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23. Weltbild der Amöbe

Das Mikroskopieren verführt zu falscher Namenerfindung. Freilich ist das nur der glei­che Irrtum, der nicht­mi­kro­sko­pie­rende Menschen auf die Vortrefflichkeit ihrer unbe­waff­ne­ten Sinnesorgane vertrauen läßt.”

Ich habe also bisher gezeigt, daß der Gehörsinn, der Wärmesinn und der Gesichtssinn selbst von denje­ni­gen Wirklichkeitsvorgängen, auf welche wir durch Kombination aller Sinneswahrnehmungen zu schlie­ßen ein Recht haben, jedes­mal nur einen zufäl­li­gen und verhält­nis­mä­ßig klei­nen Ausschnitt wahr­neh­men können. Wir durch­schauen das zufäl­lige Wesen dieser Sinne noch etwas schär­fer, wenn wir gerade an dieser Stelle versu­chen, uns von den Sinnesorganoiden der nieders­ten Lebewesen eine Vorstellung zu machen. Ich kann dabei, mangels eige­ner Beobachtungen, nur die Angaben der psycho­phy­sio­lo­gi­schen Protistenstudien von VERWORN (1889) benüt­zen, die offen­bar auf der Höhe der Wissenschaft stehen und nur allzu dogma­tisch die Grundgedanken und die sche­ma­ti­sche Metaphysik HAECKELs (dessen “Welträtsel” eben erst 1906, von einem ganz moder­nen Naturforscher, dem Physiker O.D. CHWOLSON in dem Schriftchen HEGEL, HAECKEL u.s.w.” abge­lehnt wurden) als unan­tast­bare Wahrheiten voraus­set­zen. Ich kann die Begriffe VERWORNs nicht brau­chen, desto besser seine Experimente und Vivisektionen an den mikro­sko­pisch klei­nen Urtieren.

VERWORNs Begriffe sind deshalb unbrauch­bar, weil er das Mikroskop über­schätzt und den unge­heu­ern Abstand zwischen den soge­nann­ten Molekülen und den aller­dings mikro­sko­pisch klei­nen Protisten nicht begrif­fen hat. Über diesen Punkt findet man, ganz allge­mein ausge­spro­chen, ein ausge­zeich­ne­tes Wort in TYNDALLs von HELMHOLTZ heraus­ge­ge­be­nen “Fragmenten aus den Naturwissenschaften”, die frei­lich eine bessere Übersetzung verdient hätten, TYNDALL sagt da (Seite 180):
“Wenn z.B. vom Inhalt einer Zelle gesagt wird, derselbe sei voll­kom­men homo­gen, gänz­lich struk­tur­los, weil das Mikroskop keine Struktur zu erken­nen vermag, oder wenn zwei Gebilde für iden­tisch erklärt werden, weil das Mikroskop keinen Unterschied entde­cken kann, dann spielt meiner Ansicht nach das Mikroskop eine schäd­li­che Rolle. Eine kurze Überlegung wird Ihnen allen klar machen, daß das Mikroskop in der wahren Frage der Keimstruktur keine Stimme haben kann. Destilliertes Wasser ist voll­kom­me­ner homo­gen, als der Inhalt irgend­wel­cher orga­ni­schen Zelle. Was bewirkt nun, daß das Wasser bei 390 Fahrenheit aufhört, sich zusam­men­zu­zie­hen, und von da ab sich auszu­deh­nen beginnt, bis es friert? Es ist dies ein Vorgang in der Struktur, wovon das Mikroskop nichts enthüllt und es auch kaum tun wird trotz aller mögli­chen Fortschritte in seiner Leistungsfähigkeit … Oder sind etwa der Diamant, der Amethyst und die unzäh­li­gen Kristalle, die sich im Laboratorium der Natur bilden, ohne Struktur? Keineswegs; sie haben sämt­lich ihre Struktur. Allein was vermag das Mikroskop daran zu leis­ten? Nichts. Es kann nicht bestimmt genug ausge­spro­chen werden, daß zwischen den Grenzen des Mikroskops und denen der Molekeln Raum ist für unzäh­lige Vertauschungen und neue Verbindungen … Die Verwicklung des Problems erregt Zweifel nicht nur an der Macht unse­res Instrumentes — das würde nichts sagen -, sondern daran, ob wir selbst die intel­lek­tu­el­len Urkräfte haben, welche es uns jemals gestat­ten werden, uns an den ursprüng­lich gestal­ten­den Kräften der Natur zu versu­chen.“
Daran wird auch das Ultramikroskop nichts ändern.

Die Überschätzung des Mikroskops hat schlimme Begriffsverwirrungen zur Folge. Schon daß eine große Zahl klei­ner Lebewesen nur um ihrer Kleinheit willen, also aus Verlegenheit, in eine einzige Klasse zusam­men­ge­wor­fen wird, ist für solche Untersuchungen ein arger Übelstand. Mir will schei­nen, daß die unter unse­ren besten Mikroskopen noch struk­tur­lo­sen Rhizopoden mit ihren Scheinfüßen und die hoch­ent­wi­ckel­ten Ciliaten mit ihren Wimperbewegungen sich der Art nach so sehr unter­schei­den wie irgend ein Schwamm von einem Wirbeltier. Klassifizieren kann man doch nur nach Ähnlichkeiten; Kleinheit ist morpho­lo­gisch keine Ähnlichkeit. Dazu kommt, daß selbst der Größe nach in die Klasse der Protisten Wesen gerech­net werden, die sich an Länge rela­tiv mehr vonein­an­der unter­schei­den als eine Maus und ein Elefant, da z.B. eine Halteria gran­di­nella nur ein hunderts­tel Millimeter, ein Spirostomum ambi­guum mehr als einen ganzen Millimeter lang ist. Es ist darum voll­kom­men unwis­sen­schaft­lich, unter solchen Umständen aus Beobachtungen an der einen Art Schlüsse auf die andere Art zu ziehen; eben­so­gut könnte ein sehr makro­sko­pi­scher Beobachter (SWIFTs Riesen von Brobdingrag) behaup­ten, es habe irgend ein Säugetier keine Lungen, weil der Hering keine besitzt.

Es ist ebenso unwis­sen­schaft­lich, um des HAECKELschen Systems willen die Moneren, das heißt “struk­tur­lose”, kern­lose Lebewesen, von orga­nisch diffe­ren­zier­ten Urtieren zu unter­schei­den. VERWORN selbst hat die Sachlage in seiner “Allgemeinen Physiologie” (4. Aufl. 1903, Seite 85), wo er HAECKEL schon freier gegen­über steht, sehr gut darge­legt:
“Der Begriff Protoplasma, wie ihn die älte­ren (in der Physiologie veral­ten Hypothesen sehr rasch) Zellforscher geschaf­fen haben, ist einer­seits gar kein chemi­scher, sondern ein morpho­lo­gi­scher Begriff, und ander­seits umfaßte er den ganzen Inhalt der Zelle mit Ausnahme des Kerns. Dieser Zellinhalt ist aber weder in chemi­schem noch in morpho­lo­gi­schem Sinne eine einheit­li­che Substanz.“
Es wäre ein Glück für die Naturwissenschaft, wenn es die ganze Familie Plasma, Protoplasma und die gesamte Nomenklatur, die HAECKELs Sprachklitterung hinzu erfun­den hat, wieder los werden könnte.

Das Mikroskopieren verführt zu falscher Namenerfindung. Freilich ist das nur der glei­che Irrtum, der nicht­mi­kro­sko­pie­rende Menschen auf die Vortrefflichkeit ihrer unbe­waff­ne­ten Sinnesorgane vertrauen läßt; der Mikroskopiker sieht nicht weiter als sein Mikroskop, und wo er keine Struktur wahr­nimmt, da spricht er von Strukturlosigkeit. Die Bildung des Begriffs “Organoid”, den ich oben nach­ge­spro­chen habe, hängt damit zusam­men. VERWORN bemerkt ganz deut­lich, daß seine Urtierchen sich auf Reize zusam­men­zie­hen, also die Reize empfin­den. Beim Menschen hat man als Organ der Bewegung die Muskeln, als Organ der Empfindung die Sinnesnerven erkannt. Eine berech­tigte Einbildungskraft sagt dem Mikroskopiker, es werde die Empfindung und Bewegung beim Urtier in ähnli­cher Weise vermit­telt. Da aber selbst das schärfste Mikroskop ihn nicht in den Stand setzt, die muskel­ähn­li­chen und die sinn­ähn­li­chen Organe zu beschrei­ben, so nennt er die beiden dunkel geahn­ten Gebilde Myoide und Organoide und glaubt eine Erklärung gege­ben zu haben. Doch muß ausdrück­lich aner­kannt werden, daß VERWORN wohl bemerkt hat, es sei die Einschränkung des Seelenbegriffs auf Tiere mit diffe­ren­zier­tem, d.h. für den Menschen wahr­nehm­ba­rem und wahr­nehm­bar diffe­ren­zier­tem Nervensystem, nur eine sprach­li­che Frage. Daß er im Übereifer Seele und Leben iden­ti­fi­ziert, ist bei der allge­mei­nen Unklarheit der Psychologie weiter nicht schlimm. Für einen Physiologen erst recht nicht. Nun zu eini­gen Tatsachen, welche für unsere Untersuchung wich­tig sind.

Zahlreiche Experimente haben den sorg­sa­men Forscher zu dem Ergebnis geführt, “daß bei den betref­fen­den Protisten von einer Reaktion auf Schallwellen nicht wohl gespro­chen werden kann, da eine größere Anzahl nur mittel­bar auf sie einwir­ken­der Erschütterungen voll­stän­dig ohne Wirkung bleibt, und die etwa auftre­ten­den Veränderungen nur Folge der groben sekun­dä­ren Erschütterungen sind” (Seite 95). Wenn ich mich recht erin­nere, so reagie­ren seine Versuchstierchen auf Töne nur, sobald der Behälter mit dem Protisten auf einer tönen­den Stimmgabel fest­ge­kit­tet ist. Ist aber die Frage, ob die Protisten auf akus­ti­sche Reize reagie­ren, nicht falsch gestellt? Nicht zu menschen­sprach­lich gestellt? Für den Menschen”? Was sind denn akus­ti­sche Reize? Außerhalb des Menschen sind sie nur Schwingungen von Körpern, akus­tisch werden sie erst im Ohre. Die Frage müßte also so lauten reagie­ren die Protisten auf Schwingungsbewegungen und wie reagie­ren sie? Wenn die Protisten das Schwirren der sie umge­ben­den Flüssigkeit nur durch etwas wie den Tastsinn wahr­neh­men, so tun sie dasselbe, was die Menschen mit den Schwingungen unter der Zahl von sech­zehn und über der Zahl von sech­zehn­tau­send tun.

Nach VERWORN nimmt die Amoeba princeps (wenn ihr Behälter mit einem Zinken der Stimmgabel fest verkit­tet ist) die Schwingungen von etwa 250 bis 500 wahr und reagiert darauf wie auf andere Reize durch Einziehen der Scheinfüße. Handelte es sich dabei um rein physi­ka­li­sche Übertragungen der Bewegung, so wären solche Beobachtungen nur unvoll­stän­dig, aber nicht irre­füh­rend. Hier handelt es sich jedoch ausdrück­lich um Bewegungen auf Reize, um psycho-physiologische Vorgänge, und da kann nicht scharf genug ausge­spro­chen werden, daß das Vergleichen zwischen der Tonempfindung des Menschen und einer Tonempfindung der Protisten nicht angeht. Eigentlich können nur Menschen psycho­lo­gisch mitein­an­der vergli­chen werden; seit­dem es Menschen gibt, ist instink­tiv die Hypothese aufge­stellt und benützt worden, daß Äußerungen meines Nebenmenschen die Folgen dersel­ben Seelenerregungen sind wie bei mir. Selbst auf die intel­li­gen­tes­ten und dem Menschen befreun­dets­ten Tiere läßt sich diese Hypothese nur symbo­lisch anwen­den, das heißt der Seelenbegriff muß meta­pho­risch erwei­tert werden, um auch nur auf den Hund ange­wen­det werden zu können. Immer weiter geht die Metapher, auf je nied­ri­gere (wie man sagt) Tiere der Seelenbegriff über­tra­gen wird.

Das hat auch VERWORN empfun­den; dennoch stellt er zu Beginn seiner Untersuchungen eine falsche Methodik auf, die natür­lich ein blen­den­des. mathe­ma­ti­sches Gewand annimmt. Er meint: da die objek­ti­ven Äußerungen (Bewegungen) und die subjek­ti­ven Vorgänge beim Menschen, ferner die objek­ti­ven Äußerungen bei den Protisten bekannt seien, so könne man immer­hin aus den drei bekann­ten die vierte Größe, die unbe­kannte, die subjek­ti­ven Vorgänge bei den Protisten, erschlie­ßen. Mir scheint diese strenge Methodik ein treff­li­ches Beispiel für die Überschätzung der Logik und der Sprache über­haupt. Die Aufdeckung des Fehlers scheint mir bei eini­ger Aufmerksamkeit nicht schwer. Warum macht man densel­ben Schluß nicht bezüg­lich derje­ni­gen Bewegungen, welche von der Schwerkraft, vom Magnetismus u.s.w. aus gelöst werden? Doch offen­bar nur darum nicht, weil man bei der Vergleichung von Protistenbewegungen, und Menschenbewegungen unter dem Begriffe “Bewegung” halb unbe­wußt eine Bewegung des 0rganismus, eine Bewegung auf Reize mitver­steht, die uns Menschen — sobald wir uns bewe­gen — durch die mit ihr verbun­de­nen Bewegungsgefühle als Lebensäußerung so wohl­be­kannt ist.

Wo ein Forscher bei dem Begriff Bewegung nicht unwill­kür­lich an orga­ni­sche Bewegung denkt, wo er, seiner Neigung folgend, den Seelenbegriff vor der Denktätigkeit schon erwei­tert hat, da ergibt sich eben auch als Ergebnis die Allbeseelung, eine Seele als Ursache oder als Begleiterscheinung von Bewegungen durch Schwerkraft und durch Magnetismus. So bei FECHNER, so — viel weni­ger meta­pho­risch, poetisch, viel weni­ger konse­quent und origi­nell — bei HAECKELs Lehre von der Zellseele, der Seele des kern­lo­sen Protoplasmas und der Atomseele. Diese meta­pho­ri­sche Erweiterung des Seelenbegriffs ist augen­fäl­lig. Wir haben uns damit bei dem Begriff der “Pflanzenseele” ausein­an­der­ge­setzt. Sieht man genauer zu, so ist auch in der Anwendung des Begriffs Bewegung dieser verschie­dene Seelenbegriff mitver­stan­den: es hängt von der allge­mei­nen Weltanschauung des Forschers, falls er über­haupt eine hat, von vorn­her­ein ab, ob er bei den Bewegungen der Protisten und bei den Bewegungen der Menschen die ähnli­chen Bewegungsursachen mitver­steht. Der Schluß aus den drei Bekannten steckt also schon vorher in der Vorstellung, die der Forscher sich von der Bewegung der einzel­nen Protisten macht. Dehnt er den Begriff der Seele auf die Protisten aus, so setzt er voraus, was er zu bewei­sen vorgibt; dehnt er ihn auf die Protisten nicht aus, so hat seine Schlußfolgerung keinen Sinn.

Das Seelenleben ist Kombination von Sinnesempfindungen. Es liegt also auf der Hand, daß auch die Vergleichung der mensch­li­chen Sinne mit den Protistensinnen entwe­der unmög­lich ist oder das voraus­setzt. was man bewei­sen will. Wir sind jedoch in der Lage, auf dem Standpunkt der heuti­gen Physiologie diese Unvergleichbarkeit noch deut­li­cher aufzu­zei­gen. Kehren wir zu den akus­ti­schen Empfindungen zurück, so werden wir jetzt das, was wir beim Menschen akus­ti­sche Empfindungen nennen, bestimm­ter defi­nie­ren. Daß mensch­li­che Ohr nimmt regel­mä­ßige Schwingungen der Körper inner­halb der Grenze von sech­zehn bis sech­zehn­tau­send so wahr, wie wir dieses Gefühl als Ton verste­hen. Ich behaupte nun daß gerade die Regelmäßigkeit ganz glei­cher klei­ner Stöße unsere Nerven dazu geführt hat, diese Stöße zu klas­si­fi­zie­ren. Hier steckt eine merk­wür­dige Ähnlichkeit zwischen Nervenleben und Sprachleben verbor­gen; Klassifikation oder Begriffsbildung ist immer Vergleichung, zuletzt ist aber auch jede Sinnesempfindung Vergleichung von sehr ähnli­chen und sehr klei­nen Empfindungselementen. Genug, für einen Ausschnitt einer Art unter allen mögli­chen Körpervibrationen haben wir das Sinnesorgan des Gehörs. Die Art dieser Empfindung können wir nur empfin­den (ich komme ohne diese Tautologie nicht aus), immer nur empfin­den, niemals auch nur beschreiben.

Wie in aller Welt sollen wir nun erfah­ren, ob das Protist irgend etwas diesen unbe­schreib­li­chen Empfindungen Ähnliches empfin­det oder nicht? Ob es die Schwingungen von 250 bis 500, auf welche die Amoeba princeps ihre Scheinfüße einzieht als mecha­ni­sche oder als akus­ti­sche Reize empfin­det? Als elemen­tare Stöße oder als symbo­li­sche Bilder von Stoßgruppen? Wir neigen selbst­ver­ständ­lich dazu, dem Protist da nur Tastsinn, aber keinen Gehörsinn zuzu­wei­sen und zu glau­ben, das Protist empfinde die Schwingungen von 250 bis 500 etwa so mit dem Tastsinn, wie wir Menschen die Schwingungen unter sech­zehn und über sech­zehn­tau­send. Was wissen wir aber von der “Protoplasmaseele” und von der “Zellseele”? Was wissen wir davon, ob die für unsere schärfs­ten Mikroskope unsicht­ba­ren Reizvermittler im Protoplasma feiner oder gröber sind als das Nervensystem des Menschen? Ja, was wissen wir davon, ob der Tastsinn des Menschen gröber oder feiner ist als sein Gehörsinn und sein Gesichtssinn?

Die inne­ren Vorgänge im soge­nann­ten Bewußtsein der Menschen und die inne­ren Vorgänge in einem Protist, das sich auf mecha­ni­sche Reize nur bewegt, Reaktion auf unmit­tel­bar akus­ti­sche aber nicht zeigt, mitein­an­der zu verglei­chen oder gar gleich zu nennen, ist also recht eigent­lich unpsy­cho­lo­gisch; nicht einmal spre­chen sollte man darüber. Weil aber die Verhältnisse bei den Protisten so einfach liegen oder doch so einfach zu liegen schei­nen, was für unsere Vorstellung dasselbe ist, so können wir uns mit Hilfe der Protisten den Urzustand unse­rer spezi­fi­schen Sinnesenergien, die Zufälligkeit ihrer einzel­nen Arten und die Zufälligkeit ihrer Ausdehnungsgebiete doch recht gut ausma­len. Wir brau­chen dazu nur eine kühne und schöne Hypothese anzu­neh­men, welche TYNDALL über die Wirkungen der sicht­ba­ren und der bloß wärmen­den Strahlen der Sonne klar ausge­spro­chen hat. Er sagt (Fragmente S. 224).
“Der Sehnerv antwor­tet sozu­sa­gen den Wellen, mit denen er in Konsonanz ist; er läßt sich dage­gen nicht erre­gen durch andere Schwingungen, welche eine fast unend­lich größere Energie besit­zen, allein deren Perioden mit den seini­gen nicht im Einklange stehen.“
Diese Theorie würde ein mysti­sches Element einfüh­ren, wie denn TYNDALL auch öfter in solchem Zusammenhange von den Zwecken oder Bedürfnissen des Auges redet; aber TYNDALL hat dieser Theorie einen festen Untergrund gege­ben: er erklärt ohne Rücksicht auf unsere subjek­ti­ven Gesichtsempfindungen die größere oder gerin­gere Absorption der hellen wie der dunk­len Strahlen daraus, daß er die Licht- und Wärmeschwingungen des Äthers mit den Molekularschwingungen des mehr oder weni­ger durch­läs­si­gen Stoffes hypo­the­tisch in Konsonanz oder Dissonanz bringt. Man kann die subjek­tive und die objek­tive Seite durch eine bekannte Erscheinung von der Mystik des Bewußtseins befreien: streicht man auf der Geige einen bestimm­ten Ton vor dem offe­nen Klavier, so antwor­tet die gleich­ge­stimmte Klaviersaite; streicht man den Ton vor dem mensch­li­chen Ohr, so antwor­tet die gleich­ge­stimmte Faser im Gehörorgan; die anders gestimm­ten Saiten oder Fasern blei­ben stumm. Bleiben taub, weil sie stumm blei­ben. Ich habe mit dem Worte “gleich­ge­stimmte Faser” noch nicht HELMHOLTZ gewagte Hypothese von der Einrichtung der Gehörklaviatur über­nom­men. Ich meine: orga­ni­sche Gebilde sind immer aktiv. Ich meine: wir können dem feinen Gehörorgan zutrauen, daß es sich selber stimmt, so daß der Apparat dem Geigenspiel auf einer einzi­gen Saite ähnli­cher würde als dem Klavierspiel. Und um das Bild von einer noch jünge­ren Erfindung zu nehmen: wie bei der draht­lo­sen Telegraphie wirken nur gleich­ge­stimmte Wellen auf den Empfangsapparat; nur sie erre­gen seine Aufmerksamkeit.

Wir können jetzt ein schon vorge­stell­tes Bild erwei­tern. Was hört der musi­ka­li­sche Mensch, wenn in einem Konzertsaale hundert Instrumente und hundert Sänger einen Akkord erschal­len lassen? Ich sehe davon ab, daß der Akkord sich auf den voraus­ge­gan­ge­nen bezieht und die Erwartung eines mehr oder weni­ger bestimm­ten folgen­den erregt, obgleich diese Beziehung und Erwartung erst die Hauptsache ausmacht, die Stimmung des Kunstgenusses. (Weshalb eine Umkehrung der zeit­li­chen Folge für Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Melodie unmög­lich ist.) Was hören wir, oder viel­mehr was nehmen wir wahr? Den Akkord. Jawohl, aber was könn­ten wir in dieser Sekunde wahr­neh­men? Es stür­men. und stür­zen in dieser Sekunde auf unse­ren Körper ein: die unend­lich vari­ie­ren­den Molekularbewegungen des Stoffes, auf welchem wir sitzen, hundert­fach verän­dert durch die Stoffe unse­rer Kleider; die unzäh­li­gen Durchkreuzungen der Molekularbewegungen in der uns umge­ben­den und niemals ganz ruhi­gen Luft, und die wieder ande­ren Bewegungen der riechen­den Stoffe; die unend­li­chen Molekularbewegungen, die wir unter ande­ren Umständen als Wärme empfin­den würden, die sich kreu­zen­den, in ihrer geord­ne­ten Verwirrung nicht formu­lier­ba­ren Molekularbewegungen aller Lichtquellen und ihrer Reflexe; und endlich die Schwingungsverhältnisse der Töne, welche hundert Instrumente und hundert Sänger erre­gen, die Schwingungen, welche die Tonhöhe ausma­chen, und die Nebenschwingungen, welche die Klangfarbe bilden, die regel­mä­ßi­gen Schwingungen in den schö­nen Stimmen und guten Instrumenten, die unre­gel­mä­ßi­gen Schwingungen in den weni­ger schö­nen Stimmen und schlech­te­ren Instrumenten. Die Aufmerksamkeit des Musikers nimmt im Konzertsaal keine Tastempfindung, keine Geruchsempfindung, keine Wärmeempfindung, keine Lichtempfindung wahr, erkennt dage­gen sofort die Unregelmäßigkeit in irgend einem der Instrumente; auch der musik­lie­bende Laie erhält vom Tastsinn, vom Wärmesinn, vom Gesichtssinn keine Mitteilung, hört nur die Konsonanz, an deren Vergleichung das mensch­li­che Ohr sich gewöhnt hat; und nur die plötz­li­che oder heftige Erschütterung eines ande­ren Sinnes, so z.B. der Gestank oder der Geruch auf dem Nachbarplatze, könnte ihn im Zuhören stören. Sein Interesse hat seine Sinne so einge­stellt; wir nennen dieses Interesse Aufmerksamkeit.

Nun wollen wir einmal in der Phantasie den Konzertsaal ins Unendliche vergrö­ßern, zum Weltall, den Zuhörer, den Empfindungsträger, ins Unendliche verklei­nern, zur Amoeba princeps mit ihrem “struk­tur­lo­sen”, d.h. für unsere bewaff­ne­ten Augen organ­lo­sen Protoplasma. Was ist das Weltall für die Amöbe? Für den Menschen ist es die Kombination der Wahrnehmungen seiner Zufallssinne, Sinneserscheinung. Was ist das Weltall für die Amöbe, die unsere Sinne nicht hat? Wir wissen es natür­lich nicht, weil wir uns von dem Innenleben der Amöbe keine Vorstellung machen können. Nun voll­zieht sich aber in unse­rer Phantasie ein Paradoxon. Ohne KANTsche Philosophie zu Hilfe zu nehmen, gewin­nen wir die Vorstellung, daß die Wirklichkeitswelt im Zuschauer sich selbst umso unähn­li­cher erscheine, als die Sinnesorgane höher entwi­ckelt sind. Und weil wir der Amöbe gar kein Sinnesorgan zuschrei­ben, gerade darum beschleicht uns so etwas wie eine Ahnung, daß sie die Wirklichkeitswelt rich­ti­ger wahr­nehme, daß für sie das Ding-an-sich unmit­tel­bar, ich will

Was ist nun diese Wirklichkeitswelt nach dem Bilde, das die neuere Naturwissenschaft sich macht? Das alte Chaos, ein Chaos von Schwingungskreuzungen, ein Chaos aller­dings, in welchem von irgend einem über­mensch­li­chen Standpunkte aus Notwendigkeit (nicht Gesetzmäßigkeit) herrscht, aber doch ein Chaos vom Standpunkte des Menschen. Der sturm­ge­peitschte Ozean mit seinen unfor­mu­lier­ba­ren Wellenkreuzungen ist diese Wirklichkeitswelt in nuce. Man denke sich anstatt dieser ausge­dehn­ten Fläche eine unend­lich größere Kugel; in dieser Kugel kreu­zen sich chao­tisch alle Molekularbewegungen der Körper, alle Schwingungen der Luft, alle Vibrationen der mit der Elektrizität verwand­ten Erscheinungen und Nichterscheinungen. Keine Phantasie kann ausrei­chen, um sich auch nur das Wesen einer einzi­gen dieser Schwingungen auszu­ma­len; keine Zahl könnte ausrei­chen, um die Menge auch nur einer einzi­gen Art zu bezif­fern; und vor dem Chaos der Kreuzungen macht der mensch­li­che Verstand in stump­fer Resignation Halt. Das ist das Weltall. Für den Menschen exis­tiert natür­lich nur die Welt, die er wahr­nimmt, das, worauf er durch seine Sinne die Aufmerksamkeit zu rich­ten sich gewöhnt hat: die Zufallsausschnitte seiner Zufallssinne.

Das ist nun das Paradoxon, von dem ich eben sprach. Im Menschen verei­nigt sich der hoch­mü­tige Aberglaube, er besäße wunder­bare Instrumente in seinen Sinnen, mit der resi­gnier­ten Einsicht, daß wir nichts wissen können, zu der klaren Überzeugung: diese winzi­gen Zufallsausschnitte von ein paar armse­li­gen Zufallssinnen sind unsere Welt. Man stelle sich einen Zuchthäusler vor; ein Fenster ist in seiner Zelle, aber es ist mit einem undurch­sich­ti­gen Stoffe ange­stri­chen; der Zufall hat ein paar nadel­stich­große Löcher geschaf­fen, durch welche der Zuchthäusler dort­hin sehen kann, wo der Zufall hinführt, auf den Hof seines Zuchthauses. Das ist seine Welt. Und in selt­sa­mem Gegensatze zu dieser Mischung von Hochmut und Verzweiflung trauen wir der angeb­lich struk­tur­lo­sen Amöbe ein direk­te­res Verständnis für den Weltlauf zu, als ob sie, selbst chao­tisch, eine Formel zur Auflösung des Chaos nicht brau­che. “Non intel­li­gendo fit omnia”, die Amöbe. Daran ist sicher­lich etwas Wahres. Den ange­nom­me­nen Vibrationen der Wirklichkeitswelt steht das Leben der Amöbe sicher­lich näher als irgend ein Sinnesorgan des Menschen; den ange­nom­me­nen Vibrationen steht aber ganz gewiß das Zusammenstürzen zweier angeb­lich leblo­sen chemi­schen Elemente noch näher. Und doch wird niemand so töricht sein (vorläu­fig wenigs­tens), chemi­sche Hypothesen zur letz­ten unmit­tel­ba­ren Erklärung mensch­li­cher Psychologie heran­zu­zie­hen. Den Anfang des Psychischen in ein Bewußtsein des Chemismus zu verlegen.

Nur ziem­lich phan­tas­tisch können wir also die Ergebnisse, der Protistenstudien dazu benüt­zen, die Uranfänge unse­rer Sinne aus dem Interesse und der Aufmerksamkeit zu begrei­fen, ihre ersten Mitteilungen, d.h. ihre ohne Klassifikation unmög­li­chen Tast- oder Tonempfindungen schon als erste Begriffs- oder Sprachversuche aufzu­fas­sen und bereits auf dieser Stufe zu entde­cken, daß die Sprache in der Wirklichkeitswelt nur ein Irreführer ist. Den Leser der Sprachkritik kann diese Zusammenstellung schein­bar so entle­ge­ner Begriffe nicht mehr über­ra­schen. Wir werden aber schon an dieser Stelle, nach­dem wir noch einige andere Sinneseindrücke der Protisten analy­siert haben, uns dem Ursprung der Sprache von einer neuen Seite nähern und begrei­fen lernen, daß die Aufmerksamkeit oder das Interesse, welches in den Uranfängen des orga­ni­schen Lebens die Sinne werden ließ, zugleich auch schon etwas wie Sprache war; wir werden sogar erken­nen, daß der Zufall, der in der Entwicklung der Sprache, im soge­nann­ten Bedeutungswandel waltet — wie wir später sehen werden — eben auch schon als der Zufall in der Entstehung unse­rer Sinnesorgane vorhan­den war. Die Amöbe hat noch keine Zeichen für C und Cis, unter­schei­det beide gewiß noch nicht musi­ka­lisch. Kann ihre Schwingungen nicht einmal zählen, weil sie nicht weiß, wie lang eine Sekunde ist. Zählt aber der Musiker die Schwingungen? Die Tonempfindung ist seine Zahl. Und die Amöbe ordnet irgend­wie — sicher an Gedächtniszeichen die Stöße, die sie inter­es­sie­ren; die Ordnung bringt die Sinne in die Welt, die Gedächtniszeichen sind eine Sprache.

Nun einst­wei­len zurück zu den Experimenten VERWORNs. Es ist uns klar gewor­den, daß seine Frage (ob die Protisten auf akus­ti­sche Reize reagie­ren oder nicht?) ganz unmög­lich gestellt war. Es könnte höchs­tens gefragt werden, ob ein Protist irgend­wel­che orga­ni­sche Bewegungen ausführe in wahr­schein­li­cher Folge von Einwirkung solcher Vibrationen, wie wir Menschen sie als akus­ti­sche empfin­den. Wir werden gleich sehen, daß diese sprach­li­che Unterscheidung notwen­dig ist, wenn die sach­li­che Unterscheidung zwischen Tastsinn und Gehörsinn nicht fälsch­lich vom Menschen auf die Protisten über­tra­gen werden soll.

Es tritt nämlich eine ähnli­che Schwierigkeit auf, sobald die Frage gestellt wird, ob die Protisten auf Lichteindrücke reagie­ren? VERWORN hat darüber zahl­rei­che ältere Beobachtungen mitge­teilt und selbst sehr inter­es­sante Versuche ange­stellt. In seiner Terminologie ausge­drückt, gibt es da allge­mein einen Thermotropismus, d.h. die Erscheinung, daß die Protisten sich in der Richtung nach der Wärme hin bewe­gen, gibt es aber auch bei manchen Protisten Heliotropismus, d.h. die Erscheinung, daß die helio­tro­pi­schen Urtierchen sich in der Richtung des Lichtes hin bewe­gen. Heliotropismus wird gele­gent­lich auch durch den Ausdruck Phototaxis ausge­drückt. Der inter­es­san­teste Fall ist der des Bacterium photo­metri­cum, welches nur auf ultra­rote Strahlen und dann noch auf die Strahlen zwischen den Fraunhoferschen Linien C und D (in der Gegend zwischen rot und gelb) reagie­ren soll. Gewiß eine feine Differenzierung, wie sie nicht einmal das mensch­li­che Auge erreicht hat. Wo aber nehmen wir das Recht her, alle diese Menschenbegriffe auf die Protisten anzu­wen­den? Ich weiß, daß der Ausdruck Heliotropismus der Botanik entnom­men ist, daß es helio­tro­pi­sche Pflanzen gibt, d.h. daß alle Pflanzen mehr oder weni­ger auffal­lend helio­tro­pisch sind. Daß es ein märchen­haft schö­ner Anblick wäre, wenn wir schnell genug (die Bewegung dauert viele Stunden, ist uns zu lang­sam) beob­ach­ten könn­ten, wie ein ganzes großes Feld von Sonnenblumen oder Enzianen das Antlitz jeder Blüte mit dem Lauf der Sonne dreht. Das wäre Heliotropismus für die Marktbude.

Ist das aber nicht eine recht brutale Ausdrucksweise für Vorgänge, die wir bei Pflanzen und bei Protisten beinahe besser beschrei­ben können als beim Menschen? Heliotropisch ist in seinem Bewußtsein der Mensch, der im Winter die Sonnenseite der Straße aufsucht oder nach der Riviera fährt. Er sucht die Sonne. Wenn aber die Sonnenblume sich gegen die Sonne wendet, wenn das Bacterium chlo­rinum im Wassertropfen in sehr kurzer Zeit auf ein beleuch­te­tes Teilstreckchen zuströmt, “als fiele es in eine Falle”, so ist die Bezeichnung Heliotropismus doch offen­bar zu weit. Von der Sonne weiß weder die Sonnenblume etwas noch das Bacterium chlo­rinum. Weder von dem Worte “Sonne”, noch von dem Symbol “Sonne”, noch von dem Fixstern Sonne. Aber das Individuum Sonne ist auch nicht die Ursache der Bewegung, sondern die Ursache ist eine von den Wirkungen, welche von der Sonne kommen. Welche dieser Wirkungen kommt in Betracht? Ist die Bewegung Heliotropismus? Oder ist sie Thermotropismus? Oder Galvanotropismus?? Unsere Physik unter­schei­det ja Wärmestrahlen und Lichtstrahlen und müßte viel­leicht elek­tri­sche Strahlen als deren höhere Art anneh­men. Die Versuche am Bacterium photo­metri­cum könn­ten ja die Hoffnung erwe­cken, Reaktionen auf Wärmestrahlen und auf Lichtstrahlen getrennt zu beob­ach­ten. Aber selbst in diesem klas­si­schen Falle sagen uns die Versuche nichts, gar nichts über das Seelenleben der Protisten. Gar nichts über die ersten Anfänge unse­rer Zufallssinne. Fast so wenig, als ob wir’s wirk­lich mit einem struk­tur­lo­sen Protoplasma zu tun hätten. Und wenn wir diese Experimente dennoch hypo­the­tisch zur Erklärung des mensch­li­chen Sinnenlebens heran­zie­hen, so ist das der glei­che Vorgang der Hypothesenentstehung, wie er auch sonst so häufig ist und doch niemals zuge­ge­ben wird. Wir beob­ach­ten am Protist irgend eine Bewegung; der nächste geis­tige Vorgang in uns ist der falsche Schluß: also ist das Seelenleben des Protists dem des Menschen ähnlich. Es bewegt sich, als ob es Füße hätte: also bewegt es seine Scheinfüße ähnlich, wie der Mensch seine Beine bewegt. Ein kindi­scher Schluß. Der Schluß aus sicht­ba­ren Bewegungen auf psychi­sche Begleiterscheinungen wird immer vager, je unver­ständ­li­cher uns die Sprache des Organismus ist, der sich bewegt. Ein Beispiel: Mein deut­scher Landsmann streckt die Hand aus und sagt dazu “mich hungert”; der Italiener streckt die Hand aus und macht dazu eine über­setz­bare Geste; der Schwarze mimt mir vor, daß er esse, und wimmert dazu; der Hund läßt mich durch unru­hi­ges Springen und Schnappen vermu­ten, daß er Hunger habe; der Fisch zeigt nur noch Eile, die Raupe eilt nicht einmal; die Amöbe hat Bewegungen, die nicht einmal bestimmt auf Aktivität hindeu­ten. Und trotz­dem verzich­ten wir nicht auf solche Hypothesenbildung. Der aufmerk­same Forscher denkt aber noch weiter. Mein Schluß war falsch, sagt er sich, aber er hat meine Phantasie auf die rich­tige Bahn gebracht.

Ganz anders als beim Menschen ist das Seelenleben des Protists, ganz anders als der Mensch bewegt es seine Füße, nur an den Anfang der Entwicklung können wir die Füße des Protists, können wir das Seelenleben der Protisten setzen. Und wenn auch diese Entwicklungslehre im einzel­nen über­all so falsch sein sollte wie der erste Schluß vom Menschen auf das Protist, so mag doch die gesamte Gedankenrichtung nütz­lich sein. Der falsche Schluß hat im Verlaufe zu einer Hypothese geführt, die an sich nicht rich­tig ist, die aber als Phantasiebeispiel zu einer künf­ti­gen besse­ren Hypothese wert­voll ist. So scheint es mir mit allem Darwinismus zu stehen, so mit den psycho­lo­gi­schen Protistenstudien. Die grotes­ken Vorstellungen der bibli­schen Schöpfungsgeschichte hätten im Abendlande des Dogmas und der Inquisition nicht über­wun­den werden können ohne den neuen Glauben: es hätte auch anders sein können. Und den Reformatoren hätte gegen­über dem Dogma und der Inquisition die Märtyrerkraft gefehlt, wenn sie so skep­tisch klar gewe­sen wären wie wir, wenn sie sich einer Hypothese bewußt gewe­sen wären, wenn sie nicht den neuen Glauben gehabt hätten: es war anders.

VERWORN neigt der Ansicht zu, daß Reaktionen auf Lichtreize bei den Protisten viel­leicht gar nicht vorkom­men, bei gewis­sen Bakterien, Rhizopoden und Ciliaten ganz gewiß nicht vorkom­men, daß Reaktionen auf Wärmereize aber sehr gut nach­weis­bar sind. In einem bestimm­ten Versuche mit Amöben wurden einmal die Wärmestrahlen dadurch ausge­schal­tet, daß eine Eisschicht zwischen die Lichtquelle und den Objekttisch gebracht wurde; das andere Mal wurden die leuch­ten­den Strahlen ausge­schal­tet, indem man an die Stelle der Eisschicht eine Lösung von Jod in Schwefelkohlenstoff brachte, die in einer gewis­sen Konzentration nur gerade die stärks­ten Wärmestrahlen, aber gar keine Lichtstrahlen hindurch­läßt; sieht man bei diesem Versuche von feine­ren Fehlermöglichkeiten ab (von der Möglichkeit z.B., daß Amöben anders orga­ni­siert sind als Menschen), so weist er aller­dings darauf hin, daß in diesem Falle nur die Wärme, nicht aber das Licht auf die Amöben wirke. Was heißt das? Wie wenn hier derselbe Vorgang statt­fände, den ein berühm­ter Beobachter am Bacterium chlo­rinum gese­hen haben will: daß nämlich durch Anwesenheit von Lichtstrahlen die Bakterien Sauerstoff erzeu­gen und dieser ihr Sauerstoff die Ursache des Heliotropismus sei? Dann liegt ja — ich kann auch ein neues Wort bilden — Oxygenotropismus vor. Dann handelt es sich rein um chemi­sche Vorgänge, auf welche die Amöbe reagiert, und die Frage, ob diese chemi­schen Vorgänge durch Wärme mit oder ohne Beisein von Licht erzeugt werden, gehört in die Physik, hat mit der Psychologie nichts zu tun. Es reagiert dann die Amöbe auf den chemi­schen Vorgang ohne jede Beziehung auf Licht und Wärme, wie der ganz unge­bil­dete Kroat in einem öster­rei­chi­schen Regimente auf das Kommando “Habt acht” reagiert, ohne deutsch zu verste­hen, wie die Sonnenblume sich um die Mittagsstunde nach Süden gedreht hat, ohne doch von der Sonne etwas zu wissen, während der Mensch, der nach der Riviera gefah­ren ist, aller­dings mehr oder weni­ger Begriffe mit dem Worte Sonne verbin­det. Man wird gleich sehen, wie ernst­haft diese Vermischung von sprach­li­chen und sach­li­chen Bildern gemeint ist.

VERWORN äußert gele­gent­lich (Seite 58) auf Grund seiner Versuche die Vermutung, Lichtreizbarkeit sei keine allge­meine Eigenschaft alles Protoplasmas, sei also nicht ursprüng­lich, sondern erst in der Entwicklungsreihe der Organismen erwor­ben. Von einem Manne, der die Protisten auf den Haufen einer einzi­gen Klasse wirft und sie zu den Urwesen macht, scheint eine solche Ansicht etwas verwun­der­lich; wir aber brau­chen gar nicht anzu­ste­hen, weil wir doch die unge­heu­ern Differenzen zwischen den einzel­nen Protisten hervor­ge­ho­ben haben, unge­zählte Hunderttausende von Jahren zwischen gewiß lich­tun­emp­find­li­che und viel­leicht licht­emp­find­li­che Protisten zu setzen, die Lichtempfindlichkeit als einen Fortschritt anzu­se­hen. Worin aber bestünde diese Entwicklung? Doch offen­bar unge­fähr darin, daß irgend ein Organ einen bestimm­ten Ausschnitt aus der Wärmeskala feiner klas­si­fi­zie­ren lernte, ebenso wie wir früher gese­hen haben, daß ein Organ die regel­mä­ßi­gen Stöße der mecha­ni­schen Vibrationen in dem klei­nen Ausschnitt von sech­zehn bis sech­zehn­tau­send Schwingungen als Töne feiner klas­si­fi­zie­ren gelernt hat. Wir können uns das recht gut so vorstel­len wie die histo­ri­sche Tatsache, daß die Menschheit zuerst gar nicht zählen konnte, dann das elemen­tare Zählen lernte, und vor etwa zwei­hun­dert Jahren den Kalkül der Differentialrechnung hinzu erfand. Wirklich genau ebenso. Denn der Gehörsinn, der Gesichtssinn hat Zahlen zu bewäl­ti­gen, große Zahlen, ohne Rechnen, im Tauschhandel.

Ich mache gleich hier darauf aufmerk­sam, daß es die Entwicklungsgeschichte unse­rer Sinne verein­fa­chen würde, wenn der Gesichtsinn ebenso ein spezia­li­sier­ter Ausschnitt aus dem Wärmesinn wäre, wie der Gehörsinn ein spezia­li­sier­ter Ausschnitt aus dem Tastsinn. Denn das Organ des Tastsinns ist ja zugleich, so verschie­den die Funktionen sind, das Organ des Wärme- oder Tem ratur­sinns. Man hat auch schon vorge­schla­gen (wie erwähnt), den Tastsinn und den Temperatursinn unter dem Namen “Hautsinn” zusam­men­zu­fas­sen. Wir könn­ten dann, da ja Geruch und Geschmack chemi­sche Berührung voraus­set­zen, alle Sinne auf den Tastsinn oder Gefühlssinn zurück­füh­ren oder viel­mehr, da man bei den Protisten noch nicht einmal von einem diffe­ren­zier­ten Tastsinn spre­chen darf, auf ein noch unter dem Tastsinn stehen­des Reaktionsvermögen gegen äußere Einflüsse.

Wir sehen ein, daß ein Protist Wärme und Licht nicht so unter­schei­den kann, wie wir es mit unse­ren Sinnesorganen tun. Beim Protist sind weder die Organe, noch die spezi­fi­schen Sinnesenergien ausge­bil­det. Man mache sich das klar. Wenn ein Stück Eisen erwärmt wird, von der gewöhn­li­chen Lufttemperatur bis zur Weißglühhitze, so nehmen wir Menschen zuerst nur eine Wärmesteigerung ohne Lichtempfindung wahr, sodann eine Lichtempfindung, welche allmäh­lich von rot zu weiß über­geht. Es gibt sicher­lich Tiere, deren Sinnesorgane so beschaf­fen sind, daß sie an dem erwärm­ten Eisenstücke wohl die dispa­ra­ten Wirkungen von Wärme und Licht unter­schei­den können, nicht aber die Gradunterschiede des Lichts zwischen rot und weiß. Von den Protisten aber nehmen wir an, daß sie auch die Unterschiede zwischen Wärme und Licht nicht als dispa­rat empfin­den, sondern höchs­tens als Gradunterschiede eines und dessel­ben Vorgangs.

Wir wollen es versu­chen, unse­ren stei­len Zickzackweg nach rück­wärts zu über­bli­cken. Wir wußten, daß die mensch­li­chen Sinne derge­stalt Zufallssinne sind, daß sie nicht ein Bild der Wirklichkeitswelt, sondern nur Fragmente bieten können. Wir mach­ten bei der nähe­ren Betrachtung der mensch­li­chen Sinnesorgane weiter die Bemerkung, daß diese Zufälligkeit, diese zufäl­lige Beschränktheit sich ferner bis auf das Gebiet jedes einzel­nen Sinnes erstreckt, daß jedes einzelne Sinnesorgan von der Provinz, die es zu beherr­schen vorgibt, nur den kleins­ten Teil über­haupt kennt. Wir hoff­ten über diese zufäl­lige Entstehung unse­rer Sinne Aufschluß zu erhal­ten durch die Ergebnisse derje­ni­gen Studien, welche sich mit dem so genann­ten Seelenleben der Protisten befas­sen; wir hoff­ten, aus der Entwicklungsgeschichte Belehrung zu empfan­gen über den Wert unse­rer gegen­wär­ti­gen Sinnesorgane über ihren Wert als Erkenntniswerkzeuge. Es ist uns dabei gegan­gen, wie es uns bei dem Nachdenken über den Ursprung der Sprache ergan­gen ist. Zwischen der gegen­wär­ti­gen Sprache, das heißt der histo­ri­schen Entwicklung der jüngs­ten Zeit von ein paar tausend Jahren, und dem hypo­the­ti­schen Ursprung liegt eine unüber­brück­bare Kluft. Dennoch bietet die Hypothese über den unend­lich weit zurück­lie­gen­den Ursprung der Sprache inter­es­sante Parallelen zu dem alltäg­li­chen Sprachleben unse­rer Zeit. Und der ewige Zufall sorgt dafür, daß diese Analyse, welche sich mit der Entwicklung der Sinnesorgane beschäf­ti­gen möchte, die äußerste Hypothese zum Ursprung der Sprache und zur Sprachphilosophie bieten wird.

Es war weni­ger ein Bild als ein Beispiel, wenn wir die Amöbe in dem nie auszu­den­ken­den Chaos der Vibrationskreuzungen im Weltall vergli­chen haben mit einem aufmerk­sa­men Zuhörer im Konzertsaal. Der aufmerk­same Zuhörer wird außer der Musik gewöhn­lich nichts wahr­neh­men, nicht das Licht des Kronleuchters, nicht die Tastempfindungen seines Gesäßes, nicht, die Luftbewegungen im Saale, rächt den leisen Geruch oder Gestank vom Nachbarplatze her. Sowie aber Licht‑, Tast- oder Geruchsempfindungen stark genug gewor­den sind, um seine Aufmerksamkeit an sich zu reißen, werden sie auch wahr­ge­nom­men werden. Und wir nennen dann diesen Zuhörer unauf­merk­sam, weil wir — wohl zu beach­ten — mit Rücksicht auf den Schauplatz dieser Handlung, den Konzertsaal, den Begriff Aufmerksamkeit vorüber­ge­hend an die Musik oder den Gehörsinn knüp­fen. Da diesem Begriffe eine beson­dere Untersuchung gewid­met werden soll, so sei hier nur beiläu­fig bemerkt, daß die Sprache unter Aufmerksamkeit zwei ganz verschie­dene Dinge begreift: bald nämlich das Interesse, bald die unmit­tel­barste Wirkung des Interesses. Hier genüge die hoffent­lich schla­gende Erinnerung, daß z.B. bei der Einweihung eines neuen Konzertsaals wohl ein großer Teil der Eingeladenen Interesse oder Aufmerksamkeit der Musik zuwen­den wird, einige Techniker aber Interesse oder Aufmerksamkeit so ausschließ­lich den Temperaturverhältnissen oder der Beleuchtung des Saals zuwen­den werden, daß sie die Musik buch­stäb­lich nicht­hö­ren. Das Interesse oder die Aufmerksamkeit trifft also die Auswahl aus dem Chaos von Molekularschwingungen in dem Chaos des Saalinnern.

Wie nun aber trifft die Amöbe, die noch gar keine diffe­ren­zier­ten Sinne und gar keine spezi­fi­schen Sinnesenergien besitzt, ihre Auswahl aus dem Chaos der Weltschwingungen, gegen welche das Saalinnere sich verliert, nicht wie ein Tropfen im Ozean, sondern wie ein Atom im Unendlichen? Wie haben wir uns das Interesse oder die Aufmerksamkeit eines Organizmus vorzu­stel­len? Wie haben wir uns die Uraufmerksamkeit vorzu­stel­len, die dann im Laufe der Jahrmillionen zum künst­le­ri­schen Interesse an der Neunten sich entwi­ckelt hat? Ist es wirk­lich vorstell­bar, daß ein und dasselbe Motiv, das gemeine Interesse, welches mich heute mit gespann­tes­ter Aufmerksamkeit und mit Wollust einem Satze BEETHOVENs lauschen und mich einen Satz von CHOPIN unauf­merk­sam ableh­nen läßt, — ist es vorstell­bar, daß dieses selbe Motiv in irgend einer Urzeit der Entwicklung die Auswahl getrof­fen habe im Chaos der Schwingungen, sich die Welt wie eine ange­nehme Melodie in den Fetzen der Zufallssinne, und für jeden dieser Sinne wieder nur in einem Fetzen für die Erinnerung aufbe­wahrt habe?

Die Frage ist wirk­lich schwer anzu­fas­sen, weil wir bei der uns vorschwe­ben­den Amöbe wohl gewiß irgend einen Egoismus voraus­set­zen, ihr aber nicht mit irgend welchem Rechte den kompli­zier­ten Bewußtseinsvorgang des mensch­li­chen Interesses unter­schie­ben dürfen. Versuchen wir es dennoch, das Motiv des Interesses außer­halb der Kompliziertheit wieder­zu­fin­den, die es im mensch­li­chen Denken ange­nom­men hat.

Da ist zunächst das mensch­li­che Interesse an das Bewußtsein des Ichs, an das Bewußtsein der Individualität geknüpft. Wir lassen uns aber von der tausend Jahre alten Scholastik über das Principium indi­vi­dua­tio­nis nicht täuschen; wir werden erfah­ren, daß der Ichvorstellung nichts ande­res zu Grunde liegt als die Tatsache des Gedächtnisses, und jede Beobachtung über­zeugt uns davon, daß auch der nied­rigste Organismus, wenn nicht gar auch der anor­ga­ni­sche Stoff (soweit er zur Zeit seiner Kristallisation oder einer chemi­schen Verbindung leben­dig ist) Gedächtnis besitzt.

Ich sagte eben “Bewußtsein des Ich”. Natürlich war das ein sinn­lo­ser Pleonasmus. Auch das soge­nannte Bewußtsein ist nichts ande­res als das Gedächtnis, welches, wie ein Faden die Perlen zu einem Perlenbande, so die Erlebnisse erst zu einem Erleben aufreiht. Wenn zum Interesse nur Gedächtnis gehört, so können wir Interesse bei der Amöbe voraus­set­zen. Täten wir doch besser, auch beim Menschen immer nur von Gedächtnis zu reden, anstatt von Bewußtsein und Individualität.

Da ist aber mit dem Interesse noch ein ande­rer Begriff untrenn­bar verbunden- weil wir das Wort Interesse nicht tauto­lo­gisch wieder­ho­len dürfen, obwohl es das beste wäre, so wollen wir hier dafür die Empfindung eines Nutzens oder Schadens, das Gefühl der Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit setzen. Schon VERWORN hat (Seite 138) bemerkt:
“Es hat den Anschein, als ob die Protisten den Nutzen oder Schaden der betref­fen­den Reize wissen, respek­tive ange­nehme oder unan­ge­nehme Empfindungen durch sie erlei­den und deshalb ihrer Quelle nach­zu­ge­hen oder auszu­wei­chen sich bemü­hen.“
Schon VERWORN hilft sich recht gut aus der Klemme, indem er alle diese helio- und ther­mo­tro­pi­schen Bewegungen trotz ihrer schein­ba­ren Zweckmäßigkeit zu den unbe­wuß­ten Reflexbewegungen rech­net, die er dann frei­lich als eine wohl­be­kannte Tatsache nicht weiter erklä­ren oder beschrei­ben zu müssen glaubt. Uns wird es geläu­fig werden, alle derar­ti­gen auto­ma­ti­schen Bewegungen als ererbte oder erwor­bene Wirkungen des Gedächtnisses, und erst die Tatsache des Gedächtnisses als das letzte Geheimnis aufzu­fas­sen. Aber — so frage ich mich noch einmal und noch dring­li­cher — an welcher Stelle schleicht sich in dieses (mensch­lich gespro­chen) rein verstan­des­mä­ßige Gedächtnis das Interesse hinein, das Gefühlsmoment, der Eindruck des Angenehmen oder Unangenehmen? Ginge ich darauf aus, ein System zu schrei­ben, so hätte ich sofort eine präch­tige Antwort bei der Hand, eine philo­so­phi­sche Antwort, die mir recht gut gefällt und die übri­gens geist­reich schil­lert. So nämlich: das verstan­des­mä­ßige Gedächtnis kann auf der nieders­ten Stufe der Organismen gar nichts ande­res leis­ten als im höchs­ten Geistesleben des Menschen.

Hier, wo das Gedächtnis zum wissen­schaft­li­chen Denken gewor­den ist, führt es sein Meisterstück aus, wenn es die Zukunft voraus berech­net, wenn es zukünf­tige Erscheinungen auf das Handeln der Gegenwart einwir­ken läßt, wenn der Mensch gern spart, um als Greis ein Wohlleben zu führen, wenn man im Sommer vergnügt erntet, um im Winter essen zu können. Das mensch­li­che Gedächtnis, in der Gegenwart allein leben­dig, von der Vergangenheit allein genährt, wird der Zukunft dienst­bar gemacht. Das Gefühl der Lust bei der Nahrungsaufnahme ist viel­leicht nichts ande­res als die Vorauswirkung des Gedächtnisses. Die bekömm­li­che Nahrung schmeckt, weil sie in frühe­ren Fällen gut bekom­men ist; die schäd­li­che Nahrung widert an, weil sie in frühe­ren Fällen schlecht bekom­men ist. So könnte ein Gefühl der Lust und Unlust, also das eigent­lichste Interesse der Organismen, wieder auf das Gedächtnis der Art allein zurück­ge­führt werden.

Mich befrie­digt diese Antwort nicht. Und für unsere gegen­wär­tige Absicht, für die Frage nach der Entwicklung der Zufallssinne und ihrer Zufallsausschnitte, ist viel­leicht eine noch unmit­tel­ba­rere Verbindung zwischen Interesse und Gedächtnis herzustellen.

Wieder verlasse ich den Gang der Untersuchung für einen Augenblick. Ich könnte den Knoten nämlich leicht durch hauen, wollte ich mich dem Wortaberglauben unter­wer­fen und das Gedächtnis entwe­der mate­ria­lis­tisch von unse­rem Bewußtsein tren­nen oder — was wirk­lich auf dasselbe hinaus­läuft — etwas wie ein unbe­wuß­tes Gedächtnis auch dem nicht­or­ga­ni­schen Stoffe zuschrei­ben. Dieses letzte zu tun, bin ich gar sehr geneigt. Ob ein soge­nann­tes Atom Kohlenstoff im Diamanten den gesetz­lich vorge­schrie­be­nen Kristall bildet, ob es sich in der Pflanze gesetz­lich Zellen bildend aus der Kohlensäure abschei­det, ob es sich im tieri­schen Körper gesetz­lich auf den Sauerstoff stürzt, immer könn­ten wir dieses Gesetzmäßige im mole­ku­la­ren Vorgang das Gedächtnis des Kohlenstoffatoms nennen. Bewußtsein hin, Bewußtsein her, seine Kristallisationsform, seine chemi­sche Befreiung oder Verbindung muß das Atom auswen­dig wissen. Daß wir die Kristallisation zur Physik rech­nen, die chemi­sche Lösung oder Bindung zu den Lebensprozessen, ist ja ganz unwe­sent­li­che mensch­li­che Vorstellungsweise. Es ist mensch­li­che Vorstellungsweise, daß wir der Bewegung des Kohlenstoffatome im Tierkörper irgend eine letzte Spur von Innenleben oder von Interesse zuzu­spre­chen geneigt sind, daß wir dieses Innenleben bei der Atombewegung in der Pflanze nur wider­stre­bend mitden­ken, daß wir uns die Atombewegung bei der Kristallisation ohne Innenleben denken. Wir denken aber einmal als Menschen, und so müssen wir auf diesen weitern Gesichtspunkt, das Gedächtnis des Unorganischen, vorläu­fig verzich­ten und zuse­hen, ob wir — wie gesagt — eine unmit­tel­bare Verbindung zwischen dem im Organismus voraus­ge­setz­ten, an ein Innenleben geknüpf­ten Interesse und dem Gedächtnis herstel­len können.

Die letzte Tatsache des Gedächtnisses ist das Wiedererkennen eines bestimm­ten Eindrucks, oder viel­mehr da wir niemals in densel­ben Fluß hinab­stei­gen können das Vergleichen ähnli­cher Eindrücke. Oder aber das Vergleichen ähnli­cher Beziehungen von Eindrücken. Das unge­heuer kompli­zierte Gedächtnis des Kulturmenschen oder gar das Luxusgedächtnis des forschen­den Menschen vergleicht so entfernte Ähnlichkeiten wie wandelnde Sterne und fallende Steine, wie den Blitz und das Kunststückchen des gerie­be­nen Bernsteins, wie Interesse und Gedächtnis. Das Gedächtnis der sich entwi­ckeln­den Menschheit hat im Laufe der Jahrtausende z. B. Farbeneindrücke vergli­chen und klas­si­fi­ziert und sich gemerkt. Das Gedächtnis auch schon des Menschen einer Urzeit hat durch Vergleichung von Eindrücken und Beziehungen die Klassifikationen oder Begriffe Hund, Vierfüßler, Tier gewonnen.

Überspringen wir nun die Kluft und fragen wir, worin die Tätigkeit des Urgedächtnisses, des an den Organismus der Amöbe geknüpf­ten Gedächtnisses bestand, weil allein bestehen konnte?

Das Gedächtnis des Menschen übt durch Vergleichung eine Klassifikation der Sinneseindrücke ein. Alles philo­so­phi­sche Denken, ja selbst die Geistestat eines NEWTON läßt sich zuletzt auf Vergleichung von Beziehungen zurück­füh­ren, deren Grundlagen die Vergleichung von Sinneseindrücken gebil­det hat. Aber die Amöbe besitzt noch keine Sinnesorgane, sie kann — wie wir anneh­men müssen — Sehen, Hören, Schmecken und Tasten noch nicht diffe­ren­zie­ren. Was hat also das Gedächtnis der Amöbe für ein Material? Eben haben wir die Amöbe ange­schaut als ein empfind­li­chen Etwas, das in dem Chaos der Weltvibrationen mitten inne steht. Ich spre­che der popu­lä­ren Wissenschaft das Wort Vibrationen nach; eigent­lich wissen wir nicht, was das ist, was man die Schwingungen im Äther und die Schwingungen der chemi­schen Atome meta­pho­risch nach den wahr­nehm­ba­ren Schwingungen der Luft genannt hat. Das Wesen dieser Vibrationen ist das vorläu­fige Ding-an-sich, welches über unsere Sinnesorgane hinweg in unse­rem Verstande zu den Erscheinungen des Hörens, des Gesichts und jeder Klassifikation wird. Das vorläu­fige Ding-an-sich. Im Ernste wird man die Erscheinungen des einen Sinnes nicht zum Ding-an-sich ande­rer Sinneserscheinungen machen wollen. Der Amöbe fehlt nun aber dieser Weg über die Sinnesorgane. Unmittelbar steht für unsere mensch­li­che Vorstellung die Amöbe mit ihrem Gedächtnis mitten in den Weltvibrationen. Was kann nun dieses Gedächtnis an den durch kein Organ gesieb­ten Vibrationen klas­si­fi­zie­ren? Was kann es an ihnen verglei­chen? Was kann es an ihnen inter­es­sant finden? Kosmisch gespro­chen: alles Mögliche, was wir nicht wissen; aber kosmisch spre­chen haben wir nicht gelernt. Menschlich gespro­chen also: einzig und allein die Ordnung, die Regel. Die regel­mä­ßige Ordnung, auf die “man” sich verlas­sen kann, wie wir uns auf die regel­mä­ßige Ordnung der Tages- und Jahreszeiten verlassen.

Das ganze Chaos der Weltvibrationen stürmt auf die Amöbe ein. Aus diesem Chaos macht gewiß nur ein unend­lich klei­ner Teil Eindruck, der Teil, welcher dem Organismus der Amöbe nützt oder scha­det. Wir halten die Hypothese von den Vibrationen fest. Da gibt es die mecha­ni­schen Schwingungen, wie wir sie Töne nennen; da gibt es Ätherschwingungen, wie wir sie Licht nennen; da gibt es die aller­feins­ten Molekularschwingungen der Körper, die wir, weil sie die bekann­tes­ten sind, für die gröbs­ten Körpererscheinungen wie Schwere und Undurchdringlichkeit halten. Da gibt es wahr­schein­lich Weltvibrationen, die wir heute noch nicht kennen, weil der Zufall der Interesselosigkeit keinen beson­de­ren Sinn für sie entste­hen ließ. Aber für gewisse Vibrationen hatte schon die Amöbe Interesse und merkte sie sich darum in ihrem klei­nen Gedächtnis. Merken konnte sie sie nur durch Vergleichung der Eindrücke selbst und ihrer Beziehungen in Zeit und Raum. Vielleicht ahnt bereits die Amöbe den quali­ta­ti­ven Unterschied zwischen akus­ti­schen Luftvibrationen, zwischen ther­mi­schen Äthervibrationen und zwischen mecha­ni­schen Atomvibrationen. Nimmt man doch an, daß gewisse Protisten bereite Organoide für Licht- oder Wärmeempfindungen entwi­ckelt haben. Ob das wahr ist oder nicht, wir können uns doch wenigs­tens vorstel­len, daß das verglei­chende und darum wieder­erken­nende Gedächtnis in seiner dump­fen Tiefe eines Tages etwas fühlte wie: Aha, das ist das, was Widerstand leis­tet! Aha, das ist das, was wärmt! Aha, das ist das, was schwirrt!

Teilte ich den Darwinistischen Wortaberglauben, so könnte ich das Interesse und das Gedächtnis nach diesen Voraussetzungen sehr bequem in Verbindung setzen. Es mußte den Protisten (nach der Selektionstheorie) sehr wich­tig sein, das Drücken, das Wärmen, das Schwirren des Freundes oder Feindes sofort aus den aller­ers­ten regel­mä­ßi­gen Vibrationen des drücken­den, wärmen­den oder schwir­ren­den Dings zu erken­nen und sich danach einzu­rich­ten, das Ding zu fres­sen oder ihm zu entflie­hen. Das mit dem besse­ren Gedächtnis ausge­stat­tete Protist blieb das über­le­bende u.s.w. Das hieße aber doch nur die Frage nach der Entwicklung des Gedächtnisses zurück­schie­ben, wie der ganze Darwinismus (abge­se­hen von der stol­zen Auflösung des Artbegriffs) nur eine gewal­tige Zurückschiebung der Frage nach der Entstehung der Organismen ist. Noch eins wäre mir bei dieser Anwendung des Darwinismus bedenk­lich: es wird da nicht das Interesse aus dem Gedächtnis abge­lei­tet, sondern das Gedächtnis aus dem Interesse, ein Unbekanntes aus einem noch Unbekannteren. Eine Gleichung ersten Grades findet da ihre Lösung in einer Gleichung zwei­ten Grades.

Wir wollen einfa­cher, frei­lich auch viel allge­mei­ner verglei­chen. Wir setzen in der Amöbe dabei frei­lich noch eines voraus: etwas, was unse­ren Nervenbahnen entspricht. Nur Überschätzung des Mikroskops kann sich — wie schon ausge­führt — dage­gen aufleh­nen mit Berufung auf die schein­bare Strukturlosigkeit der Amöbe. Hundert Experimente bewei­sen jedoch die Tatsache, daß ein Eindruck im soge­nann­ten Protoplasma der Amöbe weiter­ge­lei­tet wird. Aber auch ohne diese Versuche können wir nicht anders denken als so: dem äuße­ren Leben jedes Organismus entspricht irgend ein Grad von Innenleben und dieses Innenleben muß einen Träger haben, wie das mensch­li­che Nervensystem der Träger des mensch­li­chen Innenlebens ist. An diesen Träger ist über­all in der Natur das Gedächtnis gebun­den. Nun aber hat das Gedächtnis offen­bar leich­tere Arbeit, wenn es wieder­keh­rende oder gar regel­mä­ßig wieder­keh­rende Eindrücke, Stöße oder was das rela­tive, vorläu­fige Ding-an-sich sonst ist, wieder­erken­nen kann. In dieser Leichtigkeit der Einübung, in dieser Bequemlichkeit des Wiedererkennens oder Vergleichens muß das inter­es­sie­rende Moment liegen. In MACHs “Ökonomie-Prinzip”.

Von diesem Punkte aus also erscheint es mir vorstell­bar, wie das inter­es­sierte Gedächtnis zuerst im unend­li­chen Laufe der orga­ni­schen Entwicklung aus dem Chaos der Weltvibrationen die einan­der ähnli­chen — soweit das Interesse reichte — klas­si­fi­zie­ren und an der Klassifikation sich merken konnte, wie das inter­es­sierte Gedächtnis sodann inner­halb der Vibrationsart wieder einige Unterarten auszeich­nen und sich merken konnte, wie unsere sechs Zufallssinne entstan­den und inner­halb jedes Sinnes endlich der zufäl­lige Ausschnitt, für welchen wir ein paar Namen wie gelb, grün, warm, kalt, hart, weich oder tech­ni­sche Bezeichnungen wie C, cis haben.

Noch einen klei­nen Schritt weiter zu tun, habe ich verspro­chen und will ihn jetzt von der letz­ten Klippe des Denkens in den Abgrund hinaus wagen. Was ist das, was das Urgedächtnis tut, wenn es in seiner dump­fen Tiefe wahr­nimmt und zuerst empfin­det “Außenwelt”, dann “Druck”, “Wärme”; wenn es sich die Weltvibrationen klas­si­fi­zie­rend und verglei­chend merkt, um aus diesem Merken und zu diesem Merken die Sinnesorgane sich zu erschaf­fen? Ist das nicht dasselbe, was wir getan haben und immer noch tun, wenn wir: die harten Dinger, die unbe­weg­lich dem nack­ten Fuße im Wege sind, mit einem substan­ti­vi­schen Worte “Steine” nennen, wenn wir die Steine ordnen, zuerst roh inter­es­siert nach ihrer Schwere, Größe, Wälzbarkeit, dann feiner inter­es­siert nach ihrer Zerlegbarkeit im Feuer, dann weiter wissen­schaft­lich inter­es­siert nach ihrer Zusammensetzung und ihrer Kristallform; wenn wir: an den Steinen ihr Fallen von der Höhe und nach­her die Regelmäßigkeit des Fallens entde­cken, eine regel­mä­ßige Ordnung zwischen dem Fallen des Steins und dem Kreisen des Mondes ausrech­nen, dem Begriffe der Schwere so eine neue Ausdehnung geben und in Jahrtausenden von der Empfindung des wuch­ten­den Steines bis zur Lehre von der Gravitation gelangen?

Wir werden die Sprache das Gedächtnis des Menschengeschlechts nennen. Wir sehen jetzt, daß das Gedächtnis auch auf seiner unters­ten Stufe nichts ande­res leis­tet als Sprachdienste, daß es auch da — vorläu­fig ohne hörbare oder sicht­bare Zeichen — Sprache ist, d.h. nach Ähnlichkeiten klas­si­fi­ziert. Wir erken­nen, daß das Gedächtnis auf seinem unge­heu­ern Wege eigent­lich doch dasselbe geblie­ben ist, daß es auch als Urgedächtnis schon nur nach dem Zufall seines Interesses klas­si­fi­ziert und vergleicht, also in der Amöbe wie im höchs­ten Denken des Menschen unfä­hig sein muß, inter­es­se­los die Wirklichkeitswelt zu erken­nen, ja daß sich diese Unfähigkeit in dem Grade stei­gern muß, als die Unmittelbarkeit des Zusammenhanges zwischen dem klas­si­fi­zie­ren­den Gedächtnis und dem Chaos der Weltvibrationen verlo­ren geht. Wir begrei­fen die Welt umsowe­ni­ger, in je weitere Begriffe wir sie fassen müssen.

Ich wage es, noch deut­li­cher zu sein. “Für den Menschen” ordnen sich regel­mä­ßige Luftstöße zu Tönen. C, cis. Sicherlich fälschend, aber prak­tisch. Die Vibrationen des “Äthers” zu Farben. Blau, rot. Fälschend, aber prak­tisch. Ist es nicht genau so, wie nach­her mit den Worten: Stein, Pflanze, Tier? Gehören nicht schon die Sinne (nicht nur die Worte für Lichtempfindungen) zu den norma­len Täuschungen, zur Sprache? Und so sucht schon die Amöbe sich im Chaos zu orien­tie­ren. Sie kann die Stöße nicht zählen, aber sie ordnet sie irgend­wie. Sie wird weni­ger getäuscht, wenn sie noch keine Töne hört.

Kein Strahl irgend eines Wissens dringt zu dem ersten Zufall, der uns die Weltvibrationen nach unse­ren spezi­fi­schen Sinnesenergien als sicht­bare, hörbare, fühl­bare u.s.w. Wirkungen unter­schei­den läßt. Nur ahnend wissen wir etwas davon, wie der Zufall in zwei­ter Potenz entstan­den ist, wie das Interesse der sich entwi­ckeln­den Organismen inner­halb der spezi­fi­schen Sinnesenergien kleine Ausschnitte des Wahrnehmbaren aus dem unge­heu­ern Kreise des für Menschensinne Unwahrnehmbaren ausge­schie­den hat. Hie und da wissen wir etwas von dem Zufall in drit­ter Potenz, der auf diesen klei­nen Ausschnitten bestimmte Punkte fixierte und die Vibrationen dieser Punkte und ihrer nahen Umgebung als beson­dere Sinneswahrnehmungen, Wirkungen oder Eigenschaften auszeich­nete, mit Namen versah oder als Begriffe fest­hielt wie blau, süß, hart, cis, warm, Flieder. Wenn es nicht über mensch­li­che Kraft ginge, so müßten wir die Entwicklungsgeschichte der mensch­li­chen Sprache zurück­ver­fol­gen über diese drei Zufallspotenzen hinaus, so müßten wir die Zufallsgeschichte des Bedeutungswandels, die wir für die Gegenwart, d.h. für die letz­ten vier Jahrtausende, verste­hen gelernt haben, zurück­ver­fol­gen in die vorge­schicht­li­che und in die vormensch­li­che Zeit, als die klas­si­fi­zie­rende Vergleichung der Weltvibrationen nach­ein­an­der die arme mensch­li­che Welterkenntnis schuf, zuerst durch Differenzierung der Sinnesorgane, sodann durch Anpassung der einzel­nen Organe an das orga­ni­sche Interesse und endlich durch mensch­li­che Begriffebildung oder mensch­li­che Gedächtnisarbeit. Sprache können wir alle diese Tätigkeit nennen.

Erinnern wir uns noch einmal des Chaos von Weltvibrationen. Irgend ein Unterschied, den wir resi­gniert in ein Ding-an-sich zurück­hy­po­st­asie­ren, läßt uns Luftschwingungen vorstel­len, die von der äußers­ten Langsamkeit bis zu unaus­denk­ba­rer Schnelligkeit fort­schrei­ten können. Aus dieser unend­li­chen Reihe vernimmt das mensch­li­che Ohr die Schwingungszahlen von sech­zehn bis sech­zehn­tau­send in der Sekunde. Innerhalb dieses Ausschnittes empfin­den wir gewisse Beziehungen oder VerhäItnisse als musi­ka­lisch. Der Violinspieler wiederum kann seinem Instrumente nur eine bestimmte Anzahl Töne inner­halb dieses Gesamtausschnittes entlo­cken, weil er zum Greifen nur eine einzige mensch­li­che Hand mit ihren fünf Fingern von bestimm­ter Länge zur Verfügung hat und weil die Violinen nach diesem Zufall des mensch­li­chen Baues ihrer­seits gebaut werden müssen. Und so wie der Violinspieler, so steht das Denken oder die Sprache oder das Gedächtnis des Menschengeschlechts dem Chaos der Weltvibrationen gegen­über; so klein im Umfang, so ahnungs­reich im Inhalt ist unsere Welterkenntnis wie eine “Träumerei” auf der Violine.

Wir werden später die Geschichte der Sprache als ein Werk des Zufalls, wie über­haupt die Geschichte der Menschheit als eine Zufallsgeschichte erken­nen. Wir werden tiefer in den Zufallsbegriff einzu­drin­gen haben. Hier, auf einer der Vorstufen, nur einen Wink, damit das erschre­ckende Wort “Zufallssinne” sich gleich einer weiten Weltanschauung ruhig und heiter anschmie­gen könne. Ist es nicht ein Zufall, daß die chemi­sche Verbindung H20 zu dem bekann­ten Stoffe verbrennt, den wir Wasser nennen? Ist es nicht weiter ein Zufall, daß dieser Stoff auf unse­rer Erde nicht selten ist, sondern in solchen Massen vorkommt? Und doch ist die Erscheinung dieses Zufallsstoffes die Grundbedingung alles Lebens auf der Erde in Tieren, Pflanzen und (oft nach­weis­bar) in Kristallen, und doch ist der Zufallsstoff Wasser die Grundbedingung des mensch­li­chen Organismus und seiner Zufallssinne. Wird man jetzt besser die Vergleichung mit der Violine verste­hen, die nur einen Teil der mögli­chen musi­ka­li­schen Töne umfaßt, weil sie der Länge und der Gliederung der fünf Finger einer linken Menschenhand angepaßt ist?

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