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Firtz Mauthner über den Sinn des Lebens

Niemals kann ich ohne stil­lere oder lautere Heiterkeit Bücheranzeigen lesen, die mit Titeln anlo­cken wie: der Sinn des Lebens, der Wert des Lebens, der Unfug des Sterbens usw. Meinem Bilde von der Geistesarbeit der Zunftphilosophen würde ein humo­ris­ti­scher Zug fehlen, wenn nicht auch der Nobelpreisträger Eucken, der drei­ßig Jahre vorher mit so schö­nen wort­ge­schicht­li­chen Untersuchungen einge­setzt hatte, ein geschätz­tes Buch mit der sehr gründ­li­chen Überschrift »Der Sinn und Wert des Lebens« heraus­ge­ge­ben hätte. Freisinnige Nachmittagsprediger schwat­zen über nichts lieber als über den Sinn des Lebens; da sind die Mathematiker doch viel anstän­di­ger, die unter­ein­an­der ausge­macht haben, über die Quadratur des Zirkels keine Abhandlungen mehr zu schreiben.

Es gibt aber unter den Lesern dieser frei­sin­ni­gen Postillen viele unklar ringende Geister, die von der star­ken und tiefen Empfindung ausge­hen, dass das Leben wirk­lich wich­ti­ger sei als das Wissen, das Gefühl für den mensch­li­chen Glücksreichtum bedeu­tungs­vol­ler als die Wissenschaft; diese Geister, Frauen und Männer, haben erkannt, dass sie von allen Wissenschaften nur in den Vorzimmern der großen unnah­ba­ren Natur aufge­hal­ten werden als wie von ange­stell­ten Bedienten, dass ihnen der »Sinn« der objek­ti­ven Welt durch die so genann­ten Naturgesetze niemals aufge­hen werde. Weil ihnen nun ihr Innenleben ohne­hin und mit Recht näher schien als die ganze übrige Welt mit ihren Sternen, Menschen, Tieren, Pflanzen und Gesetzen, näher als eben die ganze Außenwelt, stürz­ten sie sich aus ihrer Verzweiflung an der Wissenschaft auf den sehn­süch­ti­gen Wunsch, über das Nächste mehr zu erfah­ren als über das Ferne. Mit gläu­bi­gem Ernste hoff­ten sie, von den reli­giö­sen Antworten unbe­frie­digt, von den frei­geis­ti­gen Denkern oder, wenn es nicht anders ging, von Mystikern die Antwort zu hören auf die alte Kinderfrage: Woher? Wohin? Warum?

Nicht um der gut gemein­ten Bücher willen, wohl aber um der Seelennot willen, die da fragt, soll hier der Versuch gemacht werden, die Wortfolge »Sinn des Lebens« einmal zu unter­su­chen. Ernsthaft.

Da ist zunächst fest­zu­stel­len, dass alle diese Bücher, wenn sie nicht Poesie sind, eine Fälschung bege­hen durch einen Titel, der eine Antwort auf die verzwei­felte stam­melnde Frage zu geben verspricht, der aber im Grunde nur eine Wiederholung der Frage (ohne Fragezeichen) ist. Ein Narr wartet auf Antwort. Die Überschriften müss­ten ehrli­cher­weise heißen: Hat das Leben einen Sinn? Hat das Leben einen Wert? Ehrlicher-, aber nicht verstän­di­ger­weise. Denn auch die Frage ist, wie ich zeigen will, in dieser Form wenigs­tens, sinn­los. Der Pessimismus im Ausdruck ist ebenso dumm wie der Optimismus. Weil die uralte Frage dumm gestellt ist. Sehen wir uns zuerst die beiden Worte »Sinn« und »Leben« an, um uns zu über­zeu­gen, dass jedes ein schwan­ken­des Zeichen ist, und dass ihre Zusammenkoppelung sich eigent­lich gar nicht voll­zie­hen lässt, zwei ungleich gekrümmte und unsau­bere Spiegel, deren jeder ein Zerrbild bietet, das völlig gestalt­los wird, wenn der eine Spiegel das Zerrbild des ändern noch weiter verzerrt. Ich halte mich an die deut­schen Ausdrücke; es wäre sehr leicht, ähnli­che Betrachtungen über »Sinn«, genau die glei­chen über »Leben« in ändern Sprachen anzu­stel­len. Denn auch die Zerrbilder der Sprache wandern von Volk zu Volk.

Wir reden wie sprich­wört­lich von der langen Rede kurzem Sinn, von dem dunk­len Sinn einer Rede, stel­len den Sinn dem Buchstaben entge­gen, bekla­gen die Sinnlosigkeit eines notwen­di­gen Ereignisses oder einer sprach­lich ganz unta­de­li­gen Äußerung, unter­schei­den dem Sinne nach an einem Worte mehrere Bedeutungen, suchen womög­lich den höhe­ren oder (was genau ebenso viel heißt) den tiefe­ren Sinn. Unmerklich hat dieser Sprachgebrauch jede Vorstellung, die mit dem Worte verbun­den wurde, verblas­sen lassen, bis »Sinn« zu einem über­flüs­si­gen Füllworte wurde, zu der Umschreibung einer Partikel; wie in alten und neuen Redensarten, wo es durch das voll­tö­nende, aber sinn­arme »Art und Weise« ersetzt werden kann. In dem Verse eines alten Tiroler Passionsspiels, »dass ich erstan­den bin von des Todes Sinn«, könnte »Sinn« einfach fort­ge­las­sen werden.

Ich fürchte, »Sinn« könnte über­all da fort­ge­las­sen werden, wo es in diesem Sprachgebrauche das Wesentliche einer Tat, eines Kunstwerkes oder eines Gedankens bezeich­nen soll. Immer scheint mir da ein pedan­ti­scher Lehrer etwas erklä­ren zu wollen, was der Schüler entwe­der aus der Tat, dem Kunstwerke oder dem Gedanken mit besse­rem Nutzen von selbst begrif­fen hätte oder was er aus der Verwässerung des Lehrers niemals begrei­fen wird. Wie dem auch sei, was diesem Sprachgebrauche zugrunde liegt, ist immer die Verwechslung zwischen dem Wesentlichen einer Tat, eines Kunstwerks, eines Gedankens mit einer Absicht oder einem Zwecke des Täters, des Künstlers, des Denkers. Man könnte natür­lich diese Verwechslung oder diesen Irrtum auch einen bild­li­chen Sprachgebrauch nennen: Das Wesentliche einer leib­li­chen oder geis­ti­gen Äußerung wird mit einer Endursache vergli­chen, mit ihrem Zwecke; und dieser Zweck wird bild­lich ihr Sinn oder Verstand genannt, weil man bei einer Absicht oder einem Zwecke Verstand voraus­setzt. Darauf aber kommt es ja an, ob das Bild oder die Vergleichung besser oder schlech­ter gewählt ist. Das Bild passt aber umso schlech­ter, die Vergleichung wird umso irre­füh­ren­der, je weni­ger sich mit dem Gegenstande, nach dessen Sinne geforscht wird, die Vorstellung eines Zweckes verbin­den lässt; und selt­sam, just in Verbindung mit dem Lebensbegriff, der nur in ganz anderm Zusammenhange an Zweckmäßigkeit denken lässt, bezeich­net »Sinn« ganz beson­ders lebhaft, fast leiden­schaft­lich, einen Zweck.

Ich will die Verfasser von lehr­haf­ten Büchern über den »Sinn des Lebens« nicht schi­ka­nie­ren; sie können sich damit ausre­den, dass sie nicht an einen bewuss­ten, sondern an einen unbe­wuss­ten Zweck gedacht haben, dass der Sprachgebrauch (sehr unge­nau, wie sie mir werden zuge­ben müssen) mit der Wortfolge »Sinn des Lebens« die Ahnung von etwas Unbestimmtem verbin­det. Was denn? Eine Sehnsucht, einen Aufschwung nach etwas, was höher steht als das Leben. Ein Emporstreben nach Dingsda. Also doch wohl nach einem Zwecke. Die Ursachen zu ergrün­den ist Sache der »klei­nen« Wissenschaft; die Endursache zu finden ist Sache derer, die uns über den Sinn des Lebens beleh­ren wollen. Das sei nicht sinn­los, nicht zweck­los. Nur dass die Ausflucht eines unbe­wuss­ten Zweckes erst recht darüber im Unklaren lässt, wer sich den Zweck vorge­nom­men hat und für wen. Die ewige Warum-Frage der Kinder und Weisen wird ihrer Lösung durch die Antwort »Sinn« nicht um Haaresbreite näher gebracht. Es besteht nicht der geringste Unterschied zwischen der Frage »Warum leben wir?« und der Scheinantwort »Das Leben hat einen Sinn«. Wenn es einem dieser Lebensphilosophen gelun­gen wäre, dem Schöpfer, der Natur, der Entwicklung irgend­eine fass­bare, bewusste oder unbe­wusste, Absicht unter­zu­le­gen, dann wäre der Satz keine so leere Tautologie; das ist aber bisher nicht gelungen.

Und es konnte nicht gelin­gen, weil der zweite Begriff noch schwan­ken­der ist als der erste. Das zum Substantiv gewor­dene Verbum »Leben« bezeich­net zunächst allge­mein einen Gegensatz zu der so genann­ten toten Materie, bezeich­net also die Fähigkeit oder die Eigenschaft der Tiere (neuer­dings mit bild­li­cher Übertragung, auch die Wachstumsmöglichkeit der Pflanzen), sich von selbst zu bewe­gen. Nun beschäf­tigt sich die Wissenschaft ausschließ­lich mit den physio­lo­gi­schen Lebenserscheinungen, forscht unauf­hör­lich (und frucht­los, weil auch diese Frage falsch gestellt ist) nach den Ursachen dieser will­kür­li­chen Bewegung, nicht nach ihren Endursachen. Die Gemeinsprache versteht aber unter »Leben« auch einen Komplex, der mehr begreift als die bloßen Bewegungserscheinungen. Die Dauer des Lebens, der verschie­dene Beruf der Menschen, beson­ders aber die Art des Lebens (zum Beispiel, ob es glück­lich oder trau­rig ist) wird mitver­stan­den und in dieser Beziehung von Dichtern und Denkern »Leben« gesagt, wo entwe­der ganz allge­mein die Zeit eines Menschenlebens oder die Anwendung dieser Zeit gemeint ist.

In der Frage nach dem Sinn des Lebens ist also nur die Frage selbst, eigent­lich nur der fragende Ton ganz eindeu­tig; die beiden Hauptbegriffe können in jedem Zusammenhange etwas ande­res bedeu­ten, werden auch nicht, wie das im Leben der Sprache sonst alltäg­lich ist, durch­ein­an­der erklärt. Nur etwa in eini­gen reli­giö­sen Systemen könnte man vom Sinne des Lebens unge­fähr wie von dem Sinne oder der Lehre einer Fabel reden; bei »Leben« denkt man da an die Gesamtheit der leben­den Wesen, insbe­son­dere der Menschen, und darf getrost nach der Lehre oder der Moral so eines Teiles der Schöpfung fragen; die Antwort steckte heim­lich schon in der Schöpfungsgeschichte. Aber die unge­dul­di­gen und licht­hun­gern­den Männer und Frauen, um derent­wil­len wir die Rätselworte aufzu­drö­seln versu­chen, geben sich ja eben mit der alten Antwort dieser reli­giö­sen Systeme nicht zufrie­den. Sie wollen nicht glau­ben, sie wollen wissen. Und weil sie doch wieder am Wissen verzwei­feln, so stre­ben sie doch wohl nach einem neuen Glauben, nach einer neuen Erlösung. In immer neuen Wortbildern forschen sie nach einer Beschwörungsformel, die sie von dem Alb der Verzweiflung befreien könnte. Ist das Leben lebens­wert? Soll man das Leben beja­hen oder vernei­nen? Ist das Leben wirk­li­cher oder der Tod? Ist der Ruf »O war’ ich nie gebo­ren!«, der in den Dichtungen so vieler Jahrhunderte ausge­sto­ßen worden ist, berech­tigt oder nicht? Und der Mystiker fügt gar hinzu: »Ist die Vollendung im Geiste, ist die Vereinigung mit dem All-Einen das Leben oder der Tod?« Alle diese Sehnsüchte aus hungern­den Augen liegen in der herge­brach­ten Frage: »Hat das Leben einen Sinn? Hat das Leben einen Wert?«

In dieser letz­ten und unwill­kür­li­chen Umformung der Frage verrät sich aber ein Egoismus, meinet­we­gen ein edler und geis­ti­ger Egoismus, des Fragers. Es gibt nur rela­tive Werte; was nicht begehrt wird, was nicht Ziel eines Willens, was nicht ein Zweck werden kann, das hat keinen Wert. Ohne Beziehung zu irgend­ei­nem Menschenwillen kann sich der Mensch einen Wertbegriff nicht vorstel­len. Natürlich kann man die Lautfolge »abso­lu­ter Wert« ausspre­chen oder nieder­schrei­ben; aber der Tag dürfte nicht mehr fern sein, an dem es für unan­stän­dig gelten wird, das abge­grif­fene, unan­sehn­lich gewor­dene Wörtchen »abso­lut« immer wieder für bare Münze auszu­ge­ben. Denken wir also bei »Wert« beschei­dent­lich nur an die Befriedigung eines Wunsches, viel­leicht an die Annäherung an ein idea­les Ziel, so wider­spricht es durch­aus nicht dem Sprachgebrauche, an das Leben die Forderung zu stel­len, dass es wenigs­tens einen Wert habe, wenn es schon keinen Sinn hat, keinen verstän­di­gen Inhalt. Denn wir haben ja gese­hen, dass wir uns unter »Sinn«, ob wir wollen oder nicht, so etwas wie die Erreichung eines Wunsches vorstel­len, die Befriedigung eines nach einem Ziele stre­ben­den Willens. Ganz banal hätten wir ja die feier­li­che Schicksalsfrage auch so stel­len können: »Was haben wir vom Leben?« Die hungern­den Augen sagen uns übri­gens deut­li­cher, als es der Mund sagen konnte, dass es ihnen nicht um ein biss­chen mehr oder weni­ger Erkenntnis und Verstandesbereicherung zu tun ist, sondern einzig und allein um ein Herzensbedürfnis, um den Aufschrei eines Gefühls. Die Frageform <

Nun haben frei­lich aller­lei Philosophen dem Einzelnen das Recht abge­spro­chen, aus seiner klei­nen persön­li­chen Erfahrung ein Werturteil über den Sinn oder den Wert des Weltganzen zu bilden. Es stehen sich da seit langer Zeit die zwei Weltanschauungen gegen­über, die mit den beiden Fremdwörtern Optimismus und Pessimismus unsäg­lich schlecht ausge­drückt werden. Mit trüge­ri­scher Rechenschaft hat man die Summen aller Leiden und Freuden zu ziehen gesucht und hat, wie das in der Statistik zu gehen pflegt, stets das gewünschte Ergebnis gefun­den. Eduard von Hartmann hat, noch scho­las­ti­scher als Schopenhauer, in einer ebenso glän­zen­den wie falschen Rechnung, das Elend der Welt bewie­sen; Dühring, Lubbock und Schleich {um nur einige zu nennen) haben den Gegenbeweis geführt. Allgemein wäre dabei zu beach­ten, dass die Pessimisten dem gefähr­li­chen Schlüsse aus ihrer Lehre, der Aufforderung zum Selbstmorde, mit meta­phy­si­schen Gründen ausge­wi­chen sind, dass die Optimisten den beque­men Schluss aus ihrer Lehre gezo­gen haben: »Freut euch des Lebens!«, oder gar: »Ihr sollt und müsst euch des Lebens freuen!« Wie schön ist die Zeichnung jedes Blumenblattes, wie reiz­voll die Bewegung jedes leben­di­gen Tieres! Wie beglü­ckend der tägli­che Anblick der Natur!

Da gibt es aber die jüngs­ten unter den fragen­den und hungern­den Augen, denen aller Naturgenuss vergällt worden ist durch die schreck­li­che neue Tafel, die Nietzsche vor ihnen aufge­stellt hat: »Alle Lust will Ewigkeit.» Für den Dichter Nietzsche war diese Forderung gerade gut genug, ihm so etwas wie eine mora­li­sche Notwendigkeit seiner Phantasie von der ewigen Wiederkunft zu begrün­den. Die echtes­ten Schüler Nietzsches, die sich in seine tragi­sche Persönlichkeit als verwandte Seelen am stärks­ten einge­fühlt haben, glau­ben jetzt vor einer schwe­ren Entscheidung zu stehen: Sie müssen entwe­der die unfass­bare Religion der ewigen Wiederkunft des Gleichen mit halber Überzeugung beken­nen, oder sie müssen jede Lebensfreude verächt­lich finden, die die Gewähr der Ewigkeit nicht in sich trägt. Sie müssen sich mit der Tatsache des Todes abfin­den. Wirklich haben die Optimisten oft genug mit schil­lern­der Sophistik den Tod geleug­net, ihn für eine Negation erklärt, für ein Nichts. Womit den müden, fragen­den Augen natür­lich keine Ruhe gebracht wurde.

Diese jüngs­ten und frei­es­ten Wahrheitssucher verschmä­hen die Lebensfreude der Raupe, die stumpf auf ihrer Pflanze kriecht und für einen Zweck, der nicht mehr Raupenzweck ist, behag­lich ein Blatt nach dem ändern frisst; sie verschmä­hen aber auch die höhere Lebensfreude des Schmetterlings, der in Schönheit schim­mert, der sich begat­tet — wieder für einen frem­den Zweck -, aber nach weni­gen Stunden oder Tagen ster­ben muss. Ob mit einer Raupenseele, ob mit einer Schmetterlingsseele, auch der Mensch kann nur etwa ebenso viele Jahrzeh nie das Dasein genie­ßen. Und alle Lust will Ewigkeit. Die trübe Stimmung dieses Kehrreims würde nicht abge­schwächt, wenn man sagen wollte: »Lauscht auf das Wörtchen >Dasein

Für eine weit verbrei­tete Stimmung wie die des Weltschmerzes wird leicht zuge­ge­ben werden, dass sie einem geis­ti­gen Nachahmungstriebe entsprang, gelehrt ausge­drückt einer Suggestion, einfach ausge­drückt einer Mode. Die Stimmung muss frei­lich in der Luft gele­gen haben; der Weltschmerz Lord Byrons und die Weltverneinung Schopenhauers traten fast gleich­zei­tig auf. Wie also, wenn auch der felsen­feste Glaube an das eigene Ich und somit auch die Frage nach dem Sinne oder Werte des eige­nen Lebens nur eine Suggestion wäre? Wenn das geprie­sene Ich in Atome zerfiele und immer nur auf der Stecknadelspitze einer Gegenwart stünde? Dann wäre jede einheit­li­che Gesamtstimmung eine sugge­rierte Selbsttäuschung, die gegen die unzäh­li­gen lebens­kräf­ti­gen Stimmungen des Augenblicks nicht aufkom­men könnte.

Nirgends lässt sich das Zerfallen einer schein­bar festen Weltanschauung in Stimmungen so gut aufzei­gen wie bei den Dichtern, beson­ders bei den Dramatikern, die ihre tiefs­ten Gefühle auf die Geschöpfe ihrer Einbildungskraft vertei­len. Goethe, der das Alleinrecht der Gegenwart oft vertei­digte, der für die Daseinsfreude den reins­ten Ausdruck fand, der seinen helden­haf­ten Genießer Egmont noch im Angesichte des Todes von dem »süßen Leben, der schö­nen, freund­li­chen Gewohnheit des Daseins« reden ließ, lieh doch wieder seinem ganz ändern Faust die ebenso selbst erlebte Stimmung: »So ist mir das Dasein eine Last, der Tod erwünscht, das Leben mir verhasst.« Und Lenau, der Jünger Lord Byrons, ist nicht mehr ganz Dichter, wenn er seinen realis­tisch über­le­ge­nen Mephisto den Weltschmerz seines Faust kriti­sie­ren lässt: »Hier seh ich einen Narren leiden, der sieht die Blumen Gesichter schnei­den.« Goethe war ein Mensch mit seinem Widerspruch und durfte, musste es wagen, seinen Übermenschen als einen Menschen mit seinem Widerspruch zu gestal­ten. Alle, alle gelten zu lassen. Niemals abzu­spre­chen. Nicht einmal über den Sinn, über den Wert des Lebens.

Die fragen­den, licht­hun­gern­den Wahrheitssucher könn­ten schwer­lich eine befrie­di­gende Antwort darin finden, wenn man ihnen zuriefe: Ist ja nicht wahr, dass ihr durch Denken zu einem neuen Gefühle gelan­gen könnt! Ihr seid nach eurer Natur entwe­der froh oder unfroh, heute so und morgen so, grund­los froh oder grund­los unfroh. Einen Sinn hat euer Suchen noch weni­ger als »das Leben«.

Vielleicht aber doch, wenn man ihnen die Gegenfrage stellte: »Ihr habt die Sehnsucht und die Kraft, dort zu suchen, wo Hunderttausende wie Raupen behag­lich auf ihrer Pflanze sitzen und krie­chen und fres­sen und verdauen. Ist in dem leisen Schmerze dieser Sehnsucht und dieser Kraft nicht auch ein leises Glück verbor­gen? Und hat diese schmerz­li­che Lust des Suchens nicht Ewigkeit?«

Published inAllgemeine Semantik

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