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20. Subjektivismus

Wie wir sagen, mein Kopf tut mir weh, so müßten wir auch sagen können, meine Zunge schmeckt gut … man würde ausge­lacht, weil die Sprache niemals der neues­ten Erkenntnis entspricht.”

Was nun KANT in seiner Weise, trotz allen scho­las­ti­schen Wortaberglaubens und trotz­dem er die bereits aufkei­mende Entwicklungslehre nicht ahnte, mit Genialität erkannte, war der Gedanke: wir vermö­gen unser Seelenleben gar nicht in seine subjek­ti­ven und objek­ti­ven Elemente zu tren­nen, weil in unse­rer Seele gar nichts vorhan­den ist als die objek­tive Welt, diese aber nicht an sich, sondern als Erscheinung, weil also die ganze objek­tive Welt in unsere Seele nur unter der Form einzieht, welche sie durch unser subjek­ti­ves Denken erhal­ten hat, das wieder von den Sinnen abhängt. Drückt man KANTs Gedanken so aus, so fallen aller­dings bald seine ewigen Kategorien der Anschauung und des Denkens hinweg, und der mensch­li­che Verstand, der ihm noch, zum Unheil für seine Nachfolger, doch als etwas wie eine geis­tig wirkende Person erschien, verflüch­tigt sich zu einem Worte, das bei Leibe keine blei­bende oder gar ewige Bedeutung bean­spru­chen darf. Der Intellekt wird zur zusam­men­fas­sen­den Bezeichnung für die Komplexität sich fort­ent­wi­ckeln­der Sinne; der Intellekt wird zu einer Abstraktion sich entwi­ckeln­der Erscheinungen. Und seit hundert Jahren haben Forscher und Denker, mit oder ohne Berufung auf KANT, mit oder ohne Kenntnis von KANT, unab­läs­sig dahin gear­bei­tet, den Gedanken von der Unerkennbarkeit des Dings-an-sich, von der Subjektivität unse­res Denkens, ja selbst unse­rer Empfindungen zum Gemeingut einer Wissenschaft zu machen, die resi­gniert den schma­len Raum zwischen dem Nichtwissenkönnen und dem Nichtwissenwollen beherrscht. In Deutschland hat die an KANT geschulte Physik und Physiologie von HELMHOLTZ und MACH, hat die allzu abstrakte und doch leiden­schaft­li­che Theorie von AVENARIUS, in Frankreich und England hat der Positivismus von COMTE und SPENCER (SPENCER leug­net verge­bens seine Abhängigkeit von COMTE) dersel­ben Lehre zum Siege verhol­fen: was wir für objek­tiv gehal­ten haben an unse­rer Welterkenntnis, das ist erst recht subjek­tiv; was wir von der Außenwelt wissen, ist niemals objek­tive Kenntnis, sondern immer ein Symbol, eine Metapher, deren Tertium compa­ra­tio­nis uns unzu­gäng­lich bleibt, weil sie uns vom Wesen unse­rer Sinne aufge­drängt wird. Es ist, als wären wir auf einem Maskenballe in einer frem­den Stadt; wir erken­nen, daß wir Masken vor uns haben, erken­nen aber niemand, der hinter den Masken steckt, wobei die Zweideutigkeit des Wortes “erken­nen” nicht zu über­se­hen ist. Es ist, als sähen wir den opti­schen Täuschungen zu, die ein geschick­ter Taschenspieler uns vorführt; wir merken, daß wir getäuscht sind, aber wir durch­schauen die Täuschung nicht. Optische Täuschungen und andere Sinnestäuschungen können uns über­haupt über das Wesen des mensch­li­chen Verstandes aufklä­ren. Ist eine Sinnestäuschung unge­wöhn­lich und durch eine nicht­nor­male Beschaffenheit des Nervensystems bedingt, so nennen wir sie krank­haft und den armen Betrogenen nennen wir geis­tes­krank. Ist eine solche Sinnestäuschung von der Art, daß alle Menschen ihr gleich­mä­ßig unter­wor­fen sind und daß wir das objek­tive Verhältnis durch wissen­schaft­li­che List aufde­cken können (wie bei Nachbildern im Auge und derglei­chen), so spre­chen wir von eigent­li­chen Sinnestäuschungen. Gehört die Täuschung aber zum Wesen des Sinnes, empfin­den wir bestimmte chemi­sche Wirkungen, also nach der gegen­wär­ti­gen Lehre Molekularbewegungen, als etwas Bitteres oder Süßes, als etwas Wohlriechendes oder Stinkendes, empfin­den wir Schwingungen von Atomen als Töne, Wärmeempfindungen, Farben, so spre­chen wir diesen Täuschungen, weil sie unent­rinn­bar sind, objek­tive Wirklichkeit zu, und dem gemei­nen Verstande kann leicht wieder derje­nige für verrückt erschei­nen, der sich von den Sinnen nicht betrü­gen läßt, die Subjektivität aller dieser Empfindungen behaup­tet, oder es gar ausspricht, daß diese Täuschungstätigkeit der Sinne am letz­ten Ende nur histo­risch gewor­den ist, nicht zum Wesen der Erkenntnis gehört, daß es auch anders hätte werden können.

Und doch ist diese letzte Behauptung notwen­dig, wenn wir uns den Intellekt als etwas Gewordenes und immer noch Werdendes vorstel­len wollen. Jedermann weiß, daß Stärke und Qualität unse­rer Empfindungen bei Völkern und Individuen, ja sogar beim selben Individuum in verschie­de­nen Lebensaltern oder selbst inner­halb dersel­ben Stunde unter verschiede Umständen wech­selt. Die anti­ken Skeptiker haben schon solche “Tropen” gesam­melt, bald sehr scharf­sin­nig, bald sehr sophis­tisch. Dann geriet die skep­ti­sche Lehre von der Unzuverlässigkeit unse­rer Empfindungen in Verruf. Der Sensualismus voll­ends war mate­ria­lis­tisch, also dogma­tisch, also nicht skep­tisch. Er vertraute den Empfindungen. Er defi­nierte die Körper als die Möglichkeit von Empfindungen. Von den Möglichkeiten wissen wir nichts, drum halten wir die Empfindungen für wirk­lich. Aber diese Empfindungen täuschen. Dem Kinde und dem Kranken erschei­nen Gewichte schwer, die dem gesun­den Erwachsenen leicht erschei­nen. Stecke ich die rechte Hand in ganz kaltes, die linke in heißes Wasser und dann beide Hände in ein Bad von 25 Grad REAUMUR, so glaube ich, das heißt doch wohl mein Intellekt, die beiden Hände in verschie­dene Flüssigkeiten einge­taucht zu haben, die rechte in sehr warmes, die linke in ein sehr kaltes Bad. Abgestumpften Sinnen erscheint Wohlgeruch und Süssigkeit erst gleich­gül­tig, dann wider­wär­tig. Ton- und Lichterscheinungen täuschen uns an allen Ecken und Enden. Die Subjektivität der Empfindungen, aus denen wir erst auf die Körper als auf ihre Möglichkeiten schlie­ßen, steht über allem Zweifel. Die wissen­schaft­li­che List hat die Luftstöße, die unse­ren Ohren als Töne erschei­nen, den Augen als Schwingungen sicht­bar gemacht; eine unend­lich feinere wissen­schaft­li­che List hat es uns vorstell­bar gemacht, daß auch Farben schwin­gende Stöße sind, wobei frei­lich die Aetherschwingungen wieder nur Symbole für etwas den Luftschwingungen Ähnliches sein mögen. Die einfachs­ten Empfindungen unse­rer Sinne täuschen uns also über die Welt viel allge­mei­ner und gründ­li­cher, als die anti­ken Skeptiker sich das träu­men lassen konnten.

Auch das ist jetzt nahezu Gemeingut der Denker und Forscher, daß die einzel­nen Sinne sich zu ihrer gegen­wär­ti­gen Schärfe “entwi­ckelt” haben. Der verblüf­fende Einfall des DEMOKRIT; es seien alle Sinne nur Modifikationen des Tastsinnes, ist von der nach­kan­ti­schen Physiologie zum Range eines wissen­schaft­li­chen Satzes beinahe erho­ben worden. Die Entwicklungslehre hat gezeigt, daß das für unsere Sinne (und wenn sie noch so listig verfei­nert wären) gleich­mä­ßige Protoplasma der nieders­ten Tiere alle Funktionen ausübt, die sich beim Menschen einer­seits in Atmung, Ernährung, Fortpflanzung, ande­rer­seits in die Sinne und das Zentralnervensystems diffe­ren­zie­ren. Es scheint mir übri­gens, daß wir nicht gut umhin können, diese undif­fe­ren­zierte aktive und passive Beschaffenheit des Protoplasmas auch beim Menschen wirk­sam zu denken, dort nämlich, wo unsere Augen und das Mikroskop uns im Stiche lassen, wo z.B. die Nerven die Muskeln berüh­ren oder die sensi­blen und moto­ri­schen Nerven unsicht­bar mitein­an­der verbun­den sind. Es scheint mir sogar, daß ich diese biolo­gi­sche Bemerkung nur in halbem Ernste gemacht habe. Denn Protoplasma, undif­fe­ren­zier­tes Protoplasma und alle seine Begriffsverwandten sind doch nur Asyle der Ignoranz. Wortasyle, wie die “monis­ti­sche Psychologie” mit ihrem “Psychoplasma”. Nach dem bekann­ten Scherzvers der latei­ni­schen Grammatik könnte man das “undif­fe­ren­zierte” Protoplasma, das uns noch beschäf­ti­gen wird, auch “neutral” nennen.

In die Sprache unse­rer Sprachkritik über­setzt führen diese Ergebnisse zu einem sehr merk­wür­di­gen Einblick in den Wert unse­rer Begriffe oder Worte. Wir wissen, daß die substan­ti­vi­schen Worte nicht nur dann Abstraktionen sind, wenn sie Personifikationen wie Gerechtigkeit und Gewissen, wenn sie Schatten oder Schatten von Schatten bezeich­nen, sondern daß auch konkrete Substantiva subjek­tive Hypothesen unse­res Intellekts sind, daß wir die mögli­che Ursache unse­rer Empfindungen, daß wir die Möglichkeiten über­haupt als Körper oder Dinge in den Raum hinein­pro­ji­zie­ren, daß die durch konkrete Substantiva, ausge­drück­ten Dinge keine objek­tive Wirklichkeit haben. Wir wissen ferner, daß Verba Beziehungen dieser Dinge unter­ein­an­der oder Beziehungen dieser Dinge auf uns bezeich­nen, daß also Verba erst recht nur Symbole von wirk­li­chem Geschehen und Sein, von wirk­li­chen Veränderungen sein können (vgl. III. 55–102.) Nun aber haben wir erfah­ren, daß auch die Eigenschaften der Dinge oder die uns höchst objek­tiv erschei­nen­den Wirkungen auf unsere Sinnesorgane nur Täuschungen sind, normale Täuschungen aller­dings, daß also auch die Adjektive nichts Objektives bezeich­nen, nicht einmal etwas unver­än­der­lich Subjektives, sondern daß unsere Augen und Ohren, während die Organismen sich entwi­ckelt haben, aus licht­emp­fin­den­den Flecken und tonemp­fin­den­den Körnchen immer leis­tungs­fä­hi­gere opti­sche und akus­ti­sche Instrumente gewor­den sind, die dann im Laufe der Jahrtausende dem Intellekt immer reiche­ren Stoff zu seinen Schlüssen, in diesem Falle Empfindungswerten, gelie­fert haben. Alles fließt. Die Welt wird durch unsere werden­den Sinne; zugleich werden die Sinne durch die werdende Welt. Wo soll da ein ruhi­ges Weltbild entstehen?

Da ist es nun merk­wür­dig, daß wir, deren Sinne für die soge­nannte objek­tive Welt sich so fein­me­cha­nisch entwi­ckelt haben, für das Interessanteste unse­rer subjek­ti­ven Innenwelt, für Lust- und Schmerzgefühle, keine beson­de­ren Sinne haben, das heißt keine beson­de­ren Organe. Denn der Sinn, du heißt hier das Verständnis für Lust und Schmerz ist gewiß älter als unsere Außenweltsinne, ist gewiß älter als der Ursinn, der Tastsinn. Der organ­lose Sinn für Schmerz und Lust, die Empfindung für Schmerz und Lust, ist neuer­dings nur meta­pho­risch dem Vitalsinne zuge­wie­sen worden. Auf die Bedeutung des Schmerzes für die Entwicklung der Organismen, auf die Beziehung zwischen Schmerzempfindlichkeit und Intelligenz, auf die beson­dere Stellung des Menschen (der allein außer dem Schmerz auch den Tod fürch­tet und abzu­wen­den sucht) hat vor hundert Jahren schon LAMARCK hingewiesen.

Es wird seit SCHOPENHAUER viel darüber gestrit­ten, ob die Summe der Schmerzen oder die Summe der ange­neh­men Empfindungen im Menschenleben über­wiege. Eine Statistik darüber wird sich schwer aufstel­len lassen, ebenso schwer eine über­zeu­gende Rechnung. Wo möglich noch schwe­rer dürfte die Frage zu beant­wor­ten sein, ob, gewis­ser­ma­ßen nach einem Mehrheitsbeschluß, der Schmerz oder sein Gegenteil als der posi­tive Begriff zu betrach­ten sei. Der vergnügte Alltagsmensch wird geneigt sein, seine Vergnügtheit als etwas höchst Positives aufzu­fas­sen, jeden Schmerz als eine Negation; der pessi­mis­ti­sche Philosoph erklärt den Schmerz für das Positive, jedes Lustgefühl für ein Freisein von Schmerzen. Wir an unse­rer Stelle haben mit solchen Spitzfindigkeiten nichts mehr zu tun. Ich glaube, auch der Optimist wird übri­gens einen hefti­gen Zahnschmerz, der Pessimist einen Augenblick der Wollust nicht für etwas Negatives halten.

Es hängt aber damit die merk­wür­dige Erscheinung zusam­men, daß die leben­dige Sprache des einfa­chen Mannes wohl die Abstraktion Schmerz gebraucht und darun­ter alle Unlustgefühle zusam­men­faßt, daß sie aber für Lustgefühle ein gemein­sa­mes Wort nicht besitzt. Denn dieses “Lustgefühl” selbst gehört nur der wissen­schaft­li­chen Sprache an; ebenso wie .“Lust” im Sinne eines Gegensatzes zu Schmerz dem Volke nicht geläu­fig ist. Man sagt dafür bald Wollust, bald Freude, bald Vergnügen (ähnlich in ande­ren Sprachen); es gibt keine volks­tüm­li­che Abstraktion der Lustgefühle. Auch besit­zen wir gegen­über dem fast zur Interjektion gewor­de­nen Komparativ “leider” für die Freude höchs­tens den meta­phy­si­schen Ausruf “gott­lob”.

Wir werden auf eine ähnli­che Armut der Sprache bei einer Untersuchung des Geruchssinns stoßen. Seine Sinneseindrücke geben der mensch­li­chen Sprache einen verschwin­dend klei­nen Teil ihrer Erinnerungen und eigent­lich kein einzi­ges unmit­tel­ba­res Wirt, weil wir die einzel­nen Gerüche regel­mä­ßig nach den Körpern benen­nen, die sie erre­gen. Der Geschmackssinn liefert schon einige fest umgrenzte Abstraktionen wie: süß, bitter, sauer. Der Geruchssinn kennt nur die scharfe Unterscheidung der Gegensätze von ange­nehm und unan­ge­nehm, gut und schlecht. Er gleicht am meis­ten dem mora­li­schen “Sinn”, der auch zuletzt nur den Gegensatz von gut und schlecht noch kennt und die einzel­nen Tugenden und Laster kaum an Beispielen beschrei­ben kann.

Das Gemeingefühl, der Vitalsinn, ist also nicht einmal so deut­lich wie der dumpfe Geruchssinn. Es faßt die unan­ge­neh­men Gefühle unter dem Begriff Schmerz zusam­men, hat aber für die ange­neh­men kein Wort. Wenn der Schmerz dem Gestank entspricht, so entspricht in der Volkssprache nichts dem Geruch, dem Wohlgeruch. Es gibt aber dennoch einige unbe­stimmte Bezeichnungen für Gruppen von Geruchsempfindungen, und diese lassen sich ganz wohl mit einzel­nen undeut­li­chen Worten für Schmerzempfindungsgruppen verglei­chen. Dabei ist aber nicht zu über­se­hen, daß z.B. der soge­nannte stechende Geruch viel­leicht nur eine schmerz­hafte Begleiterscheinung gewis­ser Gerüche ist, daß also das Einatmen von Chlor zugleich den beson­de­ren Chlorgeruch im Organ hervor­ruft und einen stechen­den Schmerz in den Schleimhäuten.

Der Physiologe BRÜCKE teilt die Schmerzempfindungen begriff­lich so ein, daß er eine sehr schmerz­hafte Erregung einer fest umgrenz­ten klei­nen Nervengruppe einen stechen­den Schmerz nennt, die lineare Fortpflanzung dieses Schmerzgefühls aber einen schnei­den­den Schmerz; die gleich­zei­tige schwä­chere Erregung einer größe­ren Nervenmenge nennt er einen drücken­den Schmerz. Es scheint mir außer allein Zweifel zu stehen, daß diese Namengebung zwei Dinge mitein­an­der verwech­selt: den Schmerz selbst und die Mitteilungen des Tastgefühls. Ich möchte wissen, ob der Schmerz beim Abgestochenwerden und beim Geschächtetwerden wesent­lich verschie­den ist. Die Art der Verletzung hat mit dem Schmerz nichts zu tun. In der natür­li­chen Volkssprache wird der Schmerz ähnlich so nach seiner Herkunft genannt wie der Geruch. Wir klagen ohne jede Rücksicht auf die Fortschritte der Anatomie und der Nervenphysiologie heute wie vor Jahrtausenden über Kopfschmerz Augenschmerz, Halsschmerz, Zahnschmerz (man irrt oft im Zahn), Brustschmerz, Bauchschmerz, Fußschmerz. Daran hat die Lehre, daß jeder Schmerz erst im Gehirn empfun­den und von dort nach denn Endpunkt des Nervs proji­ziert werde, so wenig geän­dert, wie die Astronomie an dem Worte Sonnenaufgang. Daran hat aber auch die genauere Einsicht in die Gewebeverhältnisse der schmer­zen­den Körperteile nichts geän­dert. Und wenn der Arzt den Leidenden quält, ihm doch genau zu sagen, was für einen Schmerz er empfinde, so hilft sich der Leidende, da er kein Wort zur Verfügung hat, mit einer verglei­chen­den Beschreibung. Und das ist ganz in der Ordnung. Denn der Arzt wollte ja eben eine Erklärung, das heißt eine Beschreibung des Leidens haben. Wenn nun WUNDT die Schmerzen wieder anders begriff­lich einteilt, in bohrende, stechende und bren­nende Schmerzen, so liegt es auf der Hand, daß er die subjek­tive verglei­chende Beschreibung des Leidenden zu einer festen Definition zu verwan­deln versucht hat, indem er mit genaue­rer Anatomie als das Volk seine Einteilung nach inne­ren Körperteilen entwirft. Sie kann aber nicht Eigentum der Volkssprache werden, weil die Vergleichung zu unge­nau ist, ja viel­leicht nur wieder der sich immer gleich blei­bende Schmerz von einem Lokalgefühl beglei­tet wird.

Eine Gegenüberstellung der Geruchsempfindungen und der Schmerzempfindungen wird uns aber noch mehr lehren, als bisher beach­tet worden ist. Vor allem ist es auffal­lend, daß wir immerzu von einem Geruchsinn spre­chen, nicht aber von einem Schmerzensinn. Und doch verhält sich die mensch­li­che Haut — ihre übri­gen Funktionen beiseite gelas­sen zu den Schmerzen nicht anders als die Nasenschleimhaut zu den Gerüchen. Ja viel­leicht ließe sich aus der Nützlichkeit, Nützlichkeit im Sinne der echten Naturforscher, die nicht worta­ber­gläu­bisch bei der mecha­nis­ti­schen Theorie DARWINs stehen geblie­ben sind, — viel­leicht ließe sich aus der Nützlichkeit der Haut als eines Schmerzensinns die Entwicklung der Sinne über­haupt besser als bisher erklä­ren. Denn keine äußere Einwirkung, nicht Licht und Schall, ist dem tieri­schen Organismus so wich­tig als die unmit­tel­bare und störende, das heißt schmerz­hafte Berührung ande­rer Körper. Daß aber der Schmerzensinn in seiner Anwendbarkeit, in seiner Mitteilbarkeit vor allein, das heißt in seiner sprach­li­chen Ausdrucksfähigkeit also doch noch tiefer stehe als der niederste der bisher so genann­ten Sinne, das wird uns vorsich­tig machen müssen. Es handelt sich uni eine Zusammenfassung allbe­kann­ter Tatsachen, die meines Wissens noch nicht in Zusammenhang gebracht worden sind.

Unsere ganze Welterkenntnis, das heißt unsere Sprache, geht auf unsere Sinneseindrücke zurück. Es wäre aber die Summe all unse­rer Sinneseindrücke, falls wir dann noch eine Erinnerung an sie haben könn­ten, ein wahn­sin­ni­ges Chaos, wenn unsere Sinne nicht die Kraft oder die Gewohnheit hätten, ihre Eindrücke nach außen zu verle­gen, an den Ort ihrer Herkunft, wie wir anneh­men. Durch diese Eigentümlichkeit der Sinne erst entsteht das, was wir die Außenwelt nennen, was für uns die Wirklichkeitswelt ist. Das ist ja eben im Anschluß an KANT ausge­führt worden. Es bleibe — neben­bei bemerkt — dahin­ge­stellt, wie weit die Sinne der niede­ren Tiere die Sinneseindrücke ebenso nach außen proji­zie­ren, wie weit also die niede­ren Organismen über­haupt ihr Ich von einer Außenwelt unter­schei­den können.

Es bleibe ferner dahin­ge­stellt, ob alle Tiere einen Schmerzensinn besit­zen, da auch die Entwicklung ande­rer Sinnesorgane nicht diffe­ren­ziert bis zu den niede­ren Tieren zurück­geht. Es handelt sich bei dieser Zwischenbemerkung sprach­lich darum, ob wir nicht immer in Metaphern reden, wenn wir über den Schmerz der niede­ren Tiere spre­chen; wie es doch eine ganz offen­bare und recht abge­schmackte Metapher ist, wenn in unse­rer wehlei­di­gen Zeit die Blümelein bedau­ert werden, weil man sie bricht.

Nun sind wir so daran gewöhnt, daß unsere Sinne ihre Eindrücke in die Außenwelt verle­gen, daß wir es für eine Krankheit halten, wenn unsere Sinne ohne Außenwelt funk­tio­nie­ren, daß wir dage­gen wiederum Wunder schreien, wenn die Außenwelt etwas indi­rekt verrät, was wir nicht unmit­tel­bar mit unse­ren Sinnen wahr­neh­men. Die soge­nann­ten höhe­ren Sinne, das Gesicht und das Gehör, bieten ein weites Feld für solche Betrachtungen. Die Grenzen werden sich aber leich­ter an, den niede­ren Sinnen entde­cken lassen. Beim Geruchssinn z.B. ist es äußerst merk­wür­dig, daß wir den wahr­ge­nom­me­nen Geruch nach außen verle­gen. Denn es ist zwei­fel­los, daß nur die unmit­tel­bare Einwirkung riechen­der Stoffteilchen auf die Nasenschleimhaut dort einen Geruch erzeu­gen kann. Am letz­ten Ende aller Enden wird ja die Einwirkung eines entfern­ten Gegenstandes auf unsere Netzhaut auch auf unmit­tel­bare Berührung von irgend etwas zurück­zu­füh­ren sein. Da wir aber von diesem Etwas nichts wissen, da wir ferner mit Hilfe des Gesichtsinns die Eindrücke äußerst genau nach außen proji­zie­ren, so besteht zwischen Gesicht und Geruch ein gewal­ti­ger Unterschied. Bei genau­es­ter Selbstbeobachtung bin ich aber endlich doch zu der vollen Sicherheit gekom­men, daß wir Gestank und Geruch inner­halb unse­res Körpers, auf unse­rer Nasenschleimhaut empfin­den, daß wir die Eindrücke nicht nach außen proji­zie­ren. Und ich behaupte, es ist nur eine sprach­li­che Gewohnheit, wenn wir von riechen­den oder stin­ken­den Gegenständen reden.

Treten wir in ein Zimmer, in welchem eine Hyazinthe blüht, so sagen wir sofort, hier riecht es nach Hyazinthe, anstatt analo­gisch zu sagen: ich rieche eine Hyazinthe. Solange wir die Blume nicht sehen, proji­zie­ren wir den Geruch ins Zimmer im allge­mei­nen. Insofern mit Recht, als wir den flüch­ti­gen und fein verteil­ten Stoff an jeder Stelle wieder spüren. Wollen wir mit geschlos­se­nen Augen den Ort der Herkunft des Geruchs entde­cken, so schnüf­feln wir, wie der Hund nach der Fährte des Herrn schnüf­felt, bis wir die Stelle des stärks­ten Geruchs gefun­den haben. Dann proji­zie­ren wir den Geruch nicht mehr in das Zimmer im allge­mei­nen, sondern auf die kleine Stelle. Haben wir die Blume vorher erblickt, so proji­zie­ren wir den Geruch sofort dort­hin, aus alter Gewohnheit, aber nur sprach­lich, nicht sinn­lich. Habe ich damit recht, so ist es nicht wahr, daß unsere Sinne die Eindrücke nach außen werfen, daß sie uns eine Außenwelt schaf­fen, sondern es ist nur die Erinnerung an frühere Sinneseindrücke, die unse­ren Verstand, das heißt unsere Sprache die Ursache aller Wirkungen nach außen verle­gen läßt. Es wäre viel­leicht gut, schon in diesem Zusammenhang die Entstehung der Raumvorstellung zu erklä­ren. Sie entsteht nicht durch die Sinne selbst, sondern durch unse­ren Verstand, durch die Sprache. Und wenn erst die Hypothese vom Lichtäther irgend eine greif­ba­rere Gestalt ange­nom­men haben wird, dann wird man viel­leicht zuge­ben, was heute kaum verständ­lich scheint, daß auch unser Gesicht seine Eindrücke nicht wirk­lich nach außen proji­ziert, daß es viel­mehr nur eine Gewohnheit unse­rer Sprache oder Weltanschauung ist, wenn wir ferne Gegenstände in der Ferne zu sehen glau­ben, wie wir glau­ben, daß es die Hyazinthe ist, die riecht. Und heute schon sollte man zuge­ben, daß auch der Tastsinn keine Veranlassung gibt, den berühr­ten Körper nach außen zu verlegen.

Ich hätte mir diesen gefähr­li­chen Umweg erspa­ren können, wenn ich vom Geschmackssinn ausge­gan­gen wäre. Beim Geschmack, der viel­leicht nur eine andere Form des Geruchs ist, liegt es wirk­lich so, daß wir uns der unmit­tel­ba­ren Berührung unse­rer Geschmacksnerven und des schme­cken­den Gegenstandes bewußt werden. Aber dieses Bewußtsein ist nur schein­bar. Wohl ist der Zucker, die Zitrone inner­halb unse­res Organismus, in unse­rem Munde, wohl fühlen wir die Süßigkeit, die Säure nur in unse­ren eige­nen Schleimhäuten, aber genau wie beim Geruch, eher noch deut­li­cher, haben wir uns gewöhnt, das Ding- selbst anstatt unse­rer Empfindung süß, sauer u.s.w. zu nennen. Es kommt aber beim Geschmackssinn etwas ande­res Neues hinzu, was bei den höhe­ren Sinnen und auch beim Geruchssinn fehlte: die Lokalempfindung. Wir haben keine Lokalempfindung von der Stelle unse­rer Netzhaut, unse­res Gehörgangs, unse­rer Nasenschleimhaut, die einen Eindruck empfan­gen hat. Wir wissen aber ganz genau, sobald wir nur darauf achten, welche Stelle unse­rer Zunge und unse­res Gaumens süß oder sauer berührt worden ist. Der Grund liegt übri­gens auf der Hand. Die Zunge prüft nicht allein die chemi­sche Beschaffenheit der Speisen, sondern sie hilft sie auch mecha­nisch in den Magen beför­dern; sie muß also neben dem Geschmack auch Tastgefühl haben. Und so leitet der Geschmackssinn zum Schmerzensinn hinüber, der ja auch in den Tastorganen neben ande­ren Sinnen tätig ist. Und wenn dieser Schmerzensinn seine Eindrücke genau oder unge­nau inner­halb des Körpers loka­li­siert, anstatt sie — was von ihm ein grober Irrtum wäre — nach außen zu proji­zie­ren, so wissen wir jetzt, daß auch die Projizierung der ande­ren Sinne nicht in ihrer Tätigkeit selbst liegt. Es gibt also von daher keinen Grund, nicht einen beson­de­ren Schmerzensinn anzuerkennen.

Das frei­lich darf man mir nicht einwen­den, daß auch andere Sinnesorgane als das Tastgefühl bei über­trie­be­nen Ansprüchen Schmerzen empfin­den. Was dann weh tut, ist ja nicht das Gesichtsorgan oder das Gehörorgan, sondern eben die mit Schmerzensinn ausge­stat­te­ten Hilfsgewebe des Organs. Dem Tastsinn aber ist der Schmerzensinn wesent­lich. Die Druckempfindung und der drückende Schmerz gehen inein­an­der über. Fahre ich mir mit einem Fingernagel über eine Hautstelle, so kann ich recht gut die Empfindung vom ange­neh­men Reiz bis zum Schmerz steigern.

Eine Sprache, welche unse­ren bis heute erreich­ten Naturkenntnissen entsprä­che, würde schon heute die Bezeichnungen des Schmerzensinns und der übri­gen Sinne haben analog bilden müssen; wie wir sagen, mein Kopf tut mir weh, so müßten wir auch sagen können, meine Zunge schmeckt gut. Man würde ausge­lacht, weil die Sprache niemals der neues­ten Erkenntnis entspricht. Nun sagen wir zwar: ich rieche eine Hyazinthe, ich sehe einen Stern, ich höre einen Schuß. Ein feine­res Sprachgefühl wird aber nicht unbe­merkt lassen, daß die Verben schme­cken , riechen, sehen, hören ganz anders tran­si­tiv gebraucht sind, als wenn ich sage: ich fühle Kopfschmerz. Mit jenen Verben proji­ziert eben die Sprache über die Sinnesorgane hinaus.

Aber Geschmack, Geruch und Schmerzensinn haben auch tatsäch­lich in der gebräuch­li­chen Sprache verwandte Äußerungen, wenn man eben jede verständ­li­che Äußerung als Sprachäußerung betrach­ten darf. Daß zwar die Schlingorgane eine bekömm­li­che Speise nach innen beför­dern, die unbe­kömm­li­che nach außen, das wird mir kein Leser auch nur als die primi­tivste Sprachäußerung zuge­ste­hen. Wohl aber wird man zuge­ben müssen, daß es Sprachäußerungen sind, wenn ich einen ange­neh­men Geruch (dazu ein lang­ge­zo­ge­nes “Ah”) mit der Luft einsauge, wenn ich einen Mißgeruch durch ein hefti­ges kurzes “Ä” mit der Luft ausstoße. Oder gar mit dem Speichel auszu­spu­cken suche. Ganz ähnli­che Äußerungen erzeugt der Schmerzensinn; sein Schreien und Weinen, sein Ächzen und Stöhnen gehört der ursprüng­lichs­ten Sprache an.

Für deni­en­i­gen, der sich selbst genau zu beob­ach­ten vermag, wird die Schmerzvorstellung neben­bei bewei­sen, daß das Denken nur ein Worterinnern ist. Wäre das nicht, so müßte die Vorstellung eines vergan­ge­nen Schmerzes wieder Schmerz erwe­cken, meinet­we­gen einen abge­schwäch­ten Schmerz, aber immer müßte die Vorstellung eine Verwandtschaft mit sich selber haben. Das ist aber doch nicht der Fall. Wenn ich Zahnschmerz habe, so ist das nicht gedacht, so fühle ich den Schmerz ohne jede Denktätigkeit ganz wohl — da. Wenn ich mich aber an Zahnschmerz erin­nern will, — nota­bene will, nicht wenn die Erinnerung durch ein leises Wehtun geweckt worden ist -, wenn ich mich bei gesun­den Zähnen an Zahnschmerz erin­nern will, dann hilft mir kein Denken und kein Vorstellen, sondern nur das ausge­spro­chene oder inwen­dig ange­schla­gene Wort “Zahnschmerz”. Und dann habe ich eben auch nicht die Vorstellung. vom Schmerz, sondern nur das Zeichen für die bekannte Sache. Und das Wort tut so wenig weh, wie etwa die Einschreibung von tausend Zentnern Getreide in der Registratur, die Tinte auf dem Papier, jeman­den satt macht. Worte, wenn sie nicht ausnahms­weise Waffen sind, als wie Drohungen oder Denunziationen, tun nicht weh. Der Fetischismus aber, der seit Jahrtausenden mit Worten getrie­ben wird, ist so groß, daß der Pöbel nicht anders als die realis­ti­schen Philosophen des Mittelalters denkt und sich euphe­mis­tisch vor Worten scheut. Viele Leute fürch­ten so beson­ders das Wort Tod, das das alle­run­schul­digste ist, weil es nicht nur eben­so­we­nig weh tut wie das Wort Zahnschmerz, sondern sogar unvor­stell­bar ist, da ja doch niemand eine Erinnerung an seinen Tod hat. Die Furcht vor Schimpfworten und der einge­bil­dete Schmerz, nach­dem man sie vernom­men hat, gehö­ren auch hierher.

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