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5. Missverstehen durch Sprache

Für die Praxis genügt die mensch­li­che Sprache, wahr­schein­lich darum, weil es jedem einzel­nen nur um sich selbst zu tun ist.”

Unser Nachdenken über das Wesen der Sprache hat uns zu dem ersten schein­ba­ren Widerspruche geführt: die Sprache (mag man nun an das Abstraktum oder an die Einzelsprachen, ja mag man selbst an Individualsprachen denken) ist nichts Wirkliches und dennoch kann sie etwas Wirksames sein, eine Waffe, eine Macht. Wir werden auf die Sprache als wirk­same Ursache ande­rer Erscheinungen bald zurück­kom­men. Jetzt hält uns der Gedanke auf, daß Widersprüche im Denken, das heißt im logi­schen Gebrauche der Sprache, möglich sind. Er wird uns in seiner vollen Grausamkeit erst in der Kritik der Logik aufge­hen. Hier, am Anfang, wollen wir noch nicht die Notwendigkeit des Irrens behaup­ten, wollen wir nur davon reden, daß die spre­chen­den Menschen einan­der und sich selbst mißver­ste­hen.

Zu den Gründen, weshalb die Menschen einan­der nicht verste­hen können, gehört zunächst das allmäh­li­che Wachsen der Worte, also die Geschichte jeder Sprache.

Und zwar werden die Worte, aller Logik entge­gen, gleich­zei­tig nach ihrem Inhalt und nach ihrem Umfang reicher. Man verglei­che, was ein Kind oder ein Bauer unter “Stern” begreift, und was ein Astronom. So wenig nun die Kontinuität, die Erinnerung, die Persönlichkeit dadurch abge­ris­sen ist, daß aus dem Säugling von 10 Pfund eine Amme von 200 Pfund gewor­den ist, so wenig hat jemals eine Unterbrechung statt­ge­fun­den im Leben des Worts. Und da das Wort von einem Menschen auf den ande­ren über­geht, so kann man wohl sagen, daß unsere Worte ein Wachstum von unge­zähl­ten Jahrtausenden hinter sich haben. Wie der Weinstock, der heute in der Forster Gemarkung Früchte trägt, im Grunde derselbe ist, der in Urzeiten etwa in Persien wuchs, dann auf Umwegen über wer weiß welche Kulturländer als ein Steckling nach Italien kam, von dort durch die Laune eines Kaisers an den Rhein, und von da wieder an die HARDT, wie also das, was man nicht benen­nen kann, was aber das Leben dieses Weinstocks ausmacht, unsterb­lich seit Jahrtausenden weiter treibt: so jedes Wort, das wir gebrau­chen. Aber wie nur einzelne dieser Weinstöcke etwa persön­lich 100 Jahre alt werden, wie der uralte persi­sche Weinstock in jedem Individuum der Forster Gemarkung neu zu trei­ben begin­nen muß, so wächst das Wort in den Jahrtausenden ruhig weiter, während es doch in jedem einzel­nen Menschenindividuum neu zu keimen begin­nen muß.

So wie aber nun an den unzäh­li­gen Weinstöcken der glei­chen Art mit ihren tausend­mal unzäh­li­gen Blättern und Beeren nicht zwei glei­che Blätter oder zwei glei­che Beeren sind, so hat das einzelne Wort, das in Millionen von Volksgenossen millio­nen­mal keimen mußte, nicht bei zweien genau den glei­chen Inhalt, den glei­chen Umfang, den glei­chen Wert.

Bei den Blättern achtet man nicht darauf, wenn sie nur im Winde rauschen. Und auch bei den Beeren kommt es für die Praxis nicht darauf an, wenn sie nur unter der Kelter ein Gemengsel geben, das sich trin­ken läßt. Für die Praxis genügt auch die mensch­li­che Sprache, wahr­schein­lich darum, weil es jedem einzel­nen nur um sich selbst zu tun ist. Nur die Narren, die verste­hen und verstan­den werden wollen, ein finden die Unzulänglichkeit der Sprache.

Mit ihren alten und jungen Worten stehen die Menschen einan­der gegen­über. Wie törichte Greise und törichte Jünglinge. Kein Mensch kennt den ande­ren. Geschwister, Eltern und Kinder kennen einan­der nicht. Ein Hauptmittel des Nichtverstehens ist die Sprache. Wir wissen vonein­an­der bei den einfachs­ten Begriffen nicht, ob wir bei einem glei­chen Worte die glei­che Vorstellung haben. Wenn ich grün sage, meint der Hörer viel­leicht blau­grün oder gelb­grün oder gar rot. Leise Unterschiede sind zwischen dem C des einen Musikers und dem C des ande­ren, Moschusgeruch erzeugt gewiß grund­ver­schie­dene Empfindungen bei dem glei­chen Worte. Wenn ich Baum sage, so stelle ich mir — ich persön­lich — so unge­fähr etwas wie eine zwan­zig­jäh­rige Linde vor, der Hörer viel­leicht eine Tanne oder eine mehr­hun­dert­jäh­rige Eiche. Und das sind die einfachs­ten Begriffe.

Worte für innere Seelenvorgänge sind natür­lich von den vielen Werten oder Begriffen ihres Inhalts abhän­gig und darum bei zwei Menschen niemals gleich, sobald auch mir ein einzi­ger der Inhaltswerte, ungleich vorge­stellt wird. Je vergeis­tig­ter das Wort, desto siche­rer erweckt es bei verschie­de­nen Menschen verschie­dene Vorstellungen. Daher auch so viel­fach Streit unter sonst vernünf­ti­gen und ruhi­gen Menschen. Leute mit verschie­de­nen Sprachen müssen eben strei­ten, wenn sie so dumm sind, mitein­an­der spre­chen zu wollen. Das abstrak­teste Wort ist das viel­deu­tigste. Wollte man — nicht etwa alle Menschen — sondern nur alle von einer Konfession zwin­gen, von sich zu geben, was sie sich z.B. unter ihrem Gott vorstel­len, es würden die wahn­sin­nigs­ten Phantastereien aller Völker und Zeiten zu Tage treten. Und doch ist das ein Wort, worüber sie alle einig zu sein glau­ben. Mut, Liebe, Wissen, Freiheit sind ebenso zerfah­rene Worte. Durch die Sprache haben es sich die Menschen für immer unmög­lich gemacht. einan­der kennen zu lernen.

Ich leugne nicht die Nützlichkeit in Anbetracht der armse­li­gen Menschennatur nicht die Notwendigkeit des Staates. Der einzelne ist so sehr eige­ner, so sehr Individualist, daß der Staat sein muß und ein bißchen konser­va­tiv sein muß. Und in der gemei­nen Wirklichkeitswelt scha­det es gar nicht so viel, wenn abster­bende Institutionen, wenn halb verbrauchte Maschinen noch eine Zeitlang weiter arbei­ten. Unerträglich ist es aber, wenn der Staat auf dem Gebiete des Denkens, das ihn nichts angeht, konser­vie­ren will, wenn er alternde Begriffe künst­lich am Leben erhal­ten will. Da sollte man wirk­lich stoßen, was fällt. Und die Bildung, die in unse­ren staat­li­chen Gelehrtenschulen, in unse­ren “Konservatorien” mitge­teilt wird, ist ein ewiges Bemühen, alternde Begriffe zu retten.

Man hat es einmal die furcht­barste Strafe genannt, wenn man Verbrecher im Zuchthaus eine völlig frucht­lose Arbeit verrich­ten ließ, wie z. B. Wasser aus dem Fluß schöp­fen und wieder hinein­gie­ßen. Die grie­chi­sche Mythologie hat eine Menge Symbole für solche Arbeitsstrafen, z.B. das Danaidenfaß. Büßende Anachoreten des vier­ten Jahrhunderts haben sich dieses Furchtbare aufer­legt, z.B. Wüstensand von einer Stelle zur ande­ren zu tragen. Der Staat ist jetzt zu ökono­misch, um solche Strafen einzu­füh­ren.

Aber der Staat legt den Kindern, die er zwangs­weise in seine Schulen sperrt, und die doch nichts verbro­chen haben, dieselbe furcht­bare Strafe auf, indem er sie unter Androhung von Prügeln zwingt, in das Danaidenfaß ihres Gedächtnisses unver­stan­dene Worte hinein­zu­gie­ßen. Es ist wahr, auch ohne Schulzwang würde dem Kinde von seinen Eltern aller­lei Gespensterkram “und solches Teufelszeug” in den Kopf gesetzt werden. Man denke sich einmal alle Schulen fort; der Bauer würde dann seinem Söhnchen blöd­sin­nige Wetterregeln, eine unhalt­bare Zoologie und Botanik beibrin­gen, und die Bäuerin hübsche Legenden von BISMARCK, den Heiligen und dem Werwolf. Der Junge hätte sonach viele falsche Begriffe in seinem Schädel — aber doch nur so viele, als sich mit dem Umfang des Schädels und mit dem Inhalt seiner Lebensarbeit vertra­gen, sogar gut vertra­gen. Der Staat jedoch hat es in seinem Wesen, daß er geis­tig herun­ter bringt, was er anfaßt. Er nimmt den Wetterregeln den Reiz des Reims und den Legenden ihren Märchenzauber. Er trock­net die Wetterregeln nach dem gegen­wär­ti­gen Stande der Wissenschaft ein und läßt seine Priester die schö­nen Märchen zum Katechismus verknö­chern. Wir haben kein Mitleid mit unse­ren Kindern, sonst hätte ihre geis­tige Not uns längst alle zu einer Schulrevolution trei­ben müssen. Wir sind feiger als die Väter, die ihre Kinder dem Moloch opfern ließen; die glaub­ten viel­leicht an eine Pflicht dabei.

Wir aber lassen unsere Kinder martern, mit der feinen Waffe des Wortes martern, gegen unsere Überzeugung, gegen unser Wissen. Wir begin­nen eher eine Bierrevolution, um eines Kreuzers willen, als eine Schulrevolution, um der Rettung der Kinder willen. Bevor so ein unschul­di­ges Kind noch gefehlt haben kann, muß es die Namen der jüdi­schen und der römi­schen Könige auswen­dig lernen. Das ist nicht zum Lachen. Denn das ist der Beginn der soge­nann­ten Bildung, die Worte kennt ohne Vorstellungen. Ebensogut könnte man die Jugend Münchens das Adreßbuch von Königsberg auswen­dig lernen lassen, viel­leicht mit mehr Vorteil. Bevor ein Kind die Sache ahnen kann, lernt es mit dem sechs­ten Gebot den Begriff des Ehebruchs.

Bevor ein Kind die Unschuld seiner konkre­ten Vorstellungen verlo­ren hat, wird ihm der Schädel trepa­niert und wird ihm z.B. im zwei­ten Hauptstück des luthe­ri­schen Katechismus gleich ein Dutzend unvor­stell­ba­rer Vorstellungen einge­gos­sen: die Allmacht, das Eingeborensein, die Empfängnis vom heili­gen Geist, die Niederfahrt zur Hölle, die Auferstehung von den Toten, das Sitzen zur Rechten Gottes, das Gericht über die Toten, der heilige Geist, die Gemeinschaft der Heiligen, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben. In das arme Kindergehirn werden da jahre­lang mit allen Zwangsmitteln soge­nannte Begriffe einge­häm­mert, mit denen die Lehrer der Lehrer, unsere berühm­ten Gelehrten, durch­aus nichts mehr anzu­fan­gen wissen, Begriffe, leere Worthülsen, Schlacken aus einer Gärungszeit, da die Welt ein paar Jahrhunderte lang theo­lo­gisch deli­rierte, hiero­gly­phi­sche Lautzeichen, deren Rätsel nur noch von ein paar Dutzend hiero­gly­phi­schen Schächern verstan­den werden. Die Kinder von Artisten, denen die Gelenke zerris­sen werden für ein Zirkuskunststück, werden für eine Form des Daseinskampfes abge­rich­tet; allen unse­ren Kindern wird in der Schule das Hirn zerris­sen für nichts, für den Molochdienst toter Wortsymbole.

Es gibt unter den mensch­li­chen Gehirnen viele rich­tige Danaidenfäuer, wo die unvor­stell­ba­ren Vorstellungen nur bis zum Examen haften blei­ben und dann durch­rin­nen, wie durch ein Sieb. Bei diesen ist der Schaden nur Zeitverlust und etwas erhöhte Dummheit. Gerade die besse­ren Gehirne aber halten die sinn­lee­ren Begriffe entwe­der fest und sind dann für immer künst­lich wahn­sin­nig gemacht, oder sie suchen den frem­den Körper los zu werden und müssen dazu die Fieberkrankheit des Zweifels durch­ma­chen. Und um den armen Kindern diese furcht­bare Marter aufzu­le­gen, verei­ni­gen sich die Eltern mit dem Staat. Der Staat legt dem Lehrer Stock und Zensuren in die Hand, und wenn das Kind noch so frisch ist, daß es sich wehrt gegen die römi­schen Könige und gegen den Katechismus, dann wird es zu Hause mit Schlägen und Fasten so lange gequält, bis es sich beugt. Diese grau­en­hafte Veranstaltung nennen Leute, die sonst für die Inquisition starke Ausdrücke übrig haben, eine Grundlage unse­rer Kultur. Wahrlich, den beneide ich nicht, der solchen Dingen gegen­über, hat er sie erst erkannt, seine Ruhe gelas­sen behaup­ten kann.

Nachträglich lehrt aber ruhigste Durcharbeitung, daß da die Menschen, die sich zum Staate und seinen Aufgaben verei­nigt haben auf Grund gemein­sa­mer Sprache, einan­der nicht verste­hen, nicht einmal in den obers­ten Zielen dieses Staates. Nirgends sind die Mißverständnisse so schrei­end als in Moral, in Politik, im Rechtsleben, in Kulturfragen alle diese Worte heim­lich lachen!

Auch den schärfs­ten Denkern ist von ihren Kritikern mitun­ter nach­ge­wie­sen worden, daß sie sich da und dort selbst mißver­stan­den haben. Dies wäre doch ganz unmög­lich, sind solche Ansichten oben nur Worte, und auf die Dauer wird die Fülle des mensch­li­chen Denkens oder Gedächtnisses von Worten so wenig vermehrt oder vermin­dert, als das Meer durch den stär­ke­ren Lufthauch, den Sturm, der dahin und dort­hin darüber bläst.

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