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10. Anarchie

Mit der Analogiefrage behan­deln wir deshalb auch gleich­zei­tig die Machtfrage. Objektivieren heißt verabsolutieren.”

Das naive Vertrauen in die Objektivität der Tatsachen ist der wesent­lichste Ordnungsfaktor im gesell­schaft­li­chen Leben und die Basis allen Denkens und Handelns — und zugleich der unse­rer Zeit eigene Aberglaube.

Es gibt keine Ordnung in der Natur, die wir nicht in sie hinein­le­gen. Alle Gesetzlichkeit, die wir in der Natur fest­zu­stel­len glau­ben, ist bereits in unse­ren Begriffen ange­legt. Wo Verstand ist, da ist Gesetz. Der Verstand ist die Form der Formen. Ordnung ist nur im mensch­li­chen Verstand. Alles Wissen ist nomo­lo­gi­sches Wissen. Nomologisches Wissen schafft Gesetze, diese aber sind nur Abstraktionen. Jede Regelmäßigkeit in der Welt ist eine gemachte.

Die Welt läßt sich nie voll­stän­dig im Denken auflö­sen, sie ist logisch nicht notwen­dig. Die Dinge dieser Welt bestehen im Fluß der Erlebnisse. Wirkliche Zählbarkeit = ein geis­ti­ges Wunschbild und Ideal. Die viel­ge­prie­sene Positivität der Wissenschaft ist das Ergebnis von Setzungen, die zwar als zwin­gend ausge­ge­ben werden, es aber nicht sind. Nicht nur poli­ti­sche Ideologien sind welt­an­schau­lich bedingt, sondern auch wissen­schaft­li­che Theorien und die Naturgesetze. Als Garant für eine Objektivität der Welt bleibt die dogma­ti­sche Tatsachenlogik aber eine von vielen Irrationalismen.

Wissenschaft liefert Kenntnisse, wie das Leben durch Berechnung beherrscht werden soll. Ordnung ist dementspre­chend besser als Unordnung. Die Einheitlichkeit der gesetz­ten Ordnung soll dabei den Wirrwarr der Einzelheiten besei­ti­gen. Die Gesetze der Wirklichkeit aber sind alles andere, als mit den mensch­li­chen Denkgesetzen iden­tisch. Alle Gesetze sind ledig­lich ideal­ty­pi­sche Verallgemeinerungen. Die Maße des Wirklichen sind immer inkom­men­sura­bel. Wissen aus Abstraktion ist immer nur prak­ti­sches, d.h. wirk­sa­mes Wissen.
“Niemand kann — selbst bei bester Gesetzeserkenntnis — den Weg eines Wassertropfens ind den Niagarafällen berechnen/voraussagen, weil die exakte Kenntnis der Anfangs-, Rand- und Systemdaten fehlt bzw. utopisch bleibt. Die Komplexität eines politisch-ökonomisch-sozialen Systems mag vergleich­bar sein.” 1)
Das Regellose ist das eigent­lich Wirkliche im Wirklichen, ist an den Dingen die uner­greif­li­che Basis der Realität, der nie aufge­hende Rest — das, was sich mit größ­ter Anstrengung nicht im Verstand auflö­sen läßt. Zeit, Raum und Person sind, wie alle ande­ren gram­ma­ti­schen Hilfskonstruktionen FORMEN der WIRKLICHKEIT, aber nicht die Wirklichkeit selbst. Alle Kategorien soll­ten deshalb als vorüber­ge­hende Ruhepunkte im Denken betrach­tet werden und nicht als etwas Endgültiges. In der Natur gibt es keine ferti­gen Gebilde, nichts Rundes und nichts Abgeschlossenes, wie uns die Abstraktionen gerne glau­ben machen möch­ten. Rund und geschlos­sen sind nur Wörter, Bilder, Zeichen.

Die stati­sche Sicht der Erkenntnis ist auf einen idea­len Endzustand des Wissens gerich­tet. Die zu messende Wirklichkeit ist aber nicht statisch, sondern fließt. Ganzheitseigenschaften werden zerstört, wenn eine Ganzheit ausein­an­der genom­men und physi­sche und theo­re­tisch in seine Einzelteile zerlegt wird. Das Ganze ist bekannt­lich immer etwas ande­res, als die bloße Summe seiner Einzelteile. Alle Theorien dage­gen haben eine Tendenz sich zu schlie­ßen und pfle­gen meis­tens mit dem Anspruch aufzu­tre­ten, das Ganze über die Einzelteile zu beherrschen.

Die Vergewaltigung der Wirklichkeit geschieht im Interesse einer Systematisierungskonsequenz. Aber gerade durch die syste­ma­ti­sche Abgeschlossenheit ist jede Theorie bereits auto­ri­tär. Systematisches Denken ist auf die Totalität von Prinzipien aus. Autoritäre Beziehungen begin­nen, wo wir uns in ein System bege­ben. Jedes geschlos­sene System ist aber eine Selbsttäuschung. Wo das wirk­li­che Leben beginnt, hört die große Systematik auf. Lebensphänomene werden bloß verfälscht, sobald sie will­kür­lich in den star­ren Rahmen quan­ti­ta­ti­ver Beziehungen gepresst werden. Es gibt keine natür­li­che Ordnung. “Unsere Ordnung ist eine Gewaltsamkeit und viel­leicht wieder ein Einschränken dieser Gewaltsamkeit.” 2)

Wissenschaft schafft also besten­falls Wissen, nicht Sinn. Ordnung und Gesetz sind erfun­dene Zweckbegriffe. In der Realität fehlt der Zweck, wie auch das Zwecklose. In der Wirklichkeit selbst wird nichts bezweckt und nichts ist zweck­los. Die Wirklichkeit ist weder ratio­nal, noch irra­tio­nal, sondern so, wie sie unse­rem Denken in Bezug auf einen subjek­ti­ven Zweck hin erscheint.

Hinter jedem Wissen steckt ein Interesse. Je nach Interesse und Denkrichtung gibt es verschie­dene Definitionen dessel­ben Begriffs. Alle Gleichsetzung der flie­ßen­den Wirklichkeit mit einem Begriff und einer fest­ste­hen­den Definition ist aber am Ende immer will­kür­lich. Im Zwangscharakter von Objektivität und Wahrheit zeigt sich ledig­lich das alte Bestreben, die bloße Tatsächlichkeit in eine Denknotwendigkeit zu verwandeln.

Mit der Analogiefrage behan­deln wir deshalb auch gleich­zei­tig die Machtfrage. Objektivieren heißt verab­so­lu­tie­ren. Reine Logik ist immer zwang­haft. Logik zwingt zum Gehorsam. Durch Abstraktion kann beherrscht werden, wo es unklug wäre, offene physi­sche Gewalt einzu­set­zen. Jeder Sachzwang, der sich auf die Objektivität von Tatsachen beruft, muß deshalb als geschickte Ausübung von ideo­lo­gi­scher Herrschaft verstan­den werden. In der Sprache werden die Abstraktionen zum Hauptinstrument jeder Art von Legitimation. “Begriffe entschei­den über­all, Begriffe regeln das Leben, Begriffe herr­schen.” 3)

Herrschaftswissen exis­tiert in der Form addier­ter Daten, nicht als Mittel geis­ti­ger Sinnorientierung. “Wissen ist Macht”, aber Machtverhältnisse sind keine Sinnverhältnisse. 4) Die Dogmatik der Ideologien besteht darin, daß alle Mittel, nur nicht kriti­sche Diskussion verwen­det werden, um sie durch­zu­set­zen. Dogmatismus ist die Anmaßung aus siche­ren Prinzipien a priori streng zu bewei­sen. Dogmatisch, d.h. aus Begriffen. “Das Objekt als solches für eigent­li­ches Sein zu halten, das ist das Wesen aller Dogmatik, und die Symbole als mate­ri­elle Leibhaftigkeit für real zu halten, ist insbe­son­dere das Wesen des Aberglaubens.” 5)“Unser Denken in substan­ti­vi­schen Begriffen ist Mythologie.” 6)

Es gibt gar kein Wesen, keine Natur und keinen Charakter der Dinge. Unser Wissen über eine Sache ist nicht die Sache selbst. Es ist uns bloß zur sprach­li­chen Gewohnheit gewor­den, stän­dig mit den Dingen-ansich zu operie­ren. Es gibt keinen Begriff, dem ein konkret-existierendes Ding entspricht. “Definitionen sind Dogmen.” 7) Der letzte Versuch, letzte Bausteine der Wirklichkeit fest­stel­len zu wollen, muß sich auf naive Namensgebung beschrän­ken. Alles Wissen ist Vermutungswissen. “Wenn etwas so und so und nicht anders geschieht, so ist darin (aber) kein Prinzip, kein Gesetz, keine Ordnung.” 8) Dogmatismus ist deshalb zugleich theo­re­ti­sche Unfähigkeit als auch mora­li­scher Mangel. Jede Aussage ist eine Konstruktion und muß letzt­lich mora­lisch bewer­tet werden.

Indokrination und symbo­li­sche Gewalt entsteht durch dogma­ti­sche Durchsetzung bestimm­ter Definitionen. Das Wissen maßt sich das Recht auf Macht an und wird zum Ersatz für das Gewissen. Fakten erset­zen die Moral. Es gibt aber keinen ausschließ­li­chen Weg, der zur Wahrheit führt, nicht einmal einen besten. Keiner der Philosophen, auch nicht der größte, ist im Besitz der Wahrheit. Jede dogma­ti­sche Wahrheit ist eine Herrscherin, die bedin­gungs­lose Gefolgschaft fordert. “Die Wahrheit ist — der Herr, und Alle, welche die Wahrheit suchen, suchen und prei­sen den Herrn.” 9) Unser Problem ist aber nicht die abso­lute Wahrheit, sondern unser Denken. Die Wahrheit entspricht nie den Vorstellungen, die wir uns von ihr machen. Alles Gedachte ist bestreit­bar. Das macht den Kampf gegen dogma­ti­sches Denken zur Pflicht. “Jedes Dogma ist zutiefst unmo­ra­lisch.” 10)

Erkenntnistheoretisch meint Anarchismus für mich die beson­dere Optik, mit der die gesamte Wirklichkeit betrach­tet wird. Alles Denken und jede Logik beruth auf Setzung. Die Logik beginnt mit der abstrak­ten Formel A=A, bzw. Ich=Ich. Statt Anfang könnte auch das latei­ni­sche Wort Prinzip oder das grie­chi­sche arche benützt werden. Der Ausdruck arche wurde wahr­schein­lich von ANAXIMANDER einge­führt, der etwa um 546 v.Chr. starb. Er erscheint in der vors­o­kra­ti­schen Philosophie in verschie­de­nen Formen und wurde verwen­det, um einen Ursprung zu bezeich­nen, den Anfang im Allgemeinen, die ursprüng­li­che Materie oder was immer die Substanz war, von der, wie vermu­tet wurde, sich alles ablei­tete, Prinzip oder Essenz, wirk­li­che Ursache oder das Prinzip des Erkennens. Was alle diese diver­gie­ren­den Lösungen vereinte, die in der mannig­fal­ti­gen Bedeutung von arche wurzel­ten, war das Interesse, einen gemein­sa­men Angelpunkt zu finden, von dem aus dann Alles verstan­den werden konnte.

Arche kann als Prinzip und Ursprung in Einem verstan­den werden. Im philo­so­phi­schen Anarchismus wird ein solches Prinzip — und alle Ansprüche auf Erkennbarkeit einer objek­ti­ven Wirklichkeit, als zwin­gend und allge­mein­gül­tig abge­lehnt. Es gibt keine objek­ti­ven Prinzipien. Der Urgrund ist ein Ungrund. Das Urchaos ist da, wo Zeit und Raum keine Rolle spie­len. Kausalität und die ihr entspre­chende Logik des gesetz­ten Anfangs, bzw. Ursache und der darauf­fol­gen­den Wirkung, erschei­nen zwar als natür­li­che Gesetzmäßigkeit der Wirklichkeit, es gibt aber keinen ande­ren Anfang als den vom Bewußtsein gesetzten.

Jeder Anfang ist nur ein logisch Erstes. Anarchie sollte deshalb im Wesentlichen als eine geis­tige Einstellung verstan­den werden, die jedoch weit­grei­fende Auswirkungen auf unser konkre­tes Verhalten hat. Konkret sind die Dinge nur in der Gegenwart. Bewußt-Sein heißt gegenwärtig-sein. “Löst man die objek­tive Welt von den Perspektiven ab, in denen sie sich erschließt, so kann man über­all in ihr nur Jetzte finden.” 11) Die unaus­lösch­lich indi­vi­du­elle Gegenwart ist logisch icht faßbar. Ein Augenblick hat weder Anfang noch Ende. Anfang und Ende sind logisch gesetzt. In unse­rem Bewußtsein geht immer Neues hervor, nichts Gleiches kehrt wieder. Es gibt keinen Augenblick, der einem ande­ren gleicht. Es gibt keine andere Wirklichkeit als die, die sich hier und jetzt ereignet.

Wissenschaftliche Theorien, die ihre Ergebnisse verab­so­lu­tie­ren, stehen in einer Linie mit allen ande­ren Herrschaftsformen der bishe­ri­gen Menschheitsgeschichte. Alle Theorien sind Rechtfertigungsideologien. Ideologische Herrschaft funk­tio­niert als Manipulation durch Verallgemeinerung. Allgemeine Geltung bedeu­tet erzwun­ge­nen Konformismus. Herrschaft im umfas­sen­den Sinn ist Setzung, Anwendung und Erzwingung von Normen. Dogmatisches und auto­ri­tä­res Wissen ist auf Regeln, Gesetzen und Vorschriften aus, um damit Dinge und Menschen zu beherr­schen. Pragmatismus im Bereich der Erkenntnis bedeu­tet letzt­lich Herrschafts- und Machtwissen.

Jeder Positivismus besteht darin, daß posi­ti­ves, also nicht-hypothetisches Wissen postu­liert wird. Was wir Wissen nennen, ist aber ledig­lich ein für tech­ni­sche Zwecke prak­ti­scher Glaube. Der Vorwurf des Szientismus ist darum der Vorwurf von Dogmatismus und Autoritätsglauben. Eine zwin­gende Objektivität der Naturwissenschaften muß nicht einge­se­hen werden und schon gar nicht die Übertragung objek­ti­ver Naturgesetze auf die soziale Welt. Alle Objektivität ist kaschierte Subjektivität. Das Sein, die Vernunft, eine univer­selle oder mensch­li­che Natur oder ähnli­che Abstraktionen werden bloß zur Rechtfertigung aller mögli­chen Gesellschaftsordnungen verwendet.

Durch den ortho­do­xen Glauben an die Allgemeinheit und Allgemeingültigkeit objek­ti­ver Tatsachen werden die Geister der Leute gebun­den, denn nichts täuscht so subtil und effek­tiv, wie die Scheinobjektivität der Tatsachen. Probleme, die so schein­bar selbst­ver­ständ­li­che Begriffe wie Verantwortung, Nation, Kosten, Leistung etc. aufwer­fen, werden meist still­schwei­gend über­gan­gen.
Alle Ideologien sehen sich genö­tigt in irgend­ei­ner Form ein allge­mei­nes Bewußtsein anzu­neh­men, dessen Gedanken und Denkformen eben die Formen und Gesetze der Wirklichkeit sein sollen, wobei die menschlich-subjektiven Bewußtseine dann meis­tens als weni­ger voll­kom­mene Individuationen des allge­mei­nen Bewußtseins ange­nom­men werden. Die Einsicht, daß zwischen den formal-logischen Formenbereichen und dem Bereich der Phänomene der Wirklichkeit keine inhalt­li­chen Geltungsrelationen bestehen, vermag sich im gewöhn­li­chen Denken nicht durch­zu­set­zen. 12)
Dem objek­ti­ven Denken nach exis­tie­ren die Dinge ansich, aber nicht für mich. Die allge­meine Geltung schreibt gewis­ser­ma­ßen vor, welchen Wert die Dinge für jeden Menschen haben sollen. Objektivität bedeu­tet unab­hän­gige Geltung, nicht persön­li­che Bedeutung.

Freiheit vom Wissenschaftsaberglauben heißt Freiheit von Absolutierung. Wir haben kein Recht auch nur irgend­je­man­den zu irgend­et­was zu zwin­gen. Niemand hat ein solches Recht. Von ein und demsel­ben Ding sind mehrere verschie­dene Vorstellungen möglich. Die Bedeutung der Begriffe ist psycho­lo­gisch, d.h. bewußt­s­eins­ab­hän­gig und nicht äußer­lich objek­tiv. Es gibt nicht ein höchs­tes Gut, sondern viele. Der Verstand ist zwar über­aus nütz­lich, aber er löst keine letz­ten Probleme. Wenn wir davon ausge­hen, daß die Rationalität nicht umfas­send ist, kann das Irrationale nicht ausge­schlos­sen werden. Wo die Logik ihren prak­ti­schen Wert besitzt, soll sie deshalb gebraucht werden, darüber­hin­aus müssen wir ihr Einhalt gebie­ten. Anstelle der Absolutheit des Universalen muß deshalb die Koexistenz des Verschiedenartigen Wirklichkeit werden.

Pluralität der metho­do­lo­gi­schen Standorte bedeu­tet, daß es nicht die Logik gibt, sondern verschie­dene Logiken. Wir müssen uns vom Dogma der Allgemeingültigkeit lösen. Toleranz besteht darin, entge­gen­ge­setzte Interessen gleich­be­rech­tigt exis­tie­ren zu lassen. Gleichberechtigung bedeu­tet Vorrechtslosigkeit. Keine gesell­schaft­li­che Gruppierung darf Rechte in Anspruch nehmen, die sie ande­ren verwei­gert. Desgleichen muß jede Kultur das Recht haben, ihre Eigenständigkeit zu bewah­ren oder zu entwi­ckeln, ohne irgend­wel­chen beson­de­ren Benachteiligungen ausge­setzt zu sein. Freiheit bedeu­tet Toleranz gegen­über ande­ren Meinungen. Toleranz bedeu­tet aber nicht Indifferenz. Gleichgültigkeit ist nicht gleich Gleichgültigkeit. Auch wenn unsere Sicht der Dinge perspek­ti­visch ist, so ist uns persön­lich doch immer nur eine Perspektive eigen.

Es ist nur vernünf­tig, alle objek­tiv fixier­ba­ren Standards von Rationalität zu verwer­fen. Es werden aber nicht abso­lut alle Maßstäbe abge­lehnt, sondern eben nur die, welche mit einer äuße­ren, zwin­gen­den Gültigkeit und Notwendigkeit auftre­ten. Vernünftig ist etwas in Bezug auf einen gewünsch­ten Zweck. Es gibt aber so viele Zwecke, wie es Menschen mit unter­schied­li­chen Bedürfnissen gibt. In einer anar­chis­ti­schen Kultur werden unter­schied­li­che Interessen aner­kannt und nicht allein dafür bekämpft, weil sie den eige­nen Interessen entge­gen­ste­hen.
“Es ist unwe­sent­lich, ob jemand Kommunist oder Individualist ist, solange er ein Anarchist ist. Anarchie, wie ich sie verstehe, läßt jede Art von Organisation zu, solange eine Mitgliedschaft nicht zwangs­weise ist.” 13)
Wo gegen­sei­tige Anerkennung im Vordergrund steht, hat keiner der an einem Streit betei­lig­ten ein Interesse, dem Unterlegenen seine Selbständigkeit zu nehmen. Auch wenn die erfor­der­li­che Kooperation biswei­len mühse­lig ist, liegt ihr mora­li­scher Wert immer vor dem des Konflikts.

Anarchismus muß auf der Anarchie der Überzeugungen basie­ren — auf der mögli­chen Inkommensurabilität von Normen. Die Relativierung ergibt sich aus der Anarchie der Werte. Die Auflösung des einheit­li­chen, objek­ti­ven Weltbildes führt zu einer Pluralität einan­der wider­spre­chen­der Weltanschauungen, die mögli­cher­weise unver­söhn­lich sind. Die anar­chis­ti­sche Relativität bedeu­tet eine prin­zi­pi­ell gleich­be­rech­tigte Vielheit der Sehweisen. Die verschie­de­nen Typen anar­chis­ti­schen Denkens weisen darum auch ein über­aus konträ­res Gedankengut auf. Widersprüchlichkeit wird aber ausdrück­lich anerkannt.

Das anar­chis­ti­sche Abgrenzungsprinzip betont das Nebeneinander verschie­de­ner Wirklichkeitsbereiche, die nichts mitein­an­der gemein­sam zu haben brau­chen und läßt auch andere Überzeugungen für sich gelten. Wenn wir von einer Anarchie der Wertesysteme spre­chen, ist die unauf­heb­bare Vielfältigkeit grund­le­gen­der Werthaltungen gemeint. Jede Theorie hat ihre Wertbasis und nur in Bezug auf ihre eige­nen Voraussetzungen kann sie rich­tig oder falsch sein. Zwei Theorien mit völlig verschie­de­nen Voraussetzungen können einan­der gar nicht wider­spre­chen, weil wir sie über­haupt nicht mitein­an­der verglei­chen können. Zwischen letzt­be­grün­de­ter Meinung und Gegenmeinung ist keine vernünf­tige Entscheidung möglich, da diese wider­strei­ten­den Urteile einan­der logisch gleich­wer­tig sind. Die konstruk­tive Kritik muß sich deshalb auf das Selbstverständnis des ideo­lo­gi­schen Gegners bezie­hen, also darauf, daß auf Widersprüche in seinem eige­nen Denken hinge­wie­sen wird, nicht auf Widersprüche zu einer allge­mein­gül­ti­gen Wirklichkeit.

Jemanden über­zeu­gen zu wollen bedeu­tet den Versuch, Einsichten durch bessere Argumente zu schaf­fen. Wo sich jemand partout nicht über­zeu­gen läßt, müssen wir das wohl hinneh­men und unser eige­nes Verhalten darauf abstel­len. Letzte Überzeugungen sind keiner Kritik mehr zugäng­lich. Wirkliche Extreme können nicht mitein­an­der verwech­selt werden, eben weil es wirk­li­che Extreme sind. Der Gegensatz von Sein und Sollen wird niemals aufge­ho­ben, aber wer sagt denn, daß wir uns bei Meinungsverschiedenheiten immer gleich umbrin­gen müssen.

Wir Menschen sind nicht nur verschie­den, sondern wir leben auch in verschie­de­nen Welten. Im anar­chis­ti­schen Relativismus kann darum jede Ansicht sowohl als falsch, als auch als rich­tig erschei­nen. Niemand kann seine Überzeugung bewei­sen. Alles, was von einem Standpunkt aus bejaht wird, kann von einem ande­ren aus verneint werden.
“Die Sprache der Liebe ist im Nest der Nachtigall süßer Gesang, wie in der Höhle des Löwen Gebrüll, im Forste des Wildes wiehernde Brunst, und im Winkel der Katze Zetergeschrei; jede Gattung redet die ihrige, nicht für den Menschen, sondern für sich.” 14)
Es gibt viele Welten: die Welt des Märchens, die Welt der Wissenschaft, die Welt der Kunst und jede dieser Welten hat ihre eigene Rationalität.
“Ein Schuh wird in gewis­sen Beziehungen am besten vom Schuhmacher beur­teilt, in ande­ren von dem, der ihn trägt, und wieder in ande­ren vom Anatomen und vom Maler und Bildhauer.” 15)
Es sind mehrere geschlos­sene und logisch gleich­wer­tige, aber einan­der wider­spre­chende norma­tive Ordnungen möglich, zwischen denen wir uns letzt­lich nur durch einen Willensentschluß entschei­den können. “Es kann nicht viele Welten geben” ist nur eine Umformung des Satzes “Es gibt nur eine Wahrheit” oder “Es gibt nur einen Gott.” Wirklichkeit ist ein Wert, so wie Vernunft oder Gott W e r t e sind. Werte und Interessen können immer diver­gie­ren und zu Streitfragen werden.

Die Herrschaftslosigkeit im Anarchismus muß vor allem als Methode begrif­fen werden. Herrschaftsfreiheit sollte eine simple Selbstverständlichkeit unse­res Denkens sein. Die Verschiedenheit der Lehren und Meinungen ist immer auch nütz­lich für das Fortschreiten der Erkenntnis. Anarchistisch zu denken heißt, die Überlegenheit einer allge­mein­gül­ti­gen Theorie zu vernei­nen.
“Keine Idee ist groß genug, um die Alleinherrschaft oder das Alleininteresse bean­spru­chen zu können. Niemals darf das gesamte Leben auf einen einzi­gen Ton abge­stimmt werden.” 16)
Anarchismus ist die Weigerung das Allgemeine zu denken. Ihre Verallgemeinerungsfeindlichkeit wird den Anarchisten jedoch gern als Theorielosigkeit ausge­legt. Derartig unbe­darfte Vorwürfe sind typisch für den naiven Realismus, tref­fen aber nicht das Wesentliche. Wer an eine objek­tive Welt glaubt, erwirbt sich damit zwar eine gewisse, wenn auch illu­sio­näre Selbstverständlichkeit, ist damit aber gleich­zei­tig auch an erheb­li­che Schwierigkeiten, den geis­ti­gen Fortschritt betref­fend, gebun­den. Der bloß ratio­nale Verstand, ohne Vernunft, endet immer in einer Sackgasse. Vernünftig ist es, der Individualität der Dinge gerecht zu werden. Keine Wissenschaft, keine Politik, keine Moral und keine Religion nimmt uns die eigene Entscheidung ab. Jedes Urteil hat exis­ten­zi­elle Gründe.

LITERATUR — Laurent Verycken, Formen der Wirklichkeit — Auf den Spuren der Abstraktion, Penzberg, 1994
Anmerkungen:

1) ALBERT LENK, Pragmatische Vernunft, Stuttgart 1979, Seite 128
2) KARL JASPERS, Psychologie der Weltanschauungen, Berlin/Heidelberg 1990, Seite 17
3) MAX STIRNER, Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart 1972, Seite 104
4) Vgl. MICHEL FOUCAULT, Dispositive der Macht, Berlin 1976, Seite 29
5) KARL JASPERS, Was ist Philosophie, München 1980, Seite 50
6) FRITZ MAUTHNER, Wörterbuch der Philosophie, Zürich 1980, Seite 531
7) KARL MENGER, Dimensionstheorie, 1928
8) FRIEDRICH NIETZSCHE, ohne Quelle
9) MAX STIRNER, Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart 1972, Seite 397
10) JEAN-MARIE GUYAU in HANS PFEIL, Jean-Marie Guyau und die Philosophie des Lebens, Augsburg/Köln/Wien 1928, Seite 38
11) MAURICE MERLEAU-PONTY, Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin 1966, Seite 468
12) Vgl. BELA JUHOS in ERNST TOPITSCH, Probleme der Wissenschaftstheorie / Festschrift für Viktor Kraft, Wien 1960, Seite 104
13) BENJAMIN TUCKER, Liberty Nr. 5, vom 4.4.1888, Seite 8
14) FRIEDRICH HERDER, Sprachphilosophie, Hamburg 1960, Seite 36
15) F.A. LANGE, Geschichte des Materialismus II, Ffm 1974, Seite 589
16) RUDOLF ROCKER in GÜNTER BARTSCH, Anarchismus in Deutschland 1945–1965, Hannover 1972, Seite 101

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