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9. Ökonomie

Die Marktphänomene sind nicht gleich­ge­wichts­bil­dend. Das Gleichgewicht eines sich selbst regeln­den freien Marktes exis­tiert nur in der Vorstellung von Verkaufsstrategen als ideal­ty­pi­sche Norm.”

Seit unse­rer Kindheit sind wir Erläuterungen ökono­mi­scher Prinzipien ausge­setzt. Der klas­si­schen Theorie entspre­chend liegt der Weg zum Glück auf dem Weg zum Reichtum. Freiheit und Wohlstand erschei­nen als natür­li­che Voraussetzungen des indi­vi­du­el­len Glücks. Für HERBERT SPENCER war Reichtum das unver­meid­li­che Resultat natür­li­cher Stärke und geis­ti­ger Fähigkeiten. Wer an den Segen des Industrialismus glaubte, hielt den Wohlstand für die soli­deste Grundlage des Weltfriedens. Reichtum ist ehren­haft, denn er bedeu­tet Macht. Armut dage­gen galt in der früh­li­be­ra­lis­ti­schen Theorie haupt­säch­lich als selbst­ver­schul­det. Die Unvermeidlichkeit von Hunger, Krankheit und schwe­rer Arbeit zu postu­lie­ren, gehörte zum tägli­chen Geschäft derer, die aus den Leiden ande­rer Menschen ihren Profit schlugen.

Nach Gottes uner­forsch­li­chem Ratschluss hat es immer Arme und Reiche gege­ben. Armut galt als gott­ge­wollt und bot Gelegenheit zu guten Werken. Im Zeitalter der stren­gen sozia­len Abstufung benei­de­ten und bekämpf­ten die unte­ren Schichten die oberen solange nicht, wie allge­mein der Glaube an die Gottgewolltheit einer Scheidung der Menschen in arm und reich vorherrschte. Alle Ausgebeuteten wurden auf einen ausglei­chen­den Trost im Jenseits verwie­sen. Die Diener der Kirche saßen an der Tafel der Reichen und predig­ten den Armen Unterwürfigkeit. Der Arme hat weit mehr Aussicht in den Himmel zu kommen, als der Reiche.
“Die Gesellschaft kann nicht ohne Ungleichheit des Besitzes bestehen, die Ungleichheit nicht ohne Religion. Wenn ein Mensch vor Hunger stirbt neben einem, der über­satt ist, könnte er sich unmög­lich damit abfin­den, gäbe es nicht eine Macht, die ihm sagt: Das ist Gottes Wille; hier auf Erden muß es Reiche und Arme geben, dort, in der Ewigkeit wird es anders sein.” 1)
“Nur wenn das Volk in Armut gehal­ten wird, bleibt es Gott Gehorsam”, war einer von CALVINs Lieblingssprüchen. Armut, Verbrechen und Krieg galten als unver­meid­lich Bedingung und ein notwen­di­ges Übel der Gesellschaftsordnung, gegen die zu revol­tie­ren Wahnsinn wäre. Die Armut wurde aber auch zum einzi­gen Mittel gegen die Trägheit erklärt. Es gibt keinen besse­ren Antrieb zu produk­ti­vem Verhalten, als die ewige Drohung des Hungers.

Für die Nutznießer der wirt­schaft­li­chen Ordnung war ein gera­dezu eine Lebensfrage, ob das Volk versim­pelt wurde oder nicht. Die Armen soll­ten nicht einmal lesen und schrei­ben lernen, weil sie das nur auf dumme Gedanken bringt. Mit großer Spitzfindigkeit wurden und werden deshalb immer wieder Ideologien ange­prie­sen, welche die Vorrechte einzel­ner Gruppen bewah­ren sollen. Ökonomische Herrschaft wird z.B. mit dem Vorhandensein von Knappheit gerecht­fer­tigt: Da die Fruchtbarkeit der Arten viel größer ist, als die Ernährungsmöglichkeiten, kommt es zu einem unaus­ge­setz­ten Kampf, etc. Professor ERNST HORNEFFER von der Universität Giessen hat noch um die Jahrhundertwende auf einer Tagung des deut­schen Unternehmertums folgende Sätze zum Besten gege­ben:
“Die Gefahr der sozia­len Bewegung kann allein dadurch gebro­chen werden, daß eine Teilung der Massen statt­fin­det. Denn der Tisch des Lebens ist auf den letz­ten Platz besetzt, und darum kann die Wirtschaft ihren Angestellten niemals mehr als die nackte Existenz gewäh­ren. Das ist ein unum­stöß­li­ches Naturgesetz. Darum ist auch jede Sozialpolitik eine namen­lose Dummheit.” 2)
Das Elend der Welt wird aus der Überbevölkerung und die Ausbeutung der Schwachen mit wirt­schaft­li­cher Notwendigkeit gerecht­fer­tigt. Ausbeutung erscheint so als unpo­li­ti­sche Tatsache.

Die klas­si­sche Ökonomie behaup­tet die Wirtschaft folge ganz unab­hän­gig vom mensch­li­chen Willen ihren eige­nen Gesetzen. Der Glaube an die Existenz ökono­mi­scher Gesetze, der Bezug auf ein angeb­lich rein ökono­mi­sches Funktionieren dieser Gesetze, entspricht jener Art von wissen­schaft­li­chem Vorgehen, wie es von GALILEI begrün­det wurde. So wie die Natur als solche unver­än­der­li­chen Gesetzen folgt, so ist auch die Natur des Menschen auf die Befriedigung ihrer Bedürfnisse, bzw. Triebe ausge­rich­tet. Die Geldzirkulation in der Wirtschaft wird z.B. mit dem mensch­li­chen Blutkreislauf vergli­chen, um seine natur­ge­setz­li­che Notwendigkeit zu bekräf­ti­gen. Der freie Markt galt als Anwendung der Newtonschen Gleichgewichtsmechanik auf die gesell­schaft­li­chen Vorgänge. Der Mensch hat einen wirt­schaf­ten­den Charakter. Das Gewinnstreben ist ein Urtrieb. Die Zivilisation besteht darin, daß sich die Menschen ihre Befriedigung nicht mehr gewalt­sam verschaf­fen, sondern dafür bezahlen.

In der Handelsgesellschaft ist die Bezahlung dem Menschen natür­lich gewor­den. Der homo oeco­no­mi­cus ist der statis­ti­sche Typ, der ratio­nal nach Lust und Unlust und damit normal handelt. Das Eigeninteresse ist demnach das einzige Motiv mensch­li­chen Handelns. Die klas­si­sche Wirtschaftstheorie ist die Theorie von der freien Konkurrenz, von Angebot und Nachfrage, kurz: vom freien Markt. Nur das persön­li­che Gewinnstreben kann das gesell­schaft­li­che Interesse lenken. Der Markt wirkt als Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage und stellt so eine Harmonie zwischen Produzent und Konsument her. Der ökono­mi­sche Liberalismus sieht den Fortschritt der Menschheit in einer auto­ma­ti­schen Wechselwirkung von Interessen auf dem freien Markt. Im unein­ge­schränk­ten Wettbewerb der allge­mei­nen Konkurrenz verfol­gen die Privatinteressen frei ihre Zwecke.

Der freie Markt gilt als die ideale Verkehrsform. Er soll die orga­ni­sie­rende Macht in der Wirtschaftssphäre sein und die indi­vi­du­el­ler Freiheit der Konsumenten garan­tie­ren. Die Anzahl der Probleme, die mit Hilfe von poli­ti­schen Maßnahmen entschie­den werden müssen, soll so redu­ziert werden. Als das Ideal der Koordinierung von Verhaltensweisen regelt der Markt die Beziehungen der Menschen unter­ein­an­der, ohne daß eine konkrete Autorität vonnö­ten ist. Der Markt selber sorgt für Ausgleich und Gerechtigkeit. Das berühmte Gesetz von Angebot und Nachfrage soll die Macht dezen­tra­li­sie­ren und die Harmonie zwischen Herrschern und Beherrschten etablie­ren. Durch Konkurrenz soll die über­mä­ßige Bildung und Konzentration wirt­schaft­li­cher Macht verhin­dert werden. Politische Eingriffe sind eigent­lich nur deshalb erfor­der­lich, weil die Menschen nicht die ökono­mi­schen Regeln befolgen.

Den Beteuerungen der meis­ten “führen­den” Nationalökonomen nach hat es die Wirtschaftswissenschaft nur mit dem Sein, nicht mit dem Sollen zu tun. Ökonomische Gesetze erge­ben sich aus der Verallgemeinerung einer notwen­di­gen Beziehung zwischen wirt­schaft­li­chen Phänomenen. Alle ökono­mi­schen Gesetze sind aber nur ideal­ty­pi­sche Vereinfachungen. Die Lenkung der Wirtschaft ist keine Frage der Anwendung eines theo­re­ti­schen Modells. Es gibt kein Gleichgewicht in der Realität der konkre­ten Phänomene. Eine allge­mein­gül­tige, notwen­dige Kausalität des Ökonomischen exis­tiert nicht und deshalb auch kein einheit­li­ches und objek­ti­ves Wirtschaftssystem. Der Glaube an ein solches ist unbe­dingt zu verwer­fen. Auf die ökono­mi­schen Phänomene läßt sich der Begriff einer linea­ren Kausalität nicht anwen­den.
“Die Jünger des harmonie-ökonomischen Liberalismus leben in der voll­kom­men welt­frem­den Vorstellung von gewis­sen natür­li­chen Gesetzen, nach denen die Produktionsfaktoren stän­dig da hinströ­men, wo sie am meis­ten gebraucht werden, nach denen das Kapital den wirt­schaft­lichs­ten Verwendungen zustrebt, nach denen jeder bekommt, was er verdient, der Arbeitslohn sich auf sein natür­li­ches Niveau einstellt und über­haupt alles in schöns­ter Ordnung vor sich geht.” 3)
Die Marktphänomene sind aber­nicht gleich­ge­wichts­bil­dend. Die freie Marktwirtschaft ist eine abstrakte Konstruktion. Das Gleichgewicht eines sich selbst regeln­den freien Marktes exis­tiert nur in der Vorstellung von Verkaufsstrategen als ideal­ty­pi­sche Norm. Die Wirtschaft entwi­ckelt sich nicht kraft natur­ge­setz­li­chen Charakters. Die macht­po­li­ti­schen Bestrebungen klei­ner Minderheiten spie­len wirt­schaft­lich meist eine größere Rolle, als die angeb­lich ökono­mi­schen Notwendigkeiten. Das Geflecht der moder­nen Wirtschaft setzt sich aus einem Netz außer­or­dent­lich kompli­zier­ter, unter­schied­li­cher, sich gegen­sei­tig bedin­gen­der und durch­kreu­zen­der, in naher und ferner Wechselwirkung verbun­de­ner Prozesse, Komplexe und Faktoren zusammen.

Um eine ökono­mi­sche Erscheinung, die stets unend­lich viel­ge­stal­tig ist und unzäh­lige Beziehungen hat, zu analy­sie­ren, muß sie in ihrer Reinform darge­stellt werden und von allen unwe­sent­li­chen Merkmalen und Beziehungen gelöst sein. Es kann nur das kalku­liert werden, was vorher auf die eine oder andere Art und Weise quan­ti­fi­ziert worden ist. Mit unver­wech­sel­ba­ren Qualitäten kann nicht gerech­net werden. Die quan­ti­ta­ti­ven Wirtschaftswissenschaftler versu­chen deshalb, die Ökonomie möglichst wert­frei zu halten, als ob sich ihre Themen nach unver­än­der­li­chen Gesetzen des Universums rich­te­ten und nicht die Manifestierungen des gesam­ten chao­ti­schen, unbe­re­chen­ba­ren Verhaltens vieler Menschen wären. Alle ökono­mi­schen Gleichwertigkeiten können nur über künst­li­che Objektivierungen der Bedürfnisse erreicht werden. Befriedigungen sind aber nicht meßbar. Ein Vergleich und die Addition der Befriedigungen verschie­de­ner Menschen ist sinn­los.
“Es versteht sich von selbst, daß der Umkreis der wirt­schaft­li­chen Erscheinungen ein flüs­si­ger und nicht scharf abzu­gren­zen­der ist und daß ande­rer­seits natür­lich keines­wegs etwa die wirt­schaft­li­chen Seiten einer Erscheinung nur wirt­schaft­lich bedingt oder nur wirt­schaft­lich wirk­sam sind.” 4)
Wirtschaftliche Aktivitäten sind gesell­schaft­lich verzweigt, auf die verschie­dens­ten Aspekte bezo­gen und biswei­len von den unmög­lichs­ten Faktoren bestimmt. In der heuti­gen Industrie ist alles vonein­an­der abhän­gig und alle Produktionsweisen mitein­an­der verfloch­ten, so daß sie mit kausa­lis­ti­schen Modellen der klas­si­schen Ökonomie nicht rich­tig darge­stellt werden können.
“Die allge­mei­nen Lehrsätze, welche die ökono­mi­sche Theorie aufstellt, sind ledig­lich Konstruktionen, welche Aussagen, welche Konsequenzen das Handeln des einzel­nen Menschen in seiner Verschlingung mit dem aller andern erzeu­gen müßte, wenn jeder einzelne sein Verhalten zur Umwelt ausschließ­lich nach den Grundsätzen kauf­män­ni­scher Buchführung, als in diesem Sinn ratio­nal, gestal­ten würde. Dies ist bekannt­lich keines­wegs der Fall.” 5)
Die Wirtschaftstheorien schlie­ßen, wie alle Theorien, quali­ta­tive Unterscheidungen aus; die jedoch für das Verständnis der sozia­len Dimension von entschei­den­der Bedeutung sind. Die Wirtschaft ist so sehr mit dem subjek­ti­ven Verhalten verwo­ben, daß keine eini­ger­ma­ßen zuver­lä­ßige Wirtschaftstheorie formu­liert werden kann, ohne die Psychologie der Menschen mitein­zu­be­zie­hen. Bei der Besprechung von persön­li­chen Motiven bege­ben wir uns aber immer auf wissen­schaft­lich unsi­che­ren Boden.

Ökonomische Zusammenhänge exis­tie­ren inner­halb eines bestimm­ten Bezugssystems, also bezo­gen auf subjek­tive Bedürfnisse. Jeder Wert ist nur eine Relation in Bezug auf subjek­tiv gesetzte Zwecke. Wert ist immer ein Wert für mich und eine nicht ohne weite­res quan­ti­fi­zier­bare und von mir ablös­bare Größe. “Der Wert einer Sache kann sehr verschie­den­ar­tig sein in Bezug auf das Bedürfnis.” 6) Es gibt keine objek­tive Nützlichkeit, deshalb kann es auch kein neutra­les Wirtschaftsleben geben. Begriffe wie Profit, Produktivität oder Wirtschaftlichkeit etc. haben darum keiner­lei Bedeutung, wenn nicht der Bezugsrahmen verdeut­licht wird, in dem sie gelten sollen. (Profit für wen?)

Der grund­le­gende Begriff des sozia­len Wertes ist in jeder wirt­schaft­li­chen Doktrin impli­ziert. Die Wirtschaftswissenschaften sind deshalb die eindeu­tig wert­ab­hän­gigs­ten und norma­tivs­ten aller Sozialwissenschaften. Die klas­si­sche Nationalökonomie ist nur ein groß­an­ge­leg­ter Versuch, das soziale Sollen zu kaschie­ren. Die Ergebnisse der Ökonomen sind von erwünsch­ten poli­ti­schen Empfehlungen kaum zu unterscheiden.

Die Marktwirtschaft steht und fällt mit den quan­ti­ta­ti­ven Berechnungen. Die Berechenbarkeit des Wollens soll durch die Fiktion rein quan­ti­ta­ti­ver Meßbarkeit von Bedürfnissen erreicht werden. Die quan­ti­fi­zie­rende Methode verleiht der Wirtschaftswissenschaft dabei den Anschein einer exak­ten Wissenschaft. Die Fiktion des objek­ti­ven Werts und der objek­ti­ven Qualität wird geschaf­fen um der größe­ren Berechenbarkeit und Verwertbarkeit der Dinge, der besse­ren Beherrschbarkeit wegen. Immer ist der Zweck des Bestrebens, die Zukunft vorher­zu­sa­gen. Die Spekulation ist das Gegenstück zur Prognose des Naturwissenschaftlers. Das
“Verhalten ande­rer kalku­lie­ren zu können, sein eige­nes Verhalten an eindeu­tig geschaf­fe­nen Erwartungen orien­tie­ren zu können — hier liegt das spezi­fi­sche Interesse des ratio­na­len kapi­ta­lis­ti­schen Betriebes an ratio­na­len Ordnungen, deren prak­ti­sches Funktionieren er in seinen Chancen ebenso berech­nen kann wie das einer Maschine.” 7)
Rechenhaftigkeit ist für MAX WEBER das entschei­dende Merkmal des kapi­ta­lis­ti­schen Geistes Die Rechenhaftigkeit resul­tiert aus der Anwendung abstrak­ter Gleichungen. Berechenbar ist nur, was vorher objek­ti­viert wurde.

Das Wertproblem ist Schlüsselposition und Hauptwerkzeug jeder ökono­mi­schen Theorie, die mit einem ratio­na­len Schema arbei­tet. Das wird von allen Wirtschaftswissenschaftlern ausnahms­los aner­kannt. Der äqui­va­lente Tausch glei­cher Größen ist das ökono­mi­sche Grundprinzip. Das ökono­misch entschei­dende Problem ist die Erklärung dieses Tauschverhältnisses. Damit ein Tausch zustande kommt, muß vom Gebrauchswert abstra­hiert werden, so daß ein Tauschwert entsteht. Wert ist das Tauschverhältnis zwischen zwei Waren oder Dienstleistungen. Der Gebrauchswert ist der subjek­tive, Tauschwert die objek­tive Variante des Wertinteresses.

Der Unterscheidung zwischen Gebrauchs- und Tauschwert entspricht die von Qualität und Quantität. Als Gebrauchswert sind die Waren von verschie­de­ner Qualität, als Tauschwert sind sie verschie­de­ner Quantität. Zwei quali­ta­tiv verschie­dene Dinge wie Pornofilme und Dosenöffner können nur gleich­ge­setzt werden, wenn sie unter Abstraktion von ihrer Verschiedenheit auf ein gemein­sa­mes Drittes redu­ziert werden. Dieses gemein­same Dritte ist der Tauschwert.
“Der Kaufmann handelt nicht nur mit Waren, sondern er inven­ta­ri­siert sie auch, wobei alle Arten von Posten auf die Seiten eines Kontobuches nivel­liert werden. Hier werden die verschie­de­nen Erzeugnisse sozu­sa­gen in den glei­chen Topf gewor­fen — Wolle, Wachs, Weihrauch, Kohle, Eisen und Edelsteine -, obwohl sie, abge­se­hen von ihrem Handelswert, nichts mitein­an­der gemein haben. Um mit den Waren eines Kaufmanns vom Standpunkte seiner Kontobücher aus zu handeln, braucht man sich über ihr Wesen keine Gedanken zu machen. Man braucht nur die Grundsätze der Buchhaltung zu kennen.” 8)
Verwertung braucht Vergleichbarkeit, aber diese Vergleichbarkeit ist eine künst­li­che, erzwun­gene. Im Tausch kommt es nur auf die umge­rech­nete Qualität an, auf eine quan­ti­fi­zierte Qualität, die eigent­lich keine Qualität mehr ist.
“Das Qualitative verschwin­det hier in der Form des Quantitativen. Indem ich nämlich vom Bedürfnis spre­che, ist dieses der Titel, worun­ter die viel­fachs­ten Dinge sich brin­gen lassen, und die Gemeinsamkeit dersel­ben macht, daß ich sie alsdann messen kann. Der Fortgang des Gedankens ist hier somit von der spezi­fi­schen Qualität der Sache zur Gleichgültigkeit dieser Bestimmtheit, als zur Quantität. Ähnliches kommt in der Mathematik vor.” 9)
Das Gleichheitszeichen bedeu­tet schein­bare Tauschbarkeit ohne Identitätsverlust. Was wir aber als Wert bezeich­nen ist nur sinn­voll, wenn wir uns auf konkrete Bedeutungen bezie­hen. Wert und Qualität sind im Prinzip austausch­bare Begriffe. Es gibt keine quan­ti­ta­ti­ven Werte. Ein Wert hat keine Werteinheiten, so wie Längen Längeneinheiten. Der persön­li­che Nutzen für einen Menschen ist die Quelle und Ursache eines Werts. Ein solcher kann nicht objek­tiv gemes­sen werden. Rechenhaftigkeit zeich­net sich ledig­lich durch eine prag­ma­ti­sche Nützlichkeit für beson­dere Zwecke aus. Es bedarf einer Reihe logi­scher Kunststücke, um Bordellbesuche, Semestergebühren, Arztkosten und Honigmelonen — von den verschie­dens­ten Menschen in den den verschie­dens­ten Lebenssituationen und mit den verschie­dens­ten Wertvorstellungen konsu­miert — in Form ihres Wertes zu einem Bruttosozialprodukt aufzu­ad­die­ren und dieses als Summe des Wohlstands zu dekla­rie­ren. Es gibt keine Objektivität des Vergleichs verschie­den­ar­ti­ger Leistungen und darum keinen Vergleich des Nutzens. Nützlichkeit ist keine Eigenschaft der Güter, sondern eine Qualität, die ihnen von uns beige­mes­sen wird.

Der krämer­hafte, quan­ti­ta­tive Empirismus, läßt sämt­li­che inkom­men­sura­blen Größen und quali­ta­ti­ven Größen und quali­ta­ti­ven Unterschiede außer acht und redu­ziert sie auf einen einzi­gen Koeffizienten: den des Geldes. Geld ist der Repräsentant der arith­me­ti­schen Gleichheit. Der abstrakte, allge­meine Wert des Geldes ersetzt die konkrete Nützlichkeit. Im Geld erlischt die beson­dere Gebrauchsform der Ware. Das Geld wird selbst zu einer allge­mei­nen Ware. Es ist das allge­meine Maß der Werte und die gesell­schaft­lich gültige Äquivalentform. Monetäre Größen sind homo­gen, im Gegensatz zu den nicht­mo­ne­tä­ren, die eine will­kür­li­che Anhäufung hoff­nungs­los verschie­de­ner Dinge darstellen.

Wir nehmen mone­täre Größen zu Hilfe, weil wir mit einer möglichst gerin­gen Anzahl von Variablen arbei­ten wollen. Wirtschaftliche Einflüsse können in Geld ausge­drückt, können gemes­sen und vergleich­bar gemacht werden. Der Universalismus des Geldes macht es möglich, unver­ein­bar erschei­nende Dinge mitein­an­der zu verglei­chen. Den Dingen wird ein Preis zuge­ord­net, um sie austausch­bar zu machen. Zu Geld gemachte Produkte erhal­ten die höchste Zirkulationsfähigkeit.“
Der Generalnenner, auf den sich alles brin­gen läßt, ist der Preis. Was keinen Preis hat, läßt sich nicht abschät­zen, einord­nen, verglei­chen — welchen Wert hat es dann eigent­lich?” 10)
Das Geld, das die Bedeutung aller Bedürfnisse hat, ist die Abstraktion von aller Besonderheit, Geschicklichkeit und Charakter des Einzelnen. Geld ist der große Gleichsetzer.“
Alle Bedürfnisse sind in dies eine zusam­men­ge­fasst. Das Ding des Bedürfnisses ist zu einem bloß vorge­stell­ten, unge­nieß­ba­ren gewor­den.” 11)
Der Objektivität des Geldes entspricht seine allge­meine Gültigkeit. Geld ist ein über­aus abstra­hier­tes Symbolsystem. Geld ist die Logik der Wirtschaft. Geld setzt alles mit allem in Beziehung, kann aber selbst nicht unmit­tel­bar gebraucht werden. Es muß sich erst in spezi­fi­sche Dinge verwan­deln. Geld hat nur fikti­ven Wert. Die Vorstellung aber, daß Vergleichbarkeit von Geldgrößen ökono­mi­sche Quantitäten objek­tiv macht, ist falsch.
“Kapitaleigenschaften kommen den Dingen nicht als solchen und unter allen Umständen zu, sondern nur als Funktion, mit der sie je nach den Umständen beklei­det oder nicht beklei­det sind.” 12)
Die Münze ist die Vermittlerin zwischen zwei Werten, sie selbst hat eigent­lich keinen Wert. Geld ist ein Tauschmittel, das aufgrund von Übereinkommen verwen­det wird. Produkte werden immer Produkten gekauft oder mit Dienstleistungen. Geld ist nur das Medium.

Das Geheimnis des Austauschs wird auch in der Vergleichbarkeit der Arbeit gesucht. Die Arbeitsmengentheorie des Werts bedeu­tet, daß die aufge­wen­dete Arbeitsmenge die Grundlage des Tauschwerts aller Dinge ist. In jeder Arbeit wird ein abstrak­tes Allgemeines ange­nom­men, das alle Arbeiten vergleich­bar macht. Über die aufge­wen­dete Arbeit sollen die Arbeitsprodukte (Waren) mitein­an­der vergleich­bar gemacht werden.

Es werden zwei grund­sätz­lich verschie­dene Arten von Arbeit defi­niert: a) das konkret, beson­dere Tun, das Gebrauchswert schafft und b) die abstrakt, allge­meine Arbeit, die den Tauschwert reprä­sen­tiert. Die Vergleichbarkeit der Arbeitsquanten bedeu­tet die Reduktion aller Arbeitsqualitäten auf abstrakte, allge­meine Arbeit, auf quan­ti­ta­tiv bestimmte Arbeit. Denn nur reine Quanten sind völlig kommen­sura­bel. Abstrakte Arbeit ist gleich­gül­tig gegen jeden bestimm­ten Inhalt. Der Mechanisierung der Arbeit entspricht ihre Abstraktion.

Durch abstrakte Arbeit entsteht gesell­schaft­li­che Allgemeinheit, d.h. ein auf dem Markt austausch­ba­rer Wert. Was auf dem Markt keine Verwendung findet, ist auch nicht gesell­schaft­lich nütz­lich. Um aber wirk­lich allgemein-notwendige Arbeit zu sein, müßten die Arbeitskräfte objek­tiv, d.h. entspre­chend dem jewei­li­gen Stand der tech­no­lo­gi­schen Rationalität einge­setzt werden, was aber in keinem Betrieb wirk­lich der Fall ist. Der Sollzustand der Arbeitsleistung unter­schei­det sich in den meis­ten Fällen erheb­lich von den Istzuständen. Die klas­si­sche Wertlehre wollte den Wert einsei­tig aus den Kosten herlei­ten, es gibt aber keine Ware, deren Produktion unter allen Umständen die glei­che Arbeitskraft erfor­dert. Deshalb gibt es auch keinen unver­än­der­li­chen Wertmesser zur Messung von Arbeit.

LITERATUR — Laurent Verycken, Formen der Wirklichkeit — Auf den Spuren der Abstraktion, Penzberg, 1994
Anmerkungen:

1) NAPOLEON BONAPARTE in RUDOLF ROCKER, Nationalismus und Kultur, Bremen o.J. Bd.I, Seite 62
2) RUDOLF ROCKER, Nationalismus und Kultur, Bremen o.J., Bd.I, Seite 325
3) JOHN St. MILL in ROBERT PAUL WOLFF, Das Elend des Liberalismus, Frankfurt/Main 1969, Seite 51
4) MAX WEBER, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen, 1988, Seite 162f
5) MAX WEBER, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1988, Seite 395
6) G.W.F. HEGEL, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Ffm 1986, Seite 137
7) Vgl. MAX WEBER, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1988, Seite 473
8) WALTER ONG, Methods and Decay of Dialogue, Cambridge 1958, Seite 170
9) G.W.F. HEGEL, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Ffm 1986, Seite 137
10) HERBERT GRUHL, Ein Planet wird geplün­dert, Ffm 1980, Seite 195
11) G.W.F. HEGEL in Georg Lukács, Der junge Hegel, Ffm 1973, Bd.2, Seite 522
12) ADAM SMITH, Der Wohlstand der Nationen, München 1978, Seite 228f

 

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