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7. Ordnung

Eine Organisation, die sich um alle konkre­ten Einzelbedürfnisse der Menschen zu kümmern hätte, wäre allein schon vom Verwaltungsaufwand her prak­tisch unmög­lich.”

Das Problem der Ordnung war seit jeher das funda­men­tale theo­re­ti­sche und prak­ti­sche Problem der Menschen. Die Gesetzlosigkeit, die angeb­lich über­all in der Welt zu sehen war, sollte immer wieder durch Formen der Ordnung besei­tigt werden. Alle Weltanschauung beru­the auf der unver­rück­ba­ren Gesetzmäßigkeit der Natur. Die Naturgesetze waren der Beweis für die Existenz einer bestehen­den Ordnung in der Natur, von der aus auf eine natür­li­che Ordnung auf der gesell­schaft­li­chen Ebene geschlos­sen werden konnte. Das Natürliche hatte gleich­sam norma­tive Bedeutung.

Natürlichkeit war das Hauptkriterium für Normalität. Das soziale Leben der Menschen mußte nur mit der objek­ti­ven Naturordnung in Einklang gebracht werden. Der Sachzwang, der sich so ergab, wurde zur Legitmationsbasis für die poli­ti­sche Ordnung. Die ratio­nale Begründungsidee führte dazu, daß auch poli­ti­sche Probleme more geome­trico behan­delt wurden. Es gibt aber keine natür­li­che Ordnung, wie es die Anhänger des Realismus gerne hätten.

Aus dem verfehl­ten Versuch der Gesellschaftswissenschaften, die Methoden der Naturwissenschaften zu über­neh­men und nach­zu­ah­men, ist unse­rer Menschenwürde großer Schaden entstan­den. Die quan­ti­ta­tive Methode kaschiert Sozial- und Wertkonflikte so, als handle es sich um rein tech­ni­sche Fragen. Objektivität bedeu­tet in mensch­li­cher Hinsicht die Menschen gleich­zu­schal­ten und als passive Objekte ohne spezi­fi­sche Persönlichkeit zu betrach­ten. Objektivität und Natürlichkeit entste­hen durch Weglassen des objek­tiv Unwesentlichen. Was aber wesent­lich und unwe­sent­lich ist, ist kein objek­ti­ver Tatbestand, sondern kann nur in Hinsicht auf diesen oder jenen Zweck fest­ge­stellt werden. Die Zwecke, die sich Menschen setzen, sind immer subjek­tiv. Der Individualität eines Menschen werden keine allge­mei­nen Theorien gerecht. Wo ein Mensch als Individuum gefragt ist, hört alle Schulweisheit auf. In Bezug auf das Interesse eines Menschen gibt es die verschie­dens­ten Entscheidungsgründe, die jedoch nicht objek­tiv und allge­mein­gül­tig bestimmt werden können.

Eine objek­tive Gesellschaft gibt es nicht, weil die subjek­ti­ven Bezüge über­wie­gen, die das Zusammenleben mit ande­ren Menschen mit sich bringt. Es gibt kein logi­sches System und keine Ideologie, die bis ins Detail verläß­li­che und brauch­bare Anweisungen liefern könnte, wie wir uns zu verhal­ten haben. Soziale und poli­ti­sche Probleme erge­ben sich aus dem Umstand, daß sich unver­wech­sel­bare Einzelmenschen nicht einer allge­mei­nen Ordnung fügen. Politische Probleme können immer auf Situationen zurück­ge­führt werden, die sich keiner Allgemeinheit unter­ord­nen lassen. Es gibt aber keine objek­ti­ven Probleme. Objektive Probleme sind Probleme der Objektivität.

Bei sozial oder poltisch brisan­ten Themen ist keine Objektivität möglich. Soziale, d.h. mora­li­sche Fragen können nicht wert­frei, also unpo­li­tisch behan­delt werden. Objektive Sachzwänge sind im Grunde die reine Willkür. Weil es keine wert­freien Tatsachen gibt, ist jedes Wissen poli­tisch, d.h. mora­lisch zu inter­pre­tie­ren.
“Religionsvorstellungen, ethi­sche Begriffe, Sitten, Gewohnheiten. Überlieferungen. Rechtsanschauungen, poli­ti­sche Gestaltungen, Eigentumsverhältnisse, Produktionsformen usw. sind keine notwen­di­gen Voraussetzungen unse­res physi­schen Seins, sondern ledig­lich Ergebnisse unse­res Zwecksetzungsdranges. Jede Zwecksetzung aber ist eine Sache des Glaubens, die sich der wissen­schaft­li­chen Berechnung entzieht.” 1)
Alle Verallgemeinerungen erzeu­gen eine künst­li­che Einheit und Harmonie, wo es in Wirklichkeit über­haupt keine funda­men­tale Einheit, kein funda­men­ta­les Gesetz, Konstante oder Gleichung gibt. Diese exis­tie­ren nur im Denken der Menschen. Eine poli­ti­sche Auffassung ist deshalb weder objek­tiv beweis­bar, noch objek­tiv wider­leg­bar.

Jede poli­ti­sche Ordnung ist zweck­be­dingt. Die Bildung einer festen und dauern­den Gemeinschaft verlangt immer den verein­ten Einfluß gemein­sa­mer Ansichten, die dem Auseinanderfallen der Meinungen Einzelner Einhalt gebie­ten. Ohne allen gemein­same Vorstellungen gäbe es kein gemein­sa­mes Tun. Streitfragen, über die wir zu keiner Entscheidung kommen, machen uns meist zu Feinden. Ohne die Übereinstimmung der Mehrheit in den wich­tigs­ten Fragen scheint deshalb eine Gesellschaft nicht möglich. Ein Mangel an Verallgemeinerung ist immer eine poten­ti­elle Konfliktquelle. Die Hauptaufgabe der Politik ist deshalb Konfliktvermeidung. Zu einem erfolg­rei­chen un geein­ten Vorgehen z.B. einer Nation bedarf es immer einer gewis­sen Gleichförmigkeit der Gewohnheiten und Bräuche, und noch mehr einer Identität der Ideen und Ideale.

Politik muß in erster Linie als allge­meine, syste­ma­ti­sche Organisation verstan­den werden. Eine Ordnung ist ein System, d.h. ein Vereinfachungsmodell, das es ermög­licht, verschie­dene Phänomene von einem einzi­gen Gesichtspunkt aus zu verein­heit­li­chen. Den Systemdenkern geht es, im Gegensatz zu den Problemdenkern, um die Einheit. Das Ziel logi­scher Objektivierung heißt Allgemeinheit, bzw. Gleichheit. Die abstrakte Gleichheit verkör­pert das Grundsätzliche, Prinzipielle, Typische, Wiederkehrende. Politik ist die Tendenz, das Mannigfaltige zur Einheit zu brin­gen. Aus diesem Grund werden die Bedürfnisse der Menschen objek­ti­viert. Die Technik der Machtausübung voll­zieht sich so: Das Verhalten der Menschen wird studiert, um zu erken­nen, wie sie funk­tio­nie­ren. Jeder Mensch wird auf die Mechanik einer Maschine redu­ziert. Die quan­ti­ta­ti­ven Aspekte verdrän­gen das Qualtitative.

In der statis­ti­schen Behandlung der Gegebenheiten werden die indi­vi­du­el­len Zusammenhänge unter­drückt. Das Machtdenken preßt alle indi­vi­du­el­len Regungen in seine Raster. Eine Definition von Herrschaft ist die zwangs­weise Verwandlung des Subjektiven in etwas Objektives. Ordnungszusammenhänge beschrei­ben Beziehungen in einer aus ihrem prozes­sua­len Zusammenhang heraus­ge­lös­ten Struktur. Erhaltung des Systems heißt Stabilisierung objek­ti­ver Gegebenheiten, das heißt: des Ordnungsprinzips. Der Anspruch auf System und Ordnung ist der Anspruch auf Herrschaft.

In den poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Organisationen wird die abstrakte Gleichschaltung insti­tu­tio­na­li­siert. Der Vermächtigung der Wirklichkeit entspricht ihre Kanalisierung in Institutionen. Eine Institution ist eine bestimmte Art der Gleichförmigkeit. Die Struktur der poli­ti­schen Organisation des Systems ergibt sich aus den ritua­li­sier­ten Wiederholungen des Verhaltens. “Die Institution macht aus indi­vi­du­el­len Akteuren und indi­vi­du­el­len Akten Typen.” 2) Im Staat sind die Individuen nur das, was allge­mein und objek­tiv an ihnen erkenn­bar ist. Kein Machtapparat verfügt über die Mittel, um allen konkre­ten Einzelfällen gerecht zu werden. Wo allzu­viele indi­vi­du­elle Problemlösungen gefor­dert werden, bricht der Machtapparat letzt­lich ausein­an­der. Zuviele Einzelheiten sind poli­tisch nicht mehr reali­sier­bar. Die Vereinheitlichung ist deshalb die Grundbedingung des poli­ti­schen Realismus. “Der Staat, der alles im Großen sieht, kümmert sich herz­lich wenig um den einzel­nen, solange die Maschine läuft.” 3) Die Kategorisierung kann aus der Verwaltungspolitik auch gar nicht heraus­ge­hal­ten werden.

Eine Organisation, die sich um alle konkre­ten Einzelbedürfnisse der Menschen zu kümmern hätte, wäre allein schon vom Verwaltungsaufwand her prak­tisch unmög­lich. Jede Zentralregierung verehrt deshalb die Gleichförmigkeit, die ihr die Prüfung unzäh­li­ger Einzelheiten erspart. Der Konformismus wird zum Sachzwang.
“Politische Herrschaft strebt immer nach Uniformität. In ihrer blöden Sucht, alles gesell­schaft­li­che Geschehen nach bestimm­ten Grundsätzen ordnen und lenken zu wollen, ist sie stets darauf erpicht, alle Gebiete mensch­li­cher Betätigung einer einheit­li­chen Schablone zu unter­wer­fen. Damit gerät sie in einen unlös­ba­ren Gegensatz mit allen schöp­fe­ri­schen Kräften des höhe­ren Kulturgeschehens, das stets nach neuen Formen und Gestaltungen Ausschau hält, infol­ge­des­sen an das Mannigfaltige und Vielseitige des mensch­li­chen Strebens ebenso gebun­den ist, wie die poli­ti­sche Macht an die Schablone und die starre Form.” 4)
Der Preis der Macht ist die Unterdrückung unse­rer leben­di­gen Gefühle. Das Streben nach Macht trennt das Verhalten vom Denken, das Handeln von der Seele, kurz: Macht entfrem­det. Objektivierung und Beherrschung sind ledig­lich zwei Worte für eine Sache. Politische Institutionen orga­ni­sie­ren diese Entfremdung für ihre Zwecke und haben deshalb auch kein Interesse, diese Entfremdung aufzu­he­ben. Menschen werden nicht als Menschen beherrscht, sondern als Dinge. Das Individuelle kann als Zufälliges vernach­läs­sigt, unter­drückt und unter Umständen auch getö­tet werden. “Politik ist die Organisation der Macht, und Macht ist der Feind des Lebens.” 5) Ungezügelte Machtgelüste, spie­len mit dem Schicksal von Millionen, als wären es tote Zahlenreihen und nicht Wesen aus Fleisch und Blut. Die büro­kra­ti­schen Mechanismen versu­chen Menschen so umzu­for­men, bis sie den Produkten einer Rechenmaschine glei­chen.

In der Objektivierung mensch­li­cher Subjektivität werden Menschen zu statis­ti­schem Material degra­diert. Die Macht der Allgemeinheit unter­wirft alles ihrem Gleichschaltungsmechanismus. In der Masse kann keine Persönlichkeit, nicht einmal Individualität zur Geltung kommen. Dem Willen zur Macht ist die einzelne Existenz im Grunde gleich­gül­tig. Der Normalbürger ist der allge­meine Mensch.
“Niemand scheint (aber) zu empfin­den, daß er seinen Schnurrbart, die Schwingung seiner Nase oder die Länge seiner Arme gegen das wissen­schaft­li­che Reden von dem Haarwuchs, dem Nasenbein, oder dem Arm vertei­di­gen müsse, um nicht seiner Individualität beraubt und zur bloßen Illustration von allge­mei­nen Kategorien oder Prinzipien ernied­rigt zu werden.” 6)
Herrschaft ist entwe­der offene Gewalt oder Ideologie. Herrschaft durch Ideologie wirkt haupt­säch­lich durch Ausbeutung der Unwissenheit und des naiven Glaubens der Menschen an eine Welt, die es so eigent­lich aber gar nicht gibt. Die Macht der Ordnung ist die Macht der Allgemeinheit der Vorstellungen. Physische Machtmittel können entbehrt werden, wo das Alltagsbewußtsein der Menschen vom Begriffsrealismus beherrscht wird. Durch die Manipulation der Meinungen wird erreicht, was noch so viel Militär und Polizei nicht gelingt. Die Ideologie der Ordnung ist ein unauf­fäl­li­ges Herrschaftsmittel, durch das die Menschen frei­wil­lig gehor­chen, wo sie vorher durch physi­sche Gewalt gezwun­gen werden mußten. Keine Macht kann auf die Dauer nur mit Machtmitteln aufrecht­erhal­ten werden, sie ist stets gezwun­gen, durch eine bestimmte Ideologie ihre Ansprüche zu recht­fer­ti­gen.
“Keine Macht erhält sich auf Grund beson­de­rer Charaktermerkmale, die ihr inne­woh­nen; ihre Größe fußt stets auf Eigenschaften, die der Glaube der Menschen ihr beilegt.” 7)
Jede Macht beruht auf Anerkennung, auf Meinung. Die Illusion, als Werkzeug des Ideologen, besteht darin, in den Beherrschten den Schein zu erwe­cken, sie wären nicht beherrscht. Sie sollen glau­ben, daß ihre Probleme der Daseinsbewältigung von Mächten und Kräften herrüh­ren, auf die kein Einfluß genom­men werden kann. Dieser Aberglaube wird vor allen Dingen durch die Annahme einer allge­mein­gül­ti­gen und objek­ti­ven Realität genährt.

Die Vorstellung einer objek­ti­ven Wirklichkeit ist eines der nütz­lichs­ten und wirkungs­volls­ten Herrschaftsinstrumente. Keine Regierung der Welt kann es sich leis­ten, ihren Untertanen zu gestat­ten, die Fesseln der allge­mein abge­seg­ne­ten Denkweisen abzu­strei­fen, denn dann wären sie nicht mehr regier­bar.
“Eine dauer­hafte Regierungsmacht kann nur eine Gruppe aufrich­ten, die auf Zustimmung der Beherrschten rech­nen kann. Wer die Welt nach seinem Sinne regiert sehen will, muß trach­ten, die Herrschaft über die Geister zu erlan­gen.” 8)
Die frag­lose Verinnerlichung der jewei­li­gen Ideologie durch die Beherrschten ist deshalb die Grundlage jeder Herrschaft. Jemand, der erschla­gen wird, ist über­wäl­tigt, aber nicht erobert. Auch der Gefangene ist nicht erobert, weil er immer noch Feind ist. Nur wenn die Leute eine system­kon­forme Geisteshaltung einge­nom­men haben, ist die Herrschaft auf Dauer gestellt. Wenn die Herrschaft im Kopf sitzt, ist die Unterdrückung voll­endet. Nur der ist ein guter Knecht, der sich selber knech­tet.
“Für den Staat ist es notwen­dig, daß keiner einen eige­nen Willen habe. Wenn jeder seinen eige­nen Willen hätte, würden die Staaten zugrunde gehen. … Der eigene Wille und der Staat sind feind­li­che Mächte, zwischen denen kein Friede möglich ist. Solange der Staat besteht, wird für ihne der Wille des Einzelnen, seines ewigen Feindes, etwas Unberechtigtes, Böses sein.” 9)
Alle Ideologien sind Ideenkomplexe, die sich um die Aufrechterhaltung einer bestehen­den oder Schaffung einer zukünf­ti­gen Ordnung bemü­hen. Die ideo­lo­gi­sche Autorität will der Macht die nega­tive Seite des Zwangs nehmen, also gerade das Problem der Herrschaft als Unterdrückung zu einem ande­ren Gesichtspunkt wenden. Den Glauben der Menschen zu binden und auf Zwecke zu lenken, die im Interesse der Machthaber liegen, ist wesent­lich problem­lo­ser, als die öffent­li­che Meinung mit offe­ner Gewalt zu unter­drü­cken. Physische Gewalt erschöpft sich bald, wenn sie auf andau­ern­den Widerstand trifft. Der Widerstand ist erst wirk­lich gebro­chen, wenn die Herrschaft intel­lek­tu­ell ange­nom­men wurde.
“Um fort­be­stehen zu können, muß jede Gesellschaft der Charakter ihrer Mitglieder so formen, daß sie das tun wollen, was sie tun müssen. Ihre soziale Funktion muß zu einem Teil ihrer selbst werden und muß in etwas verwan­delt werden, zu dem sie sich getrie­ben fühlen, und nicht etwas sein, das sie tun müssen. Eine Gesellschaft kann ein Abweichen von diesem Schema nicht dulden, denn wenn dieser soziale Charakter seine zusam­men­hal­tende Festigkeit verliert, werden viele Individuen nicht mehr so handeln, wie man es von ihnen erwar­tet, und der Fortbestand der Gesellschaft in ihrer gege­be­nen Form wäre gefähr­det.” 10)
Der Beherrschte beherrscht sich selbst im Interesse der Herrschenden. Ein Konformist schließt sich unkri­tisch der in seinen Kreisen vorherr­schen­den Meinung an. “Alle Herrschaft ist Aufnahme des Denkens und des Wollens des Herrschers in das Sein der Beherrschten.” 11)

Fiktionen, die auf falscher Verallgemeinerung beru­hen, sind die häufigste Ursache ideo­lo­gi­scher Unterdrückung. Da im Alltagsverstand nicht zwischen sinn­lich wahr­nehm­ba­ren und unsinn­li­chen Gegenständen unter­schie­den wird, können abstrakte Begriffskonstruktionen auf einmal eine Pseudowirklichkeit bekom­men. Ideologie ist der Glaube, daß die Idee eines Dings mit seinem Zeichen iden­tisch ist. Durch diese verein­fachte Formelhaftigkeit und Stilisierung ergibt sich dann ein Weltbild über­trie­be­ner Simplizität oder künst­li­cher Komplexität. Das Wort wird für die Sache genom­men — eine Abstraktion erhält gespens­ti­sche Wirklichkeit. Das ganze Geistesleben ist bevöl­kert von fikti­ven Wesen, die nur auf dem Papier exis­tie­ren.

Wir reden von der Politik, der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Religion oder der Kunst, ohne uns bewußt zu sein, daß diese Definitionen will­kür­li­che Eingrenzungen unein­heit­li­cher Wissensbereiche darstel­len, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Politik, Wissenschaft oder Wirtschaft etc. bezeich­nen Probleme, und keine Tatsachen, aber nur allzu­oft lassen wir uns vom Schein der Worte über die Problematik hinweg­täu­schen. Die wort­hyp­no­ti­sche Weltanschauung läßt uns auf der einen Seite etwas als proble­ma­tisch erschei­nen, was mögli­cher­weise gar nicht proble­ma­tisch ist und versim­pelt ande­rer­seits kompli­zierte Zusammenhänge. Eine Sache scheint schwie­rig, wo es sich um einen bloßen Streit um abstrakte Worte handelt.

Als notwen­dige Folge eines Glaubens an eine objek­tive Welt ergibt sich dann eine Unveränderbarkeit der konkre­ten Verhältnisse. Die Art und Weise wie das Tatsächliche konsta­tiert wird, macht bestimmte Veränderungen schon unmög­lich. Wir sind verführt zu glau­ben, unsere Ideale und Befürchtungen wären schon wahr. Die unmit­tel­bare, konkrete Wirklichkeit verschwin­det in einem schwam­mi­gen Brei von Denkgewohnheiten, die als Tatsachen maskiert werden. Einem solchen Denken ist es unmög­lich echte Kritik an den Verhältnissen zu üben, weil bereits in den begriff­li­chen Abstraktionen das zu Kritisierende unkri­tisch hinge­nom­men wurde. Logischer Optimismus, bzw. Pessimismus sind der Ausdruck dieses vulga­ri­sier­ten und sche­ma­ti­schen Denkens. Wo aber der Gehalt verlo­ren geht, verschwin­det das subjek­tiv Ergreifende. Wir haben es bloß noch mit trivia­len Allgemeinheiten und Illusionen zu tun. Zwischen der Allgemeinheit des Denkens und dem bloßen Phantasieren ist nicht viel Unterschied.

Allgemeinheit eignet sich beson­ders für Machtzwecke, da sich Vieles mit einer Methode beherr­schen läßt. Die Theorie der Abstraktion, bzw. die syste­ma­ti­sche Verallgemeinerung, ist der Kernpunkt des ideo­lo­gi­schen Denkens. Ideologie ist die Denkform, die durch das Wegfallen des Unpraktischen ihre Bedeutung erhält. Die Ideologie der Herrschaft besteht aus geis­ti­ger und physi­scher Unterordnung. Herrschaft und Zwang erge­ben sich aus der objek­ti­ven Ordnung der Dinge. Das niemals voll­stän­dig inte­grierte Einzelne steht einer mäch­ti­gen, auf Integration abzie­len­den Allgemeinheit, dem System gegen­über.

Die Verbegrifflichung muß dabei als Instrument zur intel­lek­tu­el­len Herrschaftssicherung ange­se­hen werden. Die möglichst große Ausdehnung des Geltungsbereichs eines Begriffs ist am ehes­ten da gewähr­leis­tet, wo wir ihm die Eigenschaft objek­tiv anhän­gen. Immer abstrak­te­rer Inhalt von Begriff und Gesetz bedeu­tet immer gene­rel­le­rer Geltungsbereich. Ideologien herr­schen dadurch, daß alles Wissen und Information dahin gebracht werden, die subjek­tive Verfolgung von Interessen als objek­tive Notwendigkeit zu erschei­nen lassen. Der Drang zur Macht äußert sich als eine Erweiterung jeder Art von Kenntnis ins Allgemeine. Das System braucht die Masse. Herrschaft braucht und schafft Allgemeinheit.

Das Problem des Gegensatzes zwischen subjek­ti­vem Interesse und allge­mei­ner Organisation wird durch Identifizierung gelöst. Unterordnung der beson­de­ren Umstände mit Hilfe von Schemata unter das Gewohnte und Gewöhnliche ist gleich­zei­tig immer auch eine Popularisierung. Ideologische Objektivität entlas­tet von Zweifeln, befreit von inne­ren Konflikten und erspart die Anstrengung des Nachdenkens. Die Ideologie der objek­ti­ven Logik schafft eine künst­li­che Harmonie. Aus der Rationalität wird Rationalisierung. Die Qualität der Erkenntnis und der Wert der Wahrheit wird der Nützlichkeit von Ruhe und Ordnung für das prag­ma­ti­sche Machtdenken unter­ge­ord­net.
“Das Regime der Experten zeich­net sich dadurch aus, daß es von den ihm zur Verfügung stehen­den Möglichkeiten des Zwangs keinen Gebrauch macht, sondern uns zum Einverständnis verlockt, indem es unsere tief­sit­zende Bindung an die wissen­schaft­li­che Weltsicht ausnutzt und indem es die Sicherheit und Bedürfnisbefriedigung durch den indus­tri­el­len Überfluß, welchen die Wissenschaft uns beschert hat, entspre­chend einrich­tet.” 12)
Abstraktionen haben den Zweck, das Denken der Menschen ruhig zu stel­len und ihre Handlungen zu kana­li­sie­ren. Anpassung ist Unterordnung unter das Realitätsprinzip. Ein allge­mei­ner Konsens bedeu­tet aber nur ein schein­ba­res Fehlen von Konflikten. Die Konfliktfreiheit ist eine rein formale und keine inhalt­li­che.

LITERATUR — Laurent Verycken, Formen der Wirklichkeit — Auf den Spuren der Abstraktion, Penzberg, 1994
Anmerkungen:

1) RUDOLF ROCKER, Nationalismus und Kultur, Bremen o.J., Bd.1, Seite 18
2) BERGER / LUCKMANN, Die gesell­schaft­li­che Konstruktion der Wirklichkeit, Frankfurt 1989, Seite 58
3) de SADE, Justine, Frankfurt/Berlin/Wien 1967, Seite 21
4) RUDOLF ROCKER, Nationalismus und Kultur, Bremen o.J. Bd.1, Seite 99
5) THEODORE ROSZAK, Die Krankheit mit dem Namen Politik, in PAUL GOODMAN (Hrsg), Die Saat der Freiheit, New York 1965, Seite 116
6) RALF DAHRENDORF, Pfade in Utopia, München 1974 Seite 129
7) RUDOLF ROCKER, Nationalismus und Kultur, Bremen o.J., Bd.1, Seite 177
8) LUDWIG MISES, Liberalismus, Jena 1937, Seite 41
9) MAX STIRNER in HECTOR ZOCCOLI, Die Anarchie und die Anarchisten, Berlin 1980, Seite 58
10) FROMM / SUZUKI/ de MARTINO, Zenbuddhismus und Psychoanalyse, Frankfurt 1980, Seite 133
11) G. W. F.HEGEL ohne Quelle
12) THEODORE ROSZAK, Gegengesellschaft, Düsseldorf/Wien 1971, Seite 29

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