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14. Sprache ist Bewegung

Wenn ein Mensch deut­lich und distinkt ein Wort denkt, so ist damit ein Bewegungsgefühl verbun­den.”

Wir sind durch diese Erwägungen unmerk­lich unse­rem Ziele etwas näher gerückt. Die Behauptungen über das Verhältnis von Denken und Sprechen schie­nen uns so lange ein Wortstreit, als wir nicht wußten, was Denken und was Sprechen eigent­lich sei. Nun wurden wir durch die ange­führ­ten Beispiele an die Definitionen erin­nert, zu welchen wir in ande­rem Zusammenhange gelang­ten. Sprache, ja selbst die schon konkre­tere Individualsprache ist immer nur ein Abstraktum; wirk­lich ist immer nur der augen­blick­lich durch Bewegung hervor­ge­brachte Laut, welcher ein Zeichen ist für irgend welche ererbte oder erwor­bene Erinnerung. “Der durch Bewegung hervor­ge­brachte Laut” ist frei­lich schon wieder etwas Komplexes. Wenn ich höre, achte ich allein auf den Laut; wenn ich rede, dann igno­riere ich den Laut gewöhn­lich völlig. Und nicht immer ist das Zeichen ein Laut. Es kann auch ein ande­res Bewegungszeichen sein, wie denn die Kinder eines engli­schen Taubstummenlehrers an seinen unwill­kür­li­chen Fingerbewegungen bemer­ken konn­ten, woran der Vater beim Auf‐ und Abgehen im Zimmer dachte. Er bewegte die Finger wohl deshalb, weil ihm die Fingersprache zur Gewohnheit gewor­den war, doch nur so geläu­fig wie einer Bäuerin das Lesen, die nicht ohne Lippenbewegungen zu lesen vermag. Jede wirk­li­che Sprachäußerung ist eine Bewegung. Wenn ein Mensch deut­lich und distinkt ein Wort denkt (man achte darauf, daß ich “denken” sagen muß), so ist damit — wie wir noch genauer erfah­ren werden ein Bewegungsgefühl verbun­den, welches bei sehr bewuß­tem Denken bis zu einem Fühlbarwerden dieses Bewegungsgefühls sich stei­gern kann. Lägen die Sprachorgane nicht versteckt, wir würden sie bei ange­streng­tem Denken charak­te­ris­tisch zucken sehen wie die Finger jenes Taubstummenlehrers. Noch einmal: wo die Sprache wirk­lich ist, da besteht sie aus Bewegungszeichen.

Auch daran wurden wir erin­nert, was das Denken sei.

Ob laut oder leise, das Denken ist immer ein inwen­di­ges Vergleichen dieser Erinnerungszeichen. Wir können Sinneseindrücke in uns aufneh­men ohne solche Zeichen; wir können uns in der gegen­wär­ti­gen Welt ohne solche Zeichen orien­tie­ren; und wenn wir dieses Aufnehmen und dieses Orientieren durch­aus ein Denken nennen wollen, so steht dem nichts im Wege. Mein Sprachgebrauch, den ich von SCHOPENHAUER geerbt habe, sagt “Verstand” dafür und trennt Verstand gern vom Denken. Der Sprachgebrauch hat schon andere Konfusionen ange­rich­tet. Vorläufig aber nennt man das Aufnehmen von Sinneseindrücken und die Orientierung in der gegen­wär­ti­gen Wirklichkeitswelt nicht Denken. Vorläufig versteht man unter Denken das Vergleichen von Erinnerungszeichen, denen die Sinneseindrücke und die dama­lige Gegenwart voran­ge­gan­gen sind. Soll nun jetzt noch für uns die Frage nach dem Verhältnis von Denken und Sprechen einen wert­vol­len Sinn haben, so erhebt sie sich plötz­lich in ein ande­res Gebiet und müßte allge­mein so formu­liert werden: Besitzen wir ein Gedächtnis ohne Gedächtniszeichen? Dieser Frage steht die Sprachphilosophie ganz hilf­los gegen­über, und auch die Psychologie, weil sie nicht ernst­haft physio­lo­gisch gewor­den ist, weiß nichts mit ihr anzu­fan­gen. Das Verdienst dieser Fragefassung besteht eben nur — wie so oft — in der neuen Formulierung einer alten Frage. Sollte sie in der neuen Fassung einmal beant­wor­tet werden können, so wird die neue Antwort höchst wahr­schein­lich darin bestehen müssen, daß auch das Gedächtnis als ein abstrak­tes Wort für eine perso­ni­fi­zierte Seelenkraft ausschei­det, und daß die wahr­haft physio­lo­gi­sche Psychologie sich nur noch mit den Zeichen für ähnli­che Sinneseindrücke beschäf­tigt. Und dann wird noch mehr zusam­men­stür­zen als bloß Denken und Sprechen.

Ich kann an dieser Stelle die ganze Schwierigkeit nur andeu­ten. So wie der Begriff der mensch­li­chen Sprache nur etwas Unwirkliches ist, und wie sogar die Individualsprachen Abstraktionen sind von ähnli­chen, aber immer sich verän­dern­den Erscheinungen, so wie also auf dem Gebiete der Sprache nur die momen­tane Bewegung des Sprachorgans und eigent­lich nur der letzte mikro­sko­pi­sche Bestandteil dieser Bewegung wirk­lich ist, so ist auch wiederum das mensch­li­che Denken nur ein Unwirkliches, so ist selbst die Weltanschauung (das Korrelat der Individualsprache) eines einzel­nen Menschen ein Abstraktum; wirk­lich ist nur die momen­tane Erinnerung, der momen­tane Gedächtnisakt. Der doch irgend eine Bewegung sein muß, wie auch an “der” Sprache wirk­lich nur ist die momen­tane Bewegung mit ihren beiden Seiten: der inner­li­chen Bewegungsvorstellung und der äußer­li­chen Schallerregung. Das alles scheint einfach genug. Das Gedächtnis verrät die verdäch­tige Zugehörigkeit zu der märchen­haf­ten Gruppe der Seelenvermögen schon dadurch, daß es mitun­ter auch Gedächtniskraft genannt wird. In der Tat ist das Gedächtnis wie üblich mit den Worten erklär­bar: es sei die Kraft, Erinnerungen zu haben.

Ebensogut könn­ten wir von einer beson­de­ren Nieskraft spre­chen, welche uns unter beson­de­ren Umständen niesen läßt. Alles drängt uns dazu, den Begriff Gedächtnis fallen zu lassen, und uns an die Äußerungen dieser Kraft zu halten, an die Erinnerungen. Nun aber entsteht sofort die Frage, was an der einzel­nen Erinnerung denn eigent­lich wirk­lich sei. Wenn wir nämlich die soge­nannte Erinnerung bis in ihren letz­ten Schlupfwinkel. verfol­gen, so stellt sie sich jeder­zeit als eine Vergleichung heraus, als eine Gleichstellung eines frühe­ren und eines gegen­wär­ti­gen Eindrucks, wobei dann entwe­der der frühere oder der gegen­wär­tige Eindruck selbst ein Nachbild sein kann, wofür wir wieder nur das Wort Erinnerung haben. Die bisher wenig bemerkte Unklarheit dieses Begriffs stei­gert sich noch dadurch, daß die angeb­li­che Gleichstellung jedes­mal mit irgend einem, wenn auch noch so klei­nen Gedächtnisfehler behaf­tet ist. Es sind zwei Fälle möglich. Entweder ich verglei­che einen gegen­wär­ti­gen Sinneseindruck mit einem Nachbild, z.B. ich treffe einen Bekannten auf der Straße und erkenne ihn wieder; dann sehe ich über kleine Unterschiede gegen seine letzte Erscheinung hinweg. Oder es steigt in meiner Erinnerung ein Nachbild auf, in welchem sich eine große Zahl ähnli­cher, aber nicht glei­cher Eindrücke verbun­den haben. Eine solche Erinnerung ist dann ein Begriff, und aus der Vergleichung solcher Begriffe besteht, was wir ganz beson­ders unser Denken nennen.

Was ist nun an einer solchen Einzelerinnerung wirk­lich? Die verglei­chende Tätigkeit ist eine Abstraktion für etwas, was wir nicht kennen. Der verglei­chen­den Tätigkeit liegen mindes­tens zwei Eindrücke zu Grunde, welche niemals völlig iden­tisch sind und welche darum in Wirklichkeit nicht in eins zusam­men­flie­ßen können. Es ist also auch der Begriff Einzelerinnerung wissen­schaft­lich nicht recht zu fassen. Wenn wir also als letz­tes Asyl unse­rer Unwissenheit das Gedächtnis und seine Zeichen ausge­fun­den haben, wenn wir das Denken ein Vergleichen von Erinnerungen und das Sprechen den Gebrauch von Erinnerungszeichen nann­ten, wenn wir sodann die Frage aufwar­fen, ob es ein Gedächtnis ohne Gedächtniszeichen gebe, so sind wir jetzt beinahe in der trau­ri­gen Lage, von all diesen Begriffen nur noch die Zeichen der Erinnerung als halb­wegs wirk­li­che und bekannte Tatsachen anneh­men zu können. Wir werden weiter­hin mit dem Begriffe Gedächtnis nur noch als wie mit einer Unbekannten operie­ren können, aber dennoch viel mit ihm operie­ren müssen.

So viel scheint uns aber jetzt schon gewiß, daß das Denken und das Sprechen in dem Begriff des Gedächtnisses zusam­men­flie­ßen, und daß für denje­ni­gen, der das Wesen der Erinnerung erkannt hätte, ein Gegensatz zwischen Denken und Sprechen nicht mehr vorhan­den wäre. Weil aber in der Vorstellung der Menschen, in ihrem Sprechen oder Denken, zwischen Denken und Sprechen immer ein Unterschied besteht, weil immer wieder der Einwand gemacht wird, es erwei­tere sich das Denken sehr häufig ohne Erweiterung der Sprache, darum will ich noch an zwei klei­nen Beispielen zu zeigen suchen, wie wenig das Denken von der Sprache unab­hän­gig sei, einer­lei, ob die Worte sich äußer­lich ändern oder nicht.

Der kras­seste Fall, in welchem auch die leiseste Änderung des Gedankens nicht ohne Änderung der Sprache möglich ist, scheint mir im einfa­chen Zählen zu liegen. Zähle ich von der Eins bis zu einer noch so großen Zahl, nehme ich zwischen zwei Einheiten noch so viele mini­male Zwischenglieder, das heißt Bruchteile an, die Sprache hat für jeden der unend­lich vielen Werte einen ganz bestimm­ten Ausdruck, die Schrift ein beson­de­res Zeichen. Dieser Ziffersprache und diesen Zifferzeichen liegt aber ein ganz bestimm­tes System zu Grunde. Bevor dieses Dezimalsystem erfun­den worden war, oder bevor man es nach Europa einge­führt hatte, war selbst diese aller­ein­fachste Geistestätigkeit des Zählens bei uns nicht über eine gewisse Grenze hinaus möglich. Bei uns weiß jetzt jeder Schulknabe, daß 756318 + 1 = 756319 ist; er zählt eine sechs­stel­lige Zahl einfach weiter, wie er von eins ab zählen gelernt hat. Ich bin gewiß, daß dieses elemen­tare Zählen, das dem Einmaleins noch voraus­geht, manchem grie­chi­schen Weisen Schwierigkeiten gemacht hätte. Hier ist das Denken dem Sprechen nur inso­fern voraus­ge­gan­gen, als die besse­ren Köpfe vor Einführung des Dezimalsystems schon davon eine Ahnung hatten, daß die Welt hinter Zehntausend nicht mit Brettern verschla­gen sein könne. Wirklich zählen konn­ten sie aber nicht, auch im Kopfe nicht, solange sie das Zeichensystem, solange sie die Sprache dafür nicht hatten. Man kann das noch heute an den Völkern bele­gen, die etwa nur bis drei oder nur bis zwan­zig zählen können; was über ihre Zahlworte hinaus­geht, ist ihnen eine unbe­stimmte Vielheit. Vielleicht stand ARISTOTELES hinter Zehntausend da, wo der Patagonier heute hinter der Drei steht.

Die unglei­che Fertigkeit, zu welcher es verschie­dene Völker und verschie­dene Zeiten in der einfa­chen Kunst des Zählens brach­ten, wird uns nun aber in den Stand setzen, einen ganz flüch­ti­gen und unkon­trol­lier­ba­ren, aber doch einen Blick hinter die Kulissen dieser Geistesäußerung zu werfen. Man hat längst bemerkt, daß es Tiere gibt, welche eben­falls in mensch­li­cher Weise bis drei zählen können. Jedesmal wird dann die Geschichte von der Krähe erzählt, welche ihren Zahlensinn prak­tisch anzu­wen­den wisse. Wenn drei Jäger in die Hütte hinein‐ und nur zwei hinaus­ge­gan­gen sind, dann weiß die Krähe angeb­lich, daß 3 — 2 = 1 ist, und soll durch keinen Köder zu bewe­gen sein, sich der Hütte auf Schußweite zu nähern. Mit dieser Geschichte soll jäger­la­tei­nisch, also beinahe gelehrt, bewie­sen werden, daß die Krähe die Grundlagen des Zählens besitze (wie denn auch wir Menschen den Unterschied zwischen zwei und drei Äpfeln, Nüssen, Zuckerstückchen u.s.w. durch den bloßen Augenschein, also vorsprach­lich erken­nen), daß sie nur durch den Mangel an Sprache verhin­dert werde, eine Rechenmeisterin zu werden, daß also in diesem beson­de­ren Falle das höhere Denken an das Sprechen gebun­den sei. Ich nehme diese Unterstützung meiner Anschauung nicht an, weil mir eine sichere Beglaubigung des Krähenzählens fehlt. Wäre die Sache wahr, so gehörte die Krähe im Rechnen auf dieselbe Bank wie die Patagonier, und ARISTOTELES der bis zehn­tau­send zählen konnte, käme gegen die Krähe mehr als einen herauf.

Ich glaube die Geschichte jedoch fürs erste nicht, weil sie in einem entschei­den­den Punkte mit dem Zahlensinn ande­rer Tiere in Widerspruch gerät. Es lassen sich bekannt­lich Pferde, Esel und Elefanten dazu abrich­ten, bis zu zehn zu zählen und sogar die mensch­li­chen Zahlworte dafür zu verste­hen, obgleich auch da einige Täuschung mit unter­lau­fen kann. Was nun dieses tieri­sche Zählen vom mensch­li­chen Zählen unter­schei­det, das ist doch offen­bar, daß diese Tiere trotz ihrer Abrichtung niemals auf den Einfall gekom­men sind, ihre Rechenkunststücke in ihrem eige­nen Interesse anzu­wen­den. Wie der Papagei nicht “spricht”, solange er nicht in seinem Interesse spricht, nicht seine eige­nen Gedanken ausspricht. (MONTAIGNE weiß von Ochsen zu erzäh­len, Ochsen in Susa, die das große Bewässerungsrad genau hundert­mal dreh­ten, nach­her aber unter keinen Umständen veran­laßt werden konn­ten, weiter zu arbei­ten; aber die Geschichte ist histo­risch und psycho­lo­gisch unkon­trol­lier­bar.) Im mensch­li­chen Verkehr ist der bessere Rechner im Vorteil gegen den schlech­te­ren; er kann nicht nur Ingenieur werden, wo der andere einfa­cher Arbeiter bleibt, er kann auch, wenn er z.B. ein gewand­ter Arbitrageur ist, auf der Börse einen einwand­freien Gewinn erzie­len, er kann auf dem Markte besser einkau­fen. Wenn ein Europäer von einem Patagonier Schafe kauft, so kann er ihm zwölf abneh­men, während er nur zehn bezahlt hat, weil der Patagonier den Unterschied zwischen zehn und zwölf nicht genau kennt. Niemals aber hat man davon gehört, daß ein dres­sier­ter Esel seinen unge­lehr­ten Mitesel auf Grund seiner Rechenkunststücke betro­gen habe.

Was also dem Zählen der dres­sier­ten Tiere fehlt, das ist die Verknüpfung ihres Zahlenbegriffs mit ihrem Interesse. Die Menschen aber haben von jeher am Zählen ein sehr hohes Interesse gehabt, sind darum von Einheit zu Einheit immer weiter fort­ge­schrit­ten und haben sich endlich die vier Spezies erfun­den und das Dezimalsystem, mit dessen Hilfe heute jeder Schulknabe prin­zi­pi­ell bis ins Unendliche zählen kann. Die Mathematik ist eigent­lich nur eine Fortentwicklung dieser Kategorienreihe. Das Multiplizieren ist eine Abkürzung des Zählens, das Logarithmieren eine Abkürzung des Multiplizierens und die Algebra bis hinauf zur höhe­ren Analysis eine Abkürzung des zahlen­lo­sen Rechnens. Man hat gesagt, die Krähe könne nicht über drei hinaus zählen, weil ihr die Sprache fehle, weil sie nicht mit Hilfe der Sprache die Zahlenwerte (die man also für wirk­lich hält) zerglie­dern könne. Auch darum nehme ich diese Unterstützung meiner Anschauung nicht an. Die Zahlenwerte sind nicht in der Wirklichkeit. Nur der Mensch hat sich in seinem Interesse den Begriff der Einheit geschaf­fen und hat dann gelernt, diese Einheit zu verviel­fäl­ti­gen und zu verglei­chen. Und so lange die Welt steht, wird kein Kopf sich irgend eine Zahl vorstel­len können, ohne sich mit Hilfe unse­res prak­ti­schen Zahlensystems ein ganz beson­de­res Zeichen für diese beson­dere Zahl zu bilden. Das ist nun der klas­si­sche Fall, in welchem offen­bar der Gedanke und sein Zeichen abso­lut iden­tisch sind. Man kann sogar behaup­ten, daß der prak­ti­sche Rechner gewis­ser­ma­ßen gedan­ken­los mit den bloßen Zeichen operiere; und die Rechnung muß immer stim­men, weil die Zahlenzeichen eindeu­tig sind. Erst in den abstrak­tes­ten Regionen der Mathematik beginnt die Mehrdeutigkeit eini­ger Zeichen, die denn auch sofort Schwierigkeiten verur­sa­chen.

Beim Zählen, wo die mini­malste Änderung der Vorstellung eine entspre­chende und so starke Veränderung des Ausdrucks zur Folge hat, hat das Gedächtnis eigent­lich außer den ersten zehn Zahlworten und etwa noch einem Dutzend ande­rer nichts zu merken, als die Bezeichnungen des Dezimalsystems. Die außer­or­dent­li­che Bequemlichkeit dieses Systems besteht gerade darin, daß diese weni­gen Zeichen durch Kombinationen und Permutationen zur voll­kom­men siche­ren Darstellung unend­lich vieler Möglichkeiten genü­gen. Das Gedächtnis merkt sich die Ausdrucksmittel der Kategorien ähnlich, wie es sich in der gewöhn­li­chen Sprache die Kategorien der Grammatik merkt, die Silben, mit deren Hilfe die Fälle des Substantivs, die Konjugationsformen des Verbums und andere Wortzusammensetzungen gebil­det werden. Diese Kategorien des Zählens sind uns so geläu­fig, daß wir für den momen­ta­nen Zweck einer beson­de­ren Zahl sofort auch ihren beson­de­ren Ausdruck bei der Hand haben. Die oben genannte sechs­zif­fe­rige Zahl 756318 gehört dem Sprachschatz nicht mehr und nicht weni­ger an als irgend eine Tempusform des Verbums “zählen”, z.B. “ihr würdet gezählt haben”. Weder diese Tempusform noch die Zahl sind darum in einem Wörterbuche zu finden. Beide gehö­ren der Momentsprache an. Das Gedächtnis braucht mit den unzäh­li­gen Zahlen so wenig belas­tet zu werden, wie mit den zahl­rei­chen Wortformen.

Das Gedächtnis behält nur das mathe­ma­ti­sche Schema; es hält dieses Schema für die Momentsprache bereit. Im Gebrauch der übri­gen Sprache arbei­tet das Gedächtnis — ich kann die Abstraktion der Kürze wegen nicht entbeh­ren eben­falls mit Kategorien, mit denen der Grammatik; aber der Sprachschatz umfaßt so unend­lich mehr Worte als die einfa­chen ersten zehn Zahlen. Natürlich. Denn beim elemen­ta­ren Geschäfte des Zählens handelt es sich eigent­lich um einen einzi­gen Begriff, um den mensch­lich beque­men Begriff der Einheit; rich­ti­ger: um das Verhältnis der Einheit zur Zweizahl. Und ich kann mir eine Sprache ausden­ken, in welcher auch die zehn ersten Zahlworte aus einem gebil­det würden, in welcher die beson­de­ren Worte für hundert, tausend u.s.w. verschwin­den, in der sämt­li­che Zahlworte sche­ma­tisch aus dem Worte für die Einheit (rich­ti­ger: aus dem Verhältnis 1: 2) hervor­ge­hen.

Die Begriffe der übri­gen Sprache lassen eine so sche­ma­ti­sche Entwicklung nicht zu. Unzählige Sinneseindrücke drän­gen und stoßen sich in unse­rem Kopfe, und wir sind froh, daß wir sie in unse­rem Sprachschatz eini­ger­ma­ßen geord­net beisam­men haben. Das formale Gedächtnis für die gram­ma­ti­schen Kategorien ist beim Sprechen eine beson­dere Bequemlichkeit; aber erst das Sachgedächtnis, das heißt das Gedächtnis für die die Sinneseindrücke zusam­men­fas­sen­den Worte, bildet du eigent­li­che Fundament der Sprache. Und jetzt können wir die Frage ins Auge fassen: Wie ist es möglich, daß diese zusam­men­fas­sen­den Worte, während sie sich selbst gar nicht oder nur unmerk­lich verän­dern, in ihrer Bedeutung so außer­or­dent­lich großen Wandel erfah­ren? Wie “Erde” durch die Verbesserungen der Astronomie, wie “Lampe” durch die Verbesserungen der Beleuchtungstechnik. Glauben wir an die Abstraktion eines objek­tiv über dem Einzelgehirn schwe­ben­den Denkens, welches fort­schrei­tet, und dane­ben an die verhält­nis­mä­ßige Stabilität der Volkssprache, in welcher dieses Denken fort­schrei­tet, so ist aller­dings ein klaf­fen­der Gegensatz zwischen Denken und Sprechen vorhan­den. Dann ist das Denken eine körper­lose Gottheit, und die Sprache wird zu ihrem körper­li­chen Werkzeuge. Dann wird das Denken zur Seele und die Sprache zum Stoffe dieser Seele.

Wollen wir diesen Einwand entkräf­ten, so müssen wir schär­fer als bisher das Wesen des Bedeutungswandels betrach­ten. Zwar im allge­mei­nen ist der Sache mit der viel­leicht schon allzu oft hervor­ge­ho­be­nen Tatsache beizu­kom­men, daß es in der Wirklichkeitswelt keine konkrete Volkssprache gibt, sondern nur eine Ähnlichkeit von Individualsprachen, daß auch die Individualsprache noch eine Abstraktion aus einem Menschenleben ist, daß wirk­lich und konkret uns nur noch die Momentsprache sein kann. Dann wird auch der Begriff des Bedeutungswandels zu einem verwor­re­nen Bilde eines Vorgangs im Einzelgehirn, und zwar eines wirk­li­chen, also momen­ta­nen Vorgangs. Doch so ist die land­läu­fige Anschauung nicht zu wider­le­gen. Glaubt doch WHITNEY (Sprachwissenschaft S. 195) gerade durch den Bedeutungswandel bewei­sen zu können, daß das Denken früher da sei als die Sprache, die es darstellt. Ganz naiv verwech­selt er binnen sechs Zeilen die Ausdrücke “Vorstellung”, “Denken” und “Begriff”. Diese Verwechslung ist bis zur Stunde im Betriebe der Sprachwissenschaft so alltäg­lich, daß man, wenn sie sich bei einem so verdienst­vol­len Manne wieder­fin­det, vor Zorn das Buch ergrei­fen und es um den Kopf schla­gen möchte, in welchem Vorstellung und Begriff nicht unter­schie­den werden. WHITNEY sagt an dieser Stelle ganz ahnungs­los, der unzer­trenn­bare Zusammenhang zwischen Begriff und Wort sei darum abzu­leh­nen, weil jede Vorstellung schon für sich bestan­den habe, ehe sie mit einem beson­de­ren Zeichen umklei­det wurde. Ich glaube, das ist ein hand­greif­li­cher Beleg zu dem oben Gesagten, daß nämlich nicht zwischen Denken und Sprechen die Differenz vorhan­den sei, sondern zwischen unse­rem Denken und unse­ren Eindrücken von der Wirklichkeitswelt.

WHITNEY bekämpft meine Anschauung im voraus (wir sehen aus dem histo­ri­schen Teile seines Werkes, welche Lehren ihm dabei vorschweb­ten) durch das Beispiel des Galvanismus: er sei doch als eine Naturkraft aner­kannt worden, bevor noch seine Entdecker sich darüber geei­nigt hatten, welchen Namen sie ihm beile­gen soll­ten. Die Sachlage wird deut­li­cher werden, wenn ich vorerst anstatt des Galvanismus, dessen Namensgeschichte zu weit führen würde, das Beispiel von den Röntgenstrahlen nehme. Der seeli­sche Vorgang ist völlig der glei­che. Eines Tages bemerkte der Professor Röntgen in seinem Laboratorium, daß bei gewis­sen elek­tri­schen Erscheinungen Schatten entstan­den, die eines der bekann­ten Lichter nicht gewor­fen hatte. Er hatte also einen bis dahin noch unbe­kann­ten Sinneseindruck. Er hatte eine neue Beobachtung gemacht, ein neues Apercu. Diese neue Beobachtung wurde, neben­bei bemerkt, zu einer neuen Entdeckung, weil die Beschreibung des neuen Eindrucks dazu führte, von allen bisher­ge­kann­ten Naturursachen abzu­se­hen und eine neue Ursache einzu­fü­gen.

Professor RÖNTGEN war zuerst von dem Anblick verblüfft, wie viel­leicht vor unge­zähl­ten Jahrtausenden ein Mensch darüber verblüfft war, daß Feuer brannte, oder daß ein Stein fiel, oder daß aus einem aufge­ris­se­nen Menschenleibe Blut floß. Auch das waren einmal neue Entdeckungen. Und wenn es wahr ist, daß des Professors Diener die Erscheinung zuerst sah, was man so sehen nennt, so wurde auch unsere Entdeckung zuerst von einem Menschen gemacht, der nicht einmal verblüfft war, Nun wollte Professor Röntgen seine neue Beobachtung mittei­len. Er ist ein so moder­ner Kopf, daß er weni­ger an eine Erklärung als an eine Beschreibung dachte. Auch zur Beschreibung mußte er die Sprache gebrau­chen. Sprache ist aber aller­wege nur die Erinnerung an frühere Sinneseindrücke; sie ist nie und nimmer ohne Bedeutungewandel der Worte zur Beschreibung einer neuen Beobachtung zu gebrau­chen, Diesen Bedeutungswandel mußte Professor RÖNTGEN momen­tan in seinem indi­vi­du­el­len Gehirn vorneh­men, damit er in die Sprache der Zeitgenossen über­ginge. Konnte er die neuen Begriffe für die neue Beobachtung nicht durch Bedeutungswandel aus dem vorhan­de­nen Sprachschatze schöp­fen, so mußte er neue Worte bilden.

Er hat beides getan. Den Bedeutungswandel hat er offen­bar unbe­wußt vorge­nom­men, die Neubildung bewußt und unge­schickt. Der Bedeutungswandel bestand darin, daß er die Ursache des neuen Wunders, der Fluoreszenz und des Schattens, über­haupt “Strahlen” nannte; ich habe noch nirgends die Bemerkung gele­sen, daß die Bezeichnung “Strahlen” für die Hervorrufer jener Schattenwirkung eine Metapher gewe­sen sei, eine bild­li­che Anwendung des Wortes “Strahl”, welches, neben­bei bemerkt, wieder nur eine bild­li­che Anwendung eines älte­ren “Strahl” war. Strahl bedeu­tete einst so viel wie “Pfeil” und es war schon meta­pho­risch, wenn im Althochdeutschen Donnerstrahl (donar­s­trala) so viel wie Blitzstrahl oder Blitzpfeil hieß; in slavi­schen Sprachen heißt das Wort noch immer Pfeil und hängt mit dem Worte für schie­ßen zusam­men. Aus einer veral­te­ten Optik, welche sich die Lichtquelle gewis­ser­ma­ßen schie­ßend dachte, ist unser schein­bar so verständ­li­ches Wort Strahl schon als eine Metapher durch Bedeutungswandel hervor­ge­gan­gen. Im Grunde denken wir uns unter Strahl eine unbe­kannte Ursache von Lichtwirkungen. Als nun Professor Röntgen die Ursache der von ihm neu beob­ach­te­ten Licht‐ und Schattenwirkung zu den Strahlen rech­nete, erwei­terte er den Begriff meta­pho­risch wieder um ein Stück, nämlich: von den unbe­wußt unbe­kann­ten Ursachen von Lichtwirkungen auf die ganz und gar unbe­kann­ten. Es erfuhr also der Gattungsbegriff “Strahl” einen Bedeutungswandel, der mögli­cher­weise in den Definitionen künf­ti­ger Optiken seinen Ausdruck finden wird.

Nun aber handelte es sich darum, der ange­nom­me­nen beson­de­ren Art dieses Gattungsbegriffs Strahl auch einen beson­de­ren Namen zu geben. Professor RÖNTGEN schlug den bequems­ten Weg ein, In der Mathematik wird mit X die Unbekannte bezeich­net, und so nannte er in seiner ersten Beschreibung die unbe­kann­ten Strahlen “X‐Strahlen”. (Hie und da wurde das selt­same Wort sogar fälsch­lich als “Zehner‐Strahlen” gele­sen.) Da wir unter Strahlen nur die unbe­kann­ten Ursachen verste­hen, so ist für uns der Ausdruck X‐Strahlen frei­lich nur ein X2. Das neben­bei. Die Bezeichnung X‐Strahlen war ebenso gut wie eine andere. Die freund­li­chen Zeitgenossen haben sie jedoch nicht ange­nom­men. Binnen weni­gen Monaten führ­ten sie in den Zeitungen das Wort Röntgenstrahlen ein, zu Ehren des Entdeckers, so wie vor hundert Jahren der erste Entdecker gewis­ser Elektrizitätserscheinungen dem Galvanismus seinen Namen gab, trotz­dem er die Erscheinung falsch erklärt hatte, und trotz­dem die eine Zeitlang konkur­rie­rende Bezeichnung Voltaismus den besse­ren Beobachter und Beschreiber geehrt hätte.

Wenn man nun sagt, die Beobachtung der Wirkungen von Röntgenstrahlen sei früher dage­we­sen als das Wort, so ist das gewis­ser­ma­ßen mecha­nisch rich­tig; aber nur die Beobachtung war früher da, nicht der Begriff. Und selbst die Beobachtung, die neue Entdeckung entstand in der Individualseele des Professors Röntgen erst in dem Augenblicke, als er die Lichtwirkung zum ersten Male apper­zi­pierte, das heißt als er die Wirkung als eine Lichtwirkung wahr­nahm, das heißt als er sie mit den Wirkungen ande­rer unbe­kann­ten Ursachen, ande­rer Strahlen in seinem Gedächtnisse verglich. Ich sagte eben: Sprache ist immer nur Erinnerung, kann ohne Bedeutungswandel nie auch nur zur Beschreibung neuer Beobachtungen benützt werden. In diesem Augenblicke der Vergleichung erwei­terte sich für Röntgen (was seit­dem zu einer Erweiterung des Sprachgebrauchs gewor­den ist) der Begriff der Strahlen, und ob man diesen erwei­ter­ten Begriff X‐Strahlen oder Röntgenstrahlen nennt, das ist so indi­vi­du­ell und so momen­tan wie die Frage, ob ich Bicycle oder Rad sage. Wirklich statt­ge­fun­den hat nur ein Akt des Gedächtnisses. Die Erinnerung daran ist zugleich eine Bereicherung unse­res Denkens und unse­rer Sprache, einer­lei ob die Bereicherung der Sprache durch Bedeutungswandel oder durch eine Neubildung zu stande gekom­men ist.

Hier wie an vielen ande­ren Stellen könnte man mir einwer­fen: Daß sagen ja andere auch, selbst MAX MÜLLER. Selbst MAX MÜLLER nimmt ja in hellen Augenblicken einen voll­kom­me­nen Parallelismus zwischen Denken und Sprechen an, ein Verhältnis etwa wie zwischen Seele und Leib. Desto besser, wenn andere dasselbe sagen. Nur genügt mir eben der Parallelismus nicht. Das Bild ist grund­falsch. Ich kann “Leib” sagen und ihn vorstel­len und von seiner Innenseite völlig abstra­hie­ren. Ich kann mir die Seele oder geis­tige Vorgänge vorstel­len und dabei von der Außenseite, dem Leibe, abstra­hie­ren. Ich kann an Denken denken und vom Sprechen abse­hen. Niemals aber kann ich mir ein “Sprechen” vorstel­len ohne seine Innenseite, das Denken.

Wie beim Zählen ist also auch beim ganz ande­ren Bedeutungswandel Denken und Sprechen nicht zu tren­nen. Sprache ist immer Erinnerung. Freilich sollte man weiter nicht eben fragen, ob ein Gedächtnis ohne Gedächtniszeichen möglich sei. Vielmehr: ob eine Erinnerung an die Wirklichkeitseindrücke ohne Zeichen möglich sei. Die Menschen sind geneigt, das Zeichen von der Kraft zu unter­schei­den, die es geschaf­fen hat. Wir wollen nicht zuge­ben, daß der preis­ge­ge­bene Nordpolfahrer, der vor seinem Tode auf einer fernen Insel zum Zeichen seiner Anwesenheit Steine über­ein­an­der schich­tete, iden­tisch sei mit diesem Monument seines Lebens.

Aber die Zeichen der Sprache sind ja ohne äußer­li­che Hilfsmittel herge­stellt; man braucht für diese Zeichen keine Steine. Der Bildner der Sprachlaute ist nicht wie ein Architekt, der Material braucht. Die Sprache des reden­den Menschen besteht aus Zeichen, die ein Teil seines Lebens sind, ein Teil seiner Lebensbewegungen. So gehö­ren die Zeichen der Sprache noch inni­ger zu seinem Ich, als etwa selbst die Gebeine des armen Nordpolfahrers zu ihm selbst gehört haben, die jahr aus, jahr­ein im Eise der einsa­men Insel verbor­gen liegen, unge­se­hen und unver­än­dert, und dennoch ein gülti­ge­res Zeichen seiner Anwesenheit als der Steinhaufe, den er errich­tet hat.

Published inDas Wesen der Sprache 2

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