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21. Friedrich Nietzsche

Und Nietzsche vergleicht die Sprache gut mit Logik und Mathematik, die viel­leicht nicht entstan­den wären, wenn man in Urzeiten gewußt hätte, daß es keine wirk­li­che Identität und keine abso­lut gerade Linie gibt.”

Bei NIETZSCHE wird ein Gedanke, der unsere armen fünf Sinne als Zufallssinne ansieht und danach den Wert ihres Zufallsbildes von der Welt mißt oder messen sollte, — bei NIETZSCHE wird dieses wich­tigste Ergebnis der psycho­lo­gi­schen Sprachkritik oder der sprach­li­chen Kritik der Psychologie weni­ger über­ra­schen als bei LESSING. Überraschen könnte es höchs­tens, daß LESSING schon hundert Jahre vor der Herrschaft der Entwicklungsidee es mit klarer Größe aussprach, daß mehr als fünf Sinne für den Menschen sein können, während NIETZSCHE trotz SCHOPENHAUER DARWIN und radi­kal ethi­scher Sprachkritik über einige aufzu­ckende Lichtblitze nicht hinaus­ge­langt war. Solche Sätze finden sich in seinem Entwurfe: “Die Wiederkunft des Gleichen”, welcher im Sommer 1881 nieder­ge­schrie­ben, erst nach der geis­ti­gen Erkrankung NIETZSCHEs im zwölf­ten Bande der Werke, veröf­fent­licht und dann wieder unter­drückt wurde. Der philo­lo­gi­sche Froschmäusekrieg um diesen Entwurf, (der frei­lich besser wört­lich in seinem Zusammenhange abge­druckt worden wäre) ändert nichts an der Tatsache, daß NIETZSCHE diese Träume geträumt hat, und daß ihre Mitteilung auf manche Menschen Einfluß gewin­nen wird. “Die Wiederkunft des Gleichen” ist aber der unsin­nigste und der geist­reichste unter den Einfällen NIETZSCHEs, der sich der Übermensch dünken durfte, weil er ein Einsamer war. Ich habe hier “Die Wiederkunft des Gleichen” nicht zu beur­tei­len; sonst würde ich einge­hend sowohl die natur­wis­sen­schaft­li­che als die ethi­sche Grundlage des unge­heuer hohen Gedankens als verfehlt nach­wei­sen. Nur so viel: NIETZSCHE berech­net aus der Unendlichkeit der Zeit und der Endlichkeit der Zahl von Kombinationen, welche die Weltmoleküle einge­hen können, die Notwendigkeit einer peri­odi­schen Wiederkehr glei­cher Zustände; er über­sieht dabei, daß der Begriff der Unendlichkeit bei der unend­li­chen Kleinheit der Moleküle schon auf die Zahl, derje­ni­gen Moleküle ange­wen­det werden kann, die nur einen einzi­gen Menschenleib ausma­chen. Wenn er nun gar seine Gedanken zur Religion der frei­es­ten, heiters­ten und erha­bens­ten Seelen machen will wenn er der mora­li­schen Regel KANTs die verstie­gene Maxime entge­gen­stellt: “Lebe so, wie du bei der Wiederkehr des Gleichen unzäh­li­ge­mal leben willst!” (das ist der Sinn des Aphorisma 219), so vergißt er völlig, daß da gerade das Schwergewicht seiner Idee und ihr Einfluß auf die Handlungen der Menschen die Wiederkehr des Gleichen einfach wieder aufhe­ben müßte. Er kann aber den Gedanken von so fabel­haf­ten Auf- und Abwicklungen der Menschengeschichte nicht fassen, ohne vorher DARWINs Entwicklungslehre teil­weise auf die Geschichte unse­res Verstandes über­tra­gen zu haben. Er vermu­tet schon, daß wir nur sehen, was wir kennen, daß der größte Teil unse­res Augenbildes nicht Sinneneindruck ist, sondern Phantasieerzeugnis. Und er wirft schon gegen das Schwergewicht seines eige­nen Gedankens unklar (ich möchte fast sagen: absicht­lich unklar) die Frage auf, ob nicht die Vielartigkeit der Qualitäten in unse­rer Welt eine Folge der abso­lu­ten Entstehung belie­bi­ger Eigenschaften sei? Er lehrt, daß unser Weltbild auf einem Irrtum beruhe und die Wissenschaft diesen Irrtum nur fort­setze. “In der Art, wie die Erstlinge orga­ni­scher Bildungen Reize empfan­den und das Außersich beur­teil­ten, muß das leben­er­hal­tende Prinzip gesucht werden: derje­nige Glaube siegte, erhielt sich, bei dem das Fortleben möglich wurde: nicht der am meis­ten wahre, sondern der am meis­ten nütz­li­che Glaube … Der Irrtum Vater des Lebendigen. Dieser Urirrtum ist als ein Zufall zu verste­hen! zu erra­ten! ” Und diese Vorstellung von einem zufäl­li­gen Urirrtum mag sein Ausgangspunkt gewe­sen sein; denn er beginnt seinen Entwurf (wenigs­tens in der Ausgabe FRITZ KOEGELs) mit den Sätzen: “Es gibt wahr­schein­lich viele Arten von Intelligenz, aber jede hat ihre Gesetzmäßigkeit, welche ihr die Vorstellung einer ande­ren Gesetzmäßigkeit unmög­lich macht. Weil wir also keine Empirie über die verschie­de­nen Intelligenzen haben können, ist auch jeder Weg zur Einsicht in den Ursprung der Intelligenz verschlos­sen. Das allge­meine Phänomen der Intelligenz ist uns unbe­kannt, wir haben nur den Spezialfall und können nicht verall­ge­mei­nern. Hier allein sind wir ganz Sklaven, selbst wenn wir Phantasten sein woll­ten!” NIETZSCHE hätte eine Sprachkritik mit gewal­ti­ge­ren Sprachmitteln herstel­len können, als es hier geschieht, wenn er sich nicht einsei­tig mit mora­li­schen Begriffen abge­ge­ben hätte, und wenn ihn nicht seine pracht­volle Sprachkraft verführt hätte, Denker und zugleich Sprachkünstler sein zu wollen. Sein Mißtrauen gegen die Sprache ist unbe­grenzt; aber nur solange es nicht seine Sprache ist. Höchstens daß er einmal, aller­dings in der Maske Zarathustras, ausruft: “Ich bin mir ein Worte-Macher: Was liegt an Worten! Was liegt an mir!” Mißtrauen gegen die Sprache finde ich in den außer­or­dent­li­chen Aphorismen aus seiner letz­ten Zeit, welche im zwölf­ten Bande seiner Werke unter dem Titel: “Böse Weisheit” zusam­men­ge­stellt sind. Aph. 71: “Wenn Skepsis und Sehnsucht sich begat­ten, entsteht die Mystik.” Aph. 74: “Wer die Unfreiheit des Willens fühlt, ist geis­tes­krank; wer sie leug­net, ist dumm.” Und wie geist­reich, allzu geist­reich ist Aph. 62: “Das Herz ist es, das begeis­tert: und der Geist ist es, der beherzt und kalt in der Gefahr macht. O über die Sprache!” (Der letzte Ausruf klingt aller­dings wie ein Schrei der Bewunderung; ich möchte aber doch lieber anneh­men, daß ihn nach solchen Jonglierkunststückchen, nach solchen feier­li­chen Kalauern einmal der Ekel vor dem sprach­li­chen Wortgespiel erfaßte und sein. Ausruf diesem Ekel vor der eige­nen Geistreichigkeit Luft machen wollte.) NIETZSCHE wäre mit der Sprache fertig gewor­den, wenn er zwischen der Sprache als Kunstmittel und der Sprache als Erkenntniswerkzeug deut­lich genug unter­schie­den hätte. Er hat uns keine Sprachkritik geschenkt, weil er sich von seiner eige­nen Dichtersprache zu sehr verlo­cken ließ. Oft streift er den Wortaberglauben ab, um ihn ebenso oft wieder aufzu­neh­men. Ich finde bei ihm (Menschl. Allzum. Aph. 11) eine Stelle, die fast einen meiner Grundgedanken ausspricht. Insofern der Mensch an die Begriffe und Namen der Dinge als an aeter­nae veri­ta­tes durch lange Zeitstrecken hindurch geglaubt habe, habe er sich jenen Stolz ange­eig­net, mit dem er sich über das Tier erhob; er hätte wirk­lich gemeint, in der Sprache die Erkenntnis der Welt zu haben.… Sehr nach­träg­lich — jetzt erst, dämmere es den Menschen auf, daß sie einen unge­heu­ern Irrtum in ihrem Glauben an die Sprache propa­giert haben. “Glücklicherweise” sei es zu spät, als daß es die Entwicklung der Vernunft, die auf jenem Glauben beruhe, wieder rück­gän­gig machen könnte. Und NIETZSCHE vergleicht die Sprache gut mit Logik und Mathematik, die viel­leicht nicht entstan­den wären, wenn man in Urzeiten gewußt hätte, daß es keine wirk­li­che Identität und keine abso­lut gerade Linie gibt. NIETZSCHE hat dieses Aphorisma aber wieder einmal nicht zu Ende gedacht; er ist einfach auf dem Standpunkt der mittel­al­ter­li­chen Nominalisten stehen geblie­ben und hat ihren Gründen mate­ria­lis­ti­sche Gründe unse­rer Zeit hinzu­ge­fügt. Daß er dabei nicht nur gegen die Sprache als wissen­schaft­li­ches Werkzeug kämpft, beweist, wie nebel­haft ihm auch da das Ziel war; kein Mensch will heute mehr in den Namen oder Begriffen Realien sehen (daß Fetische hinter ihnen stecken, weiß auch NIETZSCHE nicht), wohl aber Werkzeuge der Erkenntnis, und gegen diese Annahme rich­tet sich mein Angriff. Die Namen oder Worte sind unbrauch­bare Werkzeuge. NIETZSCHE verrät seinen eige­nen Wortfetischismus dadurch, daß er die Vernunft sich an der Sprache entwi­ckeln läßt und der Menschheit dazu gratu­liert. Also: er ist Nominalist, Wortverächter gegen­über allen konkre­ten Begriffen, wird aber zum Wortanbeter, zum Wortrealisten gegen­über den Schatten der Konkreten, gegen­über den Abstrakten. Die Worte der Sprache entklei­det er ihrer Herrschaftsabzeichen, aber die soge­nannte Vernunft, das heißt die Sprache selbst, setzt er nackend auf den Thron. Es ist, als ob er zuerst sämt­li­che Blätter und Zweige eines Baumes verbrannt hätte, dazu den Stamm und die Wurzeln, dann aber im Schatten dieses selben Baumes auszu­ru­hen glaubt, weil das Wort “Baum” übrig geblie­ben ist, und viel­leicht noch die Erinnerung an den Schatten des eins­ti­gen Baumes. Oft genug äußert NIETZSCHE ja seinen Haß gegen die Sprache, seine Verachtung gegen sich selbst sogar als Wortemacher. Aber nicht als Erkenntniswerkzeug verwirft er die Sprache, immer nur als Werkzeug zum Ausdruck einer Stimmung. Der Dichter NIETZSCHE erhebt uner­füll­bare Ansprüche an die Sprache. Es erin­nert an MAETERLINCK, wenn er in den “Streifzügen eines Unzeitgemäßen” sagt: “Wofür wir Worte haben, darüber sind wir auch schon hinaus. In allen Reden liegt ein Gran Verachtung. Die Sprache, scheint es, ist nur für Durchschnittliches, Mittleres, Mitteilsames (?) erfun­den. Mit der Sprache vulga­ri­siert sich bereits der Sprechende.” Und NIETZSCHE schreibt sogar dazu “Aus einer Moral für Taubstumme und andere Philosophen”; aber er denkt, wie die einlei­ten­den Worte bewei­sen, nicht an Erkenntnis, sondern an “Erlebnisse, denen das Wort fehlt”, an Stimmungen. Also, wie ich gezeigt zu haben glaube, an das einzig “Mitteilsame”, an den einzi­gen Fall, wo die schwe­bende Sprache ein gutes Werkzeug werden kann. So ist NIETZSCHE, trotz­dem er mit dem Hammer zu philo­so­phie­ren glaubte, nicht der Kritiker der Sprache gewor­den. Um das grobe Wort auszu­spre­chen, er war zu eitel, um sich bei der Stellung eines Kritikers zu begnü­gen. Er war ein Niederreißer und wollte ein Schaffender heißen. Er wollte nicht so tief hinab­stei­gen, wie er die Fundamente gesprengt hatte. Ein umge­kehr­ter Solneß. In diesem Sinus zu eitel. Und auch zu sehr Dichter. Und zu sehr Unmoraltrompeter, also doch Moralist. Anstatt die Begriffe über­haupt zu prüfen, hielt er sich zunächst an die Wertbegriffe. Und anstatt an den Werten nur zu zwei­feln, sann er über eine Umwertung der Werte, also über neue Tafeln, also über einen neuen gott­lo­sen Wortaberglauben. Ich möchte das Bild vom Radfahrer, der die Lenkstange nicht loslas­sen kann, ausru­hen lassen; es ist auch zu nüch­tern für NIETZSCHE. Sein Haften an der Sprache mahnt mich an den Erfinder, der mit einem Luftballon über die Lufthülle der Erde hinweg bis an die Sterne flie­gen wollte; und weil ein Luftballon außer­halb der Lufthülle so wenig stei­gen kann wie ein Denker sich denkend über die Sprache hinaus erhe­ben kann, darum glaubte der unglück­li­che Erfinder die nötige Menge Luft mitneh­men zu müssen und zu können. Eine Reise ins Blaue wie die des alten CYRANO de BERGERAC. Und NIETZSCHE war wirk­lich zu sehr Denker und Dichter dazu. Das ist, rühmend oder tadelnd, oft von ihm gesagt worden, aber erst im Gedankengange der Sprachkritik wird deut­lich, daß eine solche Doppelanlage des Geistes zu einer bewuß­ten Trennung der beiden Talente führen muß, wenn der Denker nicht in Wortaberglauben verfal­len soll; denn wir wissen schon, daß die Sprache ein ausge­zeich­ne­ter Stoff der Wortkunst, aber ein elen­des Werkzeug der Erkenntnis ist. GOETHE war einfach groß genug, um allen Glanz seines Wesens zurück­zu­stel­len, nach Möglichkeit, wo schlichte Darstellung am Platze schien. NIETZSCHE war zu eitel, um in seinen Aphorismen auf die dich­te­ri­schen Darstellungsmittel zu verzich­ten; darum wurde er in der Philosophie kein Sprachkritiker. Um so feiner erkannte er, was wir für das Wesen der Sprache als Kunstmittel erklärt haben, daß die dich­te­ri­sche Sprache keine scharf umris­se­nen Begriffe kenne. In seiner vier­ten unzeit­ge­mä­ßen Betrachtung “Richard Wagner in Bayreuth” rühmt NIETZSCHE es über­schweng­lich an WAGNER, daß die Personen seiner Musikdramen zunächst durch die Musik, sodann durch die Gebärden die Grundregungen ihren Innern darstel­len, “und in der Wortsprache noch eine zweite abge­blaß­tere Erscheinung dersel­ben, über­setzt in das bewuß­tere Wollen, wahr­neh­men” lassen. WAGNER habe es verstan­den, die Sprache” in ihren Urzustand zurück­zu­zwin­gen, wo sie fast noch nicht in Begriffen denkt, sondern noch selbst Dichtung, Bild und Gefühl ist”. Da wurde zwar der Dichter WAGNER (der war viel mehr Regisseur als Dichter) unge­heu­er­lich über­schätzt; nur NIETZSCHEs ideale Forderung an sein eige­nes Dichten sprach sich leiden­schaft­lich aus. Da ich mich habe verlei­ten lassen, von NIETZSCHEs Ahnung des Zufalls in der Erscheinungswelt zu seiner Bedeutung in der Geschichte der Sprachkritik abzu­schwei­fen, will ich auch zu den letz­ten Sätzen die Bemerkung nicht unter­drü­cken, daß sie seiner Ehrlichkeit gegen sich selbst kein gutes Zeugnis ausstel­len. Er veröf­fent­lichte jene Hymne auf RICHARD WAGNER, als der innere Bruch mit seinem Meister schon voll­zo­gen war. Es lebte da neben dem opfer­be­rei­tes­ten, bis zur tragi­schen Selbstvernichtung tapfer gestei­ger­ten Wahrheitsdrang ein lachen­der Cynismus in NIETZSCHEs Seele, mag auch für das ganze Verhältnis (von NIETZSCHE zu WAGNER) noch eine gera­dezu tragi­sche Mischung von Liebe und Verachtung aufklä­rend, biogra­phisch aufklä­rend sein. Jedenfalls konnte NIETZSCHE damals nicht ohne Cynismus die Dithyrambe auf WAGNER heraus­ge­ben, in welcher die Brandmarkung WAGNERs als eines Schauspielers schon versteckt zu finden ist. “Es ist nicht mehr als ein mora­li­sches Vorurteil, daß Wahrheit mehr wert ist als Schein.” Es ist wohl nur ein erkennt­nis­theo­re­ti­sches Vorurteil. Daß Wahrheit und Schein die Entwicklung des mensch­li­chen Verstandes gleich geför­dert haben, daß viel­mehr auch das armse­lige bißchen Wahrheit nur auf dem Scheine unse­rer Zufallssinne beruht, das ist hoffent­lich auch unsere Überzeugung gewor­den. NIETZSCHE flüch­tet sich wie immer in die Moral, wo Wahrheit einen ganz ande­ren Sinn hat, und er hat unrecht.

Published inDas Wesen der Sprache 2

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