Zum Inhalt

17. Unmöglichkeiten der Psychologie

Wir sehen, ein jeder, nicht bloß einen andern Regenbo­gen, sondern ein jeder einen andern Gegenstand und einen andern Satz als der Andere.”

Die Seele ist eine Kreatur , die alle genann­ten Dinge empfan­gen kann; und unge­nannte Dinge kann sie nur empfan­gen, wenn sie so tief in Gott empfan­gen wird, daß sie selbst namen­los wird … Immer wenn ein Mensch ein Bild empfängt, muß es notwen­di­ger­weise von außen durch die Sinne herein­kom­men. Darum ist der Seele kein Ding so unbe­kannt, wie sie sich selbst. — Meister Eckart.

Echte Terminologie paßt auf ein beschränk­tes isolier­tes Phänomen; wird auch ange­wen­det auf ein weite­res. Zuletzt wird das nicht mehr Passende doch noch fort­ge­braucht. -Goethe.

Wir sehen, ein jeder, nicht bloß einen andern Regenbogen, sondern ein jeder einen andern Gegenstand und einen andern Satz als der Andre. -Lichtenberg.

Geläng’ es mir, des Weltalls Grund, Somit auch meinen auszu­sa­gen, So könnt’ ich auch zur selben Stund Mich selbst auf meinen Armen tragen. — Grillparzer

Eine Wissenschaft vom mensch­li­chen Leibe ist eben­so­gut möglich wie eine Wissenschaft vom Leben der Pflanze, weil der fremde nicht nur, sondern auch der eigene mensch­li­che Körper der Beobachtung zugäng­lich ist, wie alle Wirklichkeitswelt. Den frem­den wie den eige­nen Leib kann man sehen und hören, riechen und tasten und schme­cken. Weil sich aber unsere Sinnesorgane nicht nach innen wenden lassen, weil wir keine Sinnesorgane für unsere “Seele” haben, darum wird es niemals eine Wissenschaft von der Seele geben können, darum bestrebt sich die neuere Psychologie physio­lo­gisch zu werden. Physiologie kann aber niemals Psychologie sein. Was immer Du BOIS‐REYMOND in seiner unbe­wuß­ten Rhetorik und Scholastik über die Grenzen des Erkennens und über die Welträtsel gere­det hat, das ließe sich in diesem einen Satze zusam­men­fas­sen, daß Physik nicht Physiologie, Physiologie nicht Psychologie werden kann. Der Grund liegt aber nicht in mysti­schen Dingen, sondern im Wesen der Sprache, welche ein Werkzeug ist zum Verstehen der Außenwelt und darum unge­eig­net zu Urteilen über die Innenwelt. Ich muß es öfter als drei­mal sagen: Die Sprache ist wesent­lich mate­ria­lis­tisch, sensua­lis­tisch, die Welt aber ist nur für die Zufallssinne des Menschen sinn­lich, die Welt an sich ist für die Sinne und ihre arme Sprache nicht faßbar. Und gar die Welt des inne­ren Erlebens, die psychi­sche Welt! Also auch das noch einmal: Psychologie der Sprache will ich geben und habe keine Sprache der Psychologie, nicht distinkt für mich, noch weni­ger gemein­sam mit dem Leser.

Es ist nichts im mensch­li­chen Verstande oder in der Sprache, was nicht vorher in den Sinnen gewe­sen ist; und die Sinne, wie gesagt, blicken nicht nach innen. Es gibt kein Wort der Sprache, welches nicht aus Beobachtungen der Körperwelt, zu denen auch der eigene Leib und seine Erlebnisse gehö­ren, entstan­den wäre. Hat sich die Bedeutung eines Wortes noch so sehr gewan­delt, hat sich ein Begriff noch so sehr subli­miert, zuletzt muß die Auflösung der durch ihn ausge­drück­ten Metapher doch auf Körperliches zurück­füh­ren; und so ist es immer Selbsttäuschung, wenn wir mit den Worten unse­rer Sprache von Physik und Chemie zu Biologie, von physio­lo­gi­schen Beobachtungen zu psycho­lo­gi­schen fort­zu­schrei­ten glau­ben. Es gibt keine Psychologie, weil wir für innere Vorgänge keine wissen­schaft­li­che Terminologie besit­zen. Erst aus einer Kritik der Sprache könn­ten viel­leicht einige Anfangsgründe einer künf­ti­gen Psychologie entste­hen.

Die Versuche einer physio­lo­gi­schen Psychologie sind nichts weiter als der Beginn der unbe­wuß­ten Einsicht in die Unmöglichkeit der Psychologie. Weil die Sprache vom Körperlichen ausging und am Körperlichen haftet, mußte ein verhält­nis­mä­ßig rich­ti­ger Sprachgebrauch zu einer Abkehr von der alten Psychologie zwin­gen. Diese Negation des vermeint­li­chen Wissens von der Seele mußte mate­ria­lis­tisch auftre­ten; in der Negation ist der Materialismus, trotz seines rohen Wortaberglaubens, fast immer brauch­bar gewe­sen. Wie ein grober Keil. Wäre die sensua­lis­ti­sche Sprache im stande, Welterkenntnis auszu­drü­cken, so könnte die Welterkenntnis nicht anders als mate­ria­lis­tisch ausfal­len. Die Sprache ist aber unfä­hig zur Welterkenntnis, weil der Materialismus nichts erklärt.

Man achte nur einmal darauf, wie die Bezeichnungen der Psychologie fast ausschließ­lich von Gesichtswahrnehmungen herge­nom­men sind, weil das Gesicht uns die reichs­ten Daten für eine Welterkenntnis bietet. So nennt man die Erinnerungen an Wahrnehmungen oder rich­ti­ger die Tatsachen unse­res Seelenlebens seit zwei Jahrtausenden “Bilder”, Von PLATON bis TAINE handelt alle Psychologie von diesen Bildern. Wir haben nur verges­sen, daß idea ein Bild, eine Gestalt bedeu­tete, und daß die Metapher des Bildes irgend­wie mitver­stan­den wird, wenn wir es in allen philo­so­phisch einge­schul­ten Sprachen, mehr oder weni­ger verblaßt, für die Urbilder der Dinge oder für ihre Urformen, dann für die Zielformen des Denkens oder Handelns, endlich (in der Umgangssprache) für allge­meine Erinnerungen gebrau­chen. Seltsam genug, daß der Bedeutungswandel, der idea zu solchen Ehren führte, das ziem­lich gleich­be­deu­tende Leiche (englisch like ) hier zum Namen für den toten Körper, dort (-lich) zu einer tonlo­sen Endsilbe herab­sin­ken ließ. Ich glaube, daß das indi­sche maya beide Entwicklungen zugleich durch­ge­macht hat; es gibt ein maya = Idee, es gibt ein maya = der Formsilbe — lich . Es ist aber offen­bar, daß wir bei diesen “Bildern”, sobald von Gesichtswahrnehmungen die Rede ist, Außen‐ und Innenwelt gar nicht unter­schei­den, und daß wir uns über­haupt nichts mehr bei dem Begriffe Bild denken können, sobald von Wahrnehmungen des Geruchs, des Geschmacks u.s.w. die Rede ist. Das hat schon der gesunde Menschenverstand REIDs erkannt. Wir sind aber an den Gebrauch des Wortes so sehr gewöhnt, daß wir hilf­los werden, wenn wir, wie eben gesche­hen, mit ande­ren Ausdrücken sehen wollen, was diese Bilder sind.

Es wird unsere Skepsis, und insbe­son­dere unsere Meinung von dem Werte der Sprache nicht über­ra­schen, daß auch diese Einsicht wieder nur die halbe Wahrheit sagt, und durch ihr Gegenteil aufge­ho­ben, ergänzt oder begrif­fen werden muß, wie man will. Die Sprache ist — im naiven Gebrauch durch­aus mate­ria­lis­tisch und zwingt die Menschheit auf mate­ria­lis­ti­sche Bahnen. Ganz gewiß. Weil aber jeder, auch der simpels­ten Welterkenntnis, zuletzt auch der einfachs­ten Wirklichkeitswahrnehmung der Ursachbegriff zu Grunde liegt, inso­fern nämlich selbst die Empfindung eines roten Farbenflecks erst dadurch zu einer Wahrnehmung wird, daß der Mensch mit der inne­ren Empfindung die Hypothese einer äuße­ren Ursache verknüpft: darum ist zuletzt auch der einfachste Begriff anthro­po­mor­phisch, geis­tig, psychisch. Nicht erst SCHOPENHAUER hat darauf hinge­wie­sen, daß wir den mecha­ni­schen Stoß der Körper um nichts besser verste­hen, als die Motivation unse­res Willens durch Gedanken. Schon LOCKE hat das deut­lich ausge­spro­chen, am schärfs­ten in der Überschrift des § 28 Buch 2, Kapitel 23: “Die Mitteilung der Bewegung durch Stoß oder durch Denken ist also unbe­greif­lich.” So konnte eine spiri­tua­lis­ti­sche Psychologie die mate­ria­lis­ti­sche, sensua­lis­ti­sche Sprache leicht in ihren Dienst zwin­gen, konnte aus den “Ideen”, den Bildern von inne­ren Erlebnissen, eine idea­lis­ti­sche, eine dualis­ti­sche oder auch eine panpsy­chis­ti­sche Weltanschauung aufbauen. Ideen sind gefäl­lig, weil sie Worte sind.

Erst unter der hundert­jäh­ri­gen Herrschaft des tapfe­ren mate­ria­lis­ti­schen Irrtums ist also die vermeint­li­che Wissenschaft der Psychologie endlich auf den verzwei­fel­ten Ausweg gera­ten, sich unter die Physiologie zu flüch­ten. Die moderne Psychologie will physio­lo­gisch werden. Das Verzweifelte an diesem Schritte liegt auch darin, daß die Psychologie doch eigent­lich das Geistesleben des Menschen erfor­schen wollte, daß sie auf ihrem alten Wege jede Hoffnung aufge­ben mußte, daß sie sich dann der Wissenschaft vom ungeis­ti­gen Leben, vom Tierleben des Menschen anver­traute, und daß nun wiederum diese Wissenschaft, die Physiologie, ebenso unfä­hig ist, ihrer­seits die Lebenserscheinungen auf die schein­bar besser bekann­ten Erscheinungen der Physik zurück­zu­füh­ren. Die Physiologie oder die Lehre vom Leben hat eine Unzahl inter­es­san­ter Beobachtungen gesam­melt, die noch vor hundert Jahren unbe­kannt waren, und die recht oft prak­ti­sche Verwendung finden können; aber die Erscheinungen des Lebens sind heute wie vor Jahrtausenden noch in keinem einzi­gen Punkte auf Erscheinungen der Physik zurück­ge­führt. Es wäre denn, man gäbe sich damit zufrie­den, daß im leben­di­gen Körper neben­bei auch die soge­nann­ten physi­ka­li­schen und beson­ders die chemi­schen Gesetze als wirkend nach­weis­bar sind. Nicht ein leises Flimmern des Lebens aber ergibt sich aus ihnen; das Leben besteht neben ihnen oder — wie der Mensch zu sagen pflegt, weil er lebt über ihnen.

Die Unmöglichkeit, die Lebenserscheinungen zu erklä­ren, wird höchst wahr­schein­lich doch nur darauf beru­hen, daß wir alle solche Erklärungen an das zufäl­lig vorhan­dene Wörtchen “Leben” anzu­knüp­fen gewohnt sind. Überall haben wir ja diesen Sprachaberglauben gefun­den. Hier aber ist seine, Wirkung beson­ders toll, weil ja dieses Leben, das wir zu kennen glau­ben und erklä­ren wollen, das Geheimnis unse­res Daseins ist, weil dieses Leben als sein Kennzeichen über­all die Empfindung, die Reaktion auf Reize besitzt, und weil dieses Kennzeichen sich im Menschen zu einem Empfindungsgedächtnis, dem Denken, entwi­ckelt hat und wir nun dieses Empfindungsgedächtnis törich­ter­weise auf das Leben anwen­den wollen. Wir wollen mit dem Auge ins Gehirn hinein­se­hen, mit der Grubenleuchte in den noch unge­gra­be­nen Schacht hinein­leuch­ten; wir wollen mit dem Bewußtsein das unbe­wußte Werden erken­nen, mit den Namen der Sprache das namen­lose Leben benen­nen. Das Leben ist eine Erscheinung, und wir wollen mit einem Organ des Lebens hinter die Erscheinung drin­gen. Es ist, als ob wir an einen Spiegel gefes­selt wären, so zwar, daß der jede unse­rer Bewegungen mitma­chen müßte und wir uns mit dem Spiegel im Kreise drehen woll­ten, um hinter den Spiegel zu gelan­gen.

Das Leben ist eine Erscheinung, wie die Elektrizität eine Erscheinung ist. Wir tun ganz recht daran, die Erscheinungen des Lebens mit denen der Physik zu verglei­chen, und diese Vergleichung Physiologie zu nennen, wie es klug von uns ist, die Erscheinungen der Elektrizität mit denen der älte­ren Physik zu verglei­chen. So wenig aber der elek­tri­sche Draht daran denken kann, zu ergrün­den, was er tut oder was an ihm geschieht, so wenig darf der leben­dige Mensch hoffen zu ergrün­den, was er ist. W i r (Menschen) nennen das Wesen des elek­trisch gewor­de­nen Drahtes Elektrizität, w i r (Menschen) nennen das Wesen der empfin­den­den Organismen Leben ; dieses “wir” ist aber durch­aus nicht ein mit höhe­rer Weisheit begab­ter Denkmensch, der etwa dem leben­di­gen Menschen über die Schulter sähe, dieses “wir ” ist nichts weiter als die mensch­li­che Sprache, die seit Jahrtausenden gewohnt ist, die Fragen nach der mensch­li­chen Notdurft und nach ande­ren greif­ba­ren Dingen zu stel­len und zu beant­wor­ten, und die darum in stupi­der Gewohnheit oder in schrei­en­dem Erkenntnisdrang auch unmög­li­che Fragen stellt und sie unmög­lich beant­wor­tet, sowie sich diese Fragen an der Grenze der Worte durch diese Grenze selbst erge­ben. Eine dieser Grenzen, wo die Worte mit ihrer Stirn gegen das harte Nichts ansto­ßen, ist die Psychologie.

Und wenn die physio­lo­gi­sche Psychologie wirk­lich einmal dahin käme, die Erinnerungsassoziationen im Gehirn unter dem Mikroskop in unter­scheid­bare Nervenbahnen aufzu­lö­sen und so oder so an Stelle des Denkens sicht­bare Gehirntätigkeit zu setzen, was niemals gesche­hen kann, so wäre damit zwar ein physi­sches Korrelat zum Geistesleben des Menschen aufge­zeigt, aber die Rätsel wären nur verdop­pelt, da nun zu dem Geheimnis der Empfindungsassoziationen auch noch das weitere Geheimnis der psycho­phy­si­schen Verbindung käme. Die mögli­che Fragestellung für die Psychologie ist noch nicht gefun­den.

Ich habe mich darum keinem der Forscher, die sich selbst Psychologen nennen, als einem Führer anver­trauen können. Wie konn­ten sie mir eine Psychologie der Sprache bieten, die die Sprache der Psychologie noch nicht einmal einer Kritik wert gefun­den hatten! Auch die besten Köpfe unter ihnen sind außer stande, die Einheit ganz klar zu begrei­fen, die zwischen der Wirklichkeitswelt als unse­rem psycho­lo­gi­schen Erlebnis und unse­rer Erkenntnisarbeit als unse­rem psycho­lo­gi­schen Leben besteht. Bis zur Stunde verdop­pelt die Psychologie die Welt, sieht sie einmal als Leben, einmal als Ergebnis. Wie ein Wilder sich zwei­mal glau­ben würde, weil er sich im Spiegel gese­hen hat.

Auch die Ergebnisse der expe­ri­men­tel­len Psychologie habe ich, nach­dem mir das Studium dieser Literatur viel Zeit geraubt hatte, nur selten heran­zie­hen können. Die Grobheiten, mit denen RUDOLF WILLY (Gegen die Schulweisheit 120 ff.) meine Sprachkritik beehrt, können mich nicht abhal­ten, mir eini­ges Gute zu eigen zu machen, was er in seiner “Krisis der Psychologie” gegen die expe­ri­men­telle Psychophysik vorge­bracht hat. WILLY hat erkannt (S. 74), daß bei jedem Versuche der ganze Mensch tätig ist und nicht der befragte psychome­cha­ni­sche Nebenapparat, daß in der Psychologie alle Zahlengrößen, selbst die Numerierung der Sterngrößen, nur meta­pho­ri­sche Bedeutung besit­zen. Er steht ebenso wie MÜNSTERBERG seinem Lehrmeister WUNDT kritisch gegen­über.

Der beste Logiker aus dieser Forschergruppe ist HUGO MÜNSTERBERG; das hat er im großen durch die Analyse des Willensbegriffs, im klei­nen durch die Ablehnung der WUNDTschen Apperzeptionstheorie bewie­sen. Sein Blick für die Schwächen des wissen­schaft­li­chen Betriebs ist bewun­de­rungs­wür­dig. “Jede Spezialwissenschaft arbei­tet mit Begriffen, die sie nicht selber prüft, und strebt nach Endzielen, deren Erreichbarkeit und deren Wert sie still­schwei­gend voraus­setzt.” (Grundzüge der Psychologie, 1, 2.) Er durch­schaut hie und da die Rolle der Sprache: daß erlernte Begriffe das Wirkliche zu inter­pre­tie­ren suchen (46); daß der psycho­phy­si­sche Parallelismus, den er frei­lich trotz­dem nicht aufgibt, die provi­so­ri­sche Antwort ist auf die provi­so­ri­schen Fragen einer provi­so­ri­schen Wissenschaft (4–87); daß die vorge­tra­ge­nen Anschauungen über die chemi­sche Natur gewis­ser Prozesse im Gehirn nur Spekulationen sind (504); daß logi­sche Zuordnungen physio­lo­gi­scher Prozesse eben­so­we­nig Erklärungen sind wie die bloße Benennung eines Vorgangs (510); trotz­dem steht MÜNSTERBERG unter dem Banne der Sprache, erklärt die Erkenntnis für die logisch wert­volle Bearbeitung der Wirklichkeit (58) und grün­det seine psycho­lo­gi­schen Sätze über­haupt gern auf Logik. Seine Versuchsreihen sind geist­rei­cher und schlauer als die seines Lehrers, wobei ich das Lachen über die groteske Experimentfrage: “Wer ist bedeu­ten­der, HUME oder KANT?” (eine Frage, die nach den Regeln dieser psycho­lo­gi­schen Versuchsreihe in klei­nen Bruchteilen einer Sekunde beant­wor­tet werden soll) unter­drü­cke. MÜNSTERBERG hat (Beiträge zur expe­ri­men­tel­len Psychologie I, 3) die Zahlenwut der expe­ri­men­tel­len Psychologie mit Recht geta­delt;
“die Zahlen für sich allein haben ja natür­lich gar keinen Wert; nur die benannte, die möglichst klar und eindeu­tig benannte Zahl kann wissen­schaft­li­che Bedeutung gewin­nen, und doch liegt die, Gefahr so nahe, Zahlen zu sammeln und Zahlen in ihren Verhältnissen zu prüfen und Zahlen zu erklä­ren, ohne ernst­lich die wich­tigste Vorfrage zu erle­di­gen, was jene Zahlen eigent­lich bedeu­ten sollen, und für welche psycho­lo­gi­schen Vorgänge sie eigent­lich ein Maß sind.“
Was mir aber die Berufung auf die Reihen der expe­ri­men­tel­len Psychologie bis zur Unmöglichkeit verlei­det hat, das ist ein Umstand, über den ich einen Exkurs von Bücherdicke schrei­ben müßte, um das ganze Feld abzumä­hen. Es steckt nämlich hinter dem schein­bar objek­ti­ven Verfahren der Experimente doch nur die alte, viel­ge­schmähte, unum­gäng­li­che Selbstbeobachtung. MÜNSTERBERG hat das im allge­mei­nen erkannt, nicht aber im beson­de­ren. Er weiß, daß die Begriffe, die unse­ren Spekulationen über mikro­sko­pi­sche und chemi­sche Nervenuntersuchungen zu Grunde liegen. der uralten Selbstbeobachtung entstam­men. Aber er sieht nicht, daß die psycho­lo­gi­schen Versuche selbst mit all ihrer Präzisionsmechanik und logi­schen Vorsicht doch nur Selbstbeobachtungen sind. Er braucht zu seinen Versuchen zwei Psychologen, einen expe­ri­men­tie­ren­den und einen reagie­ren­den Herrn; er sieht nicht, daß der expe­ri­men­tie­rende Herr gar nicht zur Sache gehört, daß der Versuch einzig und allein am reagie­ren­den Herrn ausge­führt wird, und daß das Ergebnis völlig wert­los wäre, eine unbe­nannte Zahl, ohne die Selbstbeobachtung des reagie­ren­den Herrn.

Der Begründer der Psychophysik, GUSTAV THEODOR FECHNER, war es, der zuerst das Verhältnis zwischen der geis­ti­gen und der körper­li­chen Seite der Existenz auf Zahlen, auf Maßbeziehungen zurück­füh­ren wollte. Aber der über­le­gene FECHNER scheint mir auch in seinen exak­ten Arbeiten (selbst in seiner “Revision der Hauptpunkte der Psychophysik ”) niemals völlig verges­sen zu haben, daß er ein bißchen phan­ta­sierte, mit Bildern operierte. Aus Bildern soll man niemals Schlüsse ziehen. In keiner Wissenschaft wäre diese banale Lehre so wich­tig wie in der Psychologie. Nur daß die skep­ti­sche Sprachkritik hinzu­fügt: Bilder stecken in jedem Worte oder Begriffe, also soll man aus Worten oder Begriffen über­haupt keine Schlüsse ziehen. 

Published inDas Wesen der Sprache 2

Kommentare sind geschlossen.