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28. Gedächtnis

Es sind eben immer nur Worte gespro­chen worden, deren Bedeutung sich unauf­hör­lich durch den Einfluß der Nachbarworte verschiebt. Auf diese Weise kann man im Banne der Sprache entsetz­lich tief­sin­nig philo­so­phie­ren, ohne vorwärts zu kommen.”

HOBBES, der mit seinen Freunden GASSENDI und MERSENNE von der Notwendigkeit einer nomi­na­lis­ti­schen, d. h. mate­ria­lis­ti­schen Psychologie über­zeugt war, hat bei Gelegenheit einer mecha­ni­schen Erklärung der Sinnesempfindungen eine Bemerkung von erstaun­li­cher Tragweite gemacht; er hat entdeckt, daß auch zur einfachs­ten Sinneswahrnehmung Gedächtnis mithel­fen müsse. Ohne Gedächtnis könnte nicht einmal der Tastsinn etwas wahr­neh­men.
“Daß Rauhe und Glätte, wie Größe und Figur werden nicht durch den Tastsinn allein, sondern auch durch das Gedächtnis empfun­den; denn obgleich manche Dinge in einem Punkte getas­tet werden, kann man doch jene nicht empfin­den, ohne den Fluß eines Punktes, d. h. ohne Zeit; Zeit aber zu empfin­den, dazu bedarf es des Gedächtnisses.“
Bevor wir die unge­heure Bedeutung der Gedächtniserscheinungen für unser Sprachleben wie für unser Naturleben darstel­len können, müssen wir auf den Wortaberglauben verzich­ten, daß es eine “Kraft” sei.

Es ist dem mensch­li­chen Verstand ganz natür­lich, sich die Kräfte als Wirklichkeiten vorzu­stel­len; und selbst den Denkern, die diese anthro­po­mor­phi­sche Täuschung des Verstandes durch­schau­ten, ist es immer schwer gewor­den, sich ganz und gar von dem zu befreien, was an Personifikation im Kraftbegriffe liegt. Schon GALILEI wußte, daß der Kraftbegriff eine Metapher ist, von dem Bewußtsein oder der Vorstellung oder der Bezeichnung unse­rer eige­nen Muskelkraft herge­nom­men. Alle Kräfte, wie alle ande­ren mytho­lo­gi­schen Begriffe und Götter, sind nach dem Bilde des Menschen geschaf­fen worden. Auch NEWTON glaubte nicht, eine “Kraft” der Gravitation mate­ria­lis­tisch gefun­den zu haben. Er setzte die Energie, die er Attraction resp. Gravitation nannte, ganz bewußt den mecha­ni­schen Kräften entge­gen, wo er mir eine Regenbogenbrücke von AUGUSTINUS zu KANT zu schla­gen scheint.

Alle Wirklichkeit ist unauf­hör­li­che Tätigkeit oder Wirkung. Unter Kraft verste­hen wir eigent­lich jede mögli­che Tätigkeit, jede mögli­che Wirkung. Wären wir Scholastiker, so würden wir Möglichkeit als den Gegensatz der Wirklichkeit erken­nen und so eilfer­tig die Kraft in Gegensatz brin­gen zur Wirklichkeit, während sie doch die Wirklichkeit selbst ist, nur auf eine gewisse Erklärung oder Beschreibung hin ange­se­hen. Es sind eben da immer nur Worte gespro­chen worden, deren Bedeutung sich unauf­hör­lich durch den Einfluß der Nachbarworte verschiebt. Auf diese Weise kann man im Banne der Sprache entsetz­lich tief­sin­nig philo­so­phie­ren, ohne vorwärts zu kommen. Ich gebe ein Beispiel.

Ich sitze an meinem Schreibtisch und schreibe diese Buchstaben nieder. Dabei blicke ich auf das Papier. Ich nehme nichts wahr als etwas Papier, einige Finger meiner Hand und die Feder. Die übrige Welt exis­tiert gleich­zei­tig nur in meiner Vorstellung, als Möglichkeit, wahr­ge­nom­men zu werden. Unzählige unbe­wußte Experimente haben es mir jedoch zu einer unum­stöß­li­chen Gewißheit gemacht, daß diese übrige Welt Wirklichkeitskraft hat; ich brau­che nur leise die Augen zu heben und erbli­cke die Büste GOETHEs ich brau­che nur ans Fenster zu treten und erbli­cke die Kiefern meines Gartens; ich brau­che nur über den Atlantischen Ozean zu fahren und werde Amerika betre­ten, von dessen Wirklichkeitskraft ich, ohne es je gese­hen zu haben, ebenso über­zeugt bin wie von der Anziehungskraft der Erde oder der soge­nann­ten Schwere meines Körpers, wie von der soge­nann­ten Gravitation, die die Erde um die Sonne bewegt. Überzeugt bin ich von der Wirklichkeit und Wirklichkeitskraft eines Nordpols, eines Erdmittelpunkts, trotz­dem beide Orte noch von keinem Menschen betre­ten worden sind. Diese Wirklichkeitskraft der Körper, vermöge deren sie die Möglichkeit besit­zen, unter Umständen wahr­ge­nom­men zu werden, ist eine so allge­mein verbrei­tete Kraft, daß man sie gar nicht erst mit einem so ehren­vol­len Namen benennt. Den Namen Kraft hat man für Spezialfälle der Wirklichkeitsmöglichkeit reser­viert.

Der Name Kraft für diese Gruppe von Vorstellungen mag daher kommen, daß alle unsere Wahrnehmungen, Vorstellungen, Kenntnisse auf Sinnesempfindungen zurück­ge­hen, daß alle unsere Sinnesempfindungen nur verän­derte Tastempfindungen sind und daß bei der Tastempfindung jedes­mal eine, wenn auch noch so geringe Muskelkraft notwen­dig ist, wenn wir einen körper­li­chen Eindruck durch Vergleichung klas­si­fi­zie­ren wollen. Unsere eigene Muskelkraft ist die einzige Kraft, von der wir ein Bewußtsein haben. Die Vorstellungen “glatt, rauh”, noch besser “weich, hart” werden an dieser einzi­gen Kraft gemes­sen. Alle Wirkungen der Natur werden dann eben­falls an dieser unse­rer Muskelkraft indi­rekt gemes­sen und so als Kräfte beschrie­ben. Das Urphänomen der Wirklichkeit ist der Widerstand, welchen jeder einzelne Körper unse­rer Muskelkraft entge­gen­setzt; die Physik nennt diese Erscheinung die Undurchdringlichkeit der Körper. Alle soge­nann­ten Naturkräfte sind also nur Veränderungen in der Wirklichkeit, deren erfah­rene oder erwar­tete Arbeitsleistung wir (oft sehr indi­rekt ) mit der Muskelkraft messen, die wir dem Widerstande eines festen Körpers entge­gen­set­zen müssen. Die Regelmäßigkeit dieser Veränderungen läßt es uns bequem erschei­nen, ihre Beziehungen, die wir Ursachen nennen, als einheit­li­che Naturkräfte zu perso­ni­fi­zie­ren.

Erkennen wir so selbst die soge­nann­ten. realen Kräfte als Unbekannte, die wir nur infolge der Armut unse­res Bewußtseins mit dem einzi­gen verglei­chen, was wir selbst wirkend in die Außenwelt tragen können, die wir also in einem eigent­lich kühnen Bilde mit unse­ren Muskelkräften verglei­chen und sie darum Kräfte nennen, so wird klar, ein wie unähn­li­ches, ein wie inhalts­lo­ses Bild heraus­kom­men muß, wenn wir nun diesen Kräftebegriff wieder auf Gruppen von Geistestätigkeiten anwen­den und die einzel­nen “Seelenvermögen” geis­tige Kräfte nennen, wenn wir von der Kraft des Willens, des Verstand oder des Gedächtnisses reden. Ein Psychologe meint wenn er solche Worte gebraucht, auch nicht ernst­haft, da über dem Willen, dem Verstand, dem Gedächtnisse eine Gottheit sitze, die den Willen, den Verstand, das Gedächtnis zu höhe­ren Leistungen sporne. Aber dieser Psychologe meint doch unge­fähr, diese “Seelenvermögen” seien selber eben solche Kräfte wie die Naturkräfte.

Wir haben in diesen Untersuchungen auf hundert Wege immer wieder erfah­ren, daß in unse­ren seeli­schen Äußerunge nichts sein kann, was nicht vorher in den Sinnen gewe­sen ist, und daß es darum in unse­rem Seelenleben außer Sinneseindrücken nichts geben könne, als Erinnerungen an diese Sinneseindrücke, unend­lich viele Erinnerungen, deren Existenz man eben mit dem Worte Gedächtniskraft oder Gedächtnis zusam­men­faßt. Und nun gelan­gen wir zu einem über­ra­schen­den Apercu, das frei­lich viel­leicht nur ein Apercu der Sprache ist. Es scheint mir nämlich, wie die Undurchdringlichkeit oder das Beharren das Urphänomen der Wirklichkeit ist, das Beharren oder die rela­tive Undurchdringlichkeit der einmal aufge­nom­me­nen Sinneseindrücke das Urphänomen aller geis­ti­gen Tätigkeit zu sein. Es mag Menschen geben, die nach Erkenntnis des Gesetzes von der Erhaltung der Energie lachend ausru­fen werden: “Aber das ist ja die Trägheit, die wir schon als Kinder gelernt, schon gehabt haben” — und nicht ahnen, daß viele Jahrhunderte an der Aufstellung des Trägheitsgesetzes gear­bei­tet wurde. Es wird Menschen geben, die das Gedächtnis als Urphänomen aller Geistestätigkeit lachend begrei­fen werden: “Das Gedächtnis ist also die Trägheit der Sinneseindrücke.” Nicht das Erinnern wäre also zu erklä­ren, sondern — wie schon MAX MÜLLER erkannt hat — das Vergessen.

Das Gedächtnis ist eine Tatsache des Bewußtseins und das Bewußtsein ist für uns nur als Gedächtnis eine Tatsache. Man könnte mit diesen Worten noch weiter jonglie­ren und würde doch nicht einmal in dem skep­ti­schen Sinne der Sprachkritik zu einer festen Definition der beiden Begriffe gelan­gen. Wir ahnen jedoch, daß eine durch Selbstbeobachtung ermit­telte Tatsache des Bewußtseins nicht das Abstraktum Gedächtnis ist, sondern nur die Reihe einzel­ner Erinnerungsbilder; wir ahnen, daß das Wort Bewußtsein eigent­lich nichts ande­res bedeu­tet als den Zusammenhang der Erinnerungsbilder.

Auch die Bezeichnung Erinnerungsbilder ist für die Wissenschaft schlecht genug gewählt. Sagten wir aber dafür Erinnerungen oder Erinnerungsakte, so würde sich zwischen ihnen als irgend welche Tätigkeit und zwischen uns als forschende Zuschauer sofort irgend ein Faktor hinein­schie­ben, den unsere Phantasie erfun­den hätte, entwe­der ein Götze Gedächtnis, der die Erinnerungsakte voll­zieht, oder sonst ein Ich, welches sich erin­nert und welches doch wieder nur das Abstraktum Gedächtnis sein könnte. Die Bezeichnung Erinnerungsbilder ist nur inso­fern besser, als sie unsere schein­bare Passivität bei dem ganzen Vorgang meta­pho­risch auszu­drü­cken scheint. Wir müssen jedoch fest­hal­ten, daß es sich dabei um eine Metapher handelt, daß wir theo­re­tisch zwischen den unmit­tel­ba­ren Bildern unse­rer Wahrnehmung und den mittel­ba­ren unse­rer Erinnerung nicht genau unter­schei­den können. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, die unmit­tel­ba­ren und die mittel­ba­ren Bilder als starke und schwa­che Wahrnehmungen, als Formen von star­ken und schwa­chen Reizen zu unter­schei­den. Die Reizfrage wie über­haupt die physio­lo­gi­sche Seite müssen wir als noch völlig unauf­ge­klärt ruhen lassen.

Es kann uns jedoch die einfachste Besinnung lehren, daß Stärke oder Schwäche der Wahrnehmungen, ganz abge­se­hen von der Relativität dieser Begriffe, uns nicht weiter führt. Bei Halluzinationen nehmen Erinnerungsbilder die volle Stärke von unmit­tel­ba­ren Wahrnehmungen an; und umge­kehrt erken­nen wir die leises­ten und duftigs­ten Töne, wie beim Betrachten eines fernen im Nebel verschwin­den­den Gebirgszuges, als unmit­tel­bare Wahrnehmungen an. Bei Gefühlen gar, wie z.B. beim Zorn, den der Feind meines Lebens in mir erregt, steht Stärke oder Schwäche in gar keinem Zusammenhang mit der Unmittelbarkeit. Die Zeit kann das Gefühl abschwä­chen, muß es aber nicht tun. Der Anblick des Feindes braucht meinen Zorn nicht so stark zu reizen, wie die Erinnerung an ihn. Das hängt sicher­lich mit Lebenserscheinungen zusam­men, welche neben dem Gehirngedächtnis herge­hen; wie denn Gefühle des Hungers, der Liebe u.s.w. in star­ken oder leich­ten Graden schon durch das Gedächtnis erregt werden können. Wir erin­nern uns nicht nur unse­res Denkens, sondern auch unse­res Lebens. Wir erin­nern uns nicht nur unse­rer Wahrnehmungen und ihrer Verbindungen zu Begriffen, Urteilen und Schlüssen, wir erin­nern uns — wir d.h. in unse­rem Bewußtsein — auch unse­rer Gefühle und unse­rer Bedürfnisse. Ist aber bei der Erinnerung just an unsere Bedürfnisse das Bewußtsein immer im Spiel?

Es scheint mir gewiß, daß uns auch da wieder die Sprache im Stiche läßt. Die Vorstellung Hunger oder Liebe, d.h. die Erinnerung an die entspre­chen­den Begriffe oder Worte, wird sicher­lich sehr oft hervor­ge­ru­fen durch die natür­li­chen Bedürfnisse dieser Art, und zwar unab­sicht­lich, unbe­wußt; noch häufi­ger wird, das soll­ten Pädagogen sich merken, das unab­weis­bare Bedürfnis hervor­ge­ru­fen durch die unbe­wußte Einübung der Befriedigung, also durch Erinnerung. Wer täglich drei­mal z.B. zu essen gewohnt ist, wird täglich drei­mal an das Bedürfnis erin­nert, er hat täglich drei­mal Hunger; wer täglich fünf­mal zu essen gewohnt ist, hat täglich fünf­mal Hunger. Und wer noch gar nicht zu essen gewohnt ist, wie das neuge­bo­rene Tier, der kann nur ein Unbehagen empfin­den, aber nicht das diffe­ren­zierte Gefühl des Hungers. Pädagogen mögen diese Lehren auf die Gefühle des Durstes und auf die der Geschlechtsliebe über­tra­gen. Wir brau­chen also gar nicht tiefer in die Welt der Organismen hinab­zu­stei­gen, um zu erken­nen, daß das Gedächtnis ein viel weiter verbrei­te­ter Zustand ist als das soge­nannte Bewußtsein. Das Bewußtsein ist nur eine der vielen mensch­li­chen Vorstellungsformen des Gedächtnisses. Wir haben also zu unter­su­chen, worin sich das Gedächtnis unse­res soge­nann­ten Selbstbewußtseins von dem unbe­wuß­ten Gedächtnis jeder orga­ni­sier­ten Materie, von dem unbe­wuß­ten Gedächtnis, das auch den Tatsachen der Chemie und der Kristallisation zu Grunde liegen muß, unter­schei­den mag.

Um uns dieser Frage ein wenig zu nähern, müssen wir einmal ausma­chen, was wir eigent­lich tun, wenn wir uns erin­nern. So wunder­bar es klingt, es ist auf den Hauptpunkt noch niemals hinge­wie­sen worden, darauf nämlich, daß das normale Gehirn gar nicht, wie die land­läu­fige Ansicht behaup­tet, seine Erfahrungen von selber wieder­holt. Es ist nicht wahr, daß wir gese­hene Farben abge­schwächt in unse­rem Gedächtnisse produ­zie­ren können, es ist nicht wahr, daß wir eine noch so bekannte Melodie im Gedächtnisse haben . Eine Disposition zur Wiederholung ist vorhan­den, aber dieses Wort Disposition ist nur eine Verdunkelung der Frage, nicht ihre Lösung. Was geht denn in uns vor, wenn aus der Möglichkeit Wirklichkeit wird, wenn wir uns infolge unse­rer Disposition wirk­lich erin­nern? Das ganze Wesen der Sprache lich­tet sich ein wenig, und wieder von einer neuen Seite, wenn wir diesen alten Irrtum aufge­ben. Das Folgende ist nicht nur das Ergebnis stren­ger Selbstbeobachtung, es ist auch durch vorsich­tige Umfragen bei Hunderten von Menschen, auch bei Künstlern, welche sich lange gegen das Zugeständnis sträub­ten, kontrol­liert.

Wenn ich mich auf eine bekannte Melodie besin­nen will, so hilft mir alles passive Besinnen, alles Warten nichts; die Melodie fällt mir nicht ein. Ich muß sie inner­lich singen, damit ich mich ihrer erin­nere. Ich erin­nere mich ihrer im Halse und nicht im Kopfe. Man halte sich gegen­wär­tig, daß — wie wir bald sehen werden — auch das Verstehen der Sprache mit Bewegungsgefühlen im Sprachorgan zusam­men­hängt. Das geht nicht nur unmu­si­ka­li­schen Menschen so. Eine eminent musi­ka­li­sche und zuver­läs­sige Violinistin hat mir, nach­dem die erste Überraschung über­wun­den war, bezeugt, daß auch sie eine Melodie nicht ganz passiv ins Gedächtnis zurück­ru­fen könne, daß sie sie zur Herstellung der Erinnerung inner­lich singen müsse, daß sie sich ihrer im Halse und dane­ben zugleich in den Fingern erin­nere, indem sie sie unwill­kür­lich auf ihrem Instrument zu grei­fen glaube. Einer Farbe kann ich mich über­haupt nicht erin­nern, wahr­schein­lich weil ich Farben nicht wie Töne erzeu­gen kann. Nicht erzeu­gen durch einfa­che Arbeit meines Körpers. Wohl aber kann ich — lächer­lich schlecht natür­lich, aber das tut nichts zur Sache — mit dem Tuschkasten in der Hand eine Landschaft, ein Gesicht nach der Erinnerung repro­du­zie­ren.

Ein begab­ter Maler hat mir nach erbit­ter­tem Widerspruch zuge­stan­den, daß es auch ihm nicht anders gehe. Er muß eine Zeichnung, er muß ein farbi­ges Gemälde schaf­fen, um sich seiner zu erin­nern. Der Künstler hat besser gese­hen, was ihn inter­es­sierte, als der Laie; ein passi­ves Gedächtnis besitzt aber auch er nicht, auch er ist aktiv bei der Erinnerung. Der Alltagsmensch sieht so schlecht, daß er die Form eines Schrankes, der zwan­zig Jahre in seinem Zimmer steht, aus dem Gedächtnisse nicht genau beschrei­ben könnte, daß er, auch wenn er zwan­zig­mal bewun­dernd vor der Sixtinischen Madonna gestan­den hat, aus dem Gedächtnis nicht sagen könnte, ob sie den Jesusknaben auf dem rech­ten oder auf dem linken Arme trägt. Man irrt aber, wenn man das dem Gedächtnisse in die Schuhe schiebt; man hat eben unauf­merk­sam gese­hen. Der aufmerk­same Künstler kann den Schrank, kann die Sixtinische Madonna rich­tig nach­zeich­nen, aus dem Gedächtnisse, aber er muß tatsäch­lich oder in der Phantasie nach­zeich­nen, wenn er sich erin­nern will. Jede Erinnerung ist eine Aktion.

Nun tritt aber in dieser Aktion etwas sehr Merkwürdiges hinzu, und darin steckt ein Rätsel des Gedächtnisses. Ich singe inner­lich eine Melodie und empfinde, daß ich sie falsch singe; ich kann sie nicht rich­tig singen, aber ich weiß, daß sie anders ist. Der Maler zeich­net aus dem Gedächtnisse den Kopf eines Bekannten; er korri­giert die Fehler aus dem Gedächtnisse, und wenn er fertig ist, so weiß er, ob das Bildnis ähnlich gewor­den ist oder nicht. Wir besit­zen also keine andere Erinnerung, als die wir uns aktiv neu schaf­fen, und doch sind wir imstande, unser Geschaffenes mit etwas zu verglei­chen.

Was ist das? Was ist das im Bewußtsein nicht Vorhandene, womit ich die in das Bewußtsein eintre­tende, von außen oder von innen eintre­tende Empfindung verglei­che? Dieses Etwas muß nun ganz allge­mein etwas Physiologisches genannt werden; denn physio­lo­gisch sind die Nervenzustände, solange sie nicht zum Bewußtsein kommen, solange sie nicht psycho­lo­gisch werden. Dies deckt sich nun frei­lich mit der Bezeichnung Disposition, mit welcher die neuere Psychologie versucht hat, eine unklare, aber dafür unwi­der­leg­li­che Grundlage für die Gedächtnistätigkeit zu schaf­fen. Früher nahm man im Gedächtnis haftende, blei­bende Spuren älte­rer Eindrücke an; da diese Spuren unter dem Mikroskop nicht sicht­bar wurden (viel­leicht könnte man die von FLECHSIG beob­ach­te­ten Gehirnänderungen als die ersten brei­ten Spuren von Masseneindrücken auffas­sen), mußte man an ihre Stelle die Hypothese unsicht­ba­rer Spuren setzen, und das ist eben die Disposition. Das Wort hat sich zur rech­ten Zeit einge­stellt.

Das Rätsel ist also zwar nicht gelöst, aber mit einer alltäg­li­chen Erscheinung in Zusammenhang gebracht, wie wir gleich sehen werden. Ich habe eine Melodie gehört. Ich erin­nere mich ihrer, d.h. ich singe sie in meinem Innern nach. Es gelingt mir nicht, sie rich­tig nach­zu­sin­gen, aber ich empfinde die Gewißheit, daß ich mich ihrer falsch erin­nere, d.h. ich verglei­che die Nervenerregung, die mir mein inner­li­ches Falschsingen verur­sacht, mit der zurück­ge­blie­be­nen Disposition zur Nervenerregung, welche die rich­tige Melodie in mir verur­sachte. Dieser Vorgang ist aber kein ande­rer als der, auf welchem von Anfang bis zu Ende alle unsere Begriffe oder Worte, all unser Denken oder Sprechen beru­hen. Die gesamte Tätigkeit der Klassifikation, welche unsere Menschensprache hervor­ge­bracht hat, ist ja nichts ande­res als die Vergleichung von Eindrücken und die Gleichsetzung ähnli­cher Eindrücke durch ein gemein­sa­mes Wort. Alles Urteilen ist nichts ande­res als die Anwendung einer bestehen­den Klassifikation auf einen neuen Eindruck, d.h. die Vergleichung einer gegen­wär­ti­gen Nervenerregung mit der Erinnerung an frühere Nervenerregungen. Alles Schließen und Denken ist eine kompli­zierte Vergleichung.

SPENCER schon hat erkannt, daß alles Denken aus dem Erkennen der Beziehungen von Gleichheit und Ungleichheit besteht. Er hat gezeigt, daß jede solche Beziehung nichts ist als eine Veränderung im Bewußtsein und daß jede Veränderung im Bewußtsein mit einer Erregung verbun­den ist. Plötzliche Veränderungen im Bewußtsein können lebhafte Erschütterungen erzeu­gen, wie ein grel­ler Blitz bei Nacht oder der Donner eines einschla­gen­den Blitzes. Aber auch Erinnerungen, also nicht von außen kommende plötz­li­che Veränderungen des Bewußtseins können uns einen Ruck geben, wie wenn es mir zu spät einfällt, daß ich eine Verabredung verges­sen habe. Je weni­ger plötz­lich oder je gerin­ger die Veränderung ist, desto weni­ger leicht tritt sie über die Schwelle des Bewußtseins.

Der Begriff Veränderung hat über­dies den großen Vorteil, daß er auf unser Denken ange­wandt werden kann, einer­lei, ob wir es physio­lo­gisch oder psycho­lo­gisch zu analy­sie­ren versu­chen. Und er ist, wenn wir vor der letz­ten Konsequenz nicht zurück­schre­cken, der Oberbegriff für die Beziehungen der Gleichheit und Ungleichheit. Ich kann an dieser Einsicht nicht ganz schnell vorüber­ge­hen, weil sie bei der Reziprozität von Gedächtnis und Vergleichung einer­seits, Gedächtnis und Sprache ander­seits, also bei der nahezu voll­stän­di­gen Gleichwertigkeit der Begriffe Sprache und Vergleichung wieder einmal ein Licht auf den Glauben wirft, man könne mit Hilfe der Sprache im Denken fort­schrei­ten.

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