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Laurent Verycken — Auf den Spuren der Abstraktion

Das Wissen von einer Sache ist nicht die Sache selbst. Basta !”

Die alte Erkenntnistheorie, die von Aristoteles bis zur Scholastik unum­schra­enkt herrschte, beruhte auf dem Satz, dass ein Allgemeines das Bestimmende und gestalt­ge­bende Innere der Dinge sei. Die aris­to­te­li­sche Logik verko­er­perte die Theorie des beweis­ba­ren Wissens. Objektive Erkenntnis ist ueber­all das Ziel der Natur- und Geisteswissenschaften. Wissen, um vorher­zu­se­hen! Das ist der Sinn aller Wissenschaft.

NEWTON glaubte, dass das Weltsystem abso­lut geschlos­sen sei und sich nach streng mecha­ni­schen Gesetzen entwi­ckelt habe. Im Zusammenwirken von KEPLER, GALILEI und DESCARTES bildete sich die mathe­ma­ti­sche Naturwissenschaft als Erkenntnis einer Ordnung der Natur nach Gesetzen. GALILEI und NEWTON stell­ten das Credo der moder­nen Naturwissenschaft auf: beob­ach­ten, messen, berech­nen. Bis zum Anfang des zwan­zigs­ten Jahrhunderts war Newton gleich­be­deu­tend mit Wissenschaft. Die Auffassung der Mechanisten und der offi­zi­el­len Wissenschaft basierte auf der Theorie, dass Dinge, nicht Beziehungen die eigent­li­che Wirklichkeit ausma­chen. Der Rationalist glaubte an die strenge Beweisbarkeit seiner Saetze. Fuer den gewoehn­li­chen Wirklichkeitsbegriff galt zunaechst die Zeit- und Raumanschauung als primaeres gemein­sa­mes Fundament. Die Wissenschaft hielt sich an das posi­tiv Gegebene, an das, was wahr­nehm­bar und angeb­lich eindeu­tig, naem­lich mittels sinn­li­cher Erfahrung fest­stell­bar und beob­acht­bar ist.

Die Methode der Naturwissenschaft ist eine exakte. Exakte Wissenschaften wie Mathematik, Physik oder Chemie erlan­gen ihre Kenntnisse durch Messung und logisch-mathematische Beweisfuehrung, die nach­ge­pru­eft werden kann. Sie bean­spru­chen objek­tive Geltung. Mathematisierbarkeit gilt als Index wahrer Wissenschaftlichkeit. Fuer Kepler lag das Buch der Natur aufge­schla­gen vor uns. Um es lesen zu koen­nen, bedu­er­fen wir der Mathematik, denn es ist in mathe­ma­ti­scher Sprache geschrieben.

Die Naturvorgaenge waren dementspre­chend quan­ti­ta­tiv und mess­bar. Wo das nicht ohne weite­res der Fall war, musste die Wissenschaft die Anordnung des Experiments so tref­fen, dass sie mess­bar wurden. Von den fakti­schen Einzelfaellen auf das Allgemeine schlies­send, auf das Regel- und Gesetzmaessige, erzeugte diese Methode ein Wissen, dessen Anwendung die Moeglichkeit eroeff­net, mit geziel­ten Eingriffen Vorgaenge in Natur und Gesellschaft zu beein­flus­sen und zu beherr­schen. Das mecha­ni­sche Denken bot eine Loesung des Problems der Gewissheit und der gesell­schaft­li­chen Stabilitaet.

Von PLATON und ARISTOTELES bis hin zu DESCARTES und LEIBNIZ sahen die Denker der Vergangenheit in der Natur Zwecke verwirk­licht. Die wissen­schaft­li­che Objektivitaet schien so einleuch­tend, wie das Zaehlen von eins bis zehn. Die wissen­schaft­li­chen Erkenntnisse waren als fuer jeden Verstand gleich anzu­se­hen. Die Sicherheit des Wissens schien durch Allgemeingueltigkeit gewa­ehr­leis­tet. Wissenschaft und Allgemeingueltigkeit waren auswech­sel­bare Begriffe.

Durch die Erfuellung dieser Norm erfu­ellte jede Theorie am besten die Anforderung des wissen­schaft­li­chen Ideals der Exaktheit. Die klas­si­sche Logik des Aristoteles glaubte, ein iden­ti­sche Abbild der Wirklichkeit liefern zu koen­nen und noch DESCARTES, NEWTON und GALILEI waren der Ansicht, Raum, Zeit und Kausalitaet waeren objek­tive Qualitaeten der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit galt nicht nur als etwas unabha­en­gig vom Menschen exis­tie­ren­des, sondern auch als solche erkenn­bar. Alles Wirkliche musste deshalb exakt bere­chen­bar sein, um legi­ti­miert zu sein. Nicht eher als bei DAVID HUME finden wir erste Ansaetze einer grund­saetz­li­chen Unterscheidung von Erkenntnis und Wertung.

Das Wissen verlangt Identitaet und Unveraenderlichkeit, die Natur aber zeigt uns nur eine schran­ken­lose Verfluechtigung des Seins in ein blos­ses Werden. Der logi­sche Charakter des Wissens und der sinn­li­che Charakter der Physis schlies­sen sich deshalb gegen­sei­tig aus. Wo sich alle Dinge fort­waeh­rend vera­en­dern, ist es unmoeg­lich, etwas exakt Bestimmtes ueber sie auszu­sa­gen. Wenn alles Naturgeschehen derart dem Wechsel unter­liegt, dass nicht zwei Ereignisse als gleich bezeich­net werden koen­nen, sondern jeder Gegenstand als gaenz­lich neu gelten muss, haet­ten wir nicht die mindeste Vorstellung einer Verknuepfung zwischen den Gegenstaenden, wenn wir nicht Ähnlichkeit fuer Gleichartigkeit naeh­men. Kein einzi­ger Mensch koennte sich etwas vorstel­len, das nicht schon in irgend­ei­ner aehn­li­chen Weise kennt. Die Metaphern der Sprache sind dabei die Mittel, mit dem das weni­ger Vertraute dem Vertrauteren und das Unbekannte dem Bekannten assi­mi­liert, d.h. ange­gli­chen wird.

Die Sprache ist das Medium der Intuition, die wir von den Dingen haben. Das Wirkliche wird der gewohn­ten Sprache unter­ge­ord­net, indem wir das neu Empfundene mit dem Bekannten gleich­set­zen. Aus dem Neuen wird Altes gemacht. Aus dem Unbestaendigen wird Gewohnheit. Die Wirklichkeit dage­gen befin­det sich immer im Wandel. Sog. Wissenschaftler dage­gen sehen ihre Aufgabe darin, Gleichfoermigkeit zu schaf­fen oder zu entde­cken. Das Krumme wird unter das Gerade subsu­miert, um besser damit rech­nen zu koen­nen. Nur das glei­cher­mas­sen Berechenbare ermoeg­licht Voraussagen. Isoliert betrach­tet ist dann so mancher Gegenstand unver­a­en­der­lich. Die gedank­li­che Isolation ist jedoch ein kuenst­li­cher, bzw. gewalt­sa­mer Vorgang. Entweder wir reden an der Wirklichkeit vorbei oder wir grei­fen derart in sie ein, dass wir eine objek­tive Beobachtung stoe­ren. Es kann deshalb keine Aussagen geben von Individuen, die allge­meine Gesetzesform haben. Die Dinge der mensch­li­chen Erkenntnis koen­nen nur ein gedank­li­ches, von seinem exis­ten­ti­el­lem Zusammenhang getrenn­tes Dasein haben.

In der Abstraktion indi­vi­du­el­ler Qualitaeten zu quan­ti­fi­zier­ba­ren Merkmalen, die man zusam­men­za­eh­len kann, beach­ten wir ledig­lich das, was sich verglei­chen und gleich­set­zen laesst. Die Abstraktion erfu­ellt so ein mensch­li­ches Beduerfnis nach intel­lek­tu­el­ler Bemaechtigung der Welt. Ohne irgend­eine Unterscheidung und Abgrenzung waeren die meis­ten Menschen verwirrt und orien­tie­rungs­los. Die verge­wis­sernde Form des Identischen, wie sie in der Abstraktion zum Ausdruck kommt, buergt aber nur anschei­nend fuer Gesetzmaessigkeit, Ordnung und Stabilitaet. Identifikationen erleich­tern uns das Handeln im prak­ti­schen Alltag, wo wir nicht weiter hinter­fragte Zwecke verfol­gen. Sie erschwe­ren uns aber auch das Leben, wo wir abstra­hie­rend ueber die tatsaech­li­chen Gegebenheiten hinaus ins Blaue phan­ta­sie­ren. Immer gilt es, das rechte Mass zu finden zwischen Denken und Wirklichkeit. Ohne jede Verallgemeinerung waere kein Denken und keine Sprache und auch keine Logik moeglich.

Aus Einzeldingen kann man keine Schlussfolgerungen ziehen. Wer nur Verschiedenes und nichts Gleiches fest­stellt, haette es mit einer voll­kom­men zeris­se­nen Welt zu tun, in der wir uns unmoeg­lich zurecht­fin­den koenn­ten. Das Aufstellen von Analogien ist deshalb uner­la­ess­lich, um im Alltag zweck­haft handeln zu koen­nen. Mit Verallgemeinerungen produ­zie­ren wir die staen­dige Wiederkehr eines Ereignisses dersel­ben Art. Die Reduktion des Einzelnen auf eine ratio­nal erfass­bare Allgemeinheit entbehrt jedoch jedoch jeder logisch zwin­gen­den Grundlage. Wir vernach­la­es­si­gen einfach viele Unterschiede, weil sie fuer gewisse Zwecke nicht von Bedeutung sind. Der Begriff ist ein Bleibendes und nur das Gleichbleibende scheint fuer uns von Nutzen. Die Abstraktion ist der Modus der Vereinheitlichung von Verschiedenem. Das geis­tige Leben ist eine Organisation von Zeichen. Organisation ist das Wesen des Verstandes. Ordnung heisst Organistion. Die theo­re­ti­sche Vereinheitlichung ist nur ueber die Abstraktion zu errei­chen. Das Problem der Ordnung heisst Vielfalt. Verschiedenheit heisst oft auch Konflikt. Vielfalt ist leicht verwir­rend. Der mate­ria­len Mannigfaltigkeit steht deshalb die kuenst­li­che Einheit der Abstraktion als verge­wis­sernde Form des Identischen gegenueber.

Der Zweck aller Begriffe und Gesetze der Wirklichkeit ist Denkoekonomie, d.h. Vorstellungsersparnis durch Zusammenfassung glei­cher Erfahrungen. Generalisierung von Beobachtung geschieht im Interesse des Ordnungszwecks. Regel kommt von Regelmaessigkeit. Theorien sind Gedankensysteme. Systeme sind eine grosse Vereinfachung der Organisation. Immer besteht jedoch ein Konflikt zwischen Ichhaftigkeit und Sachlichkeit. Jede Wirklichkeit ist eine Wirklichkeit fuer beson­dere Zwecke. Die Logik dient im Grunde den Absichten. Man beugt die Logik, wenn Interessen im Spiel sind. Die Vergewaltigung der Wirklichkeit geschieht im Interesse einer Systemkonsequenz.

Sicheres Wissen war immer Ziel und Ideal der moder­nen Forschung. Erst in letz­ter Zeit hat sich allma­eh­lich der Gedanke durch­ge­setzt, dass es ein solches Wissen nicht geben kann und dass es nie eine abso­lute Erkenntnis geben wird. Die Realitaet spot­tet zugu­ter­letzt immer aller Theorie. Ob sich etwas vera­en­dert oder nicht und wie, ist letzt­lich vom Betrachter abha­en­gig. Was unabha­en­gig von unse­rer mensch­li­chen Auffassungskraft exis­tiert, ist fuer uns unwiss­bar und unsag­bar. Unsere ganze Welterkenntnis ist nur Empfindung von aehn­lich­kei­ten. Wer ordnet, fuegt aehn­li­ches zu aehn­li­chem. Klassifiziert wird nur nach Ähnlichkeit. Es gibt keine Moeglichkeit reine Entitaeten zu iden­ti­fi­zie­ren. Wir nennen verschie­dene Dinge einfach deshalb beim selben Namen, weil diese Dinge einan­der aehn­lich sind; es aber gibt in keins­ter Weise etwas Identisches in ihnen. Gegenstaende, die unter einen gemein­sa­men Begriff fallen, sind deshalb noch lange nicht iden­tisch. Die verein­fa­chende und damit verfa­el­schende Natur der Abstraktionen liegt genau an diesem Punkt. Wir sind gezwun­gen, in Bildern und Gleichnissen zu spre­chen, die zwar nicht genau tref­fen, was wir meinen und die Widersprueche produ­zie­ren, trotz­dem koen­nen wir uns mit diesen Bildern den Sachverhalten irgend­wie naehern. Wir duer­fen uns aber nicht von den Bezeichnungen der Dinge taeu­schen lassen. Es kommt immer darauf an die Idee, die wir im Kopf haben, vom Zeichen das ihr entspre­chen soll, zu trennen.

Eine wesent­li­che Eigenschaft aller sprach­li­chen Konstruktionen, d.h. der Abstraktionen, ist ihre Bestaendigkeit, weil sie im Grunde von der konkre­ten Zeit nicht abha­en­gig sind, in der sich ein Sachverhalt abspielt. Im Wort ist die Idee zu einer Struktur erstarrt, die ueber die Zeit hinaus­reicht. Mit dem Wort wird die zeit­lich verflies­sende Wirklichkeit ange­hal­ten und konser­viert. Ohne Worte gibt es kein Denken und ohne Vergegenstaendlichung keine Worte. Wir mues­sen alles gegen­sta­end­lich denken. Das Wort ist das Symbol fuer die Idee, aber alle Symbole sind im Grunde will­ku­er­lich und beru­hen auf Übereinkunft.

Wir koenn­ten fuer alle Dinge auch andere Woerter als Bezeichnungen benuet­zen, als die uebli­chen, solange eine allge­meine ueber­ein­kunft besteht. Nach der sprach­li­chen Fixierung hat der Gegenstand dann sozu­sa­gen gleich­blei­bende Eigenschaften. Diese glei­chen Eigenschaften sind aber nur das Ergebnis unse­rer Gleichgueltigkeit der Besonderheit der Dinge gege­nue­ber. Woerter beschrei­ben jeden Vorgang und jeden Gegenstand ansich und nicht exakt diesen Gegenstand hier an diesem Ort und jetzt zu diesem Zeitpunkt. Ansich sind die Dinge an keinem bestimm­ten Ort und zu keiner bestimm­ten Zeit, sondern exis­tie­ren ueberhaupt.

Keine Qualitaet oder Quantitaet exis­tiert aber als selbsta­en­dig Seiendes. Auch Gleichheit und Verschiedenheit sind niemals Eigenschaften der Dinge selbst. In der Wirklichkeit selbst gibt es keine Unterschiede. Alle Woerter sind eine Zusammenfassung unter mensch­li­che Zwecke. Wie etwas wirk­lich, also unaba­en­gig von den Leistungen des mensch­li­chen Erkenntnisapparates ist, vermo­e­gen wir nicht zu erken­nen. Alle Relationen und Beziehungen sind letzen Endes Vorstellungen. Die Gesetze der Wirklichkeit sind eigent­lich iden­tisch mit unse­ren Denkgesetzen.

Hauptsaechlich aus Gruenden der prak­ti­schen Orientierung haben wir ein natu­er­li­ches Beduerfnis nach syste­ma­ti­sier­tem Wissen. Zur Befriedigung vieler Beduerfnisse genuegt auch eine einfa­che tech­ni­sche Kenntnis, z.B. die blosse Nachahmung des Verhaltens ande­rer. Wir benuet­zen unse­ren Verstand, um die Welt bere­chen­ba­rer zu machen, was uns die Verfolgung unse­rer Interessen erleich­tert. Der Verstand ist zwar uebe­r­aus nuetz­lich, aber er loest keine letz­ten Probleme. Wo die Logik ihren prak­ti­schen Wert hat, soll man sie gebrau­chen, darue­ber hinaus mues­sen wir ihr Einhalt gebie­ten. Der Gleichheit und Allgemeinheit des objek­ti­ven Denkens steht immer die Verschiedenheit von Interesse und Geschmack des Einzelnen gegenueber.

Dem objek­ti­ven Denken exis­tie­ren die Dinge ansich und nicht fuer mich. Objektivitaet bedeu­tet unabha­en­gige Geltung, nicht perso­en­li­che Bedeutung. Die allge­meine Geltung schreibt gewis­ser­mas­sen vor, welchen Wert die Dinge fuer jeden Menschen haben sollen. In der Objektivitaet ist so der stille Zwang zur ueber­ein­stim­mung verbor­gen. Probleme, die Begriffe wie Wahrheit, Wirklichkeit oder Freiheit etc. aufwer­fen, werden so still­schwei­gend ueber­gan­gen. Wahrheit, Wirklichkeit oder etwa Vernunft sind aber nur als Wert sinn­voll, dessen Verwirklichung uns als mora­li­sche Aufgabe zukommt. Werte und Interessen sind immer Streitfragen. Es gibt nicht ein hoechs­tes Gut, sondern viele.

Der Gegensatz von Sein und Sollen wird niemals aufge­ho­ben, solange ein Mensch denken kann. Wirkliche Extreme koen­nen nicht mitein­an­der vermit­telt werden, eben weil es wirk­li­che Extreme sind. Toleranz besteht darin, entge­gen­ge­setzte Interessen gleich­be­rech­tigt exis­tie­ren zu lassen. Toleranz bedeu­tet aber nicht Indifferenz. Pluralitaet der metho­do­lo­gi­schen Standpunkte bedeu­tet, dass es nicht die Logik gibt, sondern viele Logiken. Wir mues­sen uns deshalb vom Dogma der Alleingueltigkeit befreien. Wahrheit und Taeuschung liegen nicht im Gegenstand, sondern im Urteil. Die Bedeutung der Begriffe ist psycho­lo­gisch, nicht logisch, d.h. bewusst­seins­abha­en­gig und nicht objek­tiv. Der Glaube, dass wir das erlebte Geschehen auch so zu denken vermo­e­gen, wie es erlebt wird, ist logisch unrich­tig. Das Wissensproblem ist nicht die Wahrheit oder die Wirklichkeit, sondern unser Denken, d.h. die Beziehung unse­res Denkens zur Idee der Wahrheit oder zur Idee der Wirklichkeit, ist also letzt­lich eine Bedeutungs- und damit gleich­zei­tig Wertfrage.

Um nihi­lis­ti­schen Missverstaendnissen vorzu­beu­gen: Das Ende des naiven Aberglaubens an eine logisch-rationale Erfassbarkeit der Welt durch objek­tive Tatsachen bedeu­tet zwar das Ende der logi­schen Widersprueche, nicht aber das Ende einer mora­li­schen Auseinandersetzung. Die Objektivitaet von rich­tig und falsch ist zwar ein Scheinproblem, weil ansich keine Idee wahr oder falsch sein kann (genau­so­we­nig wie der blosse Name als solcher wahr oder falsch sein kann), aber der Notwendigkeit zu entschei­den, koen­nen wir uns nicht entzie­hen. Jede Problematik entsteht aus dem Verhaeltnis von psycho­lo­gi­scher Wirklichkeit und ueber­in­di­vi­du­el­ler, d.h. abstrak­ter Konstruktion. Erst in der Beziehung einer Idee zu einer ande­ren Idee erge­ben sich Sinn und Unsinn, genauso wie jedes Wort erst im Satz eine naehere Bedeutung erha­elt. Subjektivitaet ergibt sich aus der Beziehung zu mir. Objektivitaet ergibt sich daraus, dass wir zu den Dingen keine sinn­li­che Beziehung mehr haben. Die Spannung des Denkens besteht in der Spannung zwischen der Allgemeinheit der Abstraktion und der Subjektivitaet des Besonderen.

Der Widerspruch zwischen der Realitaet und unse­rem Anspruch ist eine der entschei­den­den Gruende fuer das Entstehen von Konflikten. Fuer viele Konflikte ist unsere gedank­li­che Organisation verant­wort­lich. Ein Konflikt entsteht zwischen dem was ist und dem, was sein sollte. Viele Schwierigkeiten erge­ben sich aus unse­ren Vorstellungen, wie etwa Herrschaft, Ordnung etc. und den sich daraus erge­ben­den Gegensaetzen. Das Problem ist aber nicht die Wahrheit oder die Freiheit, sondern unser Denken. Unser Denken hindert uns am Handeln, bzw. an einer adae­qua­ten Beurteilung unse­res Handelns. Kein Mensch ist objek­tiv. Immer sind Interessen mit im Spiel. Konflikte zwischen Denken und Fuehlen, bzw. dem einen oder ande­ren Gedanken wird es immer geben, gerade weil es um Interessen geht. Jede Wirklichkeit ist deshalb poten­ti­ell dem Streit ausgesetzt.

Solange ein Mensch denkt, steht er dem uralten Widerspruch von Bestand und Wandel gege­nue­ber. Zu glau­ben, es gaebe eine fest­ste­hende, objek­tiv erkenn­bare Wirklichkeit, ist ein naiver Irrtum. Durch Tatsachen werden wir immer mehr mani­pu­liert, als infor­miert. Die soge­nannte Objektivitaet der Tatsachen muss deshalb als verschlei­erte Unterdrueckung aufge­fasst werden. Es gibt nichts ansich. Jede Aussage ist Konstruktion und muss deshalb mora­lisch und nicht logisch bewer­tet werden. Die viel­ge­prie­sene Positivitaet der Wissenschaften ist ein Ergebnis von Setzungen, die zwar als zwin­gend ausge­ge­ben werden, es aber nicht sind. Es gibt keinen Anfang, der nicht vom Verstand gesetzt waere. Alle Erkenntnis ist Abbildung, Verdoppelung des sinn­lich aufschei­nen­den Materials durch die Sprache. Jeder Anfang ist ein logisch Erstes. Statt Anfang koen­nen wir genauso das latei­ni­sche Wort Prinzip oder das grie­chi­sche arche benuet­zen. Wir koenn­ten ARCHE als Prinzip und Ursprung in Einem verste­hen. Erkenntnistheoretischer Anarchismus waere ein Denken, das ein solches allge­mein­guel­ti­ges und zwin­gen­des Anfangsprinzip verneint. Was wir Welterkenntnis nennen, ist immer nur die Empfindung von Aehnlichkeiten. Das Wissen ueber eine Sache ist aber nicht die Sache selbst.

Je nach Interesse und Denkrichtung gibt es verschie­dene Definitionen des selben Begriffs. Allgemeingueltige Definition gibt es nur im Lexikon. Das Lexikonwissen einer objek­ti­ven Welt ist deshalb eigent­lich ein verdeck­tes Herrschaftswissen, gebo­ren aus dem Willen zu herr­schen in einer Welt von Abstraktionen und Absolutheiten. Objektives Wissen ist totes Wissen. Alle Gleichsetzung der flies­sen­den Wirklichkeit mit einem Begriff und einer fest­ste­hen­den Definition ist im Prinzip will­ku­er­lich. Alle Aussagen ueber Gleichfoermigkeit sind Urteile ueber Identitaet, aber alle Bestimmung von Identitaet ist will­ku­er­lich und keines­falls zwin­gend, wie uns die Ideologen glaub­haft machen wollen. Jeder Positivismus ist auto­ri­tae­rer Dogmatismus. Dogmatismus ist zugleich theo­re­ti­sche Unfaehigkeit als auch mora­li­scher Mangel. Die Wirklichkeit selbst ist inkom­men­sura­bel, d.h. unver­gleich­lich. Das Analogielose ist das Novum schlecht­hin. Nur durch die Analogisierung und Gleichsetzung entsteht der Schein einer Identitaet von Wirklichkeit und Denken. Diese Identitaet ist aber immer nur einge­bil­det, bzw. intel­lek­tu­ell geschaf­fen, um ein ganz bestimm­tes subjek­ti­ves Interesse zu unters­tuet­zen und wirkt gerade dadurch am aller­bes­ten, dass ihr wahrer Charakter nicht aufge­deckt wird. Mit der Analogiefrage behan­deln wir die Machtfrage.

Alles Wissen ist im Grunde prak­ti­sches, d.h. wirk­sa­mes Wissen. Der klas­si­sche Begriff des Wissens impli­ziert die Wahrheit oder Sicherheit des Gewussten. Dieser Dogmatismus ist Ausdruck eines sche­ma­ti­sier­ten Denkens. Wissenschaft ist immer auf ein als Besitz verfueg­ba­res Wissen aus. Wissenschaft soll vorher­sag­bare Ordnung schaf­fen. Wissenschaft liefert Kenntnisse, wie man das Leben durch Berechnung beherrscht. Die Logik wuenscht Regelmaessigkeit des Wissens. Systematisches Denken ist auf eine Totalitaet der Prinzipien aus. Wo logi­scher Verstand ist, ist auch das Gesetz. Abstraktion in Wort und Zahl ist das Hauptinstrument jeder Art von Legitimation. Herrschaftswissen exis­tiert in Form von addier­ten Daten, nicht als Mittel geis­ti­ger Sinnorientierung. Meine ganze Kritik geht deshalb gegen den Dogmatismus. Jedes Ding-ansich ist illu­sio­naer und fiktiv.

Die Fiktionen der Objektivitaet wirken ledig­lich aufgrund unkri­tisch hinge­nom­me­ner Konventionen. Theorien sind in diesem Sinne Religionsersatz. Nur eine univer­sa­lis­ti­sche Sinnerfuellung der Welt konnte den Blick fuer die eigent­lich anar­chi­sche Wirklichkeit verstel­len. Herrschaft durch Verallgemeinerung erscheint mir als das Urprinzip ideo­lo­gi­scher Manipulation. Indoktrination und symbo­li­sche Gewalt entsteht haupt­saech­lich durch die dogma­ti­sche Durchsetzung von Definitionen. Im Dogmatismus sind endlose Streitigkeiten schon immer mitge­setzt. Dogmatisches und auto­ri­tae­res Wissen ist auf Regeln, Gesetze und Vorschriften aus, um damit Dinge und Menschen beherr­schen zu koen­nen. Jeder Pragmatismus im Bereich der Erkenntnis bedeu­tet letzt­lich Herrschafts- und Machtwissen. Das Wissen masst sich das Recht auf Macht an. Das Wissen wird zum Ersatz fuer das Gewissen.

Anarchismus ist fuer mich haupt­saech­lich eine geis­tige Einstellung. Das Urproblem liegt in der Optik, mit der die ganze Wirklichkeit betrach­tet wird. Herrschaftsfreiheit ist in diesem Sinne eine simple Selbstverstaendlichkeit des Denkens. Man muss Anarchismus und Herrschaftslosigkeit deshalb vor allem als Methode begrei­fen. Die Methode des Anarchismus heisst fuer mich hier und jetzt. Was wir gewoehn­lich als Wissen bezeich­nen, bezieht sich immer auf die Vergangenheit oder die Zukunft und besteht haupt­saech­lich aus dem Glauben an die zuku­enf­tige Regelmaessigkeit immer wieder gemach­ter Erfahrungen.

Die Kausalitaet und die ihr entspre­chende Logik des gesetz­ten Anfangs, bzw. Ursache und der darauf folgen­den Wirkung, erscheint uns als natu­er­li­che Gesetzmaessigkeit der Wirklichkeit. Es gibt aber keinen ande­ren Anfang, als den vom Bewusstsein gesetz­ten. Alle Wirklichkeit gibt es nur in der Gegenwart und die Gegenwart ist unaus­lösch­lich indi­vi­du­ell. Die Wissenschaft beginnt mit der abstrak­ten Formel A = A, bzw. Ich ist Ich.

Wer die Geltung der Logik bezwei­felt, laeuft leicht Gefahr, fuer verrueckt erkla­ert zu werden. Autoritaere Ordnung hat die Tendenz Widersprueche und Kritik zu elimi­nie­ren, weil allzu­viele wider­strei­tende Meinungen am Ende jedes Sinnsystem aufloe­sen. Mit dem Widerspruch hoert die Ordnung auf. Wenn wir aber
gerecht­fer­tigte Widersprueche nicht wahr­ha­ben wollen, besteht immer die Gefahr, dass neue und weit schlim­mere Widersprueche produ­ziert werden. Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf.

Das Regellose ist das eigent­lich Wirkliche im Wirklichen, ist an den Dingen die uner­greif­li­che Basis der Realitaet, der nie aufge­hende Rest, das, was sich groess­ter Anstrengung nicht im Verstand aufloe­sen laesst. In der Natur als solcher gibt es keine ferti­gen Gebilde und nichts Rundes, nichts Abgeschlossenes. Rund und geschlos­sen sind nur Woerter, Bilder, Zeichen. Die Kategorien sind quasi Ruhepunkte im Denken. Das Anarchische ist die unge­formte Wirklichkeit. Die unge­formte Materie dieser Welt war ein Gott namens Chaos. Das Urchaos ist da, wo Zeit und Raum keine Rolle spie­len. Die Gegenwart ist zeit- und raum­lo­ses Empfinden. Gegenwart ist eine Bezeichnung fuer eine wesent­lich seeli­sche Qualitaet. Im Unbewussten waeh­ren alle Augenblicke nur den glei­chen kurzen Augenblick. Die anar­chi­schen Schichten der Seele bilden ein schwer defi­nier­ba­res Chaos von Antrieben und Motivationen, die sich gegen­sei­tig ueber­la­gern, aufhe­ben und verstaerken.

Gerade seeli­sche Krisen koen­nen deshalb als Zeiten frucht­ba­rer Anarchie inter­pre­tiert werden. Schoepferische Taetigkeit ist fuer mich das Resultat eines Prozesses, in dem gelae­u­fige Strukturen ein Stadium vorue­ber­ge­hen­der Desorganisation durch­lau­fen. Unordnung kann in diesem Sinn auch eine aufru­et­telnde und krea­tive Wirkung haben. Das rein logi­sche Denken fuehrt uns staen­dig in die Irre. Man ist geneigt, das Denken schon fuer die Wirklichkeit zu halten. Die Wirklichkeit ist aber kein Ergebnis logi­scher, bzw. sprach­li­cher Operationen. Gewohnheiten, Ueberzeugungen und Entschluesse koen­nen durch Logik gekla­ert und geord­net, aber nicht gerecht­fer­tigt werden. Die prak­ti­sche Notwendigkeit Urteile zu fael­len laesst sich nicht umge­hen und jedes Urteil ist im Grunde eine mora­li­sche Entscheidung. Objektive Tatsachen waeren objek­tive Normen und solche sind mit der Freiheit jedes Menschen unver­ein­bar. Die wirk­li­che Welt ist ohne Zweck und Ziel. Sie ist sinn­los, wenn wir ihr nicht einen Sinn und Bedeutung geben und Werte setzen. Wertgebend und zweck­set­zend, kurz: schaffend.

LITERATUR, Laurent Verycken, Auf den Spuren der Abstraktion, Penzberg 1994

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