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4. Realität der Sprache

Alle Menschen stehen gegen­sei­tig im Verhältnis von Hypnotiseur und Hypnotisierten, alle Menschen lassen sich gegen­sei­tig durch ausge­spro­chene Worte Zwangsvorstellungen suggerieren.”

Weil die Sprache zwischen den Menschen eine soziale Macht darum übt sie eine Macht aus auch über die Gedanken des einzel­nen. Was in uns denkt, das ist die Sprache; was in uns dich­tet, das ist die Sprache. Die Empfindung, die oft in Worte gebracht worden ist: “Nicht ich denke; es denkt in mir” — die Empfindung des Zwangs, ist einfach rich­tig. Die Macht der Worte über das einzelne mensch­li­che Gehirn ist erst im langen Verlaufe der soge­nann­ten Entwicklung zu der über­gro­ßen Ausdehnung gedie­hen, die wir in histo­ri­schen Zeiten beob­ach­ten können. In seinem tier­ähn­li­chen Stande hätte der Mensch diese Macht wie eine Krankheit empfun­den, wie eine epide­mi­sche Krankheit, die in der Menschheit die Anlage zur Sprache zurück­ließ. Wir sehen diese Macht oft im Traume. Irgend ein Sinneseindruck, das Schlagen einer Uhr z.B., dringt wie ein Mückenstich durch die dich­ten Schleier der Sinne, er kann nicht wieder heraus, und es ist viel­leicht eine andere Form der Erhaltung der Energie, daß der empfan­gene Eindruck nun im Gehirn von Erinnerung zu Erinnerung springt, immer bestrebt, den Ausgang zu finden, und seine ursprüng­li­che Kraft so sehr beibe­hält, daß er in dem Augenblicke den Körper weckt, da er an irgend einer entfern­ten Stelle die Schleier zurück wieder durchbricht.

Dieser passive Wahnsinn des Traums, der uns die kaum faßbare Schnelligkeit der Assoziationen kennen lehrt, läßt sich nach­ah­men in dem zeit­wei­li­gen und künst­li­chen Wahnsinn, den die Hypnose erzeugt. Hier löst nicht ein Sinneseindruck die Flucht der Assoziationen aus, sondern ein Wort. Ein Zeichen also, ein Signal; auch der Sinneseindruck im Traum war so ein Signal für das regel­lose Spiel der Assoziationen. Man bedenke, welche uner­hörte Flucht von Vorstellungen durch das Gehirn des Hypnotisierten gehen muß, damit er z.B. auf das Wort Wein Tinte trinke und ein freund­li­ches Gesicht dazu mache.

Es gibt Gruppen von Wahnsinnigen, die ohne ein anre­gen­des Wort von außen ähnlich handeln. Aber alle Menschen stehen gegen­sei­tig im Verhältnis von Hypnotiseur und Hypnotisierten, alle Menschen lassen sich gegen­sei­tig durch ausge­spro­chene Worte Zwangsvorstellungen sugge­rie­ren und es ist mir kein Zweifel, daß nicht nur in erreg­ten Momenten des Völkerlebens, wo die zeit­wei­lige Hypnose als Krieg, Hexenverfolgung u. dgl. offen­bar ist, ganze Massen einan­der zu künst­li­chem Wahnsinn erre­gen, sondern daß der ganze geis­tige Verkehr der Menschen unter­ein­an­der nichts weiter ist als allge­meine unun­ter­bro­chene milli­ar­den­haft durch­kreuzte Hypnotisierungsversuche und gelun­gene Hypnosen, welche von der ererb­ten Fähigkeit der Assoziationsflucht Gebrauch machen, und wobei der mensch­li­chen Sprache die trau­rige Rolle zufällt, Erreger und allei­ni­ges Ausdrucksmittel dieses künst­li­chen Wahnsinns zu sein.

Die Sprache leis­tet da psychisch, d.h. unwäg­bar und gratis, wie denn das Unwägbare immer das Wohlfeilste ist, diesel­ben Dienste, wie physio­lo­gisch der Alkohol. Worte berau­schen, Worte betäu­ben, Worte können den ihnen Verfallenen zum Selbstmord führen. Und während der Alkoholisten unter den Menschen doch nur wenige sind, gibt es zahl­lose Kranke, welche den Reiz nicht mehr entbeh­ren können, Worte in Massen zu sich zu nehmen und von sich zu geben. Man könnte diese Krankheit Logismus nennen, und daß dieses Wort schon so viel wie Vernünftigkeit bedeu­tet, wäre kein Grund, ein ande­res Wort zu wählen. Auch Syllogismus könnte diese Krankheit recht gut heißen, oder noch einfa­cher Logik.

Ein Verteidiger der Sprache könnte behaup­ten, daß ihre Macht gele­gent­lich auch das Gute fördere. Wie die Hypnose einge­bil­dete Krankheiten heilt, d. h. also nicht die Krankheit, sondern die Einbildung. So können Worte durch ihre soziale Macht dem melan­cho­li­schen Hang zur Schlechtigkeit entgegenwirken.

Für mein persön­li­ches Sprachgefühl hat das Wort “Tugend” oder gar die Mehrzahl die “Tugenden” die Tendenz, eine archais­ti­sche Bedeutungsnüance zu bekom­men, wie es die der altge­wor­de­nen Götternamen ist, wie die perso­ni­fi­zier­ten Göttinnen der Abstraktionen Gerechtigkeit, Weisheit, Industrie u.s.w. auf uns wirken. Diese Empfindung läßt die Moral unver­sehrt; mit dieser Empfindung unter­schei­det man nach wie vor gute und böse Menschen. Man sucht nur nach neuen Worten und muß doch zuge­ste­hen, daß die alten Namen der Tugenden in mora­li­scher Richtung wirk­sam sind, während doch die Worte als Erkenntnismittel unwirk­sam erschei­nen. Es ist nur ein ganz leises Kichern, was der Geist der Sprache dabei wie aus der Ferne erklin­gen läßt.

Nehmen wir z.B. die Güte als den Typus mensch­li­cher Tugend, so werden wir nur wenige Menschen entde­cken, welche als Genies der Güte in diesem Sinne tugend­haft sind. Die meis­ten guten Menschen sind nur gut, weil der Begriff der Güte einmal besteht, und weil in ihnen eine Neigung wirkt, sich diese Bezeichnung “gut” wie einen Orden zu erwer­ben. Sie handeln gut, sie verzich­ten auf böse Handlungen und üben gute, weil sie gut heißen möch­ten. In prak­ti­scher Beziehung ist zwischen ihnen und natür­lich guten Menschen nur ein gerin­ger Unterschied. Lebten sie aber in einem Volke, welches den Begriff der Güte noch nicht ausge­bil­det hätte, so hätten sie nur wenig oder gar nicht den Antrieb, gut zu sein. Die Worte sind also in diesem Falle ein moral­för­dern­des Motiv. Die sprach­lo­sen Tiere kennen dieses Motiv noch nicht, sind darum auch nicht gut und nicht böse.

Sprache eine Macht. Also doch etwas Wirkliches? Denn nur Wirkliches kann wirken. Was aber als Macht wirkt, das ist doch nie und nimmer “die” Sprache, sondern ein Wort. Dies Wort frei­lich nicht losge­löst von seinen Zusammenhängen. Nun, wie physio­lo­gisch doch auch nur immer irgend ein chemi­scher Vorgang nebst seinen Zusammenhängen, gegen­sei­ti­gen Abhängigkeiten (Blut und Gehirnnerven) wirken kann. Die gegen­sei­ti­gen Zusammenhänge mag man “die Seele” nennen, l’introuvable. Die Sprache ist “die Seele” alles Redens — “möcht’ man sprechen”.

Will man die mensch­li­che Sprache, die nicht wirk­lich ist und dennoch wirkt und eine Macht ist, mit etwas Ähnlichem verglei­chen, so denke man an Zeichnungen, die schwarz auf weiß zu sehen sind, auf dem Papier, und dennoch nur Zeichen sind; physi­ka­lisch (als kleine Graphitteilchen) real, wirk­lich, wirk­sam nur Zweckvorstellungen, Zeichen, anthro­po­mor­phe Gebilde. Tiere nehmen Zeichnung (Täuschungen sind nicht Zeichnung) nicht wahr. Und die Lehre, daß es nie und nimmer möglich sei, durch irgend­wel­che Behandlung, Bearbeitung oder Tyrannisierung der Worte irgend eine neue Kenntnis aus ihnen heraus­zu­zie­hen diese Lehre wird weni­ger selt­sam erschei­nen, wenn man die Sprache nun beson­ders mit den Zeichnungen vergleicht, die zur Illustration wissen­schaft­li­cher Bücher dienen. Man würde doch den sofort für blöd­sin­nig erklä­ren, der es sich einfal­len ließe, eine Forschungsreise durch Afrika nicht an Ort und Stelle, sondern zu Hause auf einer Landkarte anzu­tre­ten. Man würde ihm sagen: “Mit der schärfs­ten Lupe wirst du auf der Karte nicht mehr finden, als deine Vorgänger gese­hen hatten oder zu sehen geglaubt haben.” Ebenso würde man den verla­chen, der die Forschungen im Gehirngebiet dadurch weiter­brin­gen wollte, daß er Zeichnungen des Gehirns studierte.

Nun ist aber die mensch­li­che Sprache nichts ande­res als eine in Lautzeichen nieder­ge­legte, sche­ma­ti­sche Gesamtbeschreibung alles dessen, was die Vorgänger bis heute gese­hen haben. Mag man die Worte nun mit noch so schar­fer Logik unter­su­chen, man wird niemals über ihren Inhalt hinaus­kom­men, der eine Sammlung alten oder eben veral­ten­den Materials ist.

Die Sprache ist also als Sprache — nicht bloß physi­ka­lisch, als Lufterschütterung oder Schwingung — etwas Reales. Ist so real wie eine Zeichnung, wie ein Zeichen. Als Zeichen, als hörbare Signale, müssen wir uns die Anfänge vorstellen.

Und heute noch ist die mensch­li­che Sprache auf ihrer tiefs­ten Stufe deik­tisch. “Geben Sie mir Leberwurst!” Der Stumme zeigt mit den Fingern auf die Leberwurst mit dem glei­chen Erfolg. Der Hund schnappt nach der Leberwurst mit noch schnel­le­rem Erfolg. Die Sprache auf ihrer höchs­ten Stufe ist Kunstmittel. GOETHE setzt Wort an Wort, wie RAFFAEL Farbe an Farbe. Die Sprache im gesel­li­gen Verkehr nähert sich wie im Wirtshaus, im Handel, im Krieg und im Liebeskampf der Leberwursteinfachheit. Sie nähert sich in der feins­ten Salonkonversation hervor­ra­gen­der, geschätz­ter Leute dem Kunstwerk. In der Mitte liegt Geschnatter, das gedan­ken­lose Geschnatter, das tausend Millionen Menschen stun­den­lang voll­füh­ren. Abseits vom Geschnatter hat sich einige Wissenschaft die Worte dienst­bar gemacht, um sie wie alge­brai­sche Zeichen formel­haft zu verwen­den. Ein neuer Gedanke kann dabei gar nicht heraus­kom­men, so wenig wie durch millio­nen­hafte Kombinationen und Permutationen der zehn Zifferzeichen der Wert der Welt um ein Atom vermehrt werden kann. Wenn ein Schöpfer unser Sonnensystem geord­net hätte, so hätte er es doch ohne vorhe­rige mathe­ma­ti­sche Berechnung hinaus­ge­schmis­sen in den Raum. Und die Natur ist voll­ends sprach­los. Sprachlos würde auch, wer sie verstünde.

Man kann sich die Wirkung der Propheten so erklä­ren, daß es begeis­terte Leute waren, die ihren zurück­ge­blie­be­nen Zeitgenossen einen neuen Begriff durch die Gewalt ihrer Redekunst sugge­rier­ten. Ihnen entspre­chen ziem­lich genau unsere Dichter, sofern sie sich den konser­va­ti­ven Mächten gegen­über­stel­len und in holdem Wahnsinn eine gestei­gerte Redekunst üben. Wie aber neben den großen und klei­nen Propheten die ganz alltäg­li­chen Pfaffen einher­ge­hen, die ihr Brot verdie­nen, indem sie um Gedanken, die vor eini­gen tausend Jahren neu waren, ein verspä­te­tes Wortgeplätscher voll­füh­ren, so stehen zu den Dichtern die meis­ten Journalisten, soweit sie sich nicht auf den ehren­haf­ten Nachrichtendienst beschrän­ken. Nachrichten sind eine beliebte Ware, und der Handel mit ihnen nicht viel besser und nicht schlim­mer als ein ande­rer Handel. Das jour­na­lis­ti­sche Geplauder um diese Nachrichten herum jedoch ist oft nichts als eine Fälschung der Ware. Die Journalisten haben die alten Rhetoren im Worthandel abgelöst.

Namentlich, wenn der Dichter aus Not zum Journalisten wird, fälscht er am gröbs­ten. Was er nicht nieder­schrei­ben würde um der Sache willen, was er sich schä­men würde, auch nur auszu­spre­chen, wenn er mit eben­bür­ti­gen oder gleich­ge­sinn­ten Gesellen hinter dem Bierglas sitzt, das schämt er sich nicht nieder­zu­schrei­ben für den Pöbel, der sein tägli­ches, lauwar­mes Wortbad zu nehmen liebt. Unsere Zeitungsliteratur wird so zu ihrem größ­ten Teile gedruck­tes Geschwätz, und da die meis­ten Menschen, Pfaffen und Bezirksredner etwa ausge­nom­men, beim wirk­li­chen Schwätzen wenigs­tens inter­es­se­los sind, so kann man sagen, daß das gedruckte Geschwätz der geist­rei­chen Leute noch unter dem gespro­che­nen Geschwätz der dummen Leute steht.

Gestern war alle Welt beim Einzug des Karnevals oder des Negerkönigs oder des prinz­li­chen Brautpaars und heute will alle Welt eine Beschreibung des Einzugs lesen. Abgesehen von den zehn­tau­send Albernen oder Eiteln, welche sich selbst persön­lich oder in Gruppen erwähnt sehen möch­ten, abge­se­hen ferner von den Gründlichen, welche ihre eige­nen beschränk­ten Festerlebnisse in den Rahmen des Zeitungsberichtes span­nen möch­ten, ist doch der Wunsch ganz allge­mein, zu lesen, was man weiß, das heißt doch wohl das Tagesereignis, das man ebenso genau kennt wie der Zeitungsschreiber, mit ihm zu beschwat­zen. Der Mensch mit dem uner­müd­li­chen Maul, der Barbier, die Frau Base u.s.w. sind durch die gegen­wär­tige Höhe der Buchdrucktechnik zu einem laut­lo­sen Schwatzklub gewor­den. Beim Morgenkaffee sitzt die ganze Bevölkerung im Geiste beisam­men und gibt sich bequem diesem alten Schwatzvergnügen hin, das jetzt Zeitungslektüre heißt.

Dieses Vergnügen ist nichts weiter als ein Spiel mit der Sprache, eines der Spiele, wie sie um ihrer geis­ti­gen Armut willen Kranken und Greisen empfoh­len werden. Besonders scheint mir dieser Massengebrauch der Sprache als Schwatzvergnügen (sowohl münd­lich als beim Lesen) viel Ähnlichkeit zu haben mit dem Dominospiel, wo doch auch die ganze Geistesarbeit darin besteht, an das Wertzeichen des Gegners sein Steinchen von glei­chem Wert anzu­set­zen, solange man es aushält. Ganz wie in einer soge­nann­ten Konversation.

Dabei ist zu beach­ten, daß fast jeder Dominospieler noch ein Nebenspiel betreibt, daß er nämlich die Steine zu einer Zeichnung von künst­le­ri­scher Freiheit anein­an­der legt. Dieses Doppelspiel gibt es auch beim Schwatzen und Zeitungsschreiben; es gibt neben der Ordnung nach dem Sinn noch eine Wortordnung zum Spaße, was dann Witz oder Stil heißen mag. Auch die wissen­schaft­li­chen Bücher sind selten ganz frei von diesen beiden spie­le­ri­schen Erscheinungen des Schwatzvergnügens. Man nennt da die heim­li­che Ordnung der Dominosteine: das System.

Die Menschen haben sich das Denken ange­wöhnt, nicht nur weil es nütz­lich, sondern weil es ein Vergnügen ist. Erhaltung des Individuums und Fortpflanzung der Art beruht auf einem ähnli­chen unent­wirr­ba­ren Zwiespalt von Ursache und Wirkung. Macht uns das Essen Vergnügen, damit wir zu unse­rer Erhaltung essen oder weil wir zu unse­rer Erhaltung essen? Wer das wüßte, wüßte alles.

Mir macht das Denken offen­bar Vergnügen, sonst würde ich mir nicht einsam den Kopf zerbre­chen. Und mir macht das Sprechen offen­bar Vergnügen, sonst würde ich nicht schwat­zen. Dieselbe Empfindung kann man aber schon beim Kinde beob­ach­ten, das die ersten Worte spre­chen gelernt hat. Hat es den Wortklang getrof­fen, so hat es Freude am Sprechen. Noch mehr erfreut ist es aber, wenn ihm selbst ein rich­ti­ges “Urteil” gelun­gen ist, wenn es beim Anblick eines Hundes. von selbst Wauwau sagen kann.

Im Reden des Eingeübten, des Selbstverständlichen besteht das Schwatzvergnügen. Ein wohl­erzo­ge­ner Mensch fragt und antwor­tet (auch als Schriftsteller) nie anders, als der zweite wohl­erzo­gene Mensch es erwar­tet. Erwartet wird das Eingeübte, das Selbstverständliche, das Banale. Zwei wohl­erzo­gene Selbstmörder, die einan­der auf dem letz­ten Gange begeg­ne­ten, würden noch sagen: “Wie geht’s? ” und “danke, gut”. Es ist eigent­lich solches Reden nicht mehr als ein Grüßen, Tagzeit bieten. So kommt in den Unterhaltungen der Wohlerzogenheit am Ende noch weni­ger heraus als bei den Unterhaltungen der Dummheit.

Die Aufnahme einer neuen Vorstellung ins Gehirn muß eine gewisse Anstrengung sein, ein gewis­ser mini­ma­ler Schmerz. Die gewalt­same Bahnung eines neuen Nervenwegs ist viel­leicht die Entjungferung einer Ganglienzelle. Wenn das Mikroskop imstande wäre, im Gehirn eines klei­nen Kindes die Aufschließung von tausend Ganglienzellen und die Aufreißung, Festigung und Ebnung eines Netzes von Tausenden von Nervenbahnen vergrö­ßernd zu zeigen, es müßte ein fürch­ter­li­cher Anblick sein. Kommt nun später ein Sinneseindruck hinzu, der eine geeb­nete Bahn und eine wohl­ein­ge­rich­tete Ganglienzelle vorfin­det, so kann ich mir recht gut vorstel­len, daß es ein körper­li­ches Behagen gewährt, ihn die Bahn entlang glei­ten zu lassen und ihn in die ange­paßte Zelle aufzu­neh­men. Wie ein Straßenbahnwagen, der nach einer Entgleisung schreck­lich über das Pflaster rumpelt, knir­schend und knar­rend, und der dann wieder sanft summend über die Schienen läuft.

Selbstverständlich dienen die Worte dieser beque­men Einrichtung. Welcher Funktion aber entspre­chen sie? Sind sie Wechselbegriffe mit den Ganglienzellen des Gehirns? (Falls nämlich die Ganglienzellen wirk­lich irgend­wie psychi­sche Residenzen sind.) Sind sie Signale an den Kreuzungspunkten des Netzes? Oder sind sie am Ende gar nur das plumpe rollende Material, das auf den glat­ten Bahnen dahin und daher läuft, und das uns Vergnügen berei­tet wie eine Tat auf der Eisenbahn?

Fassen wir es kurz zusam­men: “die” Sprache gibt es gar nicht, auch die Individualsprache ist nichts Wirkliches; Worte zeugen nie Erkenntnis, nur ein Werkzeug der Poesie sind sie; sie geben keine reale Anschauung und sind nicht real. Dennoch können sie eine Macht werden. Vernichtend wie ein Sturmwind, der ein Lufthauch ist wie das Wort. Leicht kann das Wort stär­ker werden, als eine Tat war; Leben aber fördert das Wort nie.

So mag die wirk­li­che Erscheinung, das wirk­li­che Leiden und Handeln von JESUS CHRISTUS auf ein paar hundert oder ein paar tausend Zeugen reli­giös gewirkt haben; aber erst, als der Menschensohn am Kreuze gestor­ben war und sein Name ein Wort gewor­den, da wurde der Name reli­giöse Macht. Der Name hatte mehr Kraft als der Mann. Der Mann unter­warf sich ein Dutzend arme Fischer und ein paar Frauenzimmer, der Name, das Wort, das Evangelium unter­warf sich ganze Erdteile.

Und wieder, als MOHAMMED auftrat, der von ganz ande­rem Schlage war, besiegte er mit Epilepsie und Tapferkeit Arabien und ein paar Nachbarprovinzen. Als er sich aber ins Wort verwan­delt hatte, in den Koran, nahm er dem christ­li­chen Wort nicht weni­ger als fast das ganze Mittelmeergestade ab.

Die fran­zö­si­sche Revolution sieht aus, als ob sie nicht von Worten, sondern von voll­blü­ti­gen Menschen oder Blutmenschen gemacht worden wäre. Wie dem auch sei, welche Worte auch die Herren eines ROBESPIERRE waren, NAPOLEON war gewiß kein bloßes Wort. Und was erreichte er? Er flutete mit der Armee an die zwan­zig Jahre über die fran­zö­si­schen Grenzen hinaus, um dann wieder zurück­ge­drängt zu werden. Nichts blieb übrig als die Worte der Revolution. Die Worte: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erober­ten sich ebenso weite Gebiete wie die des Christentums und sind heute das Schiboleth der Erde.

Und so viel­deu­tig sind auch diese Worte, daß das eine Wort Freiheit bedeu­tet: in der Türkei die Neigung der Höchstgebildeten, ihre Kleider bei Pariser Schneidern zu bestel­len; in Afrika die Arbeit christ­li­cher Geistlicher, die Neger an Kartoffelspiritus zu gewöh­nen; in Rußland die Leidenschaft gebil­de­ter junger Leute, den Zaren und hohe Beamte in die Luft zu spren­gen; in Preußen die Bemühung der Arbeiterfrauen, für das glei­che Stück Geld auf dem Markte etwas mehr Brot zu erhan­deln; in Frankreich und England die Wortgefüge von Rednern, die die Weisheit zu einem Produkt von Menschenmassen machen, etwas wie Gestank und Krankheiten; in Nordamerika den Geschäftsbetrieb der Silberminenbesitzer, die durch unge­heure Bestechungen unge­heure Gewinne errei­chen wollen. Wir stecken so tief unter der Herrschaft des Wortes Freiheit, daß wir es gar nicht mehr wahr­neh­men, sowie wir die Luft, in der wir atmen, auch nach LAVOISIER und PRIESTLEY für ein Nichts anse­hen, während den Fischen wahr­schein­lich ihr Wasser ein Nichts ist, die Luft viel­mehr, wenn sie hinein­ge­ra­ten, ein greif­ba­res, schreck­li­ches Etwas.

Es kann kein Zweifel darüber sein, daß auch Worte wie Waffen eine Verwundung oder Verletzung hervor­brin­gen können. Denn Worte erwe­cken Vorstellungen und Vorstellungen können den soge­nann­ten Willen zu Taten brin­gen, die verwun­den oder verlet­zen. Wenn der Ingenieur auf einen Knopf drückt, der tausend Meter entfernt eine Mine zum Explodieren bringt, so wird die Elektrizität die Zwischenursache zwischen seiner Absicht und der Entzündung des Pulvers; die Maschine ist dann auf Auslösung durch Elektrizität einge­stellt. Wenn der Hauptmann seiner wohl­ge­bil­de­ten Truppe Feuer komman­diert, so ist die Maschine auf Auslösung durch ein Wort einge­stellt und etwas wie Elektrizität mitbe­tei­ligt. Es kann auch ein Räuberhauptmann sein. Die Schüsse fallen und das Blei reißt Löcher ins Fleisch. Ebensolche Wirkungen können Worte in Form von Lügen, Verleumdungen, Denunziationen, Enthüllungen haben. Worte können Waffen werden oder doch Maschinenteilchen einer kompli­zier­ten Waffe.

Man rech­net aber auch zu den Verletzungen durch Worte die Beleidigungen, und das ist so dumm, daß niemals ein Tier mit einfa­cher Sprache darauf gekom­men wäre. In solchen Torheiten luxu­riert nur die über­füt­terte Menschensprache. Beleidigungen sind Schüsse mit Platzpatronen. Es knallt, weil die Luft erschüt­tert wird, aber es fliegt kein Blei aus dem Rohr. Die Verletzung gehört zu den Einbildungen, frei­lich in der euro­päi­schen Gesellschaft zu den Einbildungen, die selbst wieder nicht ohnmäch­tig sind, weil sie Zwangskurs haben wie schlech­tes Papiergeld. Den Platzpatronen ohne Kugel steht als Ziel das Gespenst der Ehre gegen­über. Und so genau kennen einan­der diese Masken, daß das Gespenst der Ehre umfällt, sobald es knallt. Das ist eigent­lich Feigheit von dem Gespenst, heist aber Mut bei den Fahnenträgern des Gespenstes.

Je mehr Ehre der einzelne verbrieft hat, für desto stär­ker gilt die Verletzung durch den Knall der Platzpatrone. Ist die Luft vor den Ohren eines Fürsten in die Schwingungen Lump oder Dummkopf gebracht worden, so heist das Geräusch Majestätsbeleidigung. Und es wird mit Recht hart bestraft von allen Menschen, deren Ehre umfällt, wenn es knallt. Die Strafbestimmung müßte lauten: Die Majestät wird belei­digt, wenn der Schatten einer Peitsche sie berührt. Und die Strafe müßte darin bestehen, daß der Erreger des unbe­lieb­ten Geräusches einmal durch den Schatten eines Galgens oder eines Zuchthauses geführt würde.

Einen Purzelbaum macht der Begriff der Beleidigung, wenn der Knall vor Gottes Ohren losgeht. Man nennt dies mit Bauernschlauheit nicht Gottesbeleidigung, sondern Gotteslästerung. Der Staat ist denn doch so modern gewor­den, daß er die Eselei nicht zu vertre­ten wagt, für die belei­digte Allmacht als Duellant einzu­tre­ten. Als ob der liebe Gott alters­schwach gewor­den wäre und selbst die Pistole nicht mehr halten könnte. Es wird also der Schein erweckt, als ob man bei dieser Gruppe von Schimpfworten nicht die ange­knallte Person, sondern die durch den Knall unan­ge­nehm berühr­ten Zeugen schüt­zen wollte. Das ist aber nicht wahr. Wollte man das Ärgernis bestra­fen, so wäre die Erklärung, es gebe keinen Gott, das schwerste Ärgernis. Diese Lehre aber duldet der Staat, teils weil er sich vor seinen besten Geistern schämt, teils. weil die ange­wand­ten Naturwissenschaften doch ein schö­nes Stück Geld einbrin­gen. Wer den lieben Gott beschimp­fen will, der muß ihn doch als ein wirk­li­ches Wesen vorstel­len; er gehört also zu den Frommen und kann kein groß Ärgernis geben. Nur Gläubige beschimp­fen Gott. Der Abruzzenmörder, der die Madonna ohrfeigt, weil sie ihm bei der letz­ten Unternehmung nicht beige­stan­den hat, ist ein from­mer Mann und kein Gottesbeleidiger. Ein Kirchenstaat wird ihn demnach auch als einen guten Bürger behandeln.

Der Kaiser MARC AUREL war ein Philosoph und kannte darum den Wert der Namen. Er nannte manche Handlungen der Römer Tugenden, viele andere nannte er Laster; die Römer übten beide weiter, zahl­ten Steuern für die Handlungen, die deshalb Laster hießen, und befan­den sich gut dabei. Nur die Kriege hörten unter dem philo­so­phi­schen Kaiser nicht auf.

Einmal gab es Krieg gegen die Markomannen, die damals in Böhmen saßen und um ihrer Körperkraft willen berühmt waren. “Ich will euch meine Löwen mitge­ben,” sagte MARC AUREL, und die Soldaten zogen fröh­lich mit ihren Löwen in den Kampf. Denn sie wußten durch den Namen allein, daß Löwen grau­same Tiere von unbe­zwing­ba­rer Kraft sind.

Als es zur Schlacht kam, sahen die Markomannen mit Erstaunen die gelben Tiere auf sich zuspringen.

Was ist das?” frag­ten sie.

Der Führer der Markomannen war nicht natur­wis­sen­schaft­lich gebil­det, aber auch er war ein Philosoph und kannte die Bedeutung von Namen und Worten.

Das da? Das sind Hunde, römi­sche Hunde.”

Und da die Markomannen es nicht anders wußten, als daß man Hunde totschlägt, wenn sie lästig werden, so schlu­gen sie die großen römi­schen gelben Hunde mit ihren Keulen tot.

Hätten die Markomannen aber Bildung beses­sen und den Begriff vom Löwen gehabt, so hätten sie auch gewußt, wie stark er ist, hätten sich totbei­ßen lassen und die Schlacht verloren.

Eine sichere Grenzlinie zwischen wirk­li­cher und vermeint­li­cher Macht der Worte läßt sich nicht ziehen. Der schwarze Medizinmann Afrikas wie der ehrlichste Arzt unse­rer Universitäten kann durch Worte wirken wie ein Hypnotiseur, durch Zauberworte. Den Übergang von nüch­ter­ner Sprachbetrachtung zur Mystik finde ich am schöns­ten ausge­spro­chen bei AGRIPPA von NETTESHEIM (Magische Werke 1, Seite 327) AGRIPPA hat sich übri­gens über seine kabba­lis­ti­schen Schriften später selbst lustig gemacht. Er sagt da nach einer ruhi­gen Darstellung des Sprachvorgangs:
“Die Worte sind das geeig­netste Verkehrsmittel zwischen dem, der spricht, und dem, der zuhört; und sie führen nicht allein den Gedanken, sondern auch die Kraft des Sprechenden mit sich, der sie den Zuhörenden mit einer gewis­sen Energie zusen­det, und zwar öfters mit solcher Gewalt, daß sie nicht bloß die Zuhörer verän­dern, sondern auch andere Körper und leblose Dinge.“
Das nächste Kapitel beginnt AGRIPPA schon mit den Worten: “Die Eigennamen sind bei magi­schen Operationen sehr notwen­dig, wie fast alle Magier versichern.”

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