Zum Inhalt

22. Beschränkung der Sinne

Alle Begriffsbildung oder Namengebung ist Klassifikation oder Aufmerksamkeit auf Ähnlichkeiten. Alle Aufmerksamkeit auf Ähnlichkeiten oder Klassifikation ist eine Funktion unse­rer Sinnesorgane.”

Wir besit­zen fünf oder viel­mehr sechs Sinne. Durch Vergleichung ihrer Mitteilungen unter­ein­an­der gelan­gen wir zu der Einsicht, daß jedes einzelne von den Sinnesorganen nur einen beschränk­ten Teil des Gebietes wahr­nimmt, welches wir durch dieses Sinnesorgan zu beherr­schen glau­ben. Die Tatsache ist am auffal­lends­ten beim Gehörsinn, aber auch für andere Sinne nachgewiesen.

Ein C von sech­zehn­ein­halb Schwingungen etwa bildet die unterste Grenze der Wahrnehmung für das Ohr. Die Musik umfaßt von diesem tiefs­ten Ton an sieben Oktaven. Das mensch­li­che Gehör umfaßt darüber hinaus noch drei, im ganzen etwa zehn Oktaven; es geht von sech­zehn­ein­halb bis etwa zu sech­zehn­ein­halb­tau­send Schwingungen. Es ist aber offen­bar, und es ist sogar sicht­bar zu machen, daß es Vibrationen von gerin­ge­ren und von höhe­ren Schwingungszahlen gibt. Man könnte diese Vibrationen (analog den unsicht­ba­ren Strahlen des Sonnenlichts) unhör­bare Töne nennen; diese unsin­nige Bezeichnung würde auch sofort, wie die analoge es in der Optik tut, den Wortaberglauben der Menschen verra­ten. Weil der Mechanismus unse­res Ohrs uns die subjek­tive Empfindung von Tönen vermit­telt und weil unser Auge die “objek­tive” Ursache dieser Töne als Schwingungsbewegungen erkannt zu haben glaubt, so möch­ten wir gar zu gern auch dieje­ni­gen Schwingungen, die die subjek­tive Empfindung der Töne nicht erzeu­gen, Töne nennen. Weil unser Auge oder viel­mehr der entspre­chende Teil des Gehirns bestimmte Vibrationen einer ande­ren Art als Farben empfin­det, darum sind wir geneigt, die benach­bar­ten Vibrationen dieser ande­ren Art eben­falls mit opti­schen Worten zu bezeich­nen. Wir möch­ten gar zu gern corri­ger la fortune (das Vermögen verbes­sern) unse­rer Zufallssinne, in unse­rer Sprache nämlich.

Bringen wir also einen elas­ti­schen Gegenstand, z.B. die Luft, derge­stalt in Schwingungen, daß die Schwingungszahl in der Sekunde von einmal bis zu hundert­tau­send­mal steigt, so werden wir anfangs gar nichts hören, dann nach­ein­an­der sämt­li­che Töne vom nied­rigs­ten bis zum höchs­ten; nach­her werden wir wieder nichts hören. Die Schwingungen unter und über der Grenze der Hörbarkeit können wir nur durch das Gesicht oder durch den Tastsinn wahrnehmen.

Das Gesicht umfaßt bekannt­lich auf dem Gebiete, das es zu beherr­schen scheint, eben­falls nur einen klei­nen Ausschnitt. Nach der gelten­den Hypothese sind es Ätherschwingungen von unge­heu­rer und unvor­stell­ba­rer Schwingungszahl, welche im Auge oder viel­mehr im Gehirn die subjek­tive Erscheinung von Licht und Farben hervor­ru­fen. Eine Farbe, in welcher sich die Farben aller dieser optisch wirk­sa­men Vibrationen mischen, nennen wir weiß. Durch das Prisma kann man diese ange­nom­me­nen Vibrationen nach ihrer Schwingungsdauer hinter­ein­an­der ordnen und hat nun, ebenso wie in der Musik, ein Farbenband von unend­lich vielen Tönen vor sich, von rot bis violett, welches Band aber für ästhe­ti­sche Zwecke längst — wann? von welchem Volke zuerst? — in etwa sieben Gruppen zerlegt worden ist. Die Strahlen, welche man über­rote und über­vio­lette nennt, werden nicht sicht­bar. Sie lassen sich aber durch Wirkungen auf das Thermometer und auf die photo­gra­phi­sche Platte indi­rekt durch List sicht­bar machen.

Wir können diese Erscheinung so ausdrü­cken, daß irgend ein rela­tiv zufäl­li­ger Umstand die Aufmerksamkeit der Organismen just auf diese Schwingungszahlen gerich­tet hat, daß diese Aufmerksamkeit das Sinnesorgan des Gesichts zur Folge gehabt hat (ähnlich wie beim Gehör) und daß die Wirkung dieser Art von Vibrationen sich in unse­rer Sprache als Farbenempfindung diffe­ren­zierte. Die Einübung unse­rer Zufallssinne auf die Unterscheidung dieser Vibrationen ist so instinkt­mä­ßig stark, unsere Sinne sind so sehr nichts als eben die Einübung auf bestimmte Vibrationsarten (Energien), daß wir uns einen Organismus ohne solche Einübung gar nicht ausden­ken können. Wie wir uns unser Leben ohne Lungenatmung nicht denken können. Und doch hat (nach der Entwicklungslehre) die Lungenatmung einmal ihren Anfang gehabt; hat ihren Anfang bei jedem Kinde nach der Geburt.

Diese Auffassung des Gesichtssinns, seit KANT erkennt­nis­theo­re­tisch vorstell­bar und gegen­wär­tig die allge­meine Vorstellung der Optik, wird nun für unse­ren Gedankengang weit frucht­ba­rer, seit­dem auch die Wärmeempfindungen auf die glei­che Quelle zurück­ge­führt worden sind. Man nimmt jetzt an, daß jeder Lichtstrahl zugleich ein Wärmestrahl sei; auch die Wärmestrahlen werden von ebenen und konka­ven Spiegeln zurück­ge­wor­fen, auch Wärmestrahlen werden durch das Prisma gebro­chen. Genauere Berechnungen sollen darge­tan haben, daß es ein Irrtum war, dieje­ni­gen Strahlen, die den unsicht­ba­ren ultra­ro­ten entspre­chen, für die wärms­ten zu halten; man hat die durch stär­kere Brechbarkeit erfolgte stär­kere Zerstreuung der helle­ren Strahlen in Ansatz gebracht und so gezeigt, daß die hells­ten Strahlen auch die wärms­ten sind.

Nun bedenke man zwei­er­lei: erstens daß durch die Untersuchungen von HERTZ wiederum eine gewisse Identität zwischen Licht und Elektrizität nach­ge­wie­sen worden ist, zwei­tens daß wir für Wärmeempfindungen kein so diffe­ren­zier­tes, ich möchte sagen mathe­ma­ti­sches Instrument besit­zen wie für Lichtempfindungen. Dazu erin­nere man sich, wie dieselbe Vibration einer Darmsaite, die unse­rem Tastsinn als ein Schwirren, unse­rem Gesichtssinn als eine elas­ti­sche Bewegung erscheint, allein für unse­ren Gehörsinn als eine von diesen Empfindungen durch­aus verschie­dene, durch­aus nicht vergleich­bare diffe­ren­zierte Empfindung, als Ton erscheint; daß wir lang­same Vibrationen, die wir noch nicht hören, doch sehr deut­lich tasten und sehen, daß wir sehr schnelle Vibrationen, die wir nicht mehr hören, immer noch tasten.

Die licht­er­zeu­gen­den Vibrationen, welche man gegen­wär­tig mit unvor­stell­bar großen Schwingungszahlen am unvor­stell­ba­ren Ätherstoff haftend denkt, und welche man mit Wärme erzeu­gen­den und mit Elektrizität erzeu­gen­den Strahlen mehr und mehr iden­ti­fi­ziert, müßten nun eben­falls auf drei­er­lei Art wahr­nehm­bar sein, wenn die, mensch­li­chen Sinne der Wirklichkeitswelt entsprä­chen und wenn — wie die Skepsis hinzu­fü­gen muß — diese Vibrationen in der Wirklichkeitswelt vorhan­den wären. Diese letzte Bemerkung ist aber nur eine sprach­li­che Nebenfrage. Immerhin ist heraus­ge­bracht worden, daß Licht, Wärme und Elektrizität nur verschie­dene Erscheinungen des glei­chen Ding-an-sich sind und nur je nach dem Tore, welches sie passie­ren müssen, verschie­dene Wirkungen bei uns hervor­ru­fen. Da ist es nun doch höchst beach­tens­wert, daß wir für dieje­ni­gen Schwingungszahlen der Molekularbewegungen, welche zwischen der äußers­ten Kälte und der Rotglühhitze liegen, keine Gesichtsempfindung haben, wohl aber eine modi­fi­zierte, wenn auch nur grob modi­fi­zierte Wärmeempfindung. Wie wir aus der Schwingungsreihe der tönen­den Körper nur den verhält­nis­mä­ßig kurzen Ausschnitt zwischen sech­zehn und sech­zehn­tau­send Schwingungen hören können, so können wir aus der ganz ande­ren Reihe der hohen Schwingungszahlen der leuch­ten­den Körper (die aber doch unter ande­ren Umständen auch tönen können) nur den kurzen Ausschnitt sehen, der zwischen rot und violett liegt. Kein Geringerer als NEWTON hat sich durch diese viel­leicht nur zufäl­lige Ähnlichkeit bestim­men lassen, auch die Farbenskala in sieben Oktaven einzuteilen.

Einen beson­de­ren Wärmesinn nimmt weder unsere Umgangssprache, noch die ältere Psychologie an; man begnügt sich damit, mit kind­li­cher, ja fast tieri­scher Vergleichung von Unvergleichlichem dem Tastsinn neben­bei noch die Aufgaben des Wärmesinns zuzu­wei­sen. Die Aufstellung eines beson­de­ren Temperatursinns hat eigent­lich erst HERING verlangt. Und noch später, noch jetzt, möchte man Tast- und Temperaturempfindungen, (die doch verschie­de­ner sind als Geruch und Geschmack, die so verschie­den sind wie Ton und Farbe) einem gemein­sa­men Sensorium, dem bruta­len “Hautsinn” über­wei­sen, — weil Anatomie und Histologie vom Wärmesinn nichts weiß. Der Umgangssprache ist so etwas zu verzei­hen. Der nächste Grund für ihre Unsicherheit mag darin liegen, daß diesel­ben sehr empfind­li­chen Hautstellen, wie die Finger, die uns Druckempfindungen vermit­teln, auch die bequems­ten sind zur Vermittlung von Wärmeempfindung. Dazu mag noch kommen, daß die Wärmeempfindungen sehr bald (unter 0 Grad und über 55 Grad) Schmerzen verur­sa­chen, also ein Gemeingefühl, das für Wahrnehmungen der Außenwelt sehr unge­eig­net ist. In der Nähe der mensch­li­chen Eigenwärme ist unser Wärmesinn aller­dings ausrei­chend, auch kleine Temperaturunterschiede, bis zu einem Fünftel Grad und weni­ger, wahr­zu­neh­men; aber wir besit­zen in unse­rem Wärmesinn keine genaue Wärmeskala, wie wir sie in der Tonskala unse­res Ohres und in der Farbenskala unse­res Auges besit­zen. Ein Thermometer mißt genauer als unsere Haut, aber ein feines Ohr, ein schar­fes Auge mißt viel genauer als ein Präzisionsthermometer.

Also auch der Wärmesinn nimmt eigent­li­che Wärmeunterschiede nur inner­halb eines ganz klei­nen Ausschnittes der durch Hilfswerkzeuge wahr­nehm­ba­ren Wärmegrade wahr. Eine Temperatur, die bedeu­tend über oder unter diesem Ausschnitt liegt, erzeugt zunächst Schmerz ohne distinkte Wahrnehmung (sehr kalte Körper bren­nen) und vernich­tet endlich sehr rasch den Organismus, genau so, wie derselbe Organismus durch über­stei­gende Druckempfindungen vernich­tet wird.

Für die dritte Wirkung dieser Vibrationen, für die soge­nannte Elektrizität, haben wir in der Sprache unse­rer Psychologie gar keinen Sinn. Und auch nicht in unse­rer Gemeinsprache. Obwohl die Elektrizität bekannt­lich physio­lo­gi­sche Wirkungen erzeugt, und obwohl ein geüb­ter Mechaniker jetzt schon durch die bloße physio­lo­gi­sche Empfindung bis zu einem gewis­sen Grade die Höhe einer elek­tri­schen Spannung wird messen können. Was lehrt uns das, daß wir für die Elektrizität keinen Sinn zu haben glau­ben? das heißt, daß kein Interesse die sich entwi­ckeln­den Organismen zur Ausbildung eines beson­de­ren Elektrizitätssinns genö­tigt hat? Das kommt doch offen­bar daher, daß es in der Natur, soweit sie nicht von Menschen beein­flußt worden ist, nur solche wich­tige elek­tri­sche Erscheinungen gibt, deren Ähnlichkeit unter­ein­an­der und deren Bedeutung für unser Leben nicht leicht zu erken­nen war. Alle Begriffsbildung oder Namengebung ist Klassifikation oder Aufmerksamkeit auf Ähnlichkeiten. Alle Aufmerksamkeit auf Ähnlichkeiten oder Klassifikation ist eine Funktion unse­rer Sinnesorgane. Aber unsere Sinnesorgane selbst sind doch höchst wahr­schein­lich erst dadurch entstan­den (von ihren Uranfängen in der Amöbe bis zu den mensch­li­chen Sinnesorganen, wie wir trotz aller gegen den dogma­ti­schen Darwinismus gerich­te­ten Skepsis anneh­men müssen), daß unsere Aufmerksamkeit, also der Wille zum Vergleichen, durch ein orga­ni­sches Interesse mehr und mehr auf bestimmte Bewegungsgruppen in der Außenwelt, wie z.B. auf die Bewegungsgruppen der Töne und der Farben, gelenkt worden ist.

Welches Interesse aber hatte der Naturmensch an elek­tri­schen Erscheinungen? Oder welches Interesse konnte gar in vormensch­li­cher Zeit ein Tier an den für das Tier unklas­si­fi­zier­ba­ren elek­tri­schen Erscheinungen haben? Die elek­tri­schen Erscheinungen in den Muskeln und Nerven des mensch­li­chen Körpers gehen ebenso unbe­wußt vor sich wie die chemi­schen Erscheinungen bei der Blutbereitung. Die Nerven haben keine beson­de­ren Organe zur Beobachtung der Nerven. Erst auf einem unge­heu­ern Umwege konnte man auf die Vermutung kommen, andere elek­tri­sche Erscheinungen mit der Tätigkeit der Nerven zu verglei­chen. Der Blitz hätte aller­dings das Interesse der Menschen wach­ru­fen können. Man suchte aber als seine direkte Ursache eine Gottheit, wenn das Gewitter nicht gar über­haupt erst die Götterfurcht oder Gottesfurcht hervor­ge­ru­fen hat. Und wenn man sich dabei auch nicht beru­higt hätte, so wäre es doch kaum ange­gan­gen, die furcht­bare Erscheinung des Blitzes und die nied­li­che Erscheinung am gerie­be­nen Bernstein ohne weite­res unter einen gemein­sa­men Begriff zu klas­si­fi­zie­ren. Just für das Elektrische am Blitze hatten wir ja eben kein Organ, also keinen Sinn. Es über­setzte sich in die Sprache des Gesichts, des Gehörs, des Geruchs, des Tastsinns (indi­rekt, weil der Blitz Bäume und Felsen zerschlug). Aber wer konnte ahnen, daß das nur Übersetzungen waren? Wer, dem eben der Blitz selbst eine Übersetzung fürs Gesicht war wie unsere Glühlampe? Hätte der Bernstein, das Elektron, nicht zufäl­lig die Elektrizität der Beobachtung und dem Experimente jedes Kindes darge­bo­ten, die Kraft der Elektrizität wäre bis heute viel­leicht nicht entdeckt, und dann besä­ßen wir aller­dings bis heute nicht einmal indi­rekt die Möglichkeit, Elektrizität zu erken­nen. Hätten einzelne Stücke des natür­lich vorkom­men­den Magneteisensteins nicht den Leuten in der Nähe des Fundortes die Erscheinung gezeigt, daß der Magneteisenstein Eisenteile anzieht, so wüßten wir wahr­schein­lich, so wüßten wir gewiß noch heute nichts vom Magnetismus. Hätte es in der Natur weder Bernstein noch Magneteisenstein gege­ben, so hätte FARADAY seine Entdeckungen auf dem Gebiete des Elektromagnetismus nicht gemacht, und daß Bild des gegen­wär­ti­gen Verkehrslebens wäre für uns nicht vorhan­den; unsere Sinne würden uns nichts vom Telegraphen und von der elek­tri­schen Eisenbahn erzäh­len. Die Menschen sind so töricht, nach jeder neuen Entdeckung (Elektron, Magneteisenstein, Helium, Radium) schwin­delnd zu rufen: Jetzt endlich wissen wir alles! Anstatt jedes­mal neu zur Einsicht zu kommen: Also nicht einmal das haben wir bisher gewußt! Auf der Erdoberfläche, weil sie rund ist, können wir einmal mit makro­sko­pi­schen Entdeckungen fertig werden und über Amerika nach Europa, über den Nordpol zum Äquator zurück­kom­men. Die übrige, die nicht ober­fläch­li­che Natur, ist uns zu erfor­schen versagt — wie das Erdinnere. Wir haben keine Organe für das Innere der Welt.

Published inDas Wesen der Sprache 2

Kommentare sind geschlossen.