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18. Seele und Leib

Fast zwei­tau­send Jahre lang hat man auch in der Psychologie die hölzer­nen Gerüste des Aristoteles für Kunstwerke gehal­ten.”

Man kann die Seele zehn­mal nach­ge­wie­sen haben als ein leeres Wortgespenst, der Begriff bleibt dennoch wich­tig für die Geschichte des mensch­li­chen Denkens. Der große Zwiespalt, der die eine Partei auf den Materialismus, die andere auf den Spiritualismus schwö­ren läßt (wie wenn das eine Kind nur das weiche Brot, das andere nur die Kruste gern hat), ist zu seiner jahr­hun­der­te­lan­gen Bedeutung in der Geschichte der Philosophie haupt­säch­lich durch die Frage gekom­men, ob die Seele mate­ri­ell sei oder nicht. Die Geschichte des Seelenbegriffs ist eine unend­lich lang­sam wach­sende Einsicht in seine Widersprüche. Einige Proben aus der Geschichte des SeeIenbegriffs werden uns zeigen, wie wir dazu gelangt sind, ihn schließ­lich nicht mehr mit Anstand defi­nie­ren zu können. Zunächst werden wir sehen, daß die Trennung des Menschen in eine geis­tige Seele und in einen physi­schen Leib eine viel jüngere Vorstellung ist, als man glaubt.

Wenn wir aus den Vorstellungen der soge­nann­ten Wilden auf die Weltanschauung der vorhis­to­ri­schen Zeit schlie­ßen dürfen, so dachte man sich auch bei den ältes­ten Griechen das Verhältnis zwischen Seele und Leib so, daß beide Körper waren, die Seele jedoch ein feine­rer, ein dünne­rer Körper. Geist war etwa so viel wie Gespenst. Unter diesem Gespenst stellte man sich, wie heute noch, gern einen Schatten vor, das heißt ein Ding, das die wich­tigs­ten körper­li­chen Eigenschaften nicht besaß, aber trotz­dem ein Körper war. Denn damals wußte man ja noch nicht, daß der Lichtschatten eine nega­tive Erscheinung ist. Oder man benannte die mensch­li­che Seele nach dem Atem ( Psyche, Pneuma, Anima, Spiritus, duse, ruach), und wenn man den mensch­li­chen Atem auch nicht chemisch analy­siert hatte, so sah man in ihm doch eine Art Luft, also einen Körper. Alle Versuche, das deut­sche Wort “Seele” etymo­lo­gisch mit einem mate­ri­el­len Begriffe zu verbin­den, sind als verfehlt anzu­se­hen; aber eine mate­ri­elle Vorstellung liegt dem viel­fäl­ti­gen Gebrauche des Wortes immer zu Grunde. Nicht ohne Humor ist es viel­leicht, daß das ältere “Herz” im bild­li­chen Sinne das aller­fes­teste innerste Stück eines Gebildes bezeich­net (Herz im Krautkopf), daß aber das jüngere “Seele”, weil ihr Organ immer unsicht­ba­rer wurde, schließ­lich das aller­hohlste innere Stück bezeich­nen mußte (so in: Seele der Kanone, Seele der Rakete). Es ist wohl ursprüng­lich ein Scherz gewe­sen, daß der Bäcker (dem Volke stets ein Urbild des Wucherers) seine Seele ins Brot geba­cken habe, die Hohlräume der Ware mit bezah­len lasse; nach­her wurden Sprichwörter daraus. Ich sehe in der “Seele” des Brotes, d. h. der Stelle, wo für das Auge nichts ist, und in der “Seele” des Bäckers, die, für den Wucher in der Hölle leidet, die glei­che grobe Sachvorstellung.

Auf diesem Standpunkte der Naturwissenschaft ist die Seelentheorie der älte­ren Griechen von BAIN rich­tig ein doppel­ter Materialismus genannt worden. Die Sehnsucht nach dem Glauben an eine Unsterblichkeit der mensch­li­chen Seele war wohl immer vorhan­den; unkör­per­lich vermochte sich aber niemand die Fortdauer zu denken.

Man täuscht sich, wenn man glaubt, PLATON habe diesen doppel­ten Materialismus über­wun­den. Er unter­schei­det drei Seelen, welche man bequem die Bauchseele (für Ernährung u.s.w.), die Brustseele (für Mut u.s.w.) und die Kopfseele nennen kann. Die Kopfseele war ihm die oberste, die denkende, unsterb­li­che Seele; aber auch sie war mate­ri­ell. Gab es für ihn eine rein geis­tige Idee der Seele, so hatte das mit den einzel­nen Seelenindividuen nichts zu tun; imma­te­ri­elle Ideen waren ja als “Mütter” auch für die Baumindividuen, die Tierindividuen ebenso gut wie für die Seelenindividuen vorhan­den.

Ungefähr an Stelle der Ideen setzte ARISTOTELES die logi­schen Kategorien der Form (im Gegensatze zum Stoff) und die Wirklichkeit oder Wirksamkeit (im Gegensatze zur Möglichkeit). Seine verwor­rene Definition der Seele ist für den späte­ren Spiritualismus sehr wohl verwend­bar gewe­sen, weil sie aus entsetz­lich abstrak­ten Begriffen besteht, und weil ARISTOTELES mit fast astro­lo­gi­schen Phantasien den Stoff der Seele dem der Sterne gleich­stellt, die er für höhere Geister hält. Läßt man sich von den logi­schen Hilfskonstruktionen nicht blen­den, so erkennt man bald die Unvorstellbarkeit all dieser Rederei. Wie so häufig bei ARISTOTELES ist das Gerüst halt­ba­rer gewe­sen als der Bau. Fast zwei­tau­send Jahre lang hat man auch in der Psychologie die hölzer­nen Gerüste des ARISTOTELES für Kunstwerke gehal­ten.

Die ersten Kirchenväter waren, ehe sie Christen wurden, heid­ni­sche Philosophen gewe­sen.” Die christ­li­che Philosophie der ersten Jahrhunderte war der alte, doppelte Materialismus. In ihren mora­li­schen Anschauungen waren diese ältes­ten christ­li­chen Lehrer etwa Stoiker; in ihren Vorstellungen von der Seele aber mußten sie schon darum an einer Materie, wenn auch einer feine­ren, dünne­ren Materie fest­hal­ten, weil sie sonst für die Belohnung und Bestrafung im Jenseits fürch­te­ten. Diese Männer besa­ßen die naiven und robus­ten Vorstellungen der soge­nann­ten Wilden. TERTULLIANUS lehrt ganz einfach: Nichts ist unkör­per­lich, als was nicht ist. Alles , was ist, ist in seiner Art körper­lich. Gott besteht für ihn aus etwas Ähnlichem, wie: was man heute unter Äther versteht. Wer sollte leug­nen, daß Gott Körper sei, obwohl er Geist ist? Ein Geist ist ein Körper eige­ner Art. So ein Geist ist auch die Seele, wie die Seele von den Christen über­haupt mit Gott in engste Beziehung gebracht wurde. Die Seele besitzt die mensch­li­che Gestalt, dieselbe wie der Leib. Sie ist nur zart und hell und luft­ar­tig. Man sieht, der Kirchenvater TERTULLIANUS stellt sich die Seele ebenso vor, wie der robuste und naive Glaube unse­rer Spiritisten sich die Schatten der Verstorbenen vorstellt.

Der Erste, der eine wirk­lich imma­te­ri­elle Seele lehrte, war der logi­sche Begründer des Christentums, der heilige AUGUSTINUS. Ihm ist es in dieser Beziehung darum zu tun, die Unsterblichkeit der Seele aus ihrer reinen Geistigkeit zu bewei­sen. Mit seinem außer­or­dent­li­chen Scharfsinn, mit seiner leiden­schaft­li­chen Sehnsucht nach einem jensei­ti­gen unkör­per­li­chen Gottesstaat wittert er, daß sich seine Phantasie von Gott auf die Länge mit dem doppel­ten Materialismus der alten Welt nicht verbin­den ließe. War Gott ein reiner Geist, so mußte es auch die Seele sein. Seine Beweise für die Unsterblichkeit der Seele erschei­nen uns kindisch; aber wir finden in ihnen mit Vergnügen eines der kras­ses­ten Beispiele mensch­li­chen Wortaberglaubens. Er scheint sich gegen TERTULLIANUS zu wenden, wenn er die Ansicht bekämpft, die Seele wäre gar nicht, wenn sie nicht die körper­li­chen Ausdehnungen der Länge, Breite und Dicke hätte. Aber — ruft er trium­phie­rend aus die Gerechtigkeit habe auch keine Ausdehnung, sei auch kein Körper und dennoch ein reales Ding, besitze sogar eine höhere Realität als irgend ein ande­res Ding.

Der heilige AUGUSTINUS hat den Grund gelegt zu der heute noch unklar vorhan­de­nen Vorstellung des Verhältnisses zwischen Seele und Leib, zu dem Köhlerglauben der Menge wie zu dem Dualismus der geschul­ten Denker. Aber nicht nur in der Darstellung des heili­gen AUGUSTINUS wird dieser Dualismus gepre­digt, sondern in der Philosophie des nicht minder heili­gen THOMAS von AQUINO, derje­ni­gen Philosophie, welche eine päpst­li­che Enzyklika im Jahre 1879 der moder­nen Welt als Norm des Denkens vorzu­schrei­ben gewagt hat. THOMAS weiß Bescheid, als ob er dabei gewe­sen wäre. Die Seele ist von Gott unmit­tel­bar geschaf­fen, nicht von Engeln. Die Seele ist mit dem Körper zugleich geschaf­fen. (Einen beson­de­ren Sitz der Seele gibt es nicht.) THOMAS mischt des AUGUSTINUS Gottessehnsucht mit den Spitzfindigkeiten des ARISTOTELES. Die Seele ist kein Körper, sondern die Ursache körper­li­cher Erscheinungen. Die Seele ist kein Körper, sondern eine beson­dere Substanz. Substanz ist aber bei Leibe nicht Materie. Im Dienste theo­lo­gi­scher Forderungen erklärt aber THOMAS die über­lie­fer­ten drei Seelen, die Bauchseele, die Brustseele und die Kopfseele (er nimmt auch wohl fünf oder gar acht SeeIenkräfte an), für eine Einheit. Im Zeitalter der Streitigkeiten um die Dreieinigkeit war das leichte Arbeit. Über den Zustand der Seele nach dem Tode weiß Thomas ganz genau Bescheid; der gläu­bige Schuft Dusterer in ANZENGRUBERs Gewissenswurm kennt sich in der Hölle nicht besser aus. Die Bauchseele und die Brustseele verschwin­den mit dem Leibe; nur die Kopfseele bleibt erhal­ten und hat es mit sich selbst abzu­ma­chen, wie sie nach­her die den Bauch betref­fen­den Höllenstrafen empfin­den kann. Die höllen­gläu­bi­gen Reformatoren, wie CALVIN, hatten nach­her genug zu tun, sich mit diesen Theorien des Thomismus abzu­fin­den.

Dem natur­wis­sen­schaft­lich gebil­de­ten und theo­lo­gisch etwas freie­ren DESCARTES war es vorbe­hal­ten, die Welt mit einem schein­bar faßba­re­ren Dualismus von Seele und Leib zu beschen­ken. DESCARTES heißt inso­fern mit Recht der Vater der moder­nen Philosophie, als er eine psycho­lo­gi­sche Methode anzu­wen­den suchte und als seine Schlagworte Teile der Gemeinsprache gewor­den sind. Der Halbgebildete, der z. B. heute anzu­neh­men meint oder bloß sagt, das Wesen des Stoffes bestehe in der Ausdehnung, werde von den Sinnen wahr­ge­nom­men und sei Objekt der Physik, das Wesen des Geistes sei das Denken und könne nur vom Bewußtsein wahr­ge­nom­men werden — dieser Halbgebildete hat sicher­lich keine Ahnung davon, daß er ein Cartesianer ist. Der Dualismus ist die Hypothese des DESCARTES; er steckt offen oder verbor­gen fast in allen philo­so­phi­schen oder popu­lä­ren Schriften bis auf die Gegenwart; und der Grundirrtum des neue­ren Materialismus, der einen mate­ria­lis­ti­schen Monismus lehren möchte, scheint mir darin zu bestehen, daß er worta­ber­gläu­bisch den carte­sia­ni­schen Dualismus auf dem Standpunkte DESCARTES’ bekämp­fen möchte. Materie und Geist, Leib und Seele sind Korrelatbegriffe wie rechts und links. Solange der Materialismus an die Materie glaubt und sie zur Ursache des Geistes macht, solange der Materialismus rechts aner­kennt und links leug­net, solange ist er ahnungs­los carte­sia­nisch.

Man glaube ja nicht, der Seelenbegriff sei der einzige, bei welchem das Karussell‐ oder Ringelspiel um eine imma­te­ri­elle Substanz gespielt werde. Man nimmt solche Phantasiegeschöpfe immer zu Hilfe, wo man den stoff­li­chen Träger einer Erscheinung nicht wahr­nimmt. So hat man für die Lichtwellen und neuer­dings für die elektro‐magnetischen Licht‐ und Wärmewellen einen stoff­li­chen Träger gesucht und, da man ihn nicht fand, den Äther zum Träger des Lichts gemacht. Ganz ähnlich war die Seele der Träger seeli­scher Erscheinungen; nur der Zufall der Sprache hat für Äther ein beson­de­res Wort geschaf­fen. Das geht noch weiter. Dem Phantasiegebilde Äther gegen­über scheint Licht etwas rela­tiv Wirkliches zu sein, den einzel­nen Lichterscheinungen gegen­über ist “Licht” doch wieder nur eine Personifikation; es wird als die Ursache der Sichtbarkeit der Körper defi­niert, also als die Seele der Lichterscheinungen. Zu diesen gehö­ren — ich schreite noch weiter — wieder die Farben. Mit demsel­ben Rechte, mit dem man den Äther zum Träger des Lichts und das Licht zur Ursache der Lichterscheinungen macht, könnte man “die Farbe” zur Ursache der vielen einzel­nen Farben machen; hat man sich doch vor der Ungeheuerlichkeit nicht gescheut, das Gesicht, das Gehör, das Gefühl als Ursache sicht­ba­rer, hörba­rer und fühl­ba­rer Erscheinungen zu hypo­st­asie­ren. Und niemand nimmt Anstoß an diesen ganz gemei­nen Worten: Gesicht, Gehör, Gefühl, die doch für meinen “Geschmack” rela­tive Neubildungen sind wie die scho­las­ti­schen Quidditäten (Washeiten) und Haecceitäten (Diesheiten). Nach Analogie dieser Worte müßte man auch von einem “Geseel” spre­chen. Oder von einem “Gedenk”, nur daß wir dieses letzte Wort zufäl­lig wirk­lich und sehr leben­dig in dem gemein­sprach­li­chen “Gedächtnis” besit­zen. Es ist, wie oft in diesem Werke hervor­ge­ho­ben werden muß, das ewige Bedürfnis der Menschen, die Wirkungen, die sie erfah­ren, und die sie unmit­tel­bar als Adjektive und höchs­tens als Verben ausdrü­cken können, durch Erfindung von Substantiven in die Welt zurück­zu­wer­fen und so den Schein einer wahr­ge­nom­me­nen Wirklichkeit zu erzeu­gen.

Das Wort Äther bezeich­net in der Mythologie einen Enkel des Chaos, einen Sohn des Erebos und der Nacht, also eine Art Mephisto. Und wirk­lich ist schon zur Griechenzeit in den Orphischen Hymnen die mytho­lo­gi­sche Figur zu einem Patron der Weltseele verbla­sen worden, wie denn der Äther auch in der heuti­gen Physik halb mytho­lo­gi­sche Maske, halb Weltseele ist. Wer nicht glau­ben sollte, daß in den hellen Hallen der Mechanik von heute solche Unwesen herum­spu­ken, der bedenke folgen­des.

Unsere gesamte Mechanik, ja unsere gesamte Naturwissenschaft, soweit sie bereits exakte Wissenschaft zu heißen Anspruch macht, ist Atomistik. Das wird die eine Partei gern zuge­ben, die andere nicht gut leug­nen können. Was immer wahr­nehm­bar ist auf der Welt, was auch nur dem Fernrohr oder dem Mikroskop erreich­bar ist, das sucht man auf eine ziffer­mä­ßige Bewegung unend­lich klei­ner Teile zurück­zu­füh­ren, eben der Atome, worun­ter sich frei­lich seit den zwei­tau­send Jahren ihrer Wortexistenz noch niemand etwas Reales hat vorstel­len können. Weshalb denn auch gegen­wär­tig eine Atomistik ohne Atome gelehrt wird, die soge­nannte Energetik. Es ist beinahe wie in der Ethik, wo auch das Staats‐ und Völkerleben immer mehr atomi­siert, auf das Recht des Individuums ( atomos = indi­vi­duum) zurück­ge­führt worden ist, bis die Definition des Individuums neue Schwierigkeiten machte. Nun sollte man glau­ben, daß die Wissenschaft nach ihrem letz­ten Wort nicht weibisch noch ein aller­letz­tes vorzu­brin­gen haben sollte, daß sie ehrlich genug sein sollte, nach ihrer Bankerotterklärung nicht sofort neue Schulden zu machen. Das tut aber die Mechanik, indem sie ihre Blöße gröb­lich mit den durch­sich­ti­gen Latten “Äther” zu decken sucht und zwar so:

Die mathe­ma­tisch faßba­ren Sätze der Mechanik (in ihrem weites­ten Sinne) haben eine Grenze ihrer verständ­li­chen Anwendbarkeit, eine Grenze nach unten und eine Grenze nach oben. Nach oben hin kann die Astronomie die Gravitation bis auf die sinn­los weit entfern­ten Doppelsterne ausdeh­nen, die Spektralanalyse ihre Theorie des Lichts bis zum letz­ten Sternchen, das jenseits des Vorstellbaren vor Jahrhunderten das Licht entsen­det haben soll, das wir heute erbli­cken. Aber Gravitation und Lichttheorie können die Körper nicht entbeh­ren und mit den Körpern müssen sie zu Grunde gehen. Darum wirft die Naturwissenschaft in den schwin­del­wei­ten Abgrund des körper­lo­sen Raums ihren Äther, das wesen­lose Etwas, das unwäg­bare Gewicht, das Spinnennetz ohne Faden. Und ebenso haucht die Physik und Chemie in der Welt des unend­lich Kleinen den leben­di­gen Widerspruch, den Mephisto Äther, zwischen die Reigentänze der Atome und der Moleküle, um dort die Zweifel und Ratlosigkeiten der höhe­ren Mathematik zu vernich­ten.

Was die Wissenschaft dazu­tut, ist also wieder mytho­lo­gi­sches Beiwerk. Sie müßte ehrlich sagen: Hier, an der unters­ten wie an der obers­ten Grenze des Wahrnehmbaren versagt uns mit der Sprache das Denken. Wir können nichts mehr beob­ach­ten, nichts mehr vorstel­len, nichts mehr wissen. Und selbst die Widersprüche, auf die wir stoßen, sind nicht klar gewußte Widersprüche, sie sind in Wahrheit meta­phy­sisch, spie­le­risch, witzig, also dumm. Anstatt so zu spre­chen, handelt die stolze Wissenschaft von heute genau so, wie die Barbaren des eins­ti­gen Griechenlands; sie sucht die Rätsel der Welt mit mytho­lo­gi­schen Figuren zu lösen, und wie jede Reklame für ein Schwindelheilmittel nach Fremdworten greift, so hat auch die Mechanik den alten Äther, den Enkel des Chaos, den Sohn des Erebos und der Nacht, bemüht, und unsere Studenten bemü­hen sich, mit dem ganzen Apparat des Kehlkopfs und den Nebenapparaten den Hauch Äther nach­zu­spre­chen, und beim Examen wieder­ho­len sie auch viel­leicht noch die Faxerei, daß das Gewicht des Äthers fünf­zehn Trillionen mal leich­ter sei als das der Luft. Wollte aber einer von ihnen eine Aktiengesellschaft zur Errichtung einer Zuckerfabrik grün­den, in welche Ameisen den Saft der von ihnen gezüch­te­ten Läuse zu liefern hätten, so käme er wohl ins Irrenhaus.

Ein Wortführer der Energetik, WILHELM OSTWALD, hat neuer­dings (Vorlesungen über Naturphilosophie, S. 151) den Ätherbegriff, den er “imma­te­ri­elle Materie” nennt, vortreff­lich charak­te­ri­siert.
“Alle Versuche, die Eigenschaften des Äthers nach Analogie der bekann­ten Eigenschaften der Materie gesetz­mä­ßig zu formu­lie­ren, haben zu unlös­ba­ren Widersprüchen geführt. So schleppt sich die Annahme von der Existenz des Äthers durch die Wissenschaft, nicht weil sie eine befrie­di­gende Darstellung der Tatsachen gewährt, sondern viel­mehr, weil man nichts Besseres an ihre Stelle zu setzen versucht oder weiß.“
OSTWALD weiß das Bessere (S. 239): ein Träger für seine Energie ist über­flüs­sig; die Energie ist im Raume ohne Äther vorhan­den und wandelt sich ohne Äther. “Irgend eine Schwierigkeit in der Darstellung und Auffassung entsteht dadurch nicht.” Man könnte dem Naturphilosophen antwor­ten: eine Schwierigkeit in der Darstellung und Auffassung sehe auch die naive Weltanschauung nicht bei ihrem robus­ten Glauben an die Körperwelt.

Seele” ist also etwas, was die Materialisten leug­nen, und wovon die Spiritualisten nicht wissen, was es ist. “Sitz” deutet auf eine ausge­dehnte Wohnstätte. Die Frage nach dem Sitz der Seele ist also etwa so klug, wie wenn eine Leiche gefun­den worden wäre, die Leute noch darüber strit­ten, ob natür­li­cher Tod oder Mord vorliege, ein eifri­ger Reporter aber gleich fragte: Wo wohnt der Mörder?

Spaßeshalber kann ich auf der Stelle eine mathe­ma­ti­sche Bestimmung vom Sitz der Seele geben, die so wohl­klin­gend ist, daß ein Charlatan sie ernst­haft hätte geben können: “Der Kreuzungspunkt des Koordinatensystems für den indi­vi­du­el­len Raum ist der Sitz der Seele in jedem Individuum.” Nur daß wir in unse­ren Raumvorstellungen um so unsi­che­rer werden, je näher wir diesem Sitz der Seele kommen. Der Mund ist unter­halb der Seele. Das Kopfhaar ober­halb. Nasenwurzel und Stirn aber lassen im Zweifel, ob sie ober‐ oder unter­halb der Seele liegen. Ebenso dürfte es bei den Schläfenpartien schwer sein, mit Sicherheit das Hinten oder Vorn zu bestim­men. Die Begriffe rechts und links schlie­ßen sich schon mehr der Symmetrie des Körpers an. Wer wüßte nicht rechts und links zu unter­schei­den? Freilich nur prak­tisch, — nicht theo­re­tisch.

Es gibt gar kein besse­res Mittel, die Hilflosigkeit der Sprache und die Kopflosigkeit der dogma­ti­schen Philosophien nach­zu­wei­sen, als die Beobachtung, daß der schärfste mensch­li­che Geist über die Begriffe oben und unten, hinten und vorn, rechts und links nicht mehr weiß, als etwa die Raupe, die von ihrem abge­fres­se­nen Blatt hinweg ein neues sucht und mit dem frei­ste­hen­den Vorderleib den Raum abtas­tet. Praktisch geht das tief­sin­nige Koordinatensystem auch durch den Kopf der Raupe, und theo­re­tisch -ist KANT auch nicht weiter gekom­men. Kein Unteroffizier kann dem Rekruten begriff­lich sagen, was rechts und links ist, und kein Philosophieprofessor seinem Studenten. KANT (und nach ihm SCHOPENHAUER) hat darauf hinge­wie­sen, daß der Unterschied zwischen dem rech­ten und dem linken Handschuh nur durch Anschauung (eigent­lich nur durch Vergleichung mit den Händen) begrif­fen werden könne.

Es ist kaum zu glau­ben, aber selbst der geist­rei­che und tief­sin­nige OTTO LIEBMANN (Zur Analysis der Wirklichkeit, II. Auflage, S. 46) glaubt rechts und links folgen­der­ma­ßen erklä­ren zu dürfen: “In der Breitendimension heißt , wenn man sich auf unse­rer nörd­li­chen Hemisphäre nach dem Mittagspunkt der Sonne hinwen­det, die Richtung nach Sonnenaufgang links, die nach Sonnenuntergang rechts. ” Eine nütz­li­che Regel! Da der Beobachter um die, Mittagszeit die Sonne nicht auf‐ und nicht nieder­ge­hen sieht, des Morgens und Abends wieder nicht ihren Mittagspunkt, so braucht er einen ganzen Tag (im Sommer bis acht­zehn Stunden), um zu erfah­ren, was rechts und links ist. Und ich habe es immer anders gehört: Wenn man sich auf unse­rer nörd­li­chen Hemisphäre nach dem Mittagspunkt der Sonne hinwen­det, so hat man zur Linken Osten und zur Rechten Westen. Denn immer­hin wissen wir ja doch, wo rechts und links ist, früher und siche­rer, als wo Osten und Westen ist. Nur begriff­lich wissen wir es nicht; und begriff­lich scheint mir LIEBMANNs Definition eben auch nicht zu sein.

Wenn ich so lachend die Frage nach dem Sitz der Seele abweise, so verlasse ich die Absicht dieses Kapitels nicht, das über­all nur sprach­li­chen Schutt beiseite schaf­fen möchte. Die Kinderfrage enthielt zwei Begriffe: die Frage nach dem “Sitz” wollte die Lage im Raume kennen von einem besten­falls imma­te­ri­el­len, raum­lo­sen Wesen; der Inhaber des Sitzes sollte die “Seele” sein, die wir schon als ein Wort achten gelernt haben.

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