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6. Wert der Sprache

Für die Praxis genügt die mensch­li­che Sprache, wahr­schein­lich darum, weil es jedem einzel­nen nur um sich selbst zu tun ist.”

Über den Nutzen der Sprache ist seit Jahrhunderten, vor und nach HERDER viel geschrie­ben worden. Man hat den Nutzen der Sprache beinahe leiden­schaft­lich geprie­sen, aber doch nur in ähnli­cher Weise wie etwa den Nutzen des Feuers oder den Nutzen des aufrech­ten Ganges. Man könnte in unse­ren Tagen mit dem glei­chen Rechte Loblieder singen auf die Erfindung des Telegraphen und der Lokomotive. Die Telegraphie hat nur die Mittel weiter verbes­sert, durch welche die Menschen sich mitein­an­der verstän­di­gen können; und die Lokomotive hat nur die Beweglichkeit und die freie Verfügung über die Gliedmaßen gestei­gert. Es ist ein Nebenumstand, daß bei diesen Erfindungen nicht die mensch­li­chen Sprachwerkzeuge und die mensch­li­chen. Knochen (wie beim Sprechen und Aufrechtgehen) entwi­ckelt worden sind, sondern daß man äußer­li­che Mittel zu Hilfe nahm. So ist es ein Nebenumstand, daß ein Mensch sein Skelett im Innern seines Körpers trägt, der Krebs und der Käfer an der Außenseite seines Körpers.

Diese Ähnlichkeit der Sprache mit ande­ren prak­ti­schen mensch­li­chen “Erfindungen” verrät sich schon darin, daß man eben immer von dem Nutzen der Sprache redet und nur in beson­ders begeis­ter­ten Augenblicken von ihrem selb­stän­di­gen Wert, von ihr als gött­li­chem Attribut gewis­ser­ma­ßen. Die Sprachforscher werden in solchen Stimmungen unwill­kür­lich immer theo­lo­gisch, wie ja auch HERDER bei aller geis­ti­gen Freiheit niemals ganz aufhört, christ­li­cher Theologe zu sein. Selbst WHITNEY schreibt noch den trau­ri­gen Satz hin (Sprachwissenschaft S. 599):
“Ganz allge­mein läßt sich der Nutzen der Sprache dahin ausdrü­cken, daß sie die Menschen in den Stand setzt, ihrer Naturbestimmung gemäß … in gesel­li­gen Vereinen zusam­men zu leben. Ohne Sprache gäbe es kein Volk und also auch keine Geschichte.“
Dieser Satz drückt so unbe­fan­gen die land­läu­fige Meinung aller Welt und auch der Sprachphilosophen aus, daß es sich wohl der Mühe verlohnt, ihn genauer anzu­se­hen.

WHITNEY hat gewiß keine Ahnung davon, daß aus seinen weni­gen Alltagsworten und Dutzendgedanken nicht weni­ger als gleich zwei Gespenster auf einmal heraus­bli­cken, die Gespenster von LEIBNIZ und von HEGEL. Oder viel­mehr das alte Gespenst der Teleologie in diesen beiden Verkleidungen. Das Wort Naturbestimmung ist zwar sicher­lich ganz naiv gebraucht. Aber was sich dahin­ter verbirgt, das kann doch nichts ande­res sein, als der für uns undenk­bare Begriff der Zweckursache, mit dessen Hilfe der liebe Gott den Menschen ihre Bestimmung im voraus fest­ge­legt hat. Und noch besser versteckt lauert hinter der Gleichsetzung von Volk und Geschichte etwas von HEGELs Geschichtsauffassung. Über die Bestimmung des Menschen hat sich bereits SCHILLER lustig gemacht in dem Epigramm “Buchhändleranzeige”:
“Nichts ist der Menschheit so wich­tig, als ihre Bestimmung zu kennen:
Um zwölf Groschen Courant wird sie bei mir jetzt verkauft.“
Mehr ist sie auch nicht wert, diese Zwölfgroschenweisheit von den Zweckursachen. Und wenn WHITNEY ganz ehrlich hinzu­fügt, ohne Sprache gäbe es kein Volk, also auch keine Geschichte, so möchte ich wohl ein paar gleich­ge­sinnte Genossen um mich haben, um den schlich­ten Satz mit ihnen zu genie­ßen. Nichts gleicht der feinen Heiterkeit, mit der mich der unfrei­wil­lige Humor eines so selbst­si­che­ren “also” anzu­lä­cheln pflegt. Man sollte es nicht für möglich halten, aber WHITNEY verwech­selt an dieser Stelle die wirk­li­che Geschichte, d.h. die reale Entwicklung, mit unse­rer Kenntnis von der Entwicklung, d.h. mit der Überlieferung oder Geschichteschreibung. Man sollte es nicht für möglich halten, und dennoch sehen wir an ande­rer Stelle, daß auch der große Begriffsvirtuose HEGEL, dessen impo­nie­rendste Leistung seine Geschichtsphilosophie war, die beiden Bedeutungen des Wortes Geschichte gröb­lich mitein­an­der verwech­selt oder vertauscht hat. Nicht in der wirk­li­chen Entwicklung bewe­gen sich die Begriffe, sie bewe­gen sich allein im Kopfe des konstru­ie­ren­den Geschichtsschreibers.

Wollen wir Teleologie und Abstraktion aufge­ben und nach einem vorstell­ba­ren Nutzen der Sprache fragen, so müssen wir solche Begriffe wie die Naturbestimmung und die Geschichte der Menschheit fallen lassen. Von der Menschheit wissen wir so wenig wie vom einzel­nen Menschen Ausgangspunkt und Ziel der Reise. Wirklich ist am Ende nur das Individuum und nur, was dem Individuum nützt, ist Nutzen. Man glaubt hoffent­lich nicht, daß ich da nur den gemei­nen Vorteil im Auge habe, daß ich keinen Sinn habe für rein­li­chen Nutzen. Die ganze Untersuchung dieses Buches ist der Frage gewid­met, ob die mensch­li­che Sprache ein nütz­li­ches Werkzeug sei für die Welterkenntnis, also für ein Streben, dem jeder gemeine Vorteil fremd ist. Den unrei­nen, den gemei­nen Nutzen der mensch­li­chen Sprache wird niemand leug­nen.

Da ist es nun frei­lich gewiß, daß der einzelne Mensch in dem Erbe aller seiner Ahnherren einen Schatz besitzt, der ihm allein ermög­licht, in der Gegenwart zu leben, wie er lebt. Die Erziehung, das heißt die Mitteilung seiner Volkssprache, bringt den einzel­nen Menschen in weni­gen Jahren so weit, wie sein Geschlecht in Jahrtausenden gelangt ist. Es wird durch die Sprache die Mitteilung der Schätze erleich­tert, welche die Erwachsenen einer jeden Generation besit­zen. Und da diese Schätze in Erinnerungen bestehen, da die unge­heure Masse dieser Erinnerungen ohne die Registratur der Sprache kaum beisam­men zu halten wäre, so ist die Sprache nicht nur für die Mitteilung des ererb­ten Wissens, sondern auch für die Vererbung selbst, für das Gedächtnis, von außer­or­dent­li­chem Nutzen. Es war einmal eine wirk­lich ganz epoche­ma­chende Erfindung, das Gedächtnis an die Sprache zu knüp­fen.

Es war für die Menschen von außer­or­dent­li­cher Wichtigkeit, daß sie laufen lern­ten und die Arme für andere Erfindungen frei beka­men. Es war für die Menschen eben­falls von großer Wichtigkeit, daß sie ihre Vorstellungen und Erinnerungen an äußerst leichte und bequeme Bewegungen der Sprachwerkzeuge knüp­fen lern­ten. Alle Welt irrt aber, wenn sie glaubt, das Kind erlerne mit der Sprache seines Volkes auch die Erfahrungen des Volkes, sein Wissen und seine Kultur. Die Sachlage ist sonnen­klar und muß dennoch ausdrück­lich beschrie­ben werden, wenn der Aberglaube an die geheime Macht der Sprache auch auf diesem Punkte gestürzt. werden soll.

Die Sprache eines Volkes ist kein voll­kom­me­ner Bau; sie enthält durch­aus keinen über­sicht­li­chen und geord­ne­ten Weltkatalog. (Vergl. 11,2.) Es ist eine Utopie, trotz LULLUS, WILKINS und LEIBNIZ, eine solche Weltkatalogsprache erfin­den zu wollen. Denn die Sprache geht unse­rer Welterkenntnis nicht voraus, sondern hinkt ihr nach. Immerhin bietet die Sprache der Erfahrung dem Erwachsenen ein Mittel, seine Vorstellungen unge­fähr zu grup­pie­ren und mitzu­tei­len. Die unzäh­li­gen Erinnerungen an einzelne Hunde knüpft er ober­fläch­lich genug an das Wort Hund, weiter hinauf hat er sich das Wort Tier erfun­den, dann wieder die Worte: Ohren, Füße, Haare, braun, groß, laufen, bellen. immer­hin befreien ihn diese Gedächtniszeichen von dem Zwang, seine Vorstellungen jedes­mal von dem Ding abhän­gig zu machen, welches augen­blick­lich auf seine Sinne wirkt. Nun aber ist der erwach­sene Mensch niemals und nirgends und nicht in einem einzi­gen Falle im stande, irgend einem Kinde mit dem Worte allein eine Vorstellung mitzu­tei­len. Auch die Sprache ist kein Nürnberger Trichter. Nur die Geistesarbeit einer unend­lich langen Zeit kann dem Kinde dadurch abge­kürzt werden, daß es in frühes­ter Jugend bereits gewis­ser­ma­ßen das Netz der Sprache mitge­teilt erhält. Mag es nach­her sehen, was es damit einfängt. Eine Abkürzung der unend­lich langen Sprachentwicklung findet statt, mehr nicht. Das Kind lernt spre­chen, aber es lernt nicht die Sprache. Wenn man hier unter Sprache die Summe der mensch­li­chen Erfahrungen verste­hen will.

Die Abkürzung der Sprachentwicklung voll­zieht sich beim mensch­li­chen Kinde ganz gewiß schon im mikro­sko­pi­schen Bau der Sprachwerkzeuge, wohl­ge­merkt: auch des Gehirns. Das viel rich­ti­ger ein Werkzeug der Sprache hieße, als die Sprache ein Werkzeug des Denkens. Sicherlich, wenn auch für unsere grobe Beobachtung unwahr­nehm­bar, ist dieses körper­li­che Organ beim heuti­gen Kinde anders als beim Kinde des legen­dä­ren Urmenschen. Das einjäh­rige Kind lallt heute schon fast alle wich­ti­gen Lautgruppen seiner Volkssprache. Es hat dann aber noch nicht spre­chen gelernt, weil es noch nicht versteht, die einzelne Lautgruppe will­kür­lich auszu­füh­ren. Später, bis zum voll­ende­ten drit­ten Jahre etwa, lernt das Kind aller­dings spre­chen, und es kann nach Ablauf dieser Periode schon die meis­ten Sätze der Erwachsenen deut­lich arti­ku­lie­ren. Die Eltern, haben ihre Freude daran, wie das Kind plötz­lich den Wortlaut ganz schwie­ri­ger Begriffe nach­plap­pert und oft unge­fähr in der rich­ti­gen Anwendung. Ich habe von einem noch nicht drei­jäh­ri­gen Kinde einmal gehört: “Das tu’ ich abso­lut nicht”; es hatte sich das Wort “abso­lut” als eine Bekräftigung so ange­wöhnt wie kurz vorher “Donnerwettermal”.

Das Kind erlernt doch seine Sprache so, daß es Sprachstoff und Sprachformen bald zuerst mecha­nisch nach­plap­pert und nach­her mit Inhalt erfüllt, bald einen neuen Gegenstand zugleich mit seinem Namen kennen lernt. Im letz­te­ren Fall besteht die Bereicherung des Wissens in dem neuen Objekt; Sprache hat alle Vorzüge und Fehler ande­rer mensch­li­cher Erfindungen. Man muß frei­lich zwischen der Erfindung selbst und den Nebenerfindungen, welche die Verbreitung der Haupterfindung fördern, scharf unter­schei­den. Die Schrift, der Druck, der Phonograph, welche alle die Sprache über den Augenblick hinaus bewah­ren, der Telegraph und das Telephon, welche die Mitteilung über die Tragweite der mensch­li­chen Stimme weit hinaus ermög­li­chen, sind solche Nebenerfindungen. Auch sie werden von den meis­ten Menschen rein mecha­nisch benutzt; die wenigs­ten, welche tele­gra­phie­ren oder tele­pho­nie­ren, verste­hen den Apparat. Der leben­dige Apparat, welcher das Sachgedächtnis an Schallempfindungen knüpft und welcher gar das Beziehungsgedächtnis an Laute bindet, wird noch selte­ner von den Menschen verstan­den, die ihn ererbt haben und ihn täglich gebrau­chen. Ich weiß, daß ich damit den Begriff der Erfindung ausdehne; aber wir haben für das Erlernen des Gebrauchs von Naturkräften kein besse­res Wort. Der Gebrauch des Feuers beruht auf einer Reihe von Erfindungen; aber auch das Atmen, als die nütz­li­che Tätigkeit, den Kohlenstoff des Blutes mit Hilfe des Luftsauerstoffs zu verbren­nen, ist eine Art von Erfindung. Zu diesen Erfindungen des mensch­li­chen Organismus gehört auch die mensch­li­che Sprache. Sie ist eine nütz­li­che Erfindung.

Wir werden jetzt die Frage nach dem Nutzen der Sprache schon besser verste­hen. Der Wortlaut der Frage verrät, daß der Frager in der Sprache irgend ein über­mensch­li­ches Wesen sieht, eine unnah­bare Gottheit, nach deren Gnade für den Menschen geforscht wird. Man würde schwer­lich nach dem Nutzen der Eisenbahn in diesem Sinne fragen. Es ist selbst­ver­ständ­lich, daß eine so nütz­li­che Erfindung nütz­lich ist. Über ihren Nutzen Phrasen zu dreschen, wäre die Aufgabe eines deut­schen Aufsatzes. Höchstens die zahlen­mä­ßige, volks­wirt­schaft­li­che Berechnung des Nutzens hätte einen wissen­schaft­li­chen Sinn. So ist auch die Sprache nicht ein über­mensch­li­ches Wesen, welches neben­bei und zufäl­lig Nutzen bringt; sie ist viel­mehr wesent­lich eine nütz­li­che Erfindung. Der Nutzen ist eine Eigenschaft der Sprache, nicht ein Geschenk, das sie gewährt.

Wie es aber in der Geschichte der Erfindungen eigent­lich keine Revolutionen gibt, sondern die großen Leistungen fast immer nur die Endglieder klei­ner Veränderungen sind, so stecken in der mensch­li­chen Sprache — und viel untrenn­ba­rer als bei ande­ren mensch­li­chen Gebrauchsschöpfungen — in der gegen­wär­ti­gen Form die veral­te­ten Formen. Niemals ist die Sprache einer Zeit voll­kom­men auf der Höhe dieser Zeit. Immer besteht die Anstrengung eines philo­so­phi­schen Kopfes darin, sich teil­weise von dem Netz der alten Kategorien zu befreien. Denn es ist das Eigentümliche bei diesem Netzwerk, daß der Fischer mit seinem eige­nen Kopfe selbst ins Netz gerät. So ist die Sprache niemals so nütz­lich, wie sie sein könnte.

Ich werde an vielen Stellen darauf hinwei­sen, daß die Kategorien unse­rer Sprache nicht mehr mit unse­rer gegen­wär­ti­gen Welterkenntnis zusam­men­stim­men, daß wir z.B., was die Physik als Bewegungen zu erken­nen geglaubt hat, nach wie vor in Adjektiven und in Verben unter­schei­den. Das ist doch offen­bar dieselbe Erscheinung, die der Darwinismus Rudiment nennt und die wir auch in den bekann­tes­ten ande­ren Erfindungen beob­ach­ten können. Die Art, wie wir heizen, wider­spricht gröb­lich unse­rer wissen­schaft­li­chen Erkenntnis vom Verbrennungsprozeß. Die Einrichtung unse­rer Eisenbahnwagen mit ihren getrenn­ten Coupés, mit ihren Größenverhältnissen und derglei­chen erin­nert deut­lich daran, daß man vor zwei Generationen, als man die Eisenbahn erfand, nur den alten Postwagen auf eiserne Schienen setzte. Es ist derselbe Vorgang, wie wenn wir vom Aufgehen der Sonne spre­chen. Wir können heute Speisesäle, Schlafzimmer, ganze Wohnräume auf Räder setzen und von New York bis nach San Francisco sausen lassen; wir können uns den rela­ti­ven Stillstand der Sonne vorstel­len, wie wir seit Beginn der Schifffahrt den Stillstand der Ufer gegen den offen­ba­ren Augenschein wissen; aber die Vorzeit wirkt auf unser Leben wie auf unsere Sprache gespens­ter­haft nach, wir sitzen im engen Coupé und reden vom Sonnenaufgang.

So haben wir von der unend­li­chen Reihe der Vorfahren die Sprache mit all ihren Vorzügen und all ihren Fehlern geerbt. Je nach­dem wir die eine oder die andere Seite der Sache betrach­ten, sind wir geneigt, uns als Schuldner oder Gläubiger der Vorzeit anzu­se­hen, ihr zu danken oder uns über sie zu bekla­gen. Die über­kom­mene Sprache, die der einzelne zu ändern außer stande ist, erscheint uns dann je nach unse­rem Gesichtspunkte nütz­lich oder schäd­lich; nütz­lich, wenn wir uns mit ihrer Hilfe in der mit der Sprache zugleich auf uns gekom­me­nen Weltkenntnis orien­tie­ren wollen, schäd­lich, so oft uns die Sehnsucht erfüllt, über diese Orientierung hinaus zu einer objek­ti­ven Erkenntnis fort­zu­schrei­ten. So wird selbst der einfachste Begriff, der des persön­li­chen Nutzens, flie­ßend und undeut­lich. Wir erken­nen hilf­los, daß auch die Sprache in die rück­sichts­lose Welt der notwen­di­gen Entwicklungen hinein gehört, und daß es vermes­sene Menschenschwäche ist, wenn wir den Maßstab des Nutzens auf diese Form der Entwicklung anle­gen wollen. Die Frage nach dem Nutzen der Sprache wird töricht wie die Frage, ob der Tiger an sich gut oder böse sei. Er ist eben ein Tiger gewor­den.

Wir können noch einen Schritt höher stei­gen, wenn wir uns erin­nern, daß die Kategorien unse­rer Sprache in einer notwen­di­gen Abhängigkeit von unse­ren Sinnesorganen stehen, daß aber unsere Sinne — wie später ausge­führt werden soll — Zufallssinne sind. Es ist kein Zufall, daß wir nach der Konstruktion unse­rer Sinnesorgane an der Welt unser Ich von den Dingen unter­schei­den, an den Dingen Eigenschaften von Bewegungen, an den Eigenschaften Farben, Töne u.s.w. Es ist aber ein Zufall, daß die Tiere der Erde bis hinauf zum Menschen gerade die Sinne für Töne, Farben u.s.w. entwi­ckelt haben. Das tote Stück Eisen ist seiner­seits weit empfind­li­cher für die uns völlig unbe­kann­ten Kategorien der Chemie und der Elektrizität. Auf diesem, um einen klei­nen Schritt höhe­ren und luftär­me­ren Standpunkt erscheint uns dann der Streit um den Nutzen der Sprache etwa so, wie ein Streit um den Nutzen unse­rer Sinne, d.h. um die Vorteile und Nachteile unse­res Körperbaus. Solange man an einen Gott glaubte, der alles sehr gut gemacht hatte, mußten die schwa­chen Seiten unse­rer Organisation zum Glauben an einen Teufel führen, der die Fehler machte.

Die Unterwerfung unter die blinde Entwicklung lehrt die letzte Resignation, das Verstummen der Frage nach gut und böse, nach Nutzen und Schaden. Die Sprache wird zum Gedächtnis des Organismus, welcher Mensch heißt, und dieser Organismus selbst ist auch nur das Gedächtnis seiner eige­nen Entwicklung. Das Leben und die Sprache fällt zusam­men zu einer unlös­ba­ren Einheit. Man kann sagen: wie das Gedächtnis als “Vermögen”, als Gehirnfunktion und das Gedächtnis als Einzelakt (Erinnerung) in einem Worte über­haupt zusam­men­flie­ßen, so auch hier; der Organismus ist das Gedächtnis aller leben­den Natur, die Sprache ist dasselbe Gedächtnis noch einmal, seit der Erinnerungsmöglichkeit, — mit der Erinnerungsmöglichkeit. Und die Frage nach dem Nutzen der Sprache, d.h. ob ich mir nütz­lich bin, zerfließt in einer bloßen Stimmung, in dem Gemeingefühl, welches wech­selt von Moment zu Moment, ob ich mich meines Lebens freue oder nicht.

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