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Kategorie: Mauthner — Gesellschaft für Sprachkritik

20. Subjektivismus

Wie wir sagen, mein Kopf tut mir weh, so müßten wir auch sagen können, meine Zunge schmeckt gut … man würde ausge­lacht, weil die Sprache niemals der neues­ten Erkenntnis entspricht.” Was nun KANT in seiner Weise, trotz allen scho­las­ti­schen Wortaberglaubens und trotz­dem er die bereits aufkei­mende Entwicklungslehre nicht ahnte, mit…

21. Friedrich Nietzsche

Und Nietzsche vergleicht die Sprache gut mit Logik und Mathematik, die viel­leicht nicht entstan­den wären, wenn man in Urzeiten gewußt hätte, daß es keine wirk­li­che Identität und keine abso­lut gerade Linie gibt.” Bei NIETZSCHE wird ein Gedanke, der unsere armen fünf Sinne als Zufallssinne ansieht und danach den Wert ihres…

22. Beschränkung der Sinne

Alle Begriffsbildung oder Namengebung ist Klassifikation oder Aufmerksamkeit auf Ähnlichkeiten. Alle Aufmerksamkeit auf Ähnlichkeiten oder Klassifikation ist eine Funktion unse­rer Sinnesorgane.” Wir besit­zen fünf oder viel­mehr sechs Sinne. Durch Vergleichung ihrer Mitteilungen unter­ein­an­der gelan­gen wir zu der Einsicht, daß jedes einzelne von den Sinnesorganen nur einen beschränk­ten Teil des Gebietes…

23. Weltbild der Amöbe

Das Mikroskopieren verführt zu falscher Namenerfindung. Freilich ist das nur der glei­che Irrtum, der nicht­mi­kro­sko­pie­rende Menschen auf die Vortrefflichkeit ihrer unbe­waff­ne­ten Sinnesorgane vertrauen läßt.” Ich habe also bisher gezeigt, daß der Gehörsinn, der Wärmesinn und der Gesichtssinn selbst von denje­ni­gen Wirklichkeitsvorgängen, auf welche wir durch Kombination aller Sinneswahrnehmungen zu schlie­ßen…

24. Subjektivität

Die Subjektivität unse­rer Welterkenntnis beschränkt sich also nicht auf Empfindungen, Gefühle u.s.w., die Subjektivität gehört zum Wesen unse­res Denkens oder unse­rer Sprache.” Jede Vorstellung ist allein die Wirkung der Außenwelt auf das Ich, also eine äußere Bewegung, die sich in ein Bild verwan­delt hat; jede Vorstellung ist real. Jede Vorstellung…

25. Stimmung und Wortbildung

Gute Stimmung ist gute Gedankenklarheit, Heiterkeit ist Klarheit, wie am Himmel.” “Stimmung” ist ein viel­deu­ti­ges Wort. Zwischen der Stimmung einer Stimmgabel, die sich mathe­ma­tisch auf 870 Schwingungen in der Sekunde für das einge­stri­chene a ange­ben läßt, und zwischen der soge­nann­ten Stimmung einer Landschaft, die sich weder beschrei­ben noch erklä­ren läßt,…

26. Laura Bridgman

Und wie bei Laura Bridgman gibt es auch bei Vollsinnigen ganze Wortgruppen, beson­ders aus dem Gebiete der Moral und Theologie, der Philosophie und der Ästhetik, die sie zum bloßen Schwatzvergnügen einge­übt haben, weil der Schullehrer sie ihnen auf der Schule, dem Gymnasium oder der Universität beibrachte.” Wir behaup­ten, das Weltbild…

27. Ähnlichkeit und Sprache

Unsere ganze Klassifikation der Natur, also unsere ganze Sprache ist begrün­det auf das wech­selnde Spiel von Ähnlichkeiten, von denen wir fast niemals wissen, ob sie zufäl­lige oder ererbte Ähnlichkeiten sind.” Der alte grie­chi­sche Satz, der in seiner latei­ni­schen Übersetzung Similia simi­li­bus cognos­cun­tur (Ähnliches wird durch Ähnliches erkannt) unzäh­li­ge­mal wieder­holt worden…

28. Gedächtnis

Es sind eben immer nur Worte gespro­chen worden, deren Bedeutung sich unauf­hör­lich durch den Einfluß der Nachbarworte verschiebt. Auf diese Weise kann man im Banne der Sprache entsetz­lich tief­sin­nig philo­so­phie­ren, ohne vorwärts zu kommen.” HOBBES, der mit seinen Freunden GASSENDI und MERSENNE von der Notwendigkeit einer nomi­na­lis­ti­schen, d. h. mate­ria­lis­ti­schen…

29. Vergleichung

Auf der gefäl­li­gen Annahme der Gleichheit beruht unser ganzes geis­ti­ges Leben.” Haben wir nämlich einge­se­hen, daß das gesamte Gedächtnis des Menschengeschlechtes oder das Denken oder die Sprache ein Vergleichen ist (wobei, wie wir sahen, Ähnliches schon gleich genannt wird), so läßt sich alle Denktätigkeit in zwei unge­heure Gruppen eintei­len, welche…

30. Ideenassoziation

Man kann sagen, daß für den gebil­de­ten Durchschnittsmenschen das Wort die Ursache aller Gedankenketten ist, die allei­nige Ursache.” Man kann sagen, daß für den gebil­de­ten Durchschnittsmenschen das Wort die Ursache aller Gedankenketten ist, die allei­nige Ursache.Nun folgen aber die Einzelerinnerungen nicht nur so in der Zeit aufein­an­der, wie sie durch…

31. Abstraktion und Traum

Dem Spiel des Lichts auf unzäh­li­gen Wassertropfen glei­chen die Ideenassoziationen im wachen Zustande wie die im Traume. Im Traume wie im Wachen springt unsere Phantasie von einem Lichtpunkte zum ande­ren und baut die luftige Brücke des Regenbogens auf golde­nen Schüsselchen, die nirgendwo stehen.” Die Sprache ist also die Hauptquelle aller…

32. Wortbildung

Es ist endlich Zeit, daß die Menschheit ihre Sprache, d.h. ihr Gedächtnis entfe­ti­sche, nach­dem sie durch unge­zählte Jahrtausende Abstraktionen oder Fetische gehäuft, und ihren Müllkasten die Schatzkammer ihres Geistes genannt hat.” Der gelehrte Logiker unter­schei­det gern das laien­hafte natür­li­che Denken vom eigent­li­chen, vom bewuß­ten Denken. Für mich ist auch Selbstbewußtsein…

33. Das Vergessen

Das Vergessen ist in der Wirklichkeit, kann also keine bloße Negation sein. Daß es eine Tätigkeit ist, wird uns bewußt, wenn wir etwas verges­sen wollen und uns die Ausführung unse­rer Absicht mühe­voll oder unmög­lich wird.” Was wir also recht mensch­lich den Grundfehler des Gedächtnisses genannt haben, das ist sein Wesen.…

34. Aufmerksamkeit und Logik

Alle Erkenntnistheorie ist zuletzt Psychologie, und an eine wissen­schaft­li­che Psychologie ist nicht zu denken, solange die psycho­lo­gi­schen Grundbegriffe unklar und undeut­lich im Sprachgebrauche schwan­ken.” Es wäre nun ganz hübsch, den schwie­ri­gen Begriff des Bewußtseins zu elimi­nie­ren und das Bewußtsein in die beiden Zustände oder Tätigkeiten der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses…

35. Wahnsinn

Das philo­so­phi­sche Genie muß sich selbst über die Achsel sehen können beim Denken, muß sich ein Übergedächtnis, eine Übersprache anschaf­fen, es muß die Neubildung zu seinem Alltagsorgan machen. Das muß ein fester Kopf sein, der dies aushält.” Denken oder Sprechen ist für uns die Übung oder Fähigkeit, die Zeichen für…

36. Bewusstsein und Sprache

Das Selbstbewußtsein ist die Kulisse, hinter der die Schauspieler und Statisten schla­fen, gähnen, essen oder plap­pern, um auf ein Stichwort einzeln vorzu­tre­ten, sowie der Souffleur oder Inspizient oder die Assoziation es befiehlt.” Meine Lehre oder Behauptung, daß — um es dies­mal sprach­lich auszu­drü­cken, soweit es geht — die Worte: Seele,…

37. Verstand und Vernunft

Das Selbstbewußtsein ist die Kulisse, hinter der die Schauspieler und Statisten schla­fen, gähnen, essen oder plap­pern, um auf ein Stichwort einzeln vorzu­tre­ten, sowie der Souffleur oder Inspizient oder die Assoziation es befiehlt.” Indem LIPPERT GEIGERs Einfall, daß die mensch­li­che Sprache die Ursache der mensch­li­chen Vernunft sei, aufnimmt und gut heißt,…

38. Ichgefühl

Das Ichgefühl ist eine Täuschung, ist die Täuschung der Täuschungen. Ist aber das Ichgefühl, ist die Individualität eine Lebenstäuschung, dann bebt der Boden, auf welchem wir stehen, und die letzte Hoffnung auf eine Spur von Welterkenntnis bricht zusam­men.” Es ist bekannt, daß Kinder verhält­nis­mä­ßig spät zum rich­ti­gen Gebrauch des Wortes…

39. Erkenntnisse und Wirklichkeit

Nicht ein Traum ist unsere Lehre, sondern die wache Besinnung darüber, daß wir an der Wirklichkeitswelt zwei­feln müssen, daß sogar ganz gewiß das Wort Wirklichkeit ein Bild für die Ursache der Sinnesempfindungen ist.” Die Unerkennbarkeit des Subjekts des Ichs ist schon im Upanishad abgrün­dig ausge­spro­chen (nach DEUSSEN): “Nicht sehen kannst…

1. Zeit und Raum

Holt mir einen Bauern vom Pfluge, macht ihm die Frage verständ­lich, und er wird euch sagen, daß, wenn alle Dinge am Himmel und auf Erden verschwän­den, der Raum doch stehen bliebe, und daß, wenn alle Veränderungen am Himmel und auf Erden stock­ten, die Zeit doch fort­liefe.”- ARTHUR SCHOPENHAUER Die Grundbegriffe…

2. Bewusstsein

Bewußtsein “Die Regeln des Universums, die wir zu kennen glau­ben, sind tief in unse­ren Wahrnehmungsprozessen begra­ben.”- GREGORY BATESON Allen empi­ris­ti­schen Richtungen ist die ausschließ­li­che Anerkennung der sinn­li­chen Erfahrung als Quelle der Erkenntnis des Wirklichen gemein­sam. Die Empfindung scheint zwin­gend real. Wer realis­tisch denkt, setzt Erkenntnis mit Wahrnehmung gleich. Daß die…

3. Logik

Die Logik ist geknüpft an die Bedingung gesetzt, es gibt iden­ti­sche Fälle.” — FRIEDRICH NIETZSCHE Organisation des Denkens bedeu­tet Einheit und Ordnung in unsere Gedankenwelt zu brin­gen. Ordnung gibt Sicherheit. Die ideale Ordnung ist das voll­endet Logische. Der Kern des Denkens, der Logik und der objek­ti­ven Wissenschaft sind Symbole und…

4. Sprache

Die Grammatik ist auto­nom und keiner Wirklichkeit verant­wort­lich.” — FRIEDRICH WAISMANN Das Verstaendnis des Phaenomens Sprache ist entschei­dend fuer das Verstaendnis der Wirklichkeit. Das Verhaeltnis des Begriffs zur sinn­li­chen Anschauung ist dabei das Koenigsproblem des Denkens. Aufbau der Wirklichkeit aus festen Elementen ist Bedingung fuer ihre Beschreibbarkeit. Waere es anders…