in denen die Kopula “ist” nicht eigent­li­che Identität, sondern Unterordnung aussagt, sind keine Ausnahmen, denn sie lassen sich sehr einfach auf eine Gleichung zurück­füh­ren. Das Pferd ist ein Säugetier” heißt so viel wie “Das Pferd = eines von den Säugetieren.” Auf der gefäl­li­gen Annahme der Gleichheit beruht unser ganzes geis­ti­ges Leben.

Dürfen wir nun nicht von einer objek­ti­ven Gleichheit spre­chen, sondern nur von dem subjek­ti­ven Gefühle der Gleichheit, haben wir erkannt, daß physio­lo­gi­sche oder psycho­lo­gi­sche Veränderung der Begriff ist, unter welchem sich das Gefühl der Gleichheit und der Ungleichheit schei­det, so sehen wir auf den ersten Blick, daß wir die beiden Endzustände einer Bewußtseinsänderung, die uns einen noch so klei­nen Ruck gibt, unähn­lich oder ungleich nennen, und daß wir je nach der Schärfe unse­rer Organe die beiden Endzustände einer Bewußtseinsänderung, die uns keinen Ruck gibt, Zustände, die uns ähnlich erschei­nen, gleich nennen. Absolute Gleichheit ist eine Abstraktion des mathe­ma­ti­schen Denkens. In der Wirklichkeitswelt gibt es nur Ähnlichkeit. Gleichheit ist starke Ähnlichkeit, ist ein rela­ti­ver Begriff. Von der Schärfe der Sinnesorgane oder weiter des wissen­schaft­li­chen Denkens, in letz­ter Instanz von der Aufmerksamkeit oder dem Interesse hängt es ab, wie weit z.B. eine Klassifikation getrie­ben wird, ob wir den Begriff Pferd als tiefste Unterart kennen oder Pferderassen unter­schei­den, oder Unterrassen, oder gar jedes einzelne Pferd, wie der, Wachtmeister die Pferde seiner Schwadron kennt.

Auf Ähnlichkeit, nicht auf Gleichheit ist alles Klassifizieren oder die Sprache aufge­baut, auf Ähnlichkeit, nicht auf Gleichheit all unser Urteilen oder die Anwendung der Sprache. Alle Logik aber, auch die Algebra der Logik, geht von dem mathe­ma­ti­schen Begriff der Gleichheit aus und ist darum eine gefähr­li­che Wissenschaft. Um nicht zu weit abzu­schwei­fen, sei nur kurz erwähnt, daß auch der Begriff oder das Gefühl der Kontinuität aus dem Gefühle der Ähnlichkeit allein entsteht. Ich will das nur bild­lich ausdrü­cken. Ein geüb­tes Ohr wird vom tremo­lie­ren­den Singen verletzt, von Tönen also, welche durch ein Beben der Stimme unter­bro­chen werden; ein unmu­si­ka­li­scher Mensch empfin­det das Tremolieren viel­leicht gar als eine Schönheit. Hier ist die Einheit durch­bro­chen und doch die Kontinuität gewahrt. In mikro­sko­pi­scher Wirklichkeit besteht aber jeder Ton aus einzel­nen Stößen; es wird immer tremo­liert. Und in mikro­sko­pi­scher Wirklichkeit ist ganz gewiß der eine Stoß nicht genau gleich dem ande­ren, sondern nur ähnlich. Wir hören aber diese Ähnlichkeit so sehr als Gleichheit, daß wir über­haupt nur einen Ton hören. Alles Klassifizieren unse­rer Begriffsbildung, ja unse­rer Wahrnehmung leidet an dem “glei­chen” Fehler.

Ist somit alle Tätigkeit des Gedächtnisses nur ein Vergleichen, ein geheim­nis­vol­les Vergleichen präsen­ter Nervenerregungen mit Nervendispositionen, welche frei­lich wieder in ande­rem Zusammenhange allein Erinnerungen genannt werden, ist dieses Vergleichen eigent­lich nur ein beque­mes Gleichnennen ähnli­cher Eindrücke, so kann es gar nicht anders sein, als daß das Ergebnis dieses Gedächtnisses, nämlich die Entstehung und die Anwendung des Gesamtgedächtnisses oder der Sprache, sich mit einem à peu près behilft und niemals zu einer mathe­ma­tisch exak­ten Grundlage des Weiterdenkens dienen kann. Wir sind aber nach den bishe­ri­gen Ergebnissen imstande, die sprach­kri­ti­sche Untersuchung der durch­ein­an­der­schwe­ben­den Begriffe Gedächtnis und Bewußtsein um eine kleine Strecke weiter zu verfol­gen.

Wir können jetzt sagen, daß jede Erinnerung eine Aktion ist und zwar eine Bewußtseinsänderung, welche zwei Nervenzustände vergleicht. Dies gilt wenigs­tens für das bewußte Gedächtnis. Und es ist nicht meine Schuld, sondern Schuld der Sprache, wenn ich hier das Bewußtsein, welches nur Gedächtnis von einem ande­ren Gesichtspunkte ist, diesem Gedächtnisse bald zu bald abspre­che. Wenn wir nun vorhin gese­hen haben, daß es ein passi­ves Gedächtnis gar nicht gibt, so dämmert viel­leicht die Überzeugung auf, daß die bishe­rige Psychologie irrte, wo sie zunächst an eine Reproduktion von Sinneseindrücken glaubte, in letz­ter Zeit aber nur vorsich­tig bemerkte, wie das Gedächtnis für Beziehungen, d.h. für Bewußtseinsänderungen stär­ker sei als für einzelne Wahrnehmungen. Ich fürchte sehr, daß wir ein solches Gedächtnis für einzelne Wahrnehmungen gar nicht besit­zen, sondern nur eines für Beziehungen, daß jede Erinnerung eine Tätigkeit ist, eine Bewegung, durch welche wir eben von einem Bewußtseinszustand zum ande­ren über­ge­hen. Kehren wir zu unse­rem Beispiel von der Melodie zurück. Auch guten Musikern ist es unmög­lich, einen bestimm­ten einzel­nen Ton passiv in ihrem Gedächtnisse zu haben; es ist ihnen aber sogar auch schwer oder unmög­lich, den bestimm­ten einzel­nen Ton mit abso­lu­ter Sicherheit in ihrer Kehle oder auf der Violine zu bilden. Sie lassen sich den ersten Ton auf einem gutge­stimm­ten Klaviere anschla­gen. Sodann aber bilden sie die Melodie, also die Bewegung zu den weite­ren Tönen mit voller Sicherheit. Wir können diese bekannte Erscheinung allge­mein so ausdrü­cken, daß das Wesen des Gedächtnisses in der Assoziation besteht, d. h. doch wohl in der Bewegung auf einem bereits zurück­ge­leg­ten Wege. Gehörveränderungen und die mit ihnen aufs innigste verwand­ten Zeitvergleichungen sind ganz beson­ders stark asso­zi­ier­bar und repro­du­zier­bar.

Dieser Umstand allein würde nun wieder begreif­lich machen, warum das Gedächtnis der Menschheit oder die Sprache sich über­all hörbare Zeichen, unsere Worte, für ihre Zwecke gewählt hat. Wir haben eben gezeigt, welche Bedeutung die Aktivität des Gedächtnisses für den Menschen und seine Sprache habe. Sprachmittel konnte nur ein Sinneseindruck sein, den wir belie­big erzeu­gen können. Wir können uns in Tönen erin­nern, weil wir Töne bilden können.

Emanzipieren wir uns also für einen Augenblick von unse­rem Sprachgebrauch, auch dem soge­nann­ten wissen­schaft­li­chen Sprachgebrauch, wie man sich jedes­mal vom Sprachgebrauche der Gegenwart eman­zi­pie­ren muß, wenn man auch nur um Haaresbreite über das Begreifen der Gegenwart hinaus­ge­lan­gen will. Wir haben dann meines Erachtens die Stellung entdeckt, welche die Sprache als Mittelglied zwischen dem Gedächtnis und dem Bewußtsein einnimmt. Die beiden Abstraktionen Gedächtnis und Bewußtsein bezeich­nen für unse­ren kriti­schen Standpunkt ein und dieselbe Tatsache; Erinnerungen sind nur Tatsachen des Bewußtseins, Bewußtseinszustände sind nur Tatsachen des Gedächtnisses. Was wir als ein Ich kennen, dürfen wir mit glei­chem Rechte die Kontinuität des Gedächtnisses, wie die Kontinuität des Bewußtseins nennen. Aber je nach­dem wir unsere Aufmerksamkeit mehr auf das Zurückerinnern oder mehr auf den augen­blick­li­chen Bewußtseinsinhalt lenken, erscheint uns bald das Gedächtnis, bald das Bewußtsein als der höhere Begriff, der den ande­ren mit umfaßt. Bald ist das Gedächtnis der höhere Begriff, der einer­seits das gesamte bewußte Denken, ander­seits alles unbe­wußte Seelenleben mit seinen Instinkten und auto­ma­ti­schen Gewohnheiten bezeich­net; bald ist das Bewußtsein der höhere Begriff, der einer­seits alles noch irgend bewußte Gedächtniswerk umfaßt, ander­seits alle die täglich neuen Erfahrungen, welche noch nicht in daß Gedächtnis einge­tre­ten sind. Wobei nicht zu über­se­hen ist, daß nur derje­nige Inhalt unse­res Bewußtseins, der vom Gedächtnisse apper­zi­piert wird, für unser geis­ti­ges Leben Bedeutung hat. Es scheint mir nun gewiß zu sein, daß diese beiden schwe­ben­den Begriffe in der Sprache allein ihren Halt haben. Alles ganz oder halb bewußte Gedächtnis des Menschengeschlechts bis herab zum letz­ten Individuum ist in der Individualsprache jedes einzel­nen Menschen nieder­ge­legt, und zum Bewußtsein kommt jedem Einzelmenschen, in den hellen Blickpunkt des Bewußtseins tritt nur, was sich mit Worten ausdrü­cken läßt.

Und in der mensch­li­chen Sprache liegt zugleich das ewige Bestreben, Gedächtnis und Bewußtsein zu versöh­nen. Nämlich so: wenn man auf der höchs­ten Stufe des uns bis jetzt mögli­chen Vorstellens unter­schei­den will zwischen Gedächtnis und Bewußtsein, so muß man sagen, daß das Bewußtsein die marter­volls­ten und über­mensch­lichs­ten Anstrengungen macht, sich von der Herrschaft der Instinkte zu befreien und jedem neuen Eindrucke gegen­über frei, d.h. von der Entwicklungsgeschichte unab­hän­gig die Überlegenheit des Individuums zu behaup­ten, das Ich der zwin­gen­den Umwelt frei gegen­über­zu­set­zen; daß das Gedächtnis die unab­weis­bare Tendenz hat, durch Einübung der Aktionen, in welchen alle Erinnerungen bestehen, auto­ma­tisch, d.h. instink­tiv zu werden. Gedächtnis und Bewußtsein aber müssen sich an die Sprache klam­mern. Die Sprache nun ist der instink­tive Teil unse­res Denkens oder Gedächtnisses und der unbe­wußte instink­tive Teil des Bewußtseins. Das Denken muß entar­ten, muß sich vom jewei­li­gen Sprachgebrauch eman­zi­pie­ren, wenn es als stol­zes Selbstbewußtsein über das Gedächtnis hinaus­ge­lan­gen will.

Ist dem wirk­lich so, so verlie­ren die beiden Begriffe Bewußtsein und Gedächtnis, die uns abwech­selnd mit ihrer Gleichheit und ihrer Ungleichheit genarrt haben, zugleich ihre Schärfe und ihren Wert. Wir bemer­ken dann nur noch in der Geschichte des mensch­li­chen Geistes sowohl, wie in den unbe­deu­tends­ten Vorkommnissen dieser Geschichte, z.B. in unse­ren tägli­chen Geistesgewohnheiten, eine Tendenz, die auf Arbeitsersparnis hinaus­läuft und die wir je nach unse­rem Interesse bald Bewußtsein, bald Gedächtnis nennen. Das Gedächtnis hat über­all die Tendenz, ein auto­ma­ti­sches Gedächtnis, also eine Art Instinkt zu werden. Wer voll Noten spie­len lernt, muß zuerst die einzel­nen Notenzeichen und ihre Gruppierungen dem Gedächtnisse einprä­gen. Wir über­se­hen dabei gern, daß der Anfang dieses Auswendiglernens da ist, wenn das Notenzeichen in unser Bewußtsein eintritt, was ein sehr kompli­zier­ter Vorgang ist. Hat ein Schüler sich die Notenzeichen. schnell gemerkt, so loben wir sein gutes Gedächtnis. Ist der Schüler später ein Virtuose gewor­den, so hören wir auf, seine Kenntnis der Notenzeichen unter den Begriff des Gedächtnisses zu fassen. Er verbin­det das Sichtbare Zeichen mit dem entspre­chen­den Tone und dann wieder mit der entspre­chen­den Fingerbewegung so auto­ma­tisch, wie beim norma­len Menschen die kompli­zier­ten Bewegungen des Gehens oder des Essens auto­ma­tisch gewor­den sind.

Das Gehen und das Essen soll­ten wir unter die Instinkte rech­nen; auch das Notenlesen würde instinkt­mä­ßig genannt werden, wenn es allge­mein ererbt und nicht von einzel­nen Menschen mühse­lig erwor­ben würde. Automatisch ist es beim guten Klavierspieler sicher­lich. Automatisch wird bei ihm jedoch auch unter Umständen das Auswendigspielen eines langen Stückes. Auch da neigt die Sprache dazu, von einem gedan­ken­lo­sen Spielen zu reden, d.h. doch wohl von einem Spielen ohne Bewußtsein, ohne Besinnung, ohne bewußte Gedächtnisarbeit. In solchen Fällen hat das Gedächtnis sein Ziel erreicht, es hat sich selbst über­flüs­sig gemacht, wie man das von einer guten Regierung verlangt. Noch auffal­len­der ist dieser Weg bei solchen Übungen, die von größe­ren Menschengruppen oder die von allen Menschen ange­stellt werden. Das Bücherlesen geschieht heut­zu­tage von allen gebil­de­ten Menschen ohne Besinnung, ohne Gedächtnisarbeit. Das Wort Gedächtnis wenden wir dabei nur noch auf das beson­dere Auswendiglernen ganzer Stellen an. Das Gehen geschieht instink­tiv, nach­dem das Gehenlernen über­wun­den worden ist; wer später tanzen lernt, muß wieder Gedächtnisarbeit verrich­ten, bis auch das Tanzen auto­ma­tisch wird. Das Essen geschieht instink­tiv; wer aber später einen Fisch, eine Auster nach der jewei­li­gen Sitte essen lernen will, muß sein Gedächtnis anstren­gen, bis ihm das Fischessen, das Austernessen zur leich­ten Gewohnheit, bis es auto­ma­tisch wird.

Man wird wohl einse­hen, daß wir da über­all mit dem abstrak­ten Worte Gedächtnis nicht auskom­men können. Unter Gedächtnis stellt man sich immer noch etwas wie eine Kraft vor, die Vorstellungen wieder­holt, die mühsam einübt; und doch erken­nen wir jetzt die Mühelosigkeit, das auto­ma­ti­sche Wiederholen als dasje­nige, was erst Gedächtnisarbeit heißt. Und wieder vergißt die Sprache das Wort Gedächtnis anzu­wen­den, sobald das Ziel erreicht ist und das Gedächtnis gut funk­tio­niert. Der Grund liegt darin, daß jeder Anfang der Einübung mühsam, also bewußt vor sich geht und daß wir, auf diese Mühsamkeit oder Bewußtheit aufmerk­sam gewor­den, die Arbeit von der Mühelosigkeit, das Bewußtsein vom Gedächtnis tren­nen. Ich muß frei­lich geste­hen, daß eine solche sprach­kri­ti­sche Betrachtung nahe an den sprach­li­chen Nihilismus hinführt, weil wir da von den einzig wirk­li­chen physio­lo­gi­schen Vorgängen nichts wissen und alle Begriffe für die psycho­lo­gi­schen Vorgänge schwan­ken, was dann aller­dings natür­lich ist.

Wir haben vorhin gese­hen, daß alles Gedächtniswerk oder Denken ein Vergleichen ist, jedes Vergleichen eine Bewußtseinsänderung, bei welcher wir eine Art von Ruck als Beziehung der Ungleichheit und das Ausbleiben des Rucks als eine Beziehung der Ähnlichkeit oder Gleichheit empfin­den. Der Ruck weckt unser Bewußtsein oder viel­mehr er ist ein Zustand, den wir einen Bewußtseinszustand nennen. Vielleicht ist alle Tätigkeit des Gedächtnisses ein Bemühen unse­res egois­ti­schen Organismus, diesen Ruck abzu­schwä­chen. Alles Wachstum des mensch­li­chen Geistes, welches doch real nur im Wachstum der Individualgeister bestehen kann, voll­zieht sich also in einer ewigen Gegenbewegung: jede unge­wöhn­li­che oder unein­ge­übte Wahrnehmung wird mit einer Anstrengung oder mit Bewußtsein apper­zi­piert und behufs Klassifikation dem Gehirnschatze über­ge­ben, welcher, inso­fern er ein leben­di­ges Ganzes ist, Gedächtnis heißt; und dieses leben­dige Ganze macht sich sofort an die Arbeit, die Benützung der neuen Wahrnehmung unbe­wußt oder auto­ma­tisch zu machen, Arbeit zu erspa­ren.

Ist schon das Lesen für uns Büchermenschen eine auto­ma­ti­sche Tätigkeit, so ist das Sprechen fast völlig so auto­ma­tisch und instink­tiv wie das Essen. Stumme Menschen rech­net man in das Gebiet der Pathologie, wie man Menschen ohne Speiseröhre dahin rech­nen würde; daß solche Menschen aus Mangel an Nahrung zu Grunde gehen müßten, ist ein rela­ti­ver Zufall, der die Ähnlichkeit nicht aufhebt. Daß die Sprache nur inner­halb einer Volksgenossenschaft brauch­bar ist, dürfte denn doch auch in der Kunst des Essens eine Analogie haben; man denke sich einen städ­ti­schen Robinson, ohne Robinsons roman­haf­ten Scharfsinn, auf eine kleine Insel verschla­gen, die ihm weder Vogeleier noch Muscheln, noch Lamamilch zur Nahrung böte und deren nahr­hafte Wurzeln und ande­res derglei­chen er nicht kännte; er würde sich mit der Natur nicht verste­hen und so wenig essen können, als ein Deutscher in China spre­chen kann. In norma­len Fällen jedoch übt der Mensch die Kunst seiner Muttersprache so auto­ma­tisch wie die Kunst des Essens. Er hat jedes Wort mit einer gewis­sen Arbeit, mit einem gewis­sen Bewußtsein lernen müssen, um es nach­her unbe­wußt zu gebrau­chen; wir können wohl nicht daran zwei­feln, daß ihm dieses Lernen durch eine ererbte Anlage erleich­tert worden ist, durch ererbte Instinkte in den Nervenbahnen. Zwischen dem Sprachgebrauche der italie­ni­schen Bäuerin, welche etwa das Vaterunser als Strafpensum zum hunderts­ten Male hundert­mal aufsagt, und dem Gebrauch der Sprache bei einem Philosophen, der ein altes Wort neu defi­niert oder zu einem neuge­fun­de­nen Begriffe ein passen­des Wort findet, liegen unend­lich viele Gradunterschiede der Intelligenz, der geis­ti­gen Arbeit.

Wir haben ja eben erfah­ren, daß es auch in der Kunst des Essens solche Gradunterschiede gibt; wer die Austerngabel erfun­den hat, hat die Technik des Essens berei­chert. Aber alle Gradunterschiede zwischen der Bäuerin und dem Philosophen lassen sich auf den einen Unterschied zurück­füh­ren, daß die Bäuerin und mit ihr bis hoch hinauf alle studier­ten Geschäftsleute, Pfarrer, Lehrer, Richter, Ärzte, wenn sie sich nicht frei­wil­lig anstren­gen wollen, die Sprache oder das Gedächtnis der Menschheit aus Arbeitsscheu oder im unbe­wuß­ten Dienste der nach Arbeitsersparnis drän­gen­den soge­nann­ten Kultur, auto­ma­tisch gebrau­chen, — daß dage­gen der Philosoph, und mit ihm jeder intel­li­gente Arbeiter, der das Besondere seiner gegen­wär­ti­gen Arbeit beach­tet, die Mühe des Apperzipierens nicht scheut, seiner Sprache oder dem Gedächtnisse der Menschheit eine neue Wahrnehmung anklas­si­fi­ziert und so an seiner Stelle das Gedächtnis der Menschheit um einen Zug vermehrt. Er lernt das Austernessen, er erfin­det die Austerngabel.

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