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1. Zeit und Raum

Holt mir einen Bauern vom Pfluge, macht ihm die Frage verständ­lich, und er wird euch sagen, daß, wenn alle Dinge am Himmel und auf Erden verschwän­den, der Raum doch stehen bliebe, und daß, wenn alle Veränderungen am Himmel und auf Erden stock­ten, die Zeit doch fort­liefe.”
- ARTHUR SCHOPENHAUER

Die Grundbegriffe unse­rer alltäg­li­chen Auffassung von Wirklichkeit sind die Kategorien von Raum, Zeit und Materie, sowie einer ange­nom­me­nen Kraft, die gemäß kausa­ler Gesetzlichkeit wirkt. Zeit, Raum und Kausalität sind die primä­ren Faktoren der objek­ti­ven Wirklichkeit und ihr gemein­sa­mes Fundament. Es sind die Fäden des Gewebes, welches wir Wirklichkeit nennen.

Jede Orts- und Zeitbestimmung beruht auf Messung. Raum und Zeit sind die Messungsfaktoren. Je klei­ner die Maßeinheiten sind, desto genauer ist das Meßergebnis. Zeit und Raum sind notwen­dige Vorstellungen, die die alltäg­li­chen Anschauung zugrunde liegen. Daß es irgendwo keinen Raum oder keine Zeit gibt, davon können wir uns gar keine rechte Vorstellung machen. Im Grunde kann nichts gedacht werden, ohne eine Zeitdauer des Geschehens. Alle Dinge der Natur sind uns gemes­sene Individuen in Zeit und Raum. Konkret bestim­men heißt eine bestimmte Zeit und einen bestimm­ten Ort fest­stel­len. Meßbarkeit heißt Quantifizierbarkeit des vorhan­de­nen Beobachtungsmaterials in Form von zeit­li­cher und räum­li­cher Ausdehnung. Wir messen in Zeiteinheiten und mit Raummaßen.

Vor der Relativitäts- und Quantentheorie schien den Begriffen von Raum und Zeit nichts Problematisches anzu­haf­ten. Die abso­lute Objektivität des Raums galt als sicher, d.h. niemand zwei­felte, daß die Räumlichkeit auch losge­löst vom vorstel­len­den Ich da ist. Auch die Zeit war etwas rein Objektives und Reales, das ganz unab­hän­gig von uns exis­tiert. Im Innern des Atoms gibt es aber nun einen bestimm­ten Punkt, an dem für die mensch­li­chen Sinne jede Meßbarkeit aufhört.

Es gehört zu den funda­men­ta­len Einsichten der Quantentheorie, daß jede Messung ihren Gegenstand beein­flußt. Das Subjekt stört das Objekt. Zwischen den Atomen des Meßapparates und denen, die wir messen wollen, findet eine Wechselwirkung statt, die wir nicht mehr klar ausein­an­der­hal­ten können. Der Einfluß des Meßapparates auf das Objekt der Untersuchung ist unver­meid­lich. Die HEISENBERGsche Unschärferelation weist eine indi­vi­du­ell kausale Betrachtungsweise eines atoma­ren Geschehens als undurch­führ­bar nach. Sie besagt, daß die Genauigkeit unse­rer Messungen unüber­schreit­bare Grenzen hat.
“Der wich­tigste Unterschied zur klas­si­schen Theorie besteht darin, daß bei der Beobachtung irgend­ei­ner physi­ka­li­schen Größe die Störung wesent­lich in Betracht gezo­gen werden muß, die das zur Beobachtung ausge­führte Experiment am zu messen­den System hervorruft.”(1)
Durch die atomare Welt wird uns auf beson­dere Weise deut­lich, daß wir das Ergebnis unse­rer Untersuchungen einem ganz bestimm­ten Erkenntnisapparat verdan­ken. Für uns Menschen ist jede Wahrnehmung bestimm­ten Grenzen unter­wor­fen, die sich nicht aufhe­ben lassen. Es gibt Ebenen der Wirklichkeit, für die unsere Sinne zu grob­schläch­tig sind. Auf der atoma­ren Ebene verschwim­men die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt. Die Atome des Subjekts können nicht von den Atomen des Objekts abge­trennt betrach­tet werden. Die gemes­se­nen physi­ka­li­schen Eigenschaften kommen eher der Versuchsanordnung zu, als den Dingen. Subatomare Vorgänge sind deshalb letzt­lich nicht mehr objek­ti­vier­bar. Wenn die Beobachtung eine Störung der Vorgänge bewirkt, die ihr unter­lie­gen, dann entbehrt die Annahme objek­ti­ver, von aller Beobachtung unab­hän­gi­ger Vorgänge jeder Grundlage.

Jede Beobachtung ist ein Eingriff in den Ablauf des Geschehens. Die Störung kann bei makro­sko­pi­schen Objekten vernach­lä­ßigt werden, nicht aber bei atoma­ren Objekten, die z.B. durch Bestrahlung mit Licht stark beein­flußt werden können. Die Beobachtung ist auf Licht ange­wie­sen. Das Licht aber, das auf ein Elektron auftrifft und an diesem eine Reflexion oder Beugung erfährt, verän­dert dessen Impuls. Das Elektron erlei­det einen Rückstoß, der umso größer ist, je kürzer die Wellen des in Betracht kommen­den Lichts sind. Der Zustand des Elementarteilchens steht nicht fest, solange es nicht beob­ach­tet wird. Wenn dies aber geschieht, wird ein soge­nann­tes Quantum ausge­tauscht und das Photon, bzw. Elektron ist unwi­der­ruf­lich verlo­ren. Es ist ein ande­res gewor­den. Die einfa­che Beschreibung von Licht und Materie muß daher durch eine Beschreibung dessen ersetzt werden, wie Licht oder Materie unter bestimm­ten expe­ri­men­tel­len Bedingungen erschei­nen. Ein Elektron können wir unter bestimm­ten Beobachtungsbedingungen punkt­för­mig an einem bestimm­ten Ort erken­nen; unter ande­ren Bedingungen erweist es sich als ausge­dehnte Welle.
“Wenn ein Strom von Elektronen durch eine dünne Metallfolie hindurch­ge­trie­ben wird, so verhal­ten sich die Elektronen beim Durchgang wie Wellen: sie inter­fe­rie­ren und kehren nach dem Durchgang wieder ihren korpus­ku­la­ren Charakter hervor. Wenn man nun ein bestimm­tes Elektron vor dem Durchgang mit einem bestimm­ten einzel­nen Elektron nach dem Durchgang vergleicht und fragt, ob sie dasselbe Elektron sind, so kennt die Physik kein Mittel, die Frage zu entschei­den. Ja, im Gedankensystem der Wellenmechanik verliert es jeden Sinn, eine solche Frage aufzu­wer­fen, weil diese Theorie eine solche Struktur besitzt, daß sie prin­zi­pi­ell nur Fragen über das wahr­schein­li­che Auftreten von Elektronen zuläßt. Man könnte sagen: Wo man etwas im Raum prin­zi­pi­ell nicht mehr fest­hal­ten kann, verliert die Kategorie ihren Sinn; der Begriff des Dinges ist eben gewis­sen typi­schen Erfahrungen ange­paßt und nur zur Beschreibung solcher Erfahrungen verwendbar.”(2)
Durch die Messung lernen wir eigent­lich immer nur den Zustand kennen, der durch den Messungsvorgang soeben zerstört wurde. Nur wenn wir die Elementarteilchen sozu­sa­gen in Ruhe lassen, zeigen sich ihre wahren Eigenschaften. Dummerweise entzie­hen sie sich aber gerade dann unse­rer Aufmerksamkeit.

Auf atoma­rer Ebene befin­den sich die Teilchen in stän­di­ger Bewegung. Unsere normale, d.h. makro­phy­si­sche Wahrnehmung, ist auf eine stati­sche Sicht der Dinge ausge­rich­tet. Der dyna­mi­sche Aspekt in der Wirklichkeit entzieht sich unse­rer Wahrnehmung. Wir können die Existenz der Materie nicht von dem tren­nen, was im atoma­ren Bereich als ihre Aktivität bezeich­net wird. Es ist unmög­lich, Ort und Impuls eines Elementarteilchens genau zu erfas­sen. Genau bestim­men läßt sich nur das eine oder andere. In der Teilchenwelt exis­tiert die Materie nicht mit Sicherheit an bestimm­ten Orten. Im subato­ma­ren Bereich läßt sich zwar der Ort eines Teilchens messen, nicht aber sein Impuls. Wenn wir den Impuls regis­trie­ren, fehlt der konkrete Ort. Die Existenz der Materie kann nicht von ihrer Aktivität, aber auch nicht von der Aktivität des Beobachters getrennt werden. Materie ist immer in einem Bewegungszustand. Es hängt daher von der Meßmethode ab, welche Erscheinungsform der atoma­ren Wirklichkeit wir erken­nen. Bei der Formulierung ihrer Gesetze konnte ein Makrophysiker das beob­ach­tende Subjekt außer acht lassen. Der Mikrophysiker kann das nicht.

Im subato­ma­ren Bereich beruth jede Identität der Dinge auf einer idea­li­sier­ten Vorstellung, die wir nur mittels einer para­do­xen Aussage beschrei­ben können. Licht besteht objek­tiv gese­hen aus Wellen und Teilchen. Der Widerspruch liegt aber nicht in den Dingen selbst, sondern ist in unse­rer eige­nen Logik begrün­det. Zwischen einem Teilchen und einer Welle besteht keine auch nur irgend­wie gear­tete Beziehung, sie haben für unsere Logik nichts gemein­sam und stel­len einen unvor­her­sag­ba­ren, unteil­ba­ren Sprung dar.

Weder das Elektron, noch irgend­ein ande­res atoma­res Objekt besitzt inner­li­che Eigenschaften, die von seiner Umwelt unab­hän­gig sind. Seine Eigenschaften — teil­chen­ähn­lich oder wellen­ähn­lich — hängen von der expe­ri­men­tel­len Situation ab, d.h. von der Apparatur, zu der es in Wechselwirkung treten muß. Das Elektron gibt eine Teilchenantwort, wenn wir ihm eine Teilchenfrage stel­len und eine Wellenantwort auf eine Wellenfrage. Wir können den mikro­phy­si­schen Vorgang nicht beob­ach­ten, weil wir selbst ein Teil des Vorgangs sind. JOHN WHEELER empfiehlt deshalb den Ausdruck Beobachter durch Teilnehmer zu erset­zen.

Im atoma­ren Bereich beru­hen wissen­schaft­li­che Experimente weni­ger auf passi­ver Beobachtung, als viel­mehr auf täti­ger Beeinflußung. Es kommt darauf an, die physi­ka­li­sche Realität zu mani­pu­lie­ren, und derart zu insze­nie­ren, daß sie so genau wie möglich einer theo­re­ti­schen Beschreibung entspricht. Die genaue Beschreibung der Versuchsanordnung muß darum zur Definition der durch sie gewon­ne­nen Erkenntnisse gehö­ren. “Wie eine Größe gemes­sen wird, das ist sie.”(3) “The media is the message.”(4)

Mit der Erkenntnis dieser Paradoxa wurde klar, daß die Grenzen der klas­si­schen Logik erreicht waren. Wellen- und Teilchenbegriffe sind nicht mehr allge­mein, also unab­hän­gig von der jewei­li­gen Untersuchungsmethode, anwend­bar. Das unter­suchte Phänomen muß präpa­riert und isoliert werden, bis es sich einer idea­len Situation annä­hert, die zwar letzt­lich uner­reich­bar ist, aber das ange­nom­mene begriff­li­che Schema verwend­bar macht. Heute sind riesige Maschinen zur Teilchenbeschleunigung erfor­der­lich, die enorme Geldsummen kosten, um einen Energiebereich zu errei­chen, indem viel­leicht bestimmte Phänomene auftre­ten. Im Grunde zeigen uns alle Experimente in der Quantenwelt aber nur, was wir nicht wissen oder nicht voraus­sa­gen können.

Die moder­nen Kernphysiker machen Erfahrungen, die mit den bishe­ri­gen Kenntnissen nicht mehr erklärt werden. In der Welt des Atoms haben wir es mit Zuständen zu tun, die sich letzt­lich einem Erkenntniszugriff entzie­hen. Es gibt hier keine Kausalität mehr im klas­si­schen Sinn. Von der atoma­ren Welt können wir nur vage sprach­li­che Bilder malen von dem, was sich in Wirklichkeit abspielt. Gedankliche Modelle und begriff­li­che Einheiten wie dyna­mi­sche Strukturen oder atomare Wechselwirkung, erleich­tern uns nur den prak­ti­schen Umgang mit diesen Dingen — sie beschrei­ben die Vorgänge, erklä­ren jedoch letzt­lich nichts. Wir müssen uns klar darüber klar sein, daß die meis­ten Begriffe, die wir für die Teilchenwelt benüt­zen, Dinge beschrei­ben, die es eigent­lich gar nicht gibt, d.h. es gibt sie nur augen­blick­lich und nicht konstant.

Das Geschehen, das gerade beschrie­ben wird, exis­tiert im nächs­ten Augenblick schon gar nicht mehr. Die physi­ka­li­sche Wirklichkeit ist ledig­lich kate­go­rial und besteht aus Abstraktionen. Korpuskel und Welle sind nur DENKFORMEN, formale Begriffssysteme, die wir beim Versuch die mikro­phy­si­ka­li­schen Phänomene zu beschrei­ben, anwen­den müssen, da uns begrifflich-formale Mittel zur Beschreibung nicht zur Verfügung stehen. Weder das Proton, noch das Neutron sind echte Elementarteilchen, sondern bereits gebun­dene Zustände ande­rer Teilchen, die allge­mein Quarks genannt werden. Die uns bekann­ten Partikel des Atomkerns sind auch in keins­ter Weise die kleins­ten Teilchen der Materie, sondern in noch unend­lich klei­nere Wellen aufteil­bar. Unsere ganzen Erklärungen haben dabei immer Modellcharakter und sind bloße Analogien zur Wirklichkeit und nicht das tatsäch­li­che Geschehen. Die Realität ist nicht mit unse­ren tägli­chen Vorstellungen von der stoff­li­chen Welt iden­tisch.

Bisher schien das Kausalgesetz das Gesetz der Natur über­haupt zu sein. Kausalität und Gesetzlichkeit waren iden­tisch, erstere bestand nur in der Form der letz­te­ren. In der klas­si­schen Betrachtungsweise der uns umge­ben­den Welt war alles nach Ursache und Wirkung zu bestim­men. Nach der klas­si­schen Theorie besteht die einzig objek­tive Beschreibung der Realität in der voll­stän­di­gen Beschreibung des Systems, wie es ist, unab­hän­gig von der Entscheidung, auf welche Weise wir es beob­ach­ten. Theoretische Erklärungen gescha­hen bisher immer in Bezug auf eine Wirklichkeit ansich. Wirklichkeit sollte eine Qualität von Phänomen sein, die unge­ach­tet unse­res Wollens vorhan­den ist. Die Trennung von Subjekt und Objekt sollte dabei die Objektivität der Tatsachen garan­tie­ren.

Objektivität wurde dadurch defi­niert, daß jeder Bezug auf ihren Urheber fehlt. Die physi­ka­li­sche Welt wurde deshalb in beob­ach­te­tes System (Objekt) und ein beob­ach­ten­des Subjekt unter­teilt. Der Gültigkeitsbereich der übli­chen Raum-Zeit-Begriffe war auf das makro­phy­sisch Beobachtbare beschränkt. Da es aber Zeitintervalle gibt, auf die sich unsere Wahrnehmung nicht mehr erstre­cken kann, sind die klas­si­schen Wirklichkeitsvorstellungen der Subjekt-Objekt-Trennung auf atomare Dimensionen nicht mehr anwend­bar. Elementarste Grundsätze der forma­len Logik sind hier außer Kraft gesetzt. Das eigent­li­che logi­sche Feld endet da, wo die Subjekt-Objekt-Beziehung aufhört. Die Quanten bezeich­nen ein Zustandsphänomen, das als realum für den mensch­li­chen Erkenntnisapparat nicht mehr fass­bar ist.

Um Kausalität in einem stren­gen Sinn auf physi­ka­li­sche Vorgänge anwen­den zu können, müßten wir imstande sein, genau fest­zu­stel­len, in welchem Zustand sich das physi­ka­li­sche Objekt zu einer bestimm­ten Zeit befin­det, so daß wir bei ange­mes­se­ner Kenntnis eines bestimm­ten Kausalgesetzes voraus­sa­gen können, in welchem Zustand wir dasselbe Objekt kurze Zeit später antref­fen werden. Aber solche Zustände lassen sich nicht belie­big genau beob­ach­ten, und zwar aus Gründen, die zur Konstitution des Verhältnisses unse­rer Sinne zur physi­ka­li­schen Welt gehö­ren. Beobachtung als solche verän­dert die gege­bene physi­ka­li­sche Situation, weil keine Beobachtung möglich ist, ohne daß sich zwischen dem zu beob­ach­ten­den Sachverhalt und Beobachter und seinen Instrumenten ein physi­ka­li­scher Vorgang abspielt. Der Genauigkeit, mit der wir vorlie­gende Zustände des beob­ach­te­ten Objekts erken­nen können, ist eine Grenze gesetzt. So werden im atoma­ren Bereich der wirk­li­che Ort und seine wirk­li­che Geschwindigkeit — oder wenigs­tens eine dieser beiden Eigenschaften — inner­halb gewis­ser Grenzen unbe­stimmte Begriffe.

In der Quantentheorie kann der Zustand eines einzel­nen Teilchens nicht beschrie­ben werden, sondern nur seine Zugehörigkeit zu dieser oder jener Gesamtheit. Die Methode abso­lu­ter Isolierung, sonst ein gängi­ges wissen­schaft­li­ches Verfahren, stellt sich hier als ein idea­les Gespinst heraus. Was die Einzeldinge angeht, so beob­ach­ten wir nie mehr, als eine gewis­sen Augenblickswirkung. Die Wirkungsweise einzel­ner Moleküle oder Elektronen bleibt uns weit­ge­hend verbor­gen. Atomgruppen müssen immer groß genug sein, um wenigs­tens statis­ti­sche Gesetzmäßigkeiten erken­nen zu lassen.

In der Quantenphysik bezie­hen sich Gesetze nur auf kollek­tive Wahrscheinlichkeiten, nicht auf einzelne Teilchen. Zwischen einer nur klei­nen Zahl von Atomen schei­nen statis­ti­sche Gesetze zu funk­tio­nie­ren. Was wir erken­nen, ist aber immern nur eine statis­ti­sche Wirklichkeit. Die individuell-kausale Betrachtungsweise des atoma­ren Geschehens erweist sich als undurch­führ­bar. Wenn irgend­ein Ereignis statt­fin­det, so ist, wie im Innern des Atomkerns, ein großer Komplex von Bedingungen gege­ben. Aus diesem Bedingungskomplex grei­fen wir mehr oder weni­ger will­kür­lich die Bedingungen heraus, die sich unse­ren Messungen anbie­ten und bezeich­nen sie als Ursache.

Mit der kausa­len Beziehung der Naturgesetze sollte der konstante Zusammenhang zwischen einem abge­schlos­se­nen Bedingungskreis und einer genau abzu­gren­zen­den Folgegruppe bestimmt werden. Hierin bestand im Grunde die allge­meine, tief­ge­hende und weit­grei­fende Macht unse­rer Logik und aller erklä­ren­den Theorie. Im soge­nann­ten Quantenbereich mußte nun aber fest­ge­stellt werden, daß die Folgegruppe von Bedingungskreis im Prinzip nie genau abge­grenzt werden kann. Weder das Subjekt, noch das Objekt sind insich abge­schlos­sen. In der Quantenwelt ist es nicht mehr möglich, zwischen jetzt und später zu unter­schei­den. Die Zeit hat hier für das mensch­li­che Erkenntnisvermögen nichts mehr Zusammenhängendes. Die klas­si­sche Mechanik ließ sich ledig­lich deshalb mathe­ma­ti­sie­ren, weil sie der Materie ausschließ­lich raum-zeitliche Eigenschaften zuschrieb.

Die Voraussetzung der Meßbarkeit belie­big klei­ner Zustandsänderungen ist im Innern des Atoms nicht mehr erfüll­bar. Im Atomkern gibt es für uns keine Möglichkeit, die Grenzen zu ziehen, die wir für eine exakte Feststellung der Elementarteilchen bräuch­ten. Die leben­dige Natur hat Aspekte, die sich prin­zi­pi­ell der mensch­li­chen Meßbarkeit entzie­hen. Wo die Begriffe von Raum und Zeit ihre Selbstverständlichkeit verlie­ren, ist auch an den Naturgesetzen nichts mehr selbst­ver­ständ­lich. Die Preisgabe der Naturgesetze ist gleich­be­deu­tend mit der Preisgabe der objek­ti­ven Wirklichkeit.

Kausalität gilt nur für das, was unter der Zeitbestimmung steht. Wo unser Zeitbegriff nicht mehr fasst, hat auch die Kausalität ausge­spielt. Die Quantenmechanik ist der Versuch, diesen Umständen gerecht zu werden. Der Begriff des Quantensprungs ist Ausdruck einer Diskontinuität, die wir anders nicht begrei­fen können. Die durch den Quantensprung symbo­li­sierte Aufhebung der Zeit, ist gleich­be­deu­tend mit der Aufhebung der Gegenständlichkeit.
“Klassische Begriffe bezie­hen sich auf wirk­lich Existierendes. Aus dieser These folgt natür­lich, daß sich die klas­si­sche Ebene und die Quantenebene radi­kal vonein­an­der unter­schei­den und daß es nicht möglich ist, den Übergang von der einen zur ande­ren so ohne weite­res zu analy­sie­ren. Der Übergang ist und bleibt ein unteil­ba­rer Sprung.”(5)
Die atomare Wirklichkeit ist nicht lokal; sie offen­bart einen Zusammenhang zwischen einzel­nen Objekten, der als Ganzheit beschrie­ben werden muß. Das Teilchen und die Welle sind sich ergän­zende Beschreibungen einer atoma­ren Wirklichkeit. Wir dürfen also streng genom­men nicht von einzel­nen Elektronen reden. So etwas wie isolierte Teilchen gibt es nicht. Die atomis­ti­sche Sicht stellt ledig­lich eine Vereinfachung und Abstraktion dar, die nur in einem beschränk­ten Rahmen gültig ist. Die klas­si­sche Zerlegung eines Ganzen in seine Teile ist hier nicht möglich.
“Auf subato­ma­rer Ebene sind die Wechselbeziehungen und Wechselwirkungen zwischen den Teilen des Ganzen von grund­le­gen­de­rer Bedeutung, doch gibt es letz­ten Endes keine sich bewe­gen­den Subjekte; es gibt Aktivität, jedoch keine Handelnden; es gibt keine Tänzer, sondern nur den Tanz.”(6)
Im atoma­ren Bereich gibt es eigent­lich keine Identitäten mehr. Der Begriff des Elementarteilchens zeugt nur von unwi­der­steh­li­chen Drang zur Personifizierung. Das letzt­lich indi­vi­du­elle Teil ist vom logi­schen Standpunkt nicht mehr legi­ti­mier­bar. Wenn wir von Elementarteilchen spre­chen, benüt­zen wir ledig­lich unzu­läs­si­ger­weise die glei­chen Namen für eigent­lich grund­ver­schie­dene Dinge. Die abge­grenzte Einheit eines isolier­ten Dings wird in der Quantenwelt für will­kür­lich erklärt.

Der wissen­schaft­li­che Reduktionismus ist ein Produkt unse­rer gewöhn­li­chen frag­men­ta­ri­schen, d.h. ding­haf­ten Denkweise. Auf Quantenebene gibt es aber keine festen Objekte. Jedes Teilchen ist ein unwie­der­hol­ba­res Individuum. Es gibt keine ratio­nale Verallgemeinerung des Phänomens mehr. Wenn wir zu den Atomen hinab­stei­gen, gibt es keine objek­tive Welt in Zeit und Raum. Wenn wir der Materie auf den Grund gehen, stel­len wir fest, daß sie im Grunde keine Ausdehnung hat. Auch der Energiebegriff bringt uns da nicht weiter. Die Energie ist nicht realer, als die Substanz.

Wir müssen uns die Vorgänge im Atomkern so vorstel­len, weil wir sie nicht anders erklä­ren können. Die Vorgänge im Atomkern über­stei­gen letzt­lich unser Begriffsvermögen in Zeit, Raum und Kausalität. Im atoma­ren Bereich werden raum­zeit­li­che Begriffe eigent­lich ille­gi­tim verwen­det.
“Diese Größen und die Form ihrer gesetz­li­chen Verknüpfung, durch welche uns ihr Zusammenhang als verständ­lich, als notwen­dig erscheint, werden nicht unmit­tel­bar in dem wahr­ge­nom­me­nen Inhalt der Phänomene vorge­fun­den, sondern müssen ihm gleich­sam erst gedank­lich substru­iert und unter­baut werden. Das Sinnlichgegebene wird mit der Form unse­rer kausa­len Schlüsse durch­setzt und durch­drun­gen und nimmt nun kraft dieser Analysis und Synthesis des Verstandes selbst eine neue Gestalt an.”(7)
Raum und Zeit erschei­nen in der prak­ti­schen Verstandeserkenntnis vereint, das Prinzip der Vereinheitlichung aber liegt im subjek­ti­ven Verstand und nicht in der Natur. Im subato­ma­ren Bereich gibt es für ein einzel­nes Individuum kein kausa­les Ursache-Wirkungs-Verhältnis. Im Innern des Atoms bricht jede exakte Kausalität ausein­an­der.

Die entschei­dende Bedeutung der Quantentheorie liegt nun zum einen in der Aufhebung der Subjekt-Objekt-Spaltung, aber gleich­zei­tig auch in der Festschreibung einer unüber­brück­ba­ren Kluft zwischen dem makro­phy­si­schen Alltagsdenken und den Termini der Quantenphysik. Nicht mehr mangelnde Information macht es dem gewöhn­li­chen Denken unmög­lich, diese Vorgänge zu verste­hen, sondern das Mißverständnis liegt in einer prin­zi­pi­el­len Verschiedenheit von Abstraktion und Wirklichkeit. Im objek­ti­vier­ten Denken bewe­gen wir uns in abmess­ba­ren Abschnitten von Zeit und Raum. Wo diese Umstände nicht mehr vorhan­den sind, wird das normale Denken sinn­los.
“Nach der gängi­gen Deutung der elemen­ta­ren Quantenmechanik gehö­ren die gewöhn­li­chen Erfahrungen — und das heißt jetzt: die klas­si­sche Physik — und die physi­ka­li­sche Theorie — und das heißt jetzt: die Quantenmechanik — zwei völlig verschie­de­nen Ebenen an, und es ist unmög­lich, erstere im Rahmen letz­te­rer darzu­stel­len. Jeder Übergang von der Quantenebene zur klas­si­schen Ebene ist nicht ein Übergang inner­halb der QM vom Allgemeinen zum Besonderen, sondern wesent­lich Neues, nicht weiter Analysierbares.”(8)
BOHR hat stets betont, daß die Frage der Entscheidung für eine Meßmethode in der Quantenmechanik etwas voll­kom­men Neues in der Wissenschaft ist. Die Quantentheorie stellt eine neue Sprache dar, die in die klas­si­sche Mechanik nicht über­setz­bar ist. Jeder Versuch ein mikro­sko­pi­sches System einem makro­sko­pi­schen anzu­glei­chen, führt unwei­ger­lich zu Widersprüchen. Der Physiker hat darum zu entschei­den, welche Sprache, bzw. welches Meßinstrument er wählt. Eine einzige theo­re­ti­sche Sprache kann den physi­ka­li­schen Inhalt nicht mehr erschöp­fen.

Das kausal­me­cha­ni­sche Denken muß deshalb als die einzige Sicht der Wirklichkeit für endgül­tig abge­löst betrach­tet werden. Auch wenn hart­nä­ckige Vertreter der Kausalitätstheorie auf der Gültigkeit des Prinzips von Ursache und Wirkung behar­ren, so tref­fen ihre Argumente ins Leere, da die logisch wesent­li­che Unterscheidung von einzel­nen und bloß statis­ti­schen Größen nicht vorge­nom­men wird. Ihre objek­tive Wirklichkeit ist besten­falls eine statis­ti­sche Tatsache. Es ist ein Irrglaube, daß alles auf der Welt unter Gesetze subsu­mier­bar sei. Das Universum besteht nicht aus Elementarteilchen. Es gibt keine Grundbausteine, aus denen alles gemacht ist. Mit den Quanten hört die Kausalität als zwin­gen­der Gesetzesbegriff auf zu exis­tie­ren. Der Atomkern bedeu­tet das Ende unse­res norma­len Denkens. Auf subato­ma­rer Ebene muß deshalb die herkömm­li­che Auffassung bezüg­lich der Beziehungen zwischen Denken und Sein, bzw. der Erkennbarkeit der empi­ri­schen Wirklichkeit aufge­ge­ben werden.
Anmerkungen:
1. WERNER HEISENBERG: Naturwissenschaften, 1929 in PAUL FEYERABEND: Probleme des Empirismus, Braunschweig 1981, Seite 439
2. FRIEDRICH WAISMANN: Logik-Sprache-Philosophie, Stuttgart 1985, Seite 294
3. ALBERT EINSTEIN ohne Quelle
4. MARSHALL McLUHAN: Die magi­schen Kanäle, Düsseldorf/Wien 1970, Seite 13
5. NIELS BOHR: Dialectica II, 1948, Seite 314
6. FRITJOF CAPRA: Wendezeit, München 1988, Seite 97
7. VIKTOR KRAFT: Weltbegriff und Erkenntnisbegriff, Leipzig 1912, Seite 100
8. ERNST CASSIRER: Der Begriff der symbo­li­schen Formen im Aufbau der Geisteswissenschaften, in HANS-LUDWIG OLLIG (Hrsg): Neukantianismus, Stuttgart 1982, Seite 156

 

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