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15. Urzeit der Sprache

Die Schrift ist nicht nur die Dauerform der Gedächtniszeichen, die Schrift ist eine künst­li­che Verbesserung des Gedächtnisses, wie die Photographie eine Verbesserung des Sehorgans.

Unbeirrt wieder­hole ich bei jeder Gelegenheit, daß Denken und Sprechen ein und dieselbe Geistestätigkeit bezeichne, und doch weiß ich, daß die beiden Begriffe nicht ganz gleich sind. Das Identische in beiden Begriffen fest­zu­hal­ten wird zur Pflicht gegen­über den ewigen Unklarheiten, welche seit Jahrtausenden in der Sprache nur ein mecha­ni­sches Werkzeug des Denkens, im Denken irgend eine über­mensch­li­che Kraft sehen wollen. Solchem Aberglauben gegen­über halte ich es für Pflicht, einen Nachdruck auf die Identität zu legen und insbe­son­dere. darauf hinzu­wei­sen, daß ein soge­nann­tes Denken ohne Sprechen weni­ger über­mensch­lich und gött­lich als vormensch­lich und tierisch ist. Man wird diese para­doxe Behauptung besser verste­hen, wenn ich das Verhältnis zwischen Denken und Sprechen mit dem Verhältnis zwischen Lautsprache und Schriftsprache vergli­chen habe.

Die Schrift, wie sie heut­zu­tage in gedruck­ten Büchern psycho­lo­gisch oft stun­den­lang die allei­nige Sprache der Gebildeten ist, ist doch ohne Frage nur eine andere Form der Lautsprache. Die Lautsprache hat gegen­über der Schrift den Vorteil der Unmittelbarkeit, der größe­ren Anpassungsfähigkeit, der rasche­ren Veränderlichkeit; aber nicht nur für die leich­tere Mitteilung durch Zeit und Raum hat die Schrift ihre Vorteile, sondern auch für die höchs­ten Formen des abstrak­ten Denkens. Die sicht­ba­ren und darum dauern­den Schriftzeichen lassen die Begriffe länger und unge­stör­ter fest­hal­ten als die flüch­ti­gen Lautzeichen. So hat die Schrift gegen­über der Sprache Vorteile und Nachteile, ist aber im Grunde die glei­che Geistestätigkeit. In ähnli­cher Weise kann man anneh­men, daß das tieri­sche, vorsprach­li­che Denken, welches man darum auch ungern Denken nennt, unmit­tel­ba­rer, anpas­sungs­fä­hi­ger ist als das Denken in Sprachlauten, welches wieder nicht nur für die Mitteilung uner­setz­lich, sondern eben für das Festhalten der Begriffe über­aus nütz­lich ist. Hätten die Tiere ein besse­res Gedächtnis, so hätten sie eine Lautsprache, was man auch frei­lich dahin umkeh­ren kann, daß die Tiere ein besse­res Gedächtnis hätten, wenn sie eine Lautsprache besä­ßen. Die Lautsprache ist das Gedächtnis des mensch­li­chen Tieres; die Schrift ist nicht nur die Dauerform der Gedächtniszeichen, die Schrift ist eine künst­li­che Verbesserung des Gedächtnisses, wie die Photographie eine Verbesserung des Sehorgans.

In diesem Gedankengange ist schon ein Beispiel dafür gege­ben, wie die Sprache die beiden Begriffe Denken und Sprechen bald iden­ti­fi­ziert, bald durch Begriffsnuancen ausein­an­der hält. In diesem Gedankengange ist aber, wie man sieht, das Denken dem Sprechen nicht über­ge­ord­net, sondern es ist die Sprache der reichere Begriff, sie ist das Denken + Lautzeichen , wie die Schrift das Sprechen + Schriftzeichen ist.

Analysiert man aufmerk­sam allge­meine, und wie man sagt, gedan­ken­rei­che Sätze, in denen vom Denken und Sprechen die Rede ist, so wird man immer solche Begriffsnuancen finden, welche den Sätzen voraus­ge­hen, oder welche durch die Sätze in die Worte hinein­ge­legt werden. Hören wir z.B. das Aphorisma: “Sprechen ist leicht, Denken ist schwer” — so erzeugt die Antithese in unse­rer Vorstellung sofort für das Sprechen und für das Denken kleine Begriffsnuancen. Und das Geistreiche des Satzes besteht eben nur darin, daß diese Nuancen nicht beson­ders ausge­drückt, sondern mitver­stan­den werden. Es wäre sonst gar keine Antithese. Es wäre banal, zu sagen: “Nachsprechen ist leicht, Selbstdenken ist schwer”. Und doch liegt in jedem der beiden Begriffe die Nuance drin, wenn wir sie so verbin­den. Der Gegensatz erzeugt sich die Nuance. Es ist das ein feiner psycho­lo­gi­scher Vorgang, den wir in seiner größ­ten Ausdehnung als den Einfluß der gesam­ten Gegenwart, der Seelenstimmung oder des augen­blick­lich vorhan­de­nen Gedankeninhalts auf den jewei­lig gespro­che­nen Begriff kennen lernen werden. Wenn ich den Satz beginne: “Sprechen ist leicht, Denken ist schwer”, so ist der Inhalt dieses Satzes bei mir schon beisam­men, und ich stelle mir unter dem ersten Worte “Sprechen” schon unge­fähr ein Nachsprechen vor. Dem Hörer gibt das erste Wort “Sprechen” die Begriffsnuance noch nicht. Die folgen­den Worte können noch jede andere Nuance hinein­le­gen. Ich könnte fort­fah­ren “Sprechen Sie fran­zö­sisch” oder “Sprechen Sie lauter” oder “Sprechen Sie mit meinen Eltern!” oder “Sprechen Sie im Parlament! ” Erst wenn ich meinen Satz been­det habe, legt der Hörer in das noch nach­klin­gende “Sprechen” die Nuance des Nachsprechens hinein.

Doch selbst dieses Aphorisma, in welchem Sprechen und Denken gera­dezu als Gegensätze auftre­ten, stimmt mit unse­rer Auffassung vom Sprechen und Denken über­ein. Das Selbstdenken, das im Verhältnis zum Nachplappern so schwer, das heißt so wenig Menschen möglich ist, ist nämlich eigent­lich immer ein Neudenken und dieses ein Verlassen der herge­brach­ten Sprache, eine Bereicherung der Sprache, die Bildung eines neuen Begriffs, der nicht immer ein neues Wort zu sein braucht. Schwer, das heißt für die aller­meis­ten Menschen unmög­lich, ist das Denken eines SPINOZA der zum ersten Male mit voller Klarheit den Begriff der Notwendigkeit auf das Naturgeschehen anwen­det, Natur und Gott iden­ti­fi­ziert und so den Begriff dieser drei Worte verän­dert; schwer ist das Denken eines NEWTON der den Begriff der Schwere auf die Planeten anwen­det und so diesen Begriff vermehrt; schwer ist das Denken eines BERKELEY oder KANT, die den Begriff der Vorstellung auf die vorge­stell­ten Dinge anwen­den und so das alte Wort um einen neuen Begriff berei­chern. Das Aphorisma sinkt also zu der wenig geist­rei­chen Behauptung herun­ter, daß es leicht sei, etwas Altes zu denken oder zu spre­chen, daß es schwer bei, etwas Neues zu denken oder zu spre­chen.

Denken wir uns in die Zeit der Sprachentstehung hinein, so müssen wir uns aller­dings mit einer sche­ma­ti­schen Vorstellung begnü­gen, weil wir doch von den wirk­li­chen Vorgängen nichts wissen. Einer der sichers­ten Züge jener sche­ma­ti­schen Vorstellung wäre aber eine große Armut an Worten und darum ein großer Begriffsreichtum der einzel­nen Worte; ein ande­rer siche­rer Zug wäre das rasche Wachstum der Sprache in einer solchen Urzeit, in welcher die Sprachbereicherung alle ener­gi­schen Köpfe etwa so beschäf­tigt haben mag, wie später einmal das Entdecken neuer Länder oder wie heute das Erfinden elek­tri­scher Maschinen. In jener proble­ma­ti­schen Urzeit war das Sprechen sicher­lich noch unge­mein schwer, weil es fast unauf­hör­lich ein Neudenken oder Neusprechen war. So ein Urmensch besaß z. B. im Gebrauche seines Stammes schon ein Wort, welches unge­fähr so viel wie unser “Hülsenfrüchte” bedeu­tete, oder auch nur die allge­meine Bedeutung Pflanzennahrung hatte. Nun folgte dieser Kerl einmal der Not oder der Neugier oder seinem Geruch oder dem Zureden eines frem­den Tauschhändlers, kostete Reiskörner und fand sie schmack­haft und bekömm­lich. Wenn er nun zu seinen Stammesgenossen zurück­kehrte, eine Handvoll Reis mitbrachte und sie mit dem Worte über­reichte, das vorher halb Pflanzennahrung halb Hülsenfrucht bedeu­tet hatte, so dachte und sprach er neu. Das Beispiel ist natür­lich erfun­den, aber wir können nicht umhin, uns die Sprachentwicklung der Urzeit so zu denken.

Verfolgen wir dieses phan­tas­ti­sche Beispiel weiter, so sehen wir, wie die Psychologie des Urmenschen sich von der des heuti­gen nicht unter­schei­den konnte. Sein “Denken” wirkte auf das Sprechen, sein “Sprechen” aber auch auf das Denken. Eine neue Beobachtung, eine neue, sinn­li­che Erfahrung hatte ihn das Wort auf die Reiskörner ausdeh­nen lassen. Das Denken beein­flußte das Sprechen. Jetzt aber mußte das Wort, welches bis dahin gele­gent­lich zwischen Hülsenfrucht und Pflanzennahrung schwankte, eine Neigung zu dem weite­ren Begriffe erhal­ten. Durch den Besitz des in seinem Begriffsumfang erwei­ter­ten Wortes mußte dem Kerl näher zu Gemüte geführt werden, daß es eine Klasse von Dingen gebe, die man eßbare Pflanzen nennen könnte. Und es mußte eine Zeit kommen, wo er, wenn er den Kindern z.B. aus der Entfernung die freu­dige Nachricht mittei­len wollte, ein beson­de­res Wort oder ein adjek­ti­vi­sches Kennzeichen für Hülsenfrucht erfand. Hatte er bis dahin nur Erbsen und Linsen gekannt und fand nun eines Tages auch Bohnen, so wurde das neue Wort für Hülsenfrüchte wieder mit tätig bei der Bildung eines neuen Klassenbegriffs. So wirkte das Sprechen auf das Denken. Noch im 17. Jahrhundert, als man schon anfing, die 6000 bekann­ten Pflanzenarten in künst­li­chen Systemen zu ordnen, galt es nicht für unwis­sen­schaft­lich, die Nutzpflanzer, die eßba­ren Pflanzen als beson­dere Abteilungen zu behan­deln. Und den unsys­te­ma­ti­schen Gattungsbegriff “Obst” wird die Gemeinsprache niemals los werden.

Seit langer Zeit zerbre­chen, sich die Psychologen die Köpfe darüber, wie dieser gefähr­li­che Zirkel zu vermei­den sei, daß die Sprache dem Denken entsprun­gen sei, das Denken aber Sprache voraus­setze. Dieser Zirkel ist aber nur vorhan­den, wenn man sich mit der alten Psychologie das Denken als die Tätigkeit einer beson­de­ren über­mensch­li­chen Denkkraft vorstellt. Für unsere Anschauung macht es nicht die geringste Schwierigkeit, wenn wir zu diesem Zwecke über­haupt die Begriffe Sprechen und Denken tren­nen wollen, auch diese soge­nannte Wechselwirkung zu begrei­fen. Hier ist es wieder eine ähnli­che Wechselwirkung, wie sie zwischen Sprache und Schrift besteht. Der Vorgang im Gehirn hat auch nicht den Charakter einer Wechselwirkung, sondern einer lang­sa­men Steigerung. Das vorsprach­li­che Denken ist ein Beobachten, ein allmäh­li­ches Sammeln von Ähnlichkeiten, ein Aufmerken, ein Einüben der Gedächtnisbahn, das so lange fort­ge­setzt wird, bis die neue Bekanntschaft das Bedürfnis erzeugt, sie durch ein Zeichen fest­zu­hal­ten. Ist das Zeichen einmal gebraucht und durch den Verkehr bestä­tigt, so geschieht nichts weiter, als daß die Einübung des neuen Begriffs oder des neuen Begriffsinhalts noch rascher erfol­gen kann, weil ein sinn­li­ches Zeichen dafür vorhan­den ist. Diese Bequemlichkeit bei der Einübung, dieser Zwang, bei dem gewähl­ten Zeichen zu blei­ben, erscheint uns dann als eine Rückwirkung der Sprache auf das Denken.

Das Kreuz besteht in dem Widerspruche, daß all unser Denken nichts ande­res ist als Sprechen, und daß doch eine Gehirnarbeit, die wir mit den Mitteln unse­rer Sprache nicht anders als Denken nennen können, ohne Sprache möglich ist. Wenn ein einjäh­ri­ges Kind, das noch kein Wort spre­chen kann und ganz gewiß nichts von NEWTON und der Schwerkraft gehört hat, einen Kuchen mit den Händchen fest­hält, damit er nicht zu Boden falle, so hat dieses Kind aus zahl­rei­chen Beobachtungen schon die Erfahrung gesam­melt, daß Körper ohne Unterstützung auf den Boden fallen; so hat es diese Erfahrung gene­ra­li­siert und hat sein Handeln nach einem Naturgesetze einge­rich­tet. Es ist eine Leistung seines Gehirns, wenn das Kind den Kuchen fest­hält. Wodurch unter­schei­det sich diese Gehirnleistung von dem Denken, das an die Sprache gebun­den ist, das Sprache ist?

In dem Mangel der Mitteilbarkeit scheint der wesent­li­che Unterschied nicht zu bestehen; denn auch das tiefste und letzte Denken ist schwer mitteil­bar Wir helfen uns einst­wei­len mit der Worterklärung, daß dieses vermeint­li­che Denken ohne Sprache nur ein Wissen ist; es wird aber manches Bedenken haben, ein Wissen, also eine durch das Gedächtnis geord­nete Sammlung von Erfahrungen, uns ohne Denken vorzu­stel­len. Das kommt aber nur daher, daß wir auf unse­rer Entwicklungsstufe uns das Wissen gern als ein allge­mei­nes, abstrak­tes Wissen vorstel­len, daß wir abge­neigt sind, die soge­nann­ten Instinkte im Handeln der Tiere und die soge­nann­ten Gewohnheiten im Handeln der schlich­ten Menschen oder die ersten Anpassungen des Kindes ein Wissen zu nennen. Man könnte sagen, das Wissen werde eben erst durch seinen allge­mei­nen Ausdruck zum Denken, und das sei erst durch die Sprache möglich. Der Sprachgebrauch ist aber in diesen Dingen nicht konse­quent, weil die Menge, welche doch den Sprachgebrauch schafft, sich mit solchen Fragen noch niemals beschäf­tigt hat. Es ließe sich frei­lich gegen diese Terminologie wiederum einwen­den, daß das Wissen des Kindes vom Fallen des Kuchens auch schon eine Allgemeinheit ist. Die Begriffe flie­ßen wie immer inein­an­der. Rechnen ist Rechnen, ob es ein Bantuneger mit Hilfe seiner zehn Finger oder ein Astronom mit Hilfe alge­brai­scher Zeichen ausführt. Je kühner das Denken sich verall­ge­mei­nert, je abstrak­ter die Zeichen des Denkens werden, desto klarer wird dem Forscher die Identität von Denken und Sprechen. LAVOISIER, der Neubegründer der Chemie, sagte einmal, die Algebra, die zu glei­cher Zeit eine Sprache und eine analy­ti­sche Methode ist, sei die einfachste, die genau­este und die zweck­dien­lichste Art des Ausdrucks. “Die Kunst zu denken ist eigent­lich nichts weiter als eine wohl­ge­ord­nete Sprache.”

Das letzte Wort über das Verhältnis zwischen Denken und Sprechen kann auch von der Sprachkritik nicht gefun­den werden, weil die Sprachkritik sowohl an der Bedeutungskonstanz der zu erklä­ren­den und zu verglei­chen­den Begriffe oder Worte zwei­feln muß, als auch an der wissen­schaft­li­chen Brauchbarkeit der für die Erklärung und Vergleichung notwen­di­gen psycho­lo­gi­schen Begriffe oder Worte. Das alte Kreuz meiner Aufgabe: die Psychologie der Sprache möchte ich refor­mie­ren und fühle bei jedem Schritte, daß die Sprache der Psychologie vorher umzu­schaf­fen ist. Unmöglich, eines vor dem ande­ren zu tun. Unmöglich, beide Arbeiten zugleich vorzu­neh­men. Nur ein Philister; weil er bloß die eine Seite der Dinge sieht, kann glau­ben, das letzte Wort gesagt zu haben. So behal­ten streit­süch­tige Frauen das letzte Wort, wenn der Klügere nach­ge­ge­ben hat.

Der logi­sche und fast mathe­ma­ti­sche Beweis für die Identität von Denken und Sprechen wäre die einfachste Sache von der Welt, wenn man sich mit dem scho­las­ti­schen Gerede begnü­gen wollte: Denken ist immer nur ein Denken in Begriffen, Begriffe sind Worte, also ist das Denken immer nur Sprechen. So eindeu­tig ist jedoch der wilde Sprachgebrauch des Begriffes Denken leider nicht. Mit Denken bezeich­net man gele­gent­lich jede psychi­sche Tätigkeit vom speku­la­ti­ven Denkgeschäft des Denkvirtuosen oder Philosophen ange­fan­gen bis herab zum tieri­schen Wahrnehmungsakte, weil auch dieser an ein Zentralorgan, an die Mitwirkung des Verstandes gebun­den ist. Nichts ist leich­ter, als so den Begriff des Denkens über den gewöhn­li­chen Sprachgebrauch hinaus auszu­deh­nen und einen Unterschied zwischen Denken und Sprechen zu statu­ie­ren; aber nichts wäre sodann leich­ter, als auch den Begriff des Sprechens über den Sprachgebrauch hinaus auszu­deh­nen und die Identität von Denken und Sprechen wieder in Worten herzu­stel­len. Die ganze Doktorfrage kann nicht entschie­den werden, solange nicht die alte mytho­lo­gi­sche Psychologie mit ihrer noch mytho­lo­gi­schern Terminologie zertrüm­mert ist, solange nicht zwischen den philo­so­phie­ren­den Menschen ein Verständigungsmittel besteht, wie die Alltagssprache zwischen den handel­trei­ben­den Menschen. Es müßten gültige Wortwerte für die Tatsache geschaf­fen werden, daß alle psychi­sche Tätigkeit nur ein Assoziieren von Vorstellungen ist, daß alle Vorstellungen nur Erinnerungebilder für Wahrnehmungen sind.

Ein gülti­ger Wortwert für die Wirklichkeit dessen, was als Assoziation einen so brei­ten Raum in den psycho­lo­gi­schen Schriften einnimmt, fehlt uns bis zur Stunde; nach dem wirk­li­chen Vorgang der Assoziation suchen die Denker und die Gehirnanatomen mit verzwei­fel­ten Anstrengungen von zwei Seiten und können nicht zuein­an­der kommen. Nicht viel besser steht es im Grunde mit den asso­zi­ier­ten Vorstellungen selbst, wenn wir diese auch als Erinnerungsbilder etwas besser zu begrei­fen glau­ben. Die wirken­den Kräfte jedoch, welche die Verarbeitung der Vorstellung oder das Denken veran­las­sen, sind uns womög­lich noch rätsel­haf­ter als die wirken­den Kräfte, welche nach den Zwecken des Lebens die aufge­nom­mene Nahrung in Blut u.s.w. verwan­deln. Auch hier ist wieder fast jedes Wort unde­fi­nier­bar und “Leben” ist wieder so ein mytho­lo­gi­scher Begriff; und es ist ein vergeb­li­ches Hoffen, die Dunkelheiten der Psychologie mit den Dunkelheiten der Physiologie aufhel­len zu wollen.

Auch den Begriff Gedächtnis werden wir über den Sprachgebrauch hinaus ausdeh­nen oder einengen müssen, wenn wir unser Denken darüber in Sprache über­set­zen wollen. In der Gemeinsprache ist das Gedächtnis ein Gespenst, ein Seelenvermögen, eine perso­ni­fi­zierte Kraft. Wir werden als die einzige Wirklichkeit auf diesem Gebiete nur die einzel­nen Gedächtnisakte oder Erinnerungen vorfin­den, die wir dann nur in Bezug auf die zu Grunde liegen­den Wahrnehmungen Erinnerungsbilder oder Vorstellungen nennen. Aber die oberste Tatsache unse­res Bewußtseins, die Assoziation dieser Vorstellungen, ist doch wieder Gedächtnisarbeit, weil es keine Erinnerung gibt, die nicht an eine andere geknüpft wäre, und weil die Verknüpfung eben auch wieder Erinnerung ist. Wir können das Gespenst “Gedächtnis” nicht entbeh­ren, wie anderswo nicht das Gespenst “Wille”, nicht das Gespenst “Vorstellung”. Die Sprache hält uns mit ihren Worten. Die Sprache legt auch dem Anarchisten den Strick des Gesetzes um den Hals. Und auch der frei­este Philosoph denkt mit den Worten der philo­so­phi­schen Sprache.

So taumeln wir, wenn wir ehrlich reden wollen, hilf­los zwischen den psycho­lo­gi­schen Begriffen umher und müssen zuge­ste­hen, daß auch die vorhin aufge­stellte Formel: “Wie verhält sich das Gedächtnis zu den Gedächtniszeichen?” die Frage nach dem Verhältnis zwischen Denken und Sprechen nicht löst. Vielleicht wird sie uns aber in der Wirrnis des Sprachgebrauchs ein wenig die Wege weisen.

Besäßen wir nämlich nach dem Wunsche der Gehirnanatomen einen Einblick in die moIekularen Veränderungen, deren Wirkungen oder Bewußtseinserscheinungen die Erinnerungsbilder sind, so wüßten wir, was die Gedächtnisakte sind; und “das Gedächtnis” selbst wäre dann ein abge­setz­tes Wort, oder es wäre das Denken, oder es wäre die Sprache, oder es wäre die Summe aller Gesetze der mole­ku­la­ren Veränderungen in den Gehirnzellen. Dann besä­ßen wir auch wirk­lich eine physio­lo­gi­sche Psychologie und diese hätte unsere Fragen zu beant­wor­ten. Eine solche Wissenschaft besit­zen wir jedoch nicht, wenn wir auch Lehrbücher haben, die sich so oder ähnlich nennen. Deutlicher als je zuvor ist es in WUNDTs “Völkerpsychologie”, allzu gläu­big frei­lich, ausge­spro­chen. “Wie expe­ri­men­telle und Völkerpsychologie die einzi­gen Teile sind, so sind sie auch die einzi­gen Hilfsmittel der Psychologie.” Nehmen wir die Bezeichnung auf, die WUNDT anzu­wen­den zögert, so gibt es eine Individual‐ und eine Sozialpsychologie. Die psychi­schen Erscheinungen (wenn man das Wort so ausdeh­nen darf) ereig­nen sich entwe­der zwischen den Menschen einer weite­ren, einer enge­ren Genossenschaft, oder sie ereig­nen sich einzig und allein im Kopfe des leben­di­gen Menschenorganismus.

Nun scheint es mir über jeden Einwurf klar, daß auf dem Gebiete der Sozialpsychologie von einem Unterschiede zwischen Denken und Sprechen nicht die Rede sein kann. Gedächtnis als eine Funktion der orga­ni­sier­ten Materie ist nur im Individuum möglich und denk­bar. In der Sozialpsychologie, zwischen den Menschen einer Volks‐ oder Kulturgemeinschaft, sind Gedächtniserscheinungen ohne Gedächtniszeichen ein Nonsens, weil diese Gedächtniserscheinungen doch nicht Bewußtseinserscheinungen sein können, sondern auf Mitteilungen, Wahrnehmungen, Nachahmungen u.s.w. beru­hen. Selbst wo Vererbung zu Grunde liegt, blei­ben Religion, Sitte und Sprache unbe­wußte Gedächtniserscheinungen, sind also nicht Erinnerungsakte. Zwischen den Menschen gibt es keine abstrakte Religion ohne bestimmte reli­giöse Vorstellungen oder Mythen, gibt es keine abstrakte Moral ohne bestimmte Sitten oder Gebräuche, gibt es kein abstrak­tes Denken ohne Sprache.

Wer nicht den unsin­ni­gen Phantastereien über Okkultismus und insbe­son­dere Telepathie verfal­len will, für den ist es ein notwen­di­ges Axiom, daß zwischen den Menschen ein Denken ohne Sprechen unmög­lich ist, daß zwischen den Menschen Denken und Sprechen nur die verschie­dene Auffassung der glei­chen Sache ist. Wenn ein Einzelmensch die Natur verste­hen, mit der Natur verkeh­ren will, so bleibt die Natur verhält­nis­mä­ßig passiv; und es ist eine kühne Metapher, da von einer Sprache der Natur zu reden. Wenn jedoch ein Einzelmensch einen ande­ren verste­hen, mit ihm verkeh­ren will, so blei­ben beide nicht passiv (sobald es sich nicht um Beobachtung des ande­ren wie eines Naturobjekts handelt), so verste­hen sie einan­der durch irgend­wel­che Ausdrucksbewegungen, so ist es eine ganz gewöhn­li­che Metapher, alle Ausdrucksbewegungen: Gebärden, Kultusübungen und andere Gebräuche unter dem Gesamtbegriffe Sprache mit zusam­men zu fassen.

Die Schwierigkeit besteht also allein für die Individualpsychologie. Unter den Tätigkeiten im Kopfe eines einzel­nen Menschenorganismus kann es aller­dings kein Sprechen ohne Denken geben; denn ein Wort oder ein Satz ohne Sinn und Bedeutung ist für uns nicht Sprache. Im Kopfe des einzel­nen Menschenorganismus geht jedoch sehr häufig etwas vor, was seit PLATON bis auf die Gegenwart immer wieder ein Denken ohne Sprechen, oder ein laut­lo­ses Denken, oder ein unbe­wuß­tes Denken genannt worden ist.

Für die konse­quen­ten Vertreter der physio­lo­gi­schen Psychologie dürfte die Schwierigkeit nicht vorhan­den sein. Sie müssen mit uns die tech­ni­schen Ausdrücke Wahrnehmung, Vorstellung und Assoziation als unkon­trol­lier­bare Phantasien einer subjek­ti­ven, vorwis­sen­schaft­li­chen Psychologie betrach­ten und können sich auf die frei­lich trüge­ri­sche Hoffnung zurück­zie­hen, daß die Forschungen der Gehirnanatomen. dereinst die Frage nach dem Wesen des Denkens beant­wor­ten werden. Auf diesem Wege hat aber jeden­falls ZIEHEN (Physiologische Psychologie) sehr hübsch gezeigt, daß zwischen dem ange­streng­ten, vermeint­lich will­kür­li­chen Denken und dem (wie man gewöhn­lich sagt) unbe­wuß­ten Denken kein erheb­li­cher Unterschied bestehe. In dem einen wie dem ande­ren Falle knüpft sich an irgend eine Anregung Assoziation nach Assoziation, bis die Bewegung inne hält, weil entwe­der (beim unbe­wuß­ten Denken) die letzte Vorstellung unser Bewußtsein weckt oder weil (beim vermeint­lich will­kür­li­chen Denken) die letzte Vorstellung endlich dieje­nige ist, welche wir als Ziel der ganzen Assoziationenreihe im Auge behal­ten haben.

Ich möchte die Sache durch ein Bild deut­lich machen. Ob wir eine Stunde lang im Walde spazie­ren gehen und uns bald durch das Vorhandensein eines betre­te­nen Weges, bald durch den Reiz eines Dickichts hier­hin und dort­hin lenken lassen, oder ob wir einem Ziele zustre­ben, das eine Stunde entfernt liegt, beide­mal haben wir die glei­chen Gehbewegungen gemacht, lang­sa­mer oder schnel­ler, eifri­ger oder schläf­ri­ger, absichts­vol­ler oder unab­sicht­li­cher, aber gegan­gen sind wir in beiden Fällen. Und wenn ich es recht bedenke, so war das eben Vorgetragene nicht so sehr ein Bild als ein Beispiel; denn auch für den Standpunkt der physio­lo­gi­schen Psychologie fällt das Gehen wie das Denken unter den oberen Begriff der Bewegung. Wir werden gleich sehen, daß wir ohne den Wortaberglauben der Physiologen eben­falls einen klei­nen Schritt weiter kommen, wenn wir du Denken mit dem Sprechen gleich­set­zen und uns erin­nern, es als Bewegung aufge­faßt zu haben.

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