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6. Moral

Gesetze über­haupt aufzu­stel­len ist nur deshalb möglich, weil sich bei einer sehr großen Anzahl ähnli­cher Fälle die Verschiedenheiten im einzel­nen ausglei­chen. Über den konkre­ten Einzelfall jedoch gelingt keine abso­lut sichere Prognose.”

Jahrhundertelang war es Tradition, die den wissen­schaft­li­chen Methoden zugrunde liegen­den Wertungen zu verschwei­gen. Im Bann der aris­to­te­li­schen Theorie wurde geglaubt, daß unsere Erkenntnis ein getreues Spiegelbild der Wirklichkeit sei und die mensch­li­che Vernunft fähig, die Wirklichkeit in Begriffen zu erfas­sen. Solange ARISTOTELES die wissen­schaft­li­che Welt bestimmte, wurde daran auch nicht wirk­sam gezwei­felt. Der erste ernst­hafte Gegner des ARISTOTELES war WILHELM von OCKHAM. Der Universalienstreit, den OCKHAM damals entfachte, ist in der wissen­schaft­li­chen Welt bis heute nicht endgül­tig entschie­den — wohl wegen der radi­ka­len Folgen, die eine konse­quente Anerkennung des OCKHAMschen Denkens haben könnte. Die Negation der ratio­na­len oder logi­schen Grundgleichung ist das beherr­schende Moment in OCKHAMs Philosophie. Im reinen Nominalismus entbeh­ren die Begriffe jegli­chen objek­ti­ven Fundaments. Begriffe besit­zen nur mehr als psychi­sche Akte Realität und haben nichts als subjek­tive Bedeutung.
“Die ausschließ­li­che Singularität alles Seienden, die Leugnung jegli­cher extra­men­ta­len Realität des Allgemeinen, hatte die Begriffe und ihre Objekte ausein­an­der­ge­ris­sen.” 1)
Auch BERKELEY und HUME waren, als sie die von subjek­ti­ven Vorstellungen unab­hän­gige Realität mate­ri­el­ler Substanzen leug­ne­ten, wie OCKHAM mit der commu­nis opinio, dem aris­to­te­li­schen Denken, das sich an das Sein der physi­schen Objekte hält, in Konflikt gera­ten. In der Alltagslogik, bzw. im gesun­den Menschenverstand, nehmen wir die Begriffe ohne viel Nachdenken für die wirk­li­che Welt. Die auto­ma­ti­sche Verwendung der Wörter haben wir bereits als Kinder gelernt. Kinder setzen mit der größ­ten Selbstverständlichkeit Wort und Sache gleich. Sie glau­ben, jedes Ding habe seinen rich­ti­gen Namen.

Mit der allmäh­li­chen Gewöhnung an den Gebrauch der Sprache im tägli­chen Umgang verwi­schen sich die konkre­ten Bedeutungen der Dinge immer mehr und machen weiter gefaß­ten Verallgemeinerungen Platz, bis am Ende geglaubt wird, auch die abstrak­tes­ten Gegenstände wären konkret greif­bar. Es gibt kaum jeman­den, der sich unter den gege­be­nen Erziehungsbedingungen vom einmal erlern­ten Sprachgebrauch — und dem damit verbun­de­nen Denken — wirk­sam zu eman­zi­pie­ren vermag. Die meis­ten Menschen bewe­gen sich im Reich der Hypothesen und Spekulationen, wähnen sich aber in der Wirklichkeit. Die, je nach Gemütslage, heile oder angst­volle Welt der naiven Realisten ist eine vom Erkennen noch nicht durch­drun­gene Welt — eine unreife Welt. In Illusionen verfan­gen lieb­äu­geln die Leute mit einer idea­len Welt-ansich oder verzwei­feln an einer solchen.

Die natür­li­che Weltansicht ist ein Geschöpf des prak­ti­schen Lebens. Die Alltagswelt ist zwar grob und verein­facht bis entstellt, aber prak­tisch bequem. Es wäre oft mühsam und erschiene uns unnütz, die Gegebenheiten über ein allge­mein­ver­ständ­li­ches Maß hinaus zu präzi­sie­ren. Wir tref­fen viele Unterscheidungen und damit Entscheidungen, rein gewohn­heits­mä­ßig. Gewohnheit ist eine wesent­li­che Kategorie des alltäg­li­chen Denkens.
“Der Einfluß des Denkens … entspringt aus der inne­ren Notwendigkeit, in einem unste­ten Wechsel der Sinneswahrnehmungen, Begierden und Gefühle ein Festes zu stabi­li­sie­ren, das eine stetige und einheit­li­che Lebensführung möglich macht.” 2)
Unkritisch-alltägliche Begriffsbildungen sind auf Generalisierung einge­stellt und deshalb nur unge­fähre Bezeichnungen. Sie sind bloß so über­nom­men und nicht reflek­tie­rend erar­bei­tet. Deshalb sind auch die Dinge und das Ich so deut­lich, so einfach und ohne Fraglichkeit. Das Selbstverständliche pflegt am wenigs­ten gedacht zu werden. Sobald aber die selbst­ver­ständ­li­chen Unterscheidungen des gewöhn­li­chen Lebens geklärt werden sollen, dann zeigen sich sofort schwere Unklarheiten und Widersprüche; dann sehen wir, daß diese Ansichten unfer­tig und unzu­läng­lich sind, daß sie erst noch zuende gedacht werden müssen. So, wie wir uns im naiven Bewußtsein die Wirklichkeit denken, ist sie unklar und wider­spruchs­voll. Wenn wir der Alltagslogik auf den Grund gehen, tref­fen wir auf selbst­wi­der­sprüch­li­che Vorstellungen, auf Begriffsbildungen, die eigent­lich nach gegen­sätz­li­chen Richtungen ausein­an­der­ge­hen und sich dann zwangs­läu­fig als Problem darstel­len. 3)

Wer prak­tisch denkt, kann sich nur ein gewis­ses Maß an Nachdenklichkeit erlau­ben. Darüber hinaus wäre er nicht mehr hand­lungs­fä­hig. Die alltäg­li­che Konversation in Gemeinplätzen sichert darum eine Welt, die still­schwei­gend für selbst­ver­ständ­lich gehal­ten wird. Die Typisierungen des Alltagslebens werden als gesell­schaft­lich bewährt erlebt. Das abstrakt-allgemeine Denken beru­higt und gibt ein Gefühl der Geborgenheit. Die Sicherheit des gewöhn­li­chen Verstandes ist die Sicherheit der Allgemeinheit der Vorstellungen. Allgemeinheit bedeu­tet Konfliktlosigkeit. Wir glau­ben, uns am besten zu verste­hen, wo wir die allge­meins­ten Begriffe gebrau­chen. Das Abstrakteste gilt oft als das Gewisseste. Die gewöhn­li­che Verwendung der Sprache und der Gebrauch der Alltagslogik haben immer die Tendenz, die Wirklichkeit gegen Veränderungen zu immu­ni­sie­ren. In alltäg­li­cher Befangenheit neigen wir dazu, der Wirklichkeit entwe­der mehr anzu­dich­ten, als vorhan­den ist, oder aber zu unter­schla­gen, was uns unan­ge­nehm sein könnte. Weltfremde Abstraktionen schie­ben sich an die Stelle der wirk­li­chen Welt. Die Sprache spricht uns und das Wissen denkt uns. Wir schla­fen den “deep slum­ber of deci­ded opinion”. 4)

Gewohnheitsmäßiger Gebrauch der Sprache bringt immer einen inne­ren Zwang mit sich, der aber meist nicht deut­lich erkannt wird. Die Nötigung, die von der allge­mei­nen Vernunft, bzw. dem gesun­den Menschenverstand ausgeht ist ebenso repres­siv, wie jeder andere Zwang. Der Zweck von Objektivität und objek­ti­ver Wirklichkeit ist die Sicherheit des Gewußten, die impli­zit Schlüsse nahe­legt, die als objek­tiv unter­ge­scho­ben werden können. Alle Objektivität bedeu­tet Zwang. Die Objektivität der Naturgesetze nötigt zu einer Natürlichkeit mensch­li­chen Verhaltens. Recht und Ordnung werden zu natür­li­chen Gegebenheiten. Ein Recht ansich gibt es jedoch genau­so­we­nig, wie eine Ordnung ansich. Recht und Ordnung sind mensch­li­che Zwecke. Eine Frage mensch­li­cher Zwecksetzung hat nichts mit den Notwendigkeiten des physi­schen Geschehens gemein.

Jedes Ergebnis mensch­li­cher Zwecksetzung ist für die soziale Existenz eines Menschen, d.h. die Beziehungen der Menschen unter­ein­an­der betref­fend, von unbe­streit­ba­rer Wichtigkeit, aber wir soll­ten es endlich aufge­ben, gesell­schaft­li­che Ereignisse als gesetz­mä­ßige Kundgebungen eines natur­not­wen­di­gen Geschehens zu betrach­ten. Unsere Anschauungen sind immer Individuell-subjektiv; das Empfindungsgegebene läßt sich nur umden­ken in etwas Objektives.
“Hört man aber, mit welcher Ehrfurcht manche Leute von der Regierung spre­chen, so könnte man glau­ben, daß der Kongress die Verkörperung des Gravitationsgesetzes sei, das die Planeten in ihren Bahnen hält.” 5)
Abstraktionen können zum Haupthindernis für vernünf­tige Kommunikation werden. Es ist der objek­tive Gebrauch der Worte, der oft viel­fäl­tige Verwirrung stif­tet. Gerade die Verallgemeinerung ist es, die uns über die Wirklichkeit täuscht. Das auszeich­nende Merkmal allge­mei­ner Gültigkeit ist eine große Bequemlichkeit, nicht aber ein großer Gehalt an Tatsachen. Wir haben es immer nur mit Bildern von Wirklichkeit zu tun und nie mit der Wirklichkeit selbst. Die konkre­ten Bedeutungswerte, welche die Begriffe für jeden einzel­nen von uns haben, werden gewöhn­lich außer acht gelas­sen. Wir glau­ben, es mit Sachfragen zu tun zu haben, wo unsere Probleme in Wahrheit termi­no­lo­gi­scher Natur sind. Als Generalirrtum des Denkens muß deshalb die Verwandlung subjek­ti­ver Denkprozesse in objek­tive Weltvorgänge betrach­tet werden. “Aller Schein besteht darin, daß der subjek­tive Grund des Urteils für objek­tiv gehal­ten wird.” 6)

Die Objektivität der Tatsachen ist das Prinzip auto­ri­tä­rer Moralvorstellungen. Objektive Sätze beru­hen aber nicht auf siche­rem Wissen, sondern auf ideo­lo­gi­schem Glauben an ihre Wirklichkeit. Das bloß aus Abstraktionen bestehende Wissen ist nur verwor­rene undeut­li­che Erkenntnis. Wenn es aber kein allge­mein­gül­ti­ges Wissen gibt, wie kann es da eine allge­mein­gül­tige Moral geben? Begrifflich mag ein Tatbestand dem ande­ren glei­chen oder ähneln, in Wirklichkeit aber gibt es keine iden­ti­schen mora­li­schen Fälle.

Moralische Verallgemeinerungen kennen wir auch unter dem Namen Vorurteile. Moralische Kriterien sind immer exis­ten­zi­el­ler Natur und so unver­gleich­lich wie die Individualität eines Menschen. Die bloße Logik dage­gen ist ohne Verallgemeinerung nicht möglich. In der Logik gibt es keine Subjektivität und darum auch keine Moral. In der objek­ti­ven Weltbetrachtung sind mora­li­sche Entscheidungen nur ein unter­ge­ord­ne­tes Anhängsel der Tatsachen. Der Sachzwang domi­niert die Urteile. Die Normativität der Fakten wird behaup­tet, um den Objektivierungen die Aura höhe­rer Wirksamkeit zu verlei­hen. Objektive Tatsachen sind aber nur ideal­ty­pi­sche Einkleidungen, das heißt logi­sche Harmonisierungen, mit der Aufgabe, Sein und Sollen mitein­an­der in Einklang zu brin­gen. Wertungen und deren Konflikte unter­ein­an­der werden verbor­gen, indem so getan wird, als seien Wertungen die logi­schen Folgerungen aus Tatsachen.

HUME und KANT kommt haupt­säch­lich das Verdienst zu, die Ethik endgül­tig von allen Prinzipien der kausal-objektiven Erfahrung frei gemacht zu haben. HUME und KANT mach­ten klar, daß Werturteile nicht aus Erkenntnissen von Tatbeständen abge­lei­tet werden können. Die empi­ri­sche Feststellung sagt uns besten­falls was ist, erklärt uns aber kein warum.
“Alle Gesetzmäßigkeit grün­det sich zuletzt auf die Voraussetzung: glei­che Ursachen, glei­che Wirkungen. Das würde, auf unser Gebiet über­tra­gen, heißen: glei­che Motive führen bei gleich­blei­ben­dem Charakter und unter glei­chen Umständen zu glei­chen Entschlüssen. Gleiche Ursachen kehren aber nicht einmal im Naturgeschehen wieder, sondern nur ähnli­che Ursachen und demge­mäß nur ähnli­che Wirkungen.” 7)
Gesetze über­haupt aufzu­stel­len ist nur deshalb möglich, weil sich bei einer sehr großen Anzahl ähnli­cher Fälle die Verschiedenheiten im einzel­nen ausglei­chen. Über den konkre­ten Einzelfall jedoch gelingt keine abso­lut sichere Prognose. Die Kausalität ist eine Brille aus Zeit und Raum, durch die wir nichts ande­res als Zeit und Raum sehen. Kausalität ist indif­fe­rent gegen Sinnhaftigkeit. Das Anstoßen einer Billiardkugel kann sinn­voll oder sinn­los sein. Kausalität ist ein menschlich-praktisches Prinzip — das geis­tige Sinnganze kann damit nicht verstan­den werden. Der Kausalbegriff ist uns aus dem gewöhn­li­chen Leben vertraut und erscheint als der einfachste von der Welt. Er ist uns durch tägli­che, stünd­li­che Übung so in Fleisch und Blut über­ge­gan­gen, daß wir ihn fast unbe­wußt anwen­den. Das Kausalgesetz ist aber keine Denknotwendigkeit. Ohne bestimmte Voraussetzungen kann über­haupt nichts gefol­gert werden. Alle Ereignisse haben auch immer mehrere Ursachen. Und umge­kehrt kann jedes Ereignis als die Ursache mehre­rer darauf folgen­der Ereignisse ange­se­hen werden. Moralische Begriffe sind deshalb nicht rück­führ­bar auf bloß empi­ri­sche Begriffe.

Der indi­vi­du­elle Entschluß ist nicht aus dem Allgemeinen abzu­lei­ten. Moralische Beurteilungen, d.h. Ansichten, die unsere Lebenseinstellung betref­fen, sind nicht aus biolo­gi­schen oder histo­ri­schen Behauptungen ableit­bar, sondern nur so zu begrün­den, daß unser Wollen als im Prinzip frei aner­kannt wird. Weil wir immer etwas bevor­zu­gen, d.h. auswäh­len müssen, sind wir gezwun­gen, die Dinge zu beur­tei­len. Inmitten von allge­mein­gül­ti­gen und sich wieder­ho­len­den Fakten kommt für jeden Menschen der Moment der Entscheidung und diese basiert auf der Annahme von Normen. Normen haben jedoch keiner­lei allge­mei­nen, d.h. logi­schen Wert. Was wir wissen, ist immer ein Bedingtes, d.h. alles Wissen ist rela­tiv bezo­gen auf beson­dere Umstände. Das Unbedingte kann nicht nach­ge­wie­sen werden.

Das Unbedingte als Grund des mora­li­schen Handelns ist nicht Sache der Erkenntnis, sondern des Glaubens. “Erfahrung lehrt uns wohl, was dasei, aber nicht, daß es gar nicht anders sein könnte.” 8) Der Schluß von einer beschrei­ben­den auf eine norma­tive Aussage ist deshalb ein Fehlschluß. Die bloßen Tatsachen geben uns keine Rechtfertigung der Ereignisse. Das Problem der rech­ten Wahl ist kein Problem der Naturforschung. Der Schluß allein von dem, was ist oder sein wird, unmit­tel­bar auf das, was sein soll, d.h. auf das, was durch seinen Wert ausge­zeich­net ist — ist unmög­lich. Alle Begründungen und Rechtfertigungen werden nicht fest gestellt, sondern her gestellt. “Der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor.” 9)

Objektivität heißt kausale Gesetzlichkeit, die unab­hän­gig von konkre­ten Menschen immer und über­all gilt. Wo alles nach dem Gesetz der Natur geschieht, gibt es aber keine Freiheit. Freiheit ist ein Zustand, der objek­tiv gese­hen Unbestimmtheit bedeu­tet. Die Handlungen eines Menschen mögen sein, was sie wollen, sie sind aber auf keinen Fall kausal bestimmt. Handlungen, Erfahrungen und soziale Beziehungen lassen sich niemals voll­stän­dig ratio­na­li­sie­ren und gerade in diesem irra­tio­na­len Bereich der mensch­li­chen Individualtät liegt die Bedeutung der Freiheit. Unsere Individualität und Freiheit ist gekenn­zeich­net durch einen spezi­fisch persön­li­chen Blickwinkel, den wir gewöhn­lich als Bewußtsein eines Menschen bezeich­nen. Freiheit gibt es nur, weil die Naturgesetze keine Wirklichkeit erklä­ren, sondern nur beschrei­ben. Denn wenn
”… der durch­gän­gige Zusammenhang aller Erscheinungen in einem Kontext der Natur, ein unnach­laß­li­ches Gesetz ist, dieses alle Freiheit notwen­dig umstür­zen müßte.” 10)
Naturgesetze werden vom Verstand geschaf­fen, die Freiheit als Wert von der Vernunft. Die Freiheit ist, wie jeder Wert weder beweis­bar, noch wider­leg­bar. Deshalb kann es z.B. auch keine objek­tive Begründung oder Definition von Destruktivität oder Gewalt als Unwert geben. Gewalt ist, wie die Freiheit eine Verhältnisgröße und ein Wertbegriff. Freiheit, Gewalt, Herrschaft etc. sind nicht empi­risch beweis­bar, sondern subjek­tive Bedeutungsgrößen. Freiheit heißt meine Freiheit und jede Gewalt wird als solche empfun­den. Freiheit und Gewalt oder Leistung sind keine objek­ti­ven Tatsachen, sondern subjek­tive Wertvorstellungen von Menschen, die sich allen­falls auf eine gemein­same Verwendung der Begriffe eini­gen können oder nicht. Letztlich stif­tet aber immer die Subjektivität den Grund.

Das prak­ti­sche Interesse rich­tet sich nach der Nützlichkeit. Der Ausdruck Wert muß in einem ähnli­chen Sinn verstan­den werden, wie die Ausdrücke nütz­lich und zweck­mä­ßig. Unsere Bedürfnisse können wir im Grunde auch als Zwecke setzen. Zwecke sind die Ziele unse­res Wollens. Wodurch ein Gegenstand von Interesse ist, das ist sein Wert. Alle Werturteile sind willens­be­stimmte Handlungen und mehr oder weni­ger freie Entscheidungen nach Normen. Werturteile sind Wahlakte. Werte haben kein Sein außer­halb des Bewußtseins eines Menschen. Die Sphäre des Wertvollen ist das für uns Geltende. Gewertet wird im konkre­ten Augenblick. Es gibt keine Nützlichkeit ansich. Alle Nützlichkeit ist situa­ti­ons­ge­bun­den. Genauso, wie nichts objek­tiv nütz­lich oder zweck­mä­ßig ist, ist auch nichts objek­tiv wert­voll. Wir müssen uns in jedem Fall fragen: Gut oder schlecht für wen? und in welcher Situation?

Gut-und-böse sind abhän­gig von den Beziehungen, in denen wir sie sehen und diese Beziehungen können in vielen verschie­de­nen Richtungen verlau­fen. Alle Verschiedenheit ist die Verschiedenheit der Zusammenhänge. Jede posi­tive oder nega­tive Beurteilung ist abhän­gig von einem posi­ti­ven oder nega­ti­ven Wert, den wir als solchen setzen. Moralische Erwägungen exis­tie­ren nicht ansich, sondern immer nur in Bezug und Relation. Es gibt keine objek­ti­ven Grundsätze, die nur zu befol­gen wären, um mora­lisch gehan­delt zu haben. Eine Handlung wird nicht gerecht­fer­tigt, indem sich jemand auf eine objek­tive Ursache bezieht. In der Ethik haben die Kategorien der Erscheinungswelt (Kausalität) deshalb keine Geltung. Jede Bewertung von gut und schlecht hängt von dem Zweck ab, der erreicht werden soll. Es gibt keinen Zweck ansich und auch kein Mittel ansich.

Zwischen allen Werten müssen wir wählen. Entscheiden heißt immer, den einen Wert dem ande­ren vorzu­zie­hen. Ansich ist jeder Wert bedeu­tungs­los. Moralische Vorstellungen, d.h. Wertvorstellugen, sind das Ergebnis von Entscheidungen und Entscheidungen sind immer persön­li­cher Natur, d.h. subjek­tiv. Werte haben keine raum-zeitliche Wirklichkeit. Für einen Wert gibt es keinen ande­ren Beweis, als unser subjek­ti­ves Wertbewußtsein.
“Das Problem der Werte ist vor allem und in erster Linie das Problem der Wertkonflikte. Und dieses Problem kann nicht mit den Mitteln ratio­na­ler Erkenntnis gelöst werden. Die Antwort auf die sich hier erge­ben­den Fragen ist stets ein Urteil, das in letz­ter Linie von emotio­na­len Faktoren bestimmt wird und deshalb einen höchst subjek­ti­ven Charakter hat. Das heißt, daß es gültig ist für das urtei­lende Subjekt, und in diesem Sinne rela­tiv.” 11)
Entscheidend ist immer der Antrieb, den ich durch mein Wertempfinden erfahre. Die innere Sicherheit und Gewißheit des Wertempfindens genügt sich selbst. Eine Abstraktion allein hat nicht diese trei­bende Kraft. “Der Wert der Werte ruht in ihnen selbst, das will heißen in dem, was sie für den Wertenden tatsäch­lich bedeu­ten. 12) Das Gefühl für Prioritäten ist stets eine persön­li­che Angelegenheit. Ethik sagt darum nicht, was das Gute ist, sondern besten­falls wie wir dazu kommen, etwas als gut zu beur­tei­len.

Die meis­ten Bündnisse zwischen Menschen beru­hen auf wech­sel­sei­ti­gen Bedürfnissen und Wertvorstellungen — aber auch viele Konflikte. Bedürfnisse, Vorlieben, Interessen und Bestrebungen von Menschen sind nicht harmo­nisch, sondern wider­spre­chen sich häufig. Unsere Bedürfnisse erzeu­gen Harmonien, aber auch Disharmonien. So verschie­den die Menschen sind, so verschie­den sind auch ihre Bedürfnisse. Der Konflikt zwischen Bedürfnissen und ihrer Bewertung als gut oder schlecht gehört sozu­sa­gen zur Qualität Mensch. Der Forderung Enscheidungen zu tref­fen kann sich niemand entzie­hen. Wollen und für besser halten sind nur zwei Ausdrücke für die selbe Sache. Gut und schlecht erge­ben sich im Hinblick auf Interessen und bedin­gen sich gegen­sei­tig. Wir befin­den uns in einem stän­di­gen Konflikt zwischen unse­ren Werturteilen. Moralische Normen entsprin­gen der Notwendigkeit Konflikte zu schlich­ten, die sich aus unter­schied­li­chen Beurteilungen erge­ben.

Ohne Rangordnung und Dringlichkeitsskala verfolg­ter Interessen geht es nicht ab. Die inkom­pa­ti­blen Normen ethi­scher Systeme erge­ben sich aus der Divergenz von Bedürfnissen und der Notwendigkeit die Interessen und Zwecke der einen zu opfern, um die Interessen und Zwecke der ande­ren zu retten. In ihrer eindring­lichs­ten und unlös­bars­ten Form bestehen mora­li­sche Probleme in dem Konflikt von rich­tig und rich­tig und gut und gut. Die Norm der Gerechtigkeit kann z.B. mit der Norm der Liebe in Konflikt gera­ten. Das Problem der Wahlfreiheit kommt immer dann in Frage, wo wir zwischen zwei sich wider­strei­ten­den Antrieben eine Willensentscheidung zu tref­fen haben. Der Konflikt zwischen zwei Pflichten etwa entsteht, weil zwei Normen in dersel­ben Situation Anwendung finden können und es unmög­lich ist, ihnen beiden zu folgen. Wenn die Wahrheit mit dem Glauben oder der Freiheit in Konflikt gerät, müssen wir wählen und entschei­den, welches Prinzip gerade hier und jetzt eine Umsetzung verlangt.

LITERATUR — Laurent Verycken, Formen der Wirklichkeit — Auf den Spuren der Abstraktion, Penzberg, 1994
Anmerkungen:

1) ERICH HOCHSTETTER, Studien zur Metaphysik und Erkenntnislehre Wilhelm von Ockhams, Berlin 1927, Seite 117
2) WILHELM DILTHEY in RAINER WIEHL (Hrsg), Geschichte der Philosophie, Bd.8, Stuttgart 1981, Seite 195
3) VIKTOR KRAFT, Weltbegriff und Erkenntnisbegriff, Leipzig 1912, Seite 25f
4) “der tiefe Schlaf fest­ge­leg­ter Meinung”, JOHN STUART MILL in ALEXANDER HERZEN, Die geschei­terte Revolution, Frankfurt 1977, Seite 197
5) WILLIAM PHILIPPS in RUDOLF ROCKER, Nationalismus und Kultur, Bd.1, o.J., Seite 191
6) IMMANUEL KANT, Prolegomena zu einer Metaphysik der Sitten, o.J., § 40
7) ROBERT REININGER, Wertphilosophie und Ethik, Wien/Leipzig 1939, Seite 156
8) IMMANUEL KANT, Kritik der reinen Vernunft, Stuttgart 1966, Seite 750
9) IMMANUEL KANT ohne Quelle
10) IMMANUEL KANT, Kritik der reinen Vernunft, Stuttgart 1966, Seite 578
11) HANS KELSEN, Was ist Gerechtigkeit?, Wien 1975, Seite 6
12) ROBERT REININGER, Wertphilosophie und Ethik, Wien/Leipzig 1939, Seite 56

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